• 300.000 Berliner Kinder betroffen: So läuft der Ausstieg aus Kita- und Schulbetreuung wegen des Coronavirus
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300.000 Berliner Kinder betroffen : So läuft der Ausstieg aus Kita- und Schulbetreuung wegen des Coronavirus

Ab Dienstag erreicht der Ausnahmezustand wegen Covid-19 die Kleinsten. Kitas und Schulen bieten nur noch Notbetreuung an, Tagesmütter arbeiten aber weiter.

Passt das? Ab Dienstag werden die Kinder vorrangig zu Hause spielen.
Passt das? Ab Dienstag werden die Kinder vorrangig zu Hause spielen.Foto: picture alliance / dpa

Kinder im Ausnahmezustand: Am Montag heißt es erstmal Abschied nehmen von den vertrauten Kitagruppen und Schulklassen. Während sich die älteren Schüler weiterhin ohne Probleme untereinander treffen können, werden rund 300.000 jüngere Berliner plötzlich weitgehend auf ihre Familien angewiesen sein, wenn ab Dienstag der reguläre Kita- und Schulbetrieb lahmgelegt wird.

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Nur die Oberstufenzentren und sonstigen Berufsschulen sind schon am Montag zu. Alle anderen haben noch am Montag Zeit, um in ihren Kitas und Schulen abzusprechen, wie es weitergehen soll.

Besonders schwierig wird es für die Kitakinder, deren Eltern sich nicht frei nehmen können, weil sie "systemrelevanten Tätigkeiten" nachgehen, also den Bereichen Gesundheit und Pflege oder öffentliche Sicherheit und Energieversorgung: Sie müssen unter Umständen in fremde Kitas ausweichen, sofern es keine Verwandten oder Freunde gibt, die auf sie aufpassen können.

Der Chef-Virologe der Charité Berlin Christian Drosten warnte auf Twitter vor einer Neugruppierung durch die Notbetreuung. Hierdurch würden neue primäre und sekundäre Kontaktnetzwerke durch die Eltern entstehen, die eine Infektion befeuern. Die Senatsverwaltung beschloss daher, Drostens Anregungen aufzunehmen und Kinder in der Notbetreuung nur in ausgesuchten Gruppen unterzubringen.

Die Jugendverwaltung betonte, dass aber auch diese Eltern nicht automatisch eine Kitabetreuung bekommen, sondern dass auch sie sich um eine andere Möglichkeit der Betreuung ihrer Kinder bemühen müssen.

Aber: Wie soll man diese "Mühe" nachweisen, und welche Tätigkeiten im Einzelnen werden als Begründung für einen Betreuungsanspruch akzeptiert?

Eltern im Ausnahmezustand

All diese offenen Fragen werden dazu beitragen, in den betreffenden Familien helle Aufregung herrscht: Sie müssen eine alternative Betreuung suchen oder bis Montag warten, bis sie erfahren, ob und wenn ja, welche Kitas ihnen angeboten werden. Zumindest war das am Freitag die Auskunft der Senatsverwaltung für Jugend.

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Erschwerend kommt hinzu, dass der Elternbrief, den die Jugendverwaltung über die Kitaträger verteilen lässt, dem Vernehmen nach bisher nur auf Deutsch vorliegt. Wie die Kitas den nichtdeutschsprachigen Eltern den Komplettwegfall des Angebots auf die Schnelle darlegen sollen, war am Freitag noch nicht allen klar.

Insgesamt geht es um rund 167.000 Kitakinder, von denen etwa 15 Prozent der Eltern "systemrelevanten Tätigkeiten" nachgehen.

Kitaträger tappten im Dunkeln

Nicht minder ratlos waren am Freitag manche Kitaträger, denn nicht alle waren eingeladen gewesen, als die Jugendverwaltung nachmittags über das Vorhaben berichtete.

