Alkoholismus in Berlin : Die Trinker vom Kreuzberger Herrenwohnheim

46 Männer, schwere Alkoholiker, leben im Herrenwohnheim in Kreuzberg und dürfen trinken, so viel sie wollen. Ihr Leben lang haben sie sich und andere enttäuscht. Doch dies ist ein wunderbarer Ort.

Die Bewohner im Herrenwohnheim in Kreuzberg sind "austherapiert". Sie dürfen trinken, so viel sie wollen.
Die Bewohner im Herrenwohnheim in Kreuzberg sind "austherapiert". Sie dürfen trinken, so viel sie wollen.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Ganz oben, den Gang runter links, wohnt Martin. Martin fand sich eines Tages mit Schläuchen und Kanülen im Körper in einem Neuköllner Krankenhausbett wieder. Passanten hatten die 112 gewählt, weil er bewusstlos in einer Hofdurchfahrt lag. Der Befund: schwerste Unterkühlung, Lungenentzündung. „Beinah wär’ ich hops gegangen“, sagt Martin. Die Ärzte waren schon drauf und dran, die Maschinen abzustellen. Was aus seiner damaligen Sicht nicht weiter schlimm gewesen wäre.

An seinem Bett stand eine Frau und sprach von einer Krankenhausrechnung von mehr als 20 000 Euro. Da er die offensichtlich nicht habe, werde ihm künftig eine Betreuerin an die Seite gestellt und das sei sie. Direkt, vertrauenswürdig. „Die Frau ist ne echte Kapazität!“, sagt Martin. Die hat ihn vermittelt, und jetzt gehört ihm hier das Premiumzimmer, 22,56 Quadratmeter mit Sonnenterrasse und freier Sicht bis zur Gneisenaustraße und dem Swingerclub Zwanglos III.

Vier Jahre, fünf Monate. So lange sei er hier, sagt Martin, er weiß das genau. Alles super, Zimmer mit eigenem Schlüssel, Frühstücksbuffet und Mittagessen nach Wahl, 24 Stunden jemand da, das ist nützlich.

Ganz unten, im Erdgeschoss, wohnen die, denen man schon Beine hat abnehmen müssen, die nicht mehr laufen können. Oder ihr Stockwerk sonst nicht finden würden.

Sie nennen es Herrenwohnheim. Ein unauffälliger Zweckbau, fünfstöckig, blauweiße Fassade. So etwas wie das Haus in der Kreuzberger Nostitzstraße gibt es in Berlin kein zweites Mal. Hier leben 46 Männer, allesamt Alkoholiker, Obdachlose, ehe sie hierherkamen. Jeder zweite von ihnen ist ein Pflegefall. Viele überfordert die bloße Frage, wie viele Entzüge sie gemacht haben.

Die Männer, die hier landen, sind austherapiert, sagt der Heimleiter. Keiner setzt mehr Hoffnungen in sie. Weil man ihnen die Kraft abspricht, gegen ihr Verlangen anzukämpfen, dürfen sie tun, wonach sie am meisten dürsten: Trinken. „Suchtakzeptierendes Modellprojekt“, heißt das in der Broschüre. „Betreutes Bechern“, nennt das mancher im Kiez.

Ihr Leben lang haben diese Männer andere Menschen enttäuscht – oder sich selbst. Hier schließlich, am Ende eines langen Weges, formuliert die Gesellschaft keine Erwartungen mehr an sie. Das Herrenwohnheim ist ein wunderbarer Ort.

Martin müsste gar nicht hier sein. Finanziell ist er unabhängig. Und trocken. Seit anderthalb Jahren.
Martin müsste gar nicht hier sein. Finanziell ist er unabhängig. Und trocken. Seit anderthalb Jahren.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Martin ist dünn und 62 Jahre alt, die fahle Haut lässt ihn älter wirken. An sonnigen Tagen wie heute trägt er Schirmmütze über den langen offenen Haaren, an wolkenverhangenen eine schwarze Strickmütze. Martin ist kein Mann, der große Worte verliert. Aber er gewährt ihnen gerne Unterschlupf. An dunkelblauen Schranktüren kleben Weisheiten, die er aus Zeitungen ausgeschnitten hat: „Ein Gott ist der Mensch, wenn er träumt, ein Bettler, wenn er nachdenkt.“ Hölderlin. „Das Lachen lernt der Mensch später als das Weinen und verlernt es früher.“ Charles Tschopp. Jetzt zitiert Martin Einstein: „Mehr als die Vergangenheit interessiert mich die Zukunft, denn in ihr gedenke ich zu leben.“ Genau so sehe er das. Und zwar hier. Dabei könnte Martin mühelos woanders sein. Als einziger.

