Allein unter Millionen : Berlin, Hauptstadt der Einsamkeit

300 Tote bleiben pro Jahr unentdeckt in den Wohnungen liegen. In fast der Hälfte der Berliner Haushalte lebt nur eine Person. Doch das Bedürfnis nach Nähe ist enorm.

Berlin ist voller Menschen. Doch die Masse ist oft nur Ornament.
Berlin ist voller Menschen. Doch die Masse ist oft nur Ornament.Illustration: Birgit Lang

Erste Übung: Augenkontakt. Drei Minuten am Stück jemand Fremdem in die Augen sehen. Unverwandt, was sonst. Jeden Dienstag ab 20 Uhr ist das in Moabit möglich. Mit Voranmeldung. Es ist die wirksamste Übung, die Sebastian in seiner Selbsthilfegruppe anbietet. „Wo man immer wieder echten Kontakt erleben kann, der möglichst befreit ist von sich verstellen, sich verstecken und allem, was menschlichen Kontakt noch anstrengend macht.“ Kontakt mit Anleitung für eine kontaktgestörte Stadt. Sebastian hat dafür eine spezielle Selbsthilfegruppe gründen müssen: „Authentischer Kontakt & Lebensfreude. Übungen, Spiele, Austausch für junge Menschen, 18–40 Jahre.“

Es klingt paradox, aber Berlin ist die knapp- vier-Millionen-Stadt, aus der Leute wegziehen, weil es ihnen zu einsam ist. Überall Menschen, aber die Masse ist nur Ornament. Verabredungen: immer latent gefährdet. Die Kultur der Unverbindlichkeit wird als Spontaneität verkauft. „Hallo, wir sind verabredet – bleibt es noch dabei?“ Besser nachfragen. Die Wartezimmer der Hausärzte sind überfüllt, die Hälfte will nur reden.

Entgeistert blicken Altmieter die Neuen an, die klingeln, um sich vorzustellen. Die Wirte der Berliner Kneipen schicken nach Stammkunden aus, die sie länger nicht gesehen haben, weil die Nachbarn sowieso nichts merken würden. An den Tresen nimmt die Population der Wölfe auch innerstädtisch zu. Der einsame Wolf sitzt an der Bar und wischt auf seinem Handy potenzielle Partner nach rechts oder links. Er ist nicht einsam, nur unabhängig. Ständig bereit, schnell wieder weg. Gott sei Dank kann man in der U-Bahn in das Ich-Phone gucken, da muss man kein Du sehen.

Einsamkeit ist nicht nur ein Witwen-Problem. In Berlin lebt in 49 Prozent der Wohnungen nur eine Person. Aber Einsamkeit ist ein Tabu. Man schäme sich dafür, sagt Sebastian, der eigentlich anders heißt. Schon es auszustrahlen, löse Fluchtreflexe aus. „Man strahlt Bedürftigkeit aus.“ Auch seine Gruppe handle nicht von Einsamkeit, sagt er. Sie heißt „Lebensfreude“. Sebastian ist jetzt umfangen vom monströsen Polstersofamonster eines Cafés. Er spricht aus den Tiefen des Plüsch.

Jemanden wie ihn würde man sich nicht als einsam vorstellen. Ein schlanker Typ mit intensivem Blick, später Maschinenbaustudent von 36 Jahren, umgeben von vielen Menschen, vielen Kommilitonen. Aber Sebastian ist überzeugt, dass sehr viele echten Kontakt zu anderen nicht kennen. Er weiß es, weil es ihm selber lange so ging. Er sieht, wie viele Menschen sich quälen. Einsame erkennen einander. Er hält das Problem für verbreitet, auch in seinem Alter. Sebastian, mit 20 Jahren aus Thüringen nach Berlin gezogen, sagt, in Berlin herrsche ein hohes Misstrauen und eine hohe Grunddistanz. „Da sind erstmal mehrere Mauern .“

Reden ist überschätzt

Als Anfang des Jahres in England eine Ministerin für Einsamkeit benannt wurde, wirkte das zunächst etwas absurd. Was sollte der Staat damit zu tun haben? Ist nicht der einzige, der Einsamkeit beenden kann, man selbst? Und was hat der Staat, dieses größte Organ, in der tiefsten Innerlichkeit seiner Bürger zu suchen? Mit welchen Mitteln fuhrwerkt er in ihren Seelen? Und mit welchen Methoden ließe sich Einsamkeit beenden?