"Für diese Art und Weise der Kommunikation haben wir keinerlei Verständnis", sagte der Geschäftsführer des Verbands der Kleinen und Mittelgroßen Kitaträger (VKMK), Lars Békési, dem Tagesspiegel am Freitag. Wenn sie als freie Kitaträger nicht vorab durch die Bildungsverwaltung über die kommenden Schritte informiert würden, könnten sie auch "nicht adäquat auf die Sorgen und Ängste der Mitarbeiter und der Eltern eingehen". Dieses Kommunikationsverhalten lasse "bei den weiteren Herausforderungen nichts Gutes erwarten".

Die Jugendverwaltung verwies darauf, dass die Liga der Spitzenverbände sowie der Dachverband der Kinder- und Schülerlägen informiert worden seien. Sie räumte aber ein, dass der VKMK nicht zu der eingeladenen Runde gehört hatte.

Wer hat Anspruch auf Notbetreuung?

Die Frage, wer genau Anspruch auf eine Notbetreuung hat, wird wohl die Senatsverwaltung für Soziales und Gesundheit beantworten, hieß es aus der Jugendverwaltung. Die entsprechende Liste wird nicht nur die Kita- sondern auch die Schulkinder betreffen, denn Anspruch auf eine Notbetreuung haben auch die Erst- bis Sechstklässler, deren Eltern in den genannten Bereichen arbeiten. Und auch diese Familien warten jetzt auf Auskunft, welche Schulen die Notbetreuung übernehmen. Auch hier dürfte es um rund 15 Prozent von etwa 150.000 Grundschulkinder gehen.

Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) gab am Freitag die Kita- und Schulschließungen bekannt.
Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) gab am Freitag die Kita- und Schulschließungen bekannt.Foto: Britta Pedersen/dpa

Entspannt zurücklehnen können sich nur die Familien, die ihre Kinder bei Tagesmüttern haben: Sie können weiterarbeiten, weil die kleinen Tagespflegegruppen als relativ ungefährlich im Hinblick auf die Verbreitung des Virus gelten.

Ältere Kinder holen sich die Aufgaben aus dem Netz

Das Ziel ist klar: Die weitere Verbreitung des Coronavirus soll gebremst werden. Diesem Ziel muss nahezu alles untergeordnet werden - auch die Förderung und Betreuung der Kinder und Jugendlichen.

Allerdings haben die älteren Kinder nicht nur mehr Möglichkeiten, etwas auf eigene Faust zu unternehmen, sondern auch mehr Möglichkeiten, zu Hause zu lernen: Spätestens am Montag sind jede Menge Klassenlehrerstunden angesetzt, in denen besprochen werden soll, wie es mit dem Online-Lernen weitergehen kann und wie die einzelnen Fachlehrern mit den Schülern in Kontakt bleiben.

Ich bin mir bewusst, dass die Schul- und Kitaschließungen für viele Eltern eine Herausforderung darstellen", sagte am Freitag Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD), nachdem der Senat das aktuelle Corona-"Maßnahmepaket" beschlossen hatte. Scheeres appellierte auch an die Eltern, sich gegenseitig zu unterstützen und die Notfallbetreuung nur in Anspruch zu nehmen, "wenn dies unabdingbar ist".

Zu den einzelnen Maßnahmen teilte Scheeres Folgendes mit:

