• „Mund-Nasen-Schutz in mehrfacher Hinsicht gut“: Ärzte vermuten Covid-19-Immunisierung durch Maskenpflicht

„Mund-Nasen-Schutz in mehrfacher Hinsicht gut“ : Ärzte vermuten Covid-19-Immunisierung durch Maskenpflicht

Bisweilen kann das Coronavirus Nase-Mund-Bedeckungen durchdringen. Genau das könnte aber auch einen positiven Effekt haben, schreiben US-Forscher nun.

An der bestehenden Maskenpflicht wollen Ärzte festhalten. Sie benennen eine positive Nebenwirkung.
An der bestehenden Maskenpflicht wollen Ärzte festhalten. Sie benennen eine positive Nebenwirkung.Foto: Michael Euler/AP/dpa

Es erscheint widersprüchlich, zwei Ärzte von der University of California in San Francisco machen es aber plausibel: Masken schützen vor Covid-19, weil sie nicht alle Ansteckungen mit dem Coronavirus Sars-CoV-2 verhindern.

Die Virologin Monica Gandhi und der Epidemiologe George Rutherford haben ihren Meinungsbeitrag im renommierten „New England Journal of Medicine“ veröffentlicht. „Es ist eine Theorie“, twitterte Gandhi am Donnerstag, und weiter: „Jetzt brauchen wir mehr Daten.“

Was besagt die Theorie der beiden Ärzte? Kurz gefasst dies: Es ist bekannt, dass Nase-Mund-Bedeckungen im alltäglichen Gebrauch keinen 100-prozentigen Schutz bieten. Bieten können. Viren können die Stoffbarriere mit feinen Tröpfchen am Rand oder auch durch das Gewebe passieren und Maskentragende sich oder andere anstecken.

Aber Masken könnten die Anzahl der Viren vermindern, die in den Organismus gelangen, vermuten Gandhi und Rutherford. Schaffen nur wenige Erreger den Sprung, begünstige das asymptomatische Verläufe, bei denen Infizierte gar nichts von ihrer Erkrankung bemerken. Und diese asymptomatischen Verläufe beruhen auf einer Antwort der Körperabwehr, die auch als Immunität gegen neue Infektionen fortdauert.

Corona-Verbreitung: Drei Vorteile des Maskentragens

Unter Masken könnte das Infektionsgeschehen demnach nicht völlig unterbunden, aber häufig so weit kontrolliert werden, dass die wenigen nicht verhinderten Ansteckungen ungefährlich für die betroffenen Individuen und sogar vorteilhaft für die Bevölkerung sind: einige Überträger weniger, ein bisschen Herdenimmunität mehr.

„Wir schlagen hier ausdrücklich keine Pockenpartys vor“, schreibt Gandhi. Die Ärzte raten davon ab, sich oder andere bewusst in Ansteckungsgefahr zu bringen, wie wohlmeinende, aber schlecht informierte Eltern es bisweilen mit ihren Kindern tun, um Kinderkrankheiten hinter sie zu bringen.

Infografik: So wirksam sind Schutzmasken - Welche Schutzmaske schützt vor Ansteckung?
Grafik und Illustration: Tagesspiegel/ Böttcher, Möller

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„Wir sagen lediglich, dass Maskentragen in mehrfacher Hinsicht gut ist“, so Gandhi. Sie benennt drei Vorteile: Es vermindere Übertragungen, mildere Krankheitsverläufe und steigere die Immunität.

„Könnte Maskentragen eine einfache Impfung sein, bis wir einen echten Impfstoff haben?“, fragt die Ärztin. Im Meinungsartikel regt sie mit ihrem Kollegen an, diesen möglichen Effekt weiter zu untersuchen: das Infektionsgeschehen in Regionen mit und ohne Maskenpflicht zu vergleichen und die Antikörper- und Immunzell-Antworten von Infizierten mit und ohne Covid-19-Symptome.

Immunisierungs-Effekt der Maske umstritten

Dass Träger von Masken in einigen Fällen mit geringen Virusmengen infiziert werden, sei „eine interessante, aber hoch-spekulative und unbewiesene Hypothese“, sagte Julian Schulze zur Wiesch dem Science Media Center Deutschland.

Es sei unbestritten, dass Maskentragen, zusammen mit anderen Maßnahmen wie Abstandhalten und Händewaschen, die Dynamik der Pandemie verlangsamt habe. Es gebe aber noch keine verlässlichen Daten zum Einfluss der Virenmenge bei der Infektion auf den weiteren Krankheitsverlauf.

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In Versuchen mit Mäusen hat sich gezeigt, dass bei Infektionen mit Grippeviren die Infektionsdosis über Leben und Tod entscheiden kann, mit geringerer Sterblichkeit bei geringerer Virenmenge. Solche Ergebnisse, wie auch die im Meinungsartikel angeführten Erkenntnisse aus Studien an Hamstern, können nicht einfach auf den Menschen und Sars-CoV-2 übertragen werden.

„Es kann viele Gründe dafür geben, dass mehr Patienten einen leichten oder asymptomatischen Verlauf haben“, sagt der Oberarzt an der Uniklinik Hamburg-Eppendorf. Zum einen würden diese Patienten durch mittlerweile vermehrte Tests erst gefunden und zum anderen infizierten sich verhältnismäßig mehr junge Patienten während Risikopopulationen, alte und vorerkrankte Menschen, heute besser geschützt seien.

Ob eine geringe Virusmenge wie postuliert eine starke Immunantwort auslöse, sei völlig unklar.

Die Virologin Sandra Ciesek, die mit Christian Drosten zusammen neuerdings den Corona-Podcast des NDR besetzt, nannte die Annahmen der US-Forscher "spannend und nachvollziehbar":

Die große Frage ist: Wie lange sind die Menschen gegen Corona immun?

Melanie Brinkmann vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig kritisiert die zweite grundlegende Annahme des Meinungsartikels, dass milde oder asymptomatische Infektionen einen langlebigen Immunschutz auslösen.

„Wir sehen eine Immunantwort bei Menschen mit milden Verläufen, aber die große Frage ist ja, wie lange sie geschützt sind“, sagt Brinkmann. Immunologische Studien würden zeigen, ob die Annahme stimmt, aber erst in vielen Monaten.

„Für unser Verhalten sehe ich keine Konsequenzen“, resümiert Maria Vehreschild von der Uniklinik Frankfurt. Der Artikel lege eine Expertenmeinung dar, es werden aber keine eigens erhobenen Daten diskutiert. Und es sei bereits belegt, dass Masken schützen.

„Aus diesem Grund sind sie Teil weltweiter Hygienekonzepte“, so die Ärztin. Es werde aber ein möglicher weiterer positiver Effekt benannt, der dafürsprechen könne, diese Hygienekonzepte auch einzuhalten.

Die Zeitschrift, in der der Meinungsartikel veröffentlicht wurde, richtet sich an eine amerikanische Fachleserschaft. „Insofern ist dieser Artikel auch politisch zu bewerten und ein weiteres Plädoyer für den Maskengebrauch“, sagt Julian Schulze zur Wiesch. Über das Maskentragen gebe es in den USA keinen breiten Konsens.

Der Arzt empfiehlt in epidemiologischen Zusammenhängen zu denken. Bei der Verwendung einer Maske gehe es darum, Mitmenschen und sich selber zu schützen. Zudem könnte sich der positive Nebeneffekt ergeben, dass die kommende Grippesaison eher milde abläuft.

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