Reden ist überschätzt, findet Sebastian. Viele, die ihr Leben ändern wollten, glaubten, sie müssten nur ihre Gedanken ändern, ihre Sichtweise. Wenn die Leute helfen wollten, dächten sie nur an Gesprächsangebote. Da sitze man gesprächslastig um einen Tisch. Das ändere oft nichts. Im schlimmsten Fall gebe man einander Ratschläge. Anfangs hat auch er mit den Teilnehmern seiner Selbsthilfegruppe immer geredet, dann aber lieber Blickübungen, Massagen und Lieder eingesetzt. Das hat so viel Intimität hergestellt, dass man nachher auch wieder reden konnte.

Einsamkeit war ein großes Thema für ihn, schon als Kind. Seine Eltern waren, als er klein war, ängstliche Menschen ohne viel Kontakt zu anderen. Er studiert erst Literaturwissenschaft, dann Maschinenbau. Dann entdeckt er die Selbsterfahrungsszene. Instinktiv meidet er psychologische Seminare, er sucht die Körpererfahrungen. Er erlebt, was er vorher nicht gekannt hatte. Jahrelang taucht er ab in die Szene, was ihn einige Semester kostet. Aber diese Selbsterfahrungen mit ihren Gurus sind verbunden mit teuren Wochenendseminaren. „Oft trifft die Einsamkeit Leute ohne Job“, die kaum Geld haben, um ihr Problem zu beheben. Deshalb rief er die Selbsthilfegruppe ins Leben.

Vereinzelung, sagt Sebastian, ist ein Stadtproblem. Die einen bezahlen Masseure und nennen das Wellness, die anderen schlagen sich die Nächte in den Tangosälen um die Ohren. Sie schütten bei Berührung das Bindungshormon Oxytocin aus. Es ist nur ein Kontakt auf Zeit, und manchmal muss man ihn kaufen. Es gebe aber in Berlin viele Leute, die sich verlässliche Kontakte wünschen. Viele suchten dann in Liebesbeziehungen, projizierten alle Wünsche auf einen Partner, der alles erfüllen soll. Aber so eine Gruppe wie seine könne eben auch viele Bedürfnisse erfüllen.

„Kuscheln ist der Königsweg“, hat Sebastian für sich selbst herausgefunden. Seit zwei bis drei Jahren macht er das mehrmals in der Woche. Das Angebot an Kuschelparties ist riesig, weil die Nachfrage so riesig ist. „Kuscheln bedeutet, zur Ruhe zu kommen. Ich komme zu mir“, so beschreibt er das. Es ist, als würde er durch Körperkontakt zu anderen den Kontakt zu sich selbst finden, Entspannung und Urvertrauen. Sebastian hofft, dass das Urvertrauen wächst, und irgendwann auch ohne Kuscheln noch da ist.

Berlin hat kein zuständiges Ministerium für Einsamkeit. Aber man kann bei Yvonne Goth anrufen, Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales, Abteilung „Bürgerschaftliches Engagement“. Goth koordiniert in Berlin die ehrenamtlichen Besuchsdienste und zitiert Initiativen aus einer beeindruckenden Liste, die zeigt, wie dringend das Bedürfnis ist, wie verzweifelt die Anstrengung. Es gibt Besuchsdienste in WGs, zu Hause, mit Tieren und für Queere. Eine ziemlich stabile Anzahl von etwa 1300 Ehrenamtlichen, die zum Teil mit ihrem Engagement zugleich ihre eigene Einsamkeit bekämpften, kümmere sich in Berlin in vielen kleinen Initiativen. Der Bedarf sei enorm, Budget quasi nicht vorhanden. 350 000 bis 400 000 Euro hat sie für die ganze Stadt.

Wenn jetzt plötzlich alle von einer „Epidemie“ der Einsamkeit sprechen, sei das ihrer Erfahrung nach nicht falsch. Die Nachfrage übersteigt ständig das Angebot. Aber das Hauptproblem sei: Die Einsamen haben keine Lobby. Sie haben ja keine persönlichen Beziehungen und wären sie Teil einer Gruppe, empfänden sie sich nicht als einsam. Am Schwierigsten, sagt Frau Goth, sei es deshalb für sie, die Einsamen überhaupt zu finden. Sie sitzen isoliert in ihren Wohnungen. Sie sind eben nirgendwo aktiv. Wie erreicht man sie?

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