1. Schulschließungen:

  • Als erstes schließen am Montag, 16. März 2020, die Oberstufenzentren. Schüler und Schülerinnen der OSZ sind Jugendliche und junge Erwachsene. Es ist keine Notbetreuung erforderlich. 
  • Am Dienstag, 17. März 2020, schließen die allgemeinbildenden Schulen. Es finden auch keine Schülerfahrten, Exkursionen oder sonstige schulische Veranstaltungen statt. 
  • Die allgemeinbildenden Schulen werden die Notbetreuung für Kinder in den Grundstufen 1 – 6 übernehmen, deren Eltern in sogenannten systemrelevanten Berufen arbeiten. Die Berufsgruppen werden von der Senatsverwaltung für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung definiert.
  • Die Durchführung aller Prüfungen, die abschlussrelevant sind, ist sicherzustellen. Dies umfasst neben den schriftlichen Prüfungen ausdrücklich auch die mündlichen und dezentralen Prüfungen. Schülerinnen und Schüler erscheinen zu den Prüfungsterminen in der jeweiligen Schule. Weitere Informationen zu Prüfungen und Nachprüfungen erfolgen in Kürze. 
  • Senatorin Scheeres betont: „Wir wollen sicherstellen, dass Schüler und Schülerinnen keine Nachtteile für ihren weiteren Bildungsweg haben. Selbstverständlich stimmen wir Regelungen zu zentralen Prüfungen auch mit den anderen Bundesländern ab.“
  • Bis auf Weiteres müssen sich Schulleitungen, Lehrkräfte und das pädagogische Personal auf ihren Dienststellen einfinden. Über die Einsatzzeiten entscheiden die Schulleitungen nach jeweiliger Erfordernis.
  • Zur Aus-, Fort- und Weiterbildung von Lehrkräften: Das StEPS und die Schulpraktischen Seminare werden ihre Lehrveranstaltungen über digitale Kommunikation durchführen (Moodle, Lernraum). Veranstaltungen der regionalen Fortbildungen werden abgesagt, das Medienforum für den Publikumsverkehr geschlossen.

2. Kindertagesbetreuung:

  • Alle Kindertageseinrichtungen werden ab Dienstag, 17. März 2020, bis einschließlich Freitag, 17. April 2020, geschlossen.
  • Zur Aufrechterhaltung von systemrelevanten Infrastrukturen (u.a. Gesundheitswesen, öffentliche Sicherheit, Versorger) wird die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie mit Unterstützung der Kita-Träger ein auf ein notwendiges Maß beschränktes Notversorgungssystem zur Kindertagesbetreuung aufrechterhalten.
  • Das System der Notfallversorgung soll 15 Prozent des derzeitigen Kita-Angebots umfassen. Diese Kitaplätze werden Eltern vorbehalten sein, die in systemrelevanten Infrastrukturen arbeiten und zudem nicht in der Lage sind, eine private Betreuung zu ermöglichen. 
  • Das Notversorgungssystem wird flächendeckend im Land Berlin (d. h. in allen Bezirken) aufrechterhalten. Darüber hinaus werden Einrichtungen in der Nähe systemrelevanter Einrichtungen und Institutionen (z. B. Charité, Vivantes) einbezogen.
  • Das Notversorgungssystem wird von den Kita-Eigenbetrieben des Landes Berlin und den freien Trägern gemeinsam bereitgestellt. Die im Rahmen des Notfallsystems öffnenden Einrichtungen werden bis Montagabend benannt und auf den Internet-Seiten der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie veröffentlicht. Dort werden im Lauf des Montags auch Informationen veröffentlicht, wer die Notfallbetreuung in Anspruch nehmen kann und wie das Verfahren ist.
  • Sofern im Zeitverlauf Anpassungen am Notfallsystem vorgenommen werden müssen (z. B. Kita-Schließungen auf Grund von Corona, ggf. Erweiterungen), wird kompensatorisch auf die regelhaft finanzierten Angebote und Ressourcen der Kindertagesbetreuung zurückgegriffen.
  • Die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie wird eine zentrale Anlaufstelle für Kita-Träger zur Klärung von Fragen einrichten (u. a. Klärung von Betreuungsanfragen von Eltern im Hinblick auf die o. g. Zielgruppe).
  • Es wird eine Arbeitsgruppe, bestehend aus Verbänden, Eigenbetrieben, Jugendämtern und Senatsverwaltung gebildet, die den Prozess der Notfallversorgung kontinuierlich begleitet, um bei Bedarf nachzusteuern.
  • Träger und Kitas werden über die vereinbarten Maßnahmen durch ein Trägerschreiben informiert. Darüber hinaus wird ein Elternschreiben bereitgestellt, welches über die Träger und Einrichtungen versendet wird.
  • Angebote der Kindertagespflege sollen zunächst aufrechterhalten bleiben, da es sich um familienähnliche Angebote in Kleingruppen handelt. Die Situation wird laufend neu bewertet.
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