Sämtliche Kleidungsstücke am Leib wandern in den Müll

Wer hierher kommt, wird zuallererst gebadet oder geduscht. Sämtliche Kleidungsstücke, die er am Leib hat, wandern in den Müll. Viele Neuankömmlinge haben offene Wunden, in die manchmal schon die Strümpfe eingewachsen sind. Dann wird gewaschen, gesalbt, verbunden. Als vor 19 Monaten ein Mann vor der Tür steht, frisch rasiert, Hemd und Jackett, mit blank geputzten Stiefeln, fragt die Frau, die ihn begrüßt, ob er sich als Sozialarbeiter bewerben wolle. „Ich würde gerne hier einziehen“, sagt Till.

Till ist eine Ausnahmeerscheinung, sagen die Mitarbeiter des Heims, dem Till merkt man die Straße nicht an. Gepflegt wie der ist, adrett, höflich. Nur wenigen fällt das leichte Zittern auf, das Till schon am Morgen hat. Der unsichere Gang. Die Augen, die manchmal verwässert sind.

Seit Till 18 ist, hat er immer eine eigene Wohnung gehabt. Charlottenburg. Er hat die Freiheit früh gewollt: Niemandem Rechenschaft schulden, einfach machen können. Darum war – er stand in Anglistik, Geschichte und Politik bereits kurz vor der Magisterarbeit – das Jobangebot auch so verlockend. Messe- und Ausstellungsbau, 3000 Mark sofort aufs Konto, nicht mehr ständig knapsen müssen. Letztlich, sagt er rückblickend, „hätte ich lieber mein Studium abschließen sollen“. Er habe, ihm sei das klar, Chancen nicht genutzt. „Wir sitzen alle im selben Boot hier: Wir haben im Leben ein bisschen verkackt.“

Till ist einer der wenigen, die offen sagen: ich bin Alkoholiker.
Till ist einer der wenigen, die offen sagen: ich bin Alkoholiker.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Till ist 51 und „Spiegeltrinker“. Er bemüht sich, seinen Wohlfühl-Pegel zu halten. Morgens drei Bier, das reicht ihm erstmal. Nur manchmal rutscht es ihm weg. „Wenn ich dicht bin, lege ich mich gleich ins Bett.“ So wie Silvester. Till, haben sie gerufen, die Jungs aus seiner Etage, an seine Tür geklopft, ist gleich zwölf, Mensch, komm mal runter. Unten im Gemeinschaftsraum war High Life, Häppchen, Luftschlangen, Tischfeuerwerk. Er aber ist stumpf ins neue Jahr hineingedämmert, allein, keine Raketen, nichts.

Ist das nicht Luxus? Ruhe, sagt Till. Auf Platte, auf der Straße, darfst du nicht allein sein, allein Platte zu machen ist gefährlich. Leute, die nichts haben, bestehlen andere, die auch nichts haben, sie rauben dir Tabak, Trinken, Essen, den vollen Sack Pfandflaschen, bestimmt 15 Euro. Wenn du pennst, nehmen sie dir deine Schuhe weg. Als er noch unerfahren war, hat Till sich einmal in den Aufgang zu Karstadt am Hermannplatz gelegt. Da kam eine Frau, rüttelte ihn an der Schulter: Schlaf hier nicht ein, Mann, die ziehen dich ab! Recht hat sie behalten.

"Job verloren, Kind gestorben, aus der Bahn"

Man wird so schnell verprügelt. Dort drei gelangweilte Russen, „kriegst du halt auf die Fresse“, da ein paar Türken, die dir den Weg versperren: „Bist du schwul? Du hast rote Haare!“ „Pass mal auf, du Suppenkasper“, hat er noch zurückgeschnauzt, als sie ihm schon in den Hintern traten, man hat ja seinen Stolz, ergibt sich nicht wortlos. Nee, sagt Till, schüttet sich nochmal Wodka mit Apfelsaft nach, obwohl es erst Vormittag ist, weil aber diese Unterhaltung eine dieser besonderen Situationen darstellt, in denen er nervlich angespannt ist. „Du musst schon zu Zweit sein, mit einem Passmann oder einer Passfrau“, Mitstreitern, die aufpassen, „oder einem Hund.“

Till betont, dass er da draußen, was nicht heiße unter Brücken, nee, ganz solide mit festem Wohnsitz, viele Freundinnen und Freunde hat. Bei denen er auch übernachten durfte, vorübergehend, als seine Wohnung futsch war. Es ging nur nicht vorüber.

Der jüngste der Männer hier ist 40. Der älteste 77. So unterschiedlich sie sind, haben sie alle auf ähnliche Weise verkackt: „Job verloren, Kind gestorben, Frau gestorben, aus der Bahn“, fasst der Heimleiter, Ulrich Davids, zusammen. Dem Alkohol verfallen. Die Miete nicht bezahlt.

An einem Korkbrett an der Wand im hellblau gestrichenen Eingangsbereich hängt ein Schild: „Aus Gründen der allgemeinen Hausruhe ist in der Zeit von 6 Uhr bis 10 Uhr kein Alkoholkonsum im Vorraum sowie Tagesraum gestattet.“ Trinkt man eben auf dem Zimmer. Es ist zwanzig nach zehn, alle haben Bierflaschen in der Hand.

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