Wissenschaft im Nationalsozialismus : Als Ärzte zu Verbrechern wurden

Im "Dritten Reich" machten sich viele Ärzte zu Erfüllungsgehilfen des Regimes – unter ihnen waren auch Berliner Mediziner.

Karl Max Einhäupl, Vorstandsvorsitzender der Charité, bei der Eröffnung der Ausstellung "Der Anfang war eine feine Verschiebung in der Grundeinstellung der Ärzte".
Karl Max Einhäupl, Vorstandsvorsitzender der Charité, bei der Eröffnung der Ausstellung "Der Anfang war eine feine Verschiebung in...Foto: dpa

Ärzte waren nicht immer "Helden in Weiß". In der Zeit von 1933 bis 1945 stellten sich viele Mediziner und Wissenschaftler in den Dienst des nationalsozialistischen Regimes. Auch an der Berliner Charité folgten Institute zu dieser Zeit der faschistischen Rassen-, Leistungs- und Vernichtungsmedizin und quälten und ermordeten Menschen, vermeintlich im Interesse der Wissenschaft. Erst vor einigen Jahren begann die Charité, dieses dunkle Kapitel ihrer Geschichte aufzuarbeiten.

Die am Donnerstag eröffnete Ausstellung mit dem Titel "Der Anfang war eine feine Verschiebung in der Grundeinstellung der Ärzte" fasst die Ergebnisse dieser Bemühungen zusammen. Die Schau thematisiert die Frage, wie es dazu kommen konnte, dass Wissenschaftler, Ärzte und andere Mitarbeiter der Charité und der Berliner Universität sich während der NS-Zeit schwerer Medizinverbrechen schuldig machten.

"Jeder, der an diesen Verbrechen beteiligt war, ist mitverantwortlich"

Der Titel der Ausstellung ist ein Zitat des jüdischen Psychiaters Leo Alexander. Er musste 1933 in die USA emigrieren und wertete im Auftrag der Vereinigten Staaten die deutsche Medizinforschung während der NS-Zeit aus. Während des Nürnberger Ärzteprozesses war er medizinischer Gutachter. Leo Alexander zufolge war die „Eintrittspforte unendlich klein“, von der aus eine Geisteshaltung ihren Lauf nahm, nach der "es bestimmte Leben gebe, die es nicht wert seien, gelebt zu werden." Den Anfang habe die Einstellung gegenüber chronisch Kranken gemacht.

"Es ist nicht nur unsere Aufgabe, Wissen zu vermitteln", sagte Karl Max Einhäupl, Vorstandsvorsitzender der Charité, auf der Eröffnungsveranstaltung. "Wir müssen deutlich machen, wie klein das Nadelöhr sein kann, durch das so ein Prozess in Gang kommt." Besonders wichtig sei es, den Bezug zur Gegenwart herzustellen, denn auch heutzutage stehe die Medizin vor großen ethischen Herausforderungen. Beispielhaft nannte er die Diskussion über Sterbehilfe und die Studien an nicht einwilligungsfähigen Menschen, beispielsweise Demenzkranken. "Verantwortung ist nicht teilbar", sagte Einhäupl. Das treffe heute genauso zu wie früher. "Jeder, der in irgendeiner Weise an solchen Verbrechen beteiligt ist, ist auch mitverantwortlich", sagte er.

Von einem Mädchen blieb nur eine Akte mit bunten Kinderbildern

Die neue Ausstellung thematisiert die Grenzüberschreitungen der Berliner Mediziner in der NS-Zeit anschaulich und mit vielen Fallbeispielen. Ein Teil des Rundgangs ist dabei der Perspektive der Betroffenen gewidmet. Der jüdische Medizinstudent Herbert Katz etwa wurde 1938 vom Studium an der Charité ausgeschlossen. Er versuchte vergeblich, nach Palästina zu emigrieren, wurde verhaftet und starb in einem französischen Internierungslager. Heute erinnert ein "Stolperstein" vor der Humboldt-Universität an ihn.

Ein Heft mit bunten Kinderbildern stammt von einem Mädchen, das Opfer des "Kindereuthanasie"-Programms der Nationalsozialisten wurde. "Mehr Information haben wir zu diesem Kind nicht", sagte Judith Hahn vom Institut für Geschichte der Medizin der Charité und eine von zwei Kuratorinnen der Ausstellung. "Wir haben solche Leerstellen absichtlich zugelassen", sagte Hahn. Mit der Ausstellung wolle sie die Besucher informieren, dass es diese Verbrechen auch in Berlin gab, und zum Nachdenken anregen. "Vieles ist nicht leicht zu beurteilen. Da gibt es nicht nur schwarz oder weiß", sagte Hahn.

Auch ein Aushängeschild der Charité hat keinen "weißen Kittel"

Diese Ambivalenz wird vor allem im zweiten Teil der Ausstellung deutlich, die ethische Grenzüberschreitungen der Medizin anhand unterschiedlicher Fachdisziplinen zeigt. Der Chirurg Ferdinand Sauerbruch, eines der Aushängeschilder der Charité, ist so ein Beispiel. Er befürwortete einerseits medizinische Experimente in Konzentrationslagern. Andererseits pflegte der Arzt Kontakte zu jüdischen Kollegen und unterstützte Proteste gegen die "Euthanasie"-Morde.

Beim Berliner Sportmediziner Karl Gebhardt hingegen ist die Lage eindeutiger. An 74 Frauen aus dem KZ Ravensbrück führte er Experimente durch, indem er ihnen tiefe Wunden beibrachte und diese mit Holz- und Glassplittern infizierte, um ein Antibiotikum zu testen. Mindestens elf Frauen starben daran.

Die Ausstellung ist an den Wänden der Flure in der Psychiatrischen und Nervenklinik der Charité untergebracht. Den ganzen Tag kommen dort Patienten, Angehörige und Personal vorbei. Judith Hahn wünscht sich, dass möglichst viele von ihnen einen Moment stehen bleiben und ins Nachdenken kommen.

Die Ausstellung kann täglich von 9-18 Uhr auf dem Campus Mitte der Charité, Bonhoefferweg 3, besucht werden.

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