Max-Delbrück-Centrum : Berliner Spitzenmediziner stolpert über Berufungsaffäre

Martin Lohse, Chef des Max-Delbrück-Centrums für molekulare Medizin, gibt sein Amt auf. Grund ist offenbar die Weitergabe vertraulicher Informationen.

Der Medizinier Martin Lohse.
Der Medizinier Martin Lohse.Foto: promo

Martin Lohse „legt im besten Einvernehmen mit dem Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) sein Amt nieder“, heißt es in einer Erklärung, die das MDC am späten Mittwochnachmittag veröffentlichte. Lohse wolle „sich wieder vermehrt der wissenschaftlichen Arbeit zuwenden“. Die Mitteilung zeigt ein großes Starfoto von Lohse und mündet in eine breite Darstellung seiner wissenschaftlichen Verdienste.

Tatsächlich ist Lohses Weggang vom MDC nicht so glamourös, wie es der Öffentlichkeit vermittelt werden soll. Nach Tagesspiegel-Informationen hängt sein Schritt mit einem Streit um ein Berufungsverfahren für das Berliner Institut für Gesundheitsforschung (BIG) zusammen.

Lohse soll vor zwei Jahren vertrauliche Informationen über das Verfahren an einen Mitbewerber des vom BIG-Vorstand favorisierten Kandidaten per Mail weitergeleitet und damit gegen die Schweigepflicht verstoßen haben. Angeblich soll Lohse den in dem Verfahren nicht erfolgreichen Mitbewerber auch ermutigt haben, eine Konkurrentenklage anzustrengen. Dies geht offenbar aus einem Gutachten der Unternehmensberatung KPMG hervor. Lohse war am Mittwochnachmittag für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

Die Aufsichtsräte sprachen sich für ein Gutachten aus

Erstellt wurde das Gutachten, nachdem die Aufsichtsräte von MDC und BIG sich dem Vernehmen nach für eine Untersuchung der Sache ausgesprochen hatten. Das BMBF, das das MDC, eine Einrichtung der Helmholtz-Gemeinschaft, hauptsächlich finanziert, forderte das Gutachten dann an, ist zu hören. Die Beschreibung der Vorgänge in dem Gutachten soll als so gravierend eingestuft worden sein, dass Lohse der Rückzug nahegelegt wurde. In der vergangenen Woche gab es zu dem Thema Sondersitzungen der Aufsichtsräte von BIG und MDC.

Über den Streit um das Berufungsverfahren auf eine Medizinprofessur am BIG hatte damals der Tagesspiegel berichtet, an den ebenfalls vertrauliche Unterlagen aus dem Rekrutierungsverfahren gelangt waren.

In der Kritik stand damals der Vorstand des BIG. Er halte sich nicht an das bei Berufungen übliche Vorgehen, weil er seinen Favoriten, den damals in Heidelberg forschenden Roland Eils, auf die gut ausgestattete Medizinprofessur bringen wolle, lautete die Kritik. Es habe private Vorabsprachen mit Eils gegeben, der zuständigen Berufungskommission der Charité werde die Entscheidung vom Vorstand entzogen. Mindestens ein Bewerber wehrte sich damals mit einer einstweiligen Verfügung, um zu verhindern, dass der vom Vorstand favorisierte Eils ohne ein ordentliches Verfahren berufen werden konnte.

Der Vorstand des BIG bestritt die Vorwürfe

Der Vorstand wies damals sämtliche Vorwürfe zurück. Eine Vorauswahl habe nicht stattgefunden, in keiner Weise sei in die Hoheit der Findungskommission und der Berufungskommission eingegriffen worden. Vielmehr sei für die Berufung das neue „Fast Track-Berufungsverfahren“ erstmals zur Anwendung gekommen, das die Berufung gemäß internationaler Standards beschleunigen sollte. Die Berufungskommission sollte dabei Kompetenzen an die Findungskommission übertragen, die der Berufungskommission schließlich nur eine Person vorschlagen sollte.

Allerdings hieß es in einem Brief des Vorstandsvorsitzenden des BIG und des Charité-Dekans an die Mitglieder der Findungskommission: „Außergewöhnliche Umstände verlangen manchmal Abweichungen von der Regel.“ Der Brief war mit „streng vertraulich“ überschrieben. So konnte der Eindruck entstehen, es solle vom Fast-Track-Verfahren abgewichen werden. An der Charité gab es viel Aufregung, weil das Vorgehen attraktive Kandidaten in Zukunft abschrecke, wie Kritiker sagten. Auch bestanden Zweifel, ob der Vorstand sich an die im öffentlichen Dienst vorgeschriebene „Bestenauswahl“ gehalten habe.

Vermeintlicher "Nepotismus"

Der Vorstandsvorsitzende des BIG war der inzwischen in Potsdam forschende Erwin Böttinger. Mit im Vorstand saßen außerdem Charité-Chef Karl Max Einhäupl, Martin Lohse als Leiter des MDC, Charité-Dekan Axel Pries und Rolf Zettl, damals noch Administrativer Vorstand des BIG.

Eils wurde schließlich ans BIG berufen – allerdings nicht, wie ursprünglich geplant, auf die Professur für Genomforschung, sondern auf eine Professur für digitale Gesundheit. Ob die Denomination der Professur geändert wurde, weil das Verfahren für die Professur für Genomforschung als rechtlich nicht mehr „heilbar“ galt, ist offen. Welche Auswirkung dies auf die von Eils’ Mitbewerber angestrengte Konkurrentenklage hatte, war am Mittwoch nicht zu klären.

Neue Irritation gab es weiterhin, als bekannt wurde, dass das BIH auch Eils Lebenspartnerin eine Professur angeboten hatte. An der Charité war die Rede von „Nepotismus“.

Über Lohses Motive wird spekuliert

Warum könnte Lohse Mails über die internen Vorgänge rund um die Berufung von Eils an einen seiner Mitbewerber durchgestochen haben? Spekuliert wird in der Berliner scientific community, Lohse habe den vom BIG-Vorstand favorisierten Kandidaten, einen ausgewiesenen Genomforscher, womöglich als Konkurrenz für das am BIG beteiligte MDC gesehen. Möglicherweise habe Lohse seine Position im Vorstand nicht durchsetzen können und darum einen Mitbewerber angestachelt, Eils zu verhindern.

Lohse, ein auf Herz-Kreislauf-Krankheiten und die Wirkung von Medikamenten spezialisierter Mediziner, kam im Jahr 2015 von der Universität Würzburg nach Berlin. Schon damals löste er mit seinem Agieren große Irritationen aus. Eigentlich sollte er zunächst Präsident der Humboldt-Universität (HU) werden. Doch kurze Zeit nach seiner Nominierung und nur eine Woche vor dem angesetzten Wahltermin sprang er zum großen Entsetzen der HU wieder ab. Nur wenige Tage später wurde dann bekannt, dass er stattdessen das MDC übernehmen würde. Lohse hatte also parallel verhandelt. Das Amt des MDC-Vorstandsvorsitzenden trat er schließlich im April 2016 an.

Das MDC soll privilegierter Partner des BIG werden

Auch das BIG leitete Lohse zwischenzeitlich: Und zwar interimsmäßig von 2017 bis 2018, nachdem der damalige Vorstandsvorsitzende Erwin Böttinger das Haus verlassen hatte. Im Zuge der beschlossenen Neuordnung des BIG verlor das MDC und damit auch Lohse aber Einfluss auf das BIG. Nach der Integration des Instituts in die Charité soll das MDC nurmehr „privilegierter Partner“ des Instituts sein. Wie sich diese Partnerschaft ausgestaltet, ist bislang noch offen.

Das BIG wurde 2013 gegründet. Es soll Fortschritte in der medizinischen Grundlagenforschung besser in Therapien übersetzen. Der Bund fördert es mit viel Geld, aktuell rund 75 Millionen Euro im Jahr. Von Berlin kommen jährlich acht Millionen Euro. Eine Einrichtung von „Weltrang“ solle es werden, sagte die damalige Forschungsministerin Annette Schavan (CDU), als das Institut angeschoben wurde. Das BIG galt als Blaupause für weitere Konstruktionen dieser Art.

Das BIG könnte durch die Personale weiter in seiner Entwicklung gehemmt werden

Doch immer lähmten Konflikte das Prestigeprojekt der Berliner Wissenschaft, ausgelöst vor allem durch die komplizierte Gründungskonstruktion des Instituts. Um die Bundeshilfe rechtlich zu ermöglichen, mussten Charité und MDC das BIG gemeinsam tragen. Das BIG fungierte dabei als „Mutter“ der beiden Einrichtungen – vor allem aus Sicht der Charité stellte das die Dinge auf den Kopf. Es gab Streit um die inhaltliche Ausrichtung des Instituts, ein Gutachten attestierte „Interessenskonflikte“ in der Vorstandsarbeit.

2017 stürzte der Abgang des damaligen Vorstandvorsitzenden Erwin Böttinger das BIG in eine Krise, der Geschäftsvorstand Rolf Zettl ging 2018. Erst vor kurzem einigten sich der Bund und Berlin endgültig auf einen Neuanfang für das BIG. Das Institut soll jetzt in die Charité integriert werden, um die komplizierte Struktur zu entschlacken.

Das Ziel zu erreichen, die strategische Partnerschaft zwischen BIG und MDC mit Leben zu erfüllen, könnte nun länger dauern als geplant, weil für das MDC eine neue Leitung gesucht werden muss. Veronika von Messling, Abteilungsleiterin des BMBF und im Aufsichtsrat des MDC, erklärte in der Mitteilung des MDC, sie sei dankbar, „dass Professor Lohse gemeinsam mit dem Administrativen Vorstand (…) einen reibungslosen Übergang sicherstellen“ werde. Kommissarisch soll der bisherige Vizevorstand Thomas Sommer die Leitung übernehmen.

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