Das echte und das aufgesetzte Lächeln

Seite 2 von 2
Psychologie : Die Wissenschaft vom Lächeln

Schon länger gibt es die These, dass Lächeln im Lauf der Evolution aus einer Unterwerfungsgeste heraus entstanden ist: Unterlegene Affen entblößen gegenüber ranghöheren Tieren die Zähne, ohne die Kiefer voneinander zu lösen. Der Primatenforscher Jan van Hooff von der Universität Utrecht nennt es das Angstgrinsen. Später könnten dominante Individuen diese Geste übernommen haben, um ihrerseits vertrauenswürdig zu wirken – auch in menschlichen Gesellschaften. Forscher vom Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie in Plön und der Toulouse School of Economics haben mit Experimenten bestätigt, dass ein als authentisch empfundenes Lächeln entscheidend dazu beiträgt, als vertrauenswürdiger Geschäftspartner eingeschätzt zu werden.

Spontanes Lächeln baut sich langsamer auf

Seit der französische Physiologe Guillaume Benjamin Duchenne im 19. Jahrhundert die Muskelgruppe rund um das Auge als „Muskel der Freude“ charakterisierte, gelten Fältchen um die Augen als Anzeichen dafür, dass ein Lächeln „echt“ ist. An dieser unwillkürlichen Bewegung ist der seitliche Musculus orbicularis oculi beteiligt. Dass nur der große Jochbeinmuskel Zygomaticus major als Mundheber tätig ist, reiche nicht, heißt es.

„Das ist widerlegt“, sagt die Psychologin Michaela Riediger vom Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung. Ob die Augenmuskulatur beteiligt ist, sage zwar etwas über die Intensität des Lächelns aus. Nicht aber darüber, ob sich eine Person tatsächlich freut oder amüsiert ist – oder ob sie ein Lächeln aufsetzt, um höflich zu sein oder Verlegenheit zu kaschieren. Auch Symmetrie sei kein Kriterium, denn akribische Messungen ergaben, dass selbst ein echtes Lächeln etwas schief sein kann. Trotzdem könne man beides voneinander unterscheiden, sagt die Psychologin. Man müsse nur genauer hinschauen: „Spontanes Lächeln baut sich meist weicher und langsamer bis zum Höhepunkt auf. Es klingt danach auch sanfter ab.“

Erinnerung an Loriot
Ein Mann mit vielen Gesichtern: Vicco von Bülow alias "Loriot" ist tot und das ruft im ganzen Land Rektionen hervor.Weitere Bilder anzeigen
1 von 16Foto: dapd
23.08.2011 13:55Ein Mann mit vielen Gesichtern: Vicco von Bülow alias "Loriot" ist tot und das ruft im ganzen Land Rektionen hervor.

Michaela Riediger und ihre Kollegen wollten wissen, ob junge oder alte Menschen diese Feinheiten besser erkennen. Sie zeigten ihren Probanden 80 kurze Videos, in denen andere wegen eines lustigen Films lächeln mussten oder aber angesichts einer ungerechten Anschuldigung ein Lächeln aufsetzten. Grundsätzlich lagen junge Probanden richtiger, schreiben die Forscher im Fachblatt „Frontiers in Psychology“.

Anscheinend kommt es mit den Jahren zu einer Abschwächung dessen, was die Psychologen „empathische Genauigkeit“ nennen. Das bestätigte zunächst, was der amerikanische Emotionsforscher Paul Ekman schon vor Jahrzehnten festgestellt hatte. Allerdings mit einer wichtigen Einschränkung: Sahen die älteren Probanden in den Filmausschnitten lächelnde Altersgenossen, war ihre Treffsicherheit fast so gut wie die der Jungen. Altersgleichheit sorgt offensichtlich für mehr empathische Genauigkeit.

Wer nachahmt, fühlt mit

Und wie gut können Paare den Gefühlszustand des anderen einschätzen? Je besser man einen Menschen kennt, desto besser müsste es doch eigentlich gelingen, seine Mimik zu deuten. Riedinger und ihre Kollegen baten junge Paare im Alter zwischen 20 und 30 und alte Paare über 69 Jahre in verschiedenen Situationen, über die Gefühlslage des Partners oder der Partnerin zu mutmaßen. Den Jüngeren gelang das wesentlich akkurater, sofern sie das Gesicht des anderen vor sich hatten.

Die Älteren schnitten dagegen besser ab, wenn es darum ging, die Seelenlage ihres abwesenden Partners einzuschätzen. Wissen ging hier vor Sehen. „Wir können nur spekulieren, warum das so ist“, sagt Riediger. Möglicherweise seien die jüngeren Paare – zumal die, die sich noch nicht lange kannten – motivierter, sich ihre Emotionen mitzuteilen, sodass sie mehr Ausdruck in ihr Gesicht legten. Verstehen sich dagegen alte Ehepaare nicht nur „ohne Worte“, sondern auch ohne sich anzuschauen?

Das wäre schade. Denn nicht nur Lachen, auch Lächeln kann anstecken. Und wer sich anstecken lässt, versteht möglicherweise sein Gegenüber besser. Die Mimik ihrer Mitmenschen deuten Probanden dann am zutreffendsten, wenn sie sie nachahmen, zeigte Paula Niedenthal. In ihrem wahrscheinlich berühmtesten Experiment bat sie Studierende, sich einen Bleistift zwischen die Zähne zu klemmen, bevor sie ihnen Fotos lächelnder Menschen zeigte. Dieselben Probanden, die vorher ein zur Schau gestelltes von einem echten Lächeln gut unterscheiden konnten, waren nun nicht mehr dazu in der Lage – weil sie selbst die Mundwinkel nicht mehr hochbekamen. Wer nachahmt, fühlt mit, aktiviert etwa beim Lächeln nicht nur dieselben Gesichtsmuskeln, sondern auch dieselben Hirnregionen wie sein Gegenüber.

Wer im Job dauernd lächeln muss, kann krank werden

Glücklicherweise liegt die Domäne des posierten Lächelns nicht in der Partnerschaft, sondern im Beruf. Wenn es dort dauernd gefordert wird, kann das krank machen, schreibt der Arbeits- und Organisationspsychologe Dieter Zapf von der Universität Frankfurt am Main in der Zeitschrift „Personalführung“. Stressig seien vor allem emotionale Unstimmigkeiten. Sie könnten zu Herzproblemen und Depressionen führen. Solche widerstreitenden Gefühle fand die amerikanische Soziologin Arlie Hochschild in den 1970er Jahren ebenfalls bei Dienstleistern wie Flugbegleitern, die häufig unhöfliche oder pöbelnde Fluggäste mit gleichbleibend freundlicher Miene zu beruhigen versuchen – obwohl ihnen bisweilen eher zum Heulen zumute ist.

Möglicherweise bietet die Beobachtung des philosophischen Anthropologen Helmuth Plessner Trost. Weinen und lautes Lachen markieren in seinen Augen Grenzsituationen, in denen sich der Mensch überwältigt fühlt. Lächelnd gibt er dagegen seinem Geist souverän Ausdruck. „Noch in den Modifikationen der Verlegenheit, Scham, Trauer, Bitterkeit, Verzweiflung kündet Lächeln ein Darüberstehen.“

Artikel auf einer Seite lesen

Twitter

Folgen Sie unserer Wissen und Forschen Redaktion auf Twitter: