• Auf den Spuren von Fürst Pückler in Brandenburg: Zwischen goldenen Ananas, grüner Idylle und makabren Geheimnissen

Auf den Spuren von Fürst Pückler in Brandenburg : Zwischen goldenen Ananas, grüner Idylle und makabren Geheimnissen

Im Schlosspark Branitz bei Cottbus hat sich Hermann von Pückler-Muskau im 19. Jahrhundert sein Paradies geschaffen. Ein Ausflug.

Foto: Rainer Weisflog/imago
Unter dieser Pyramide im Park liegt eine Schatulle mit den in Säure aufgelösten Überreste des spleenigen Adligen.Foto: imago/Rainer Weisflog

„Da liegt er also drin, der Fürst?“, fragt der Besucher. Zweifelnd blickt er auf die Seepyramide, die sich, grün bewachsen, majestätisch aus dem Gewässer erhebt. „Ja, aber in ’ner Schatulle“, sagt ein Parkpfleger. „Der hat sich in Säure auflösen lassen und liegt da im Kästchen drinne.“

Na, warum auch nicht? Dem Fürsten Hermann von Pückler-Muskau (1785-1871), der mit dem Schlosspark in Branitz bei Cottbus sein Spät- und Meisterwerk schuf, war nichts zu exzentrisch. Auf die Idee, in seinem Park Pyramiden anzulegen, kam er, weil „ein solches Grabmal wahrscheinlich alle Monumente jetziger Herrscher überdauern“ werde, ganz wie die echten Pyramiden.

Die hatte er nämlich auf seiner Ägyptenreise gesehen und bestiegen und sich auch dort manchen Spaß erlaubt. Zum Beispiel ritzte er auf einer Pyramide den Namen seiner in Deutschland verbliebenen Frau Lucie ein und freute sich diebisch bei der Vorstellung, spätere Besucher würden glauben, sie – die sich äußerst ungern bewegte – könnte hier raufgekraxelt sein.

Über all das berichtete er den deutschen Lesern in seinen Reisewerken: Denn der Fürst war, ungewöhnlich für einen Adligen seiner Zeit, ein höchst erfolgreicher Reiseschriftsteller. Aufsehen zu erregen war ihm ein Bedürfnis. „Bei mir heißt es nicht: Was werden die Leute davon sagen? Sondern: Werden auch die Leute etwas davon sagen?“

Einen „talentierten Selbstvermarkter“, einen „Marketing-Profi“, nennt ihn Stefan Körner, seit Januar dieses Jahres Direktor der Stiftung Fürst-Pückler-Museum Schloss und Park Branitz.

Offene Residenz. Im Schloss werden Pückler-Ausstellungen gezeigt.
Offene Residenz. Im Schloss werden Pückler-Ausstellungen gezeigt.Foto: Hans Bach/SFPM

Im Branitzer Park, gut zwei Zugstunden von Berlin, kommt man dem Fürsten Pückler nahe, hier weht sein Geist, ob nun als verflüchtigte Säure nachweisbar oder nicht. Wer hier auf den geschwungenen Wegen wandelt, der atmet auf und möchte ewig bleiben, sich beim Fürsten bedanken für diese Blicke, Brücken, Baumgruppen und für diese Ruhe, die niemals langweilig wird.

Der 620 Hektar große Park ist ein Genuss für die Sinne und die Seele, gemäß Pücklers Maxime, die er in den „Andeutungen über Landschaftsgärtnerei“ (1834) festhielt: „Der höchste Grad der landschaftlichen Gartenkunst ist nur da erreicht, wo sie wieder freie Natur, jedoch in ihrer edelsten Form, zu sein scheint“.

Mit den Menschen aus der Region hatte Pückler seine Probleme

Ursprünglich sah es hier ganz anders aus. Als Pückler mit 60 Jahren nach Branitz zog, fand er eine sandige Einöde vor, platt und reizlos. Unerträglich für einen Augenmenschen und Ästheten wie ihn, der bereits in Bad Muskau einen Landschaftspark nach englischem Vorbild geschaffen hatte. Die Standesherrschaft Bad Muskau musste er aus Geldnot verkaufen, nun wollte er in Branitz Schönheit sehen.

Also ließ er Wasserläufe und Seen anlegen, Zehntausende Kubikmeter Erde umheben und daraus Hügel und Pyramiden formen, unzählige Bäume verpflanzen, und er legte einen „Pleasureground“ rund um das Schloss an. Ein Kraftakt, der nicht allen zusagte. „Die elende Kottbusser Gegend und die noch elendere Rasse Menschen, welche sie bewohnen, werden mir einst so viel Dank schuldig sein“, schreibt er 1847 entnervt in sein Tagebuch.

Kleine Überraschungen entlang des Weges

Heute sind ihm nicht nur die Cottbuser dankbar. Den wandelnden Besucher erfreuen kleine Geheimnisse am Wegesrand: die goldene Büste der Sängerin Henriette Sonntag, die Pückler in England liebte; die ägyptische Treppe, die den direkten Blick auf die Seepyramide erlaubt; der Rosenhügel, die Wolfsschlucht, der Hermannsberg oder der Mondberg.

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Auch Pücklers sehr weltliche Neigungen schlagen sich im Park nieder: in der Grabstätte für seine „vortreffliche Stute“ Aijamé und im Denkmal für seine Hündin Nini. Die zweite Pyramide, die Landpyramide, wird gerade restauriert: Die Parkgärtner sind dabei, ihre Stufen zu rekonstruieren, die über die Jahre unsichtbar geworden waren. Zum 175. Bestehen des Branitzer Parks im nächsten Jahr soll die Architektur des Erdbauwerks wieder erkennbar sein.

Vom eleganten Schloss aus konnte Pückler die Sonne hinter den Pyramiden untergehen sehen. Heute sind die Räume des Schlosses so weitgehend original hergerichtet, dass man sich nur kurz wundern würde, wenn der orientverliebte Hausherr in Pluderhosen und mit Fez auf dem Kopf aus einem der Zimmer träte. Etwa aus der großen Bibliothek oder aus dem Schlafzimmer mit dem roten Himmelbett und einem kitschig wirkenden Bild einer nackten Melusine inmitten von Seerosen.

In den Orienträumen im ersten Stock bewahrte er seine orientalischen Waffen und Pfeifen auf, die wertvollen Papiertapeten und Objekte werden gerade originalgetreu restauriert.

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Die Ausstellung „Fürst Pückler. Ein Europäer in Branitz“ zeigt die Lebensstationen des weitgereisten Gartenkünstlers, auch mit seinen problematischen Aspekten: Denn Pückler brachte nicht nur eine abessinische Sklavin namens Machbuba, die er in Kairo gekauft hatte, mit nach Deutschland, sondern auch einen jungen Afrikaner namens Jolladour.

Die Stiftung, so Kustodin Simone Neuhäuser, die die Sammlungen betreut, bemüht sich um die wissenschaftliche Aufarbeitung dieser Geschichte, die der Fürst fantasievoll beschönigte.

Fantasie hatte er ja im Übermaß, und Geschmack obendrein. Zu gern ließe man sich im Speisesalon des Schlosses eins der Menüs schmecken, die Pücklers Sekretär in den Tafelbüchern so genau dokumentierte. Das Fürst-Pückler-Eis hat der Hausherr aber nicht selbst erfunden, die Bezeichnung ist erstmals 1839 in einer Rezeptesammlung eines preußischen Hofkochs nachweisbar. Dass er Ananas als Dessert liebte, ist jedoch verbürgt.

Eine solche thront in Gold auf dem historischen Gewächshaus in der Schlossgärtnerei und in kleineren Deko-Versionen auf den Tischen im Café nebenan. Hier ließ Pückler Ananas züchten, mit bescheidenem kommerziellem Erfolg: Das Klima konnte man sich halt nicht zurechtbiegen.

Ewige Ananas. Pücklers Lieblingsfrucht auf dem Dach der Gärtnerei.
Ewige Ananas. Pücklers Lieblingsfrucht auf dem Dach der Gärtnerei.Foto: Patrick Pleul/dpa

Auch heute nicht. Der Klimawandel macht vor den historischen Gärten nicht Halt, und gerade in dieser Region gibt es seit Jahren viel zu wenig Regen. „Wir bemerken das sehr stark an unseren Bäumen“, sagt Christoph Haase, stellvertretender Parkleiter. Besonders die Buchen vertragen den Dürrestress schlecht, können schon nach einem einzigen Dürrejahr sterben, aber auch alle anderen Bäume verlieren die Kraft, sich gegen Schädlinge und Krankheiten zu wehren.

Es bleibt den Gärtnern nur zu bewässern – überall im Park stehen Berieselungsmaschinen, bewässert wird seit Februar – und Bäume vorausschauend nachzuzüchten. Das geschieht im „Baumkindergarten“, in der „Baumschule“ und in der „Baumuniversität“.

Wie Pückler aus Wüsten Oasen machte

„Wir züchten Bäume, die genetisch identisch sind etwa mit der großen Blutbuche im Pleasureground. Oder auch Eichen, die mit Eichen aus dem Mittelmeerraum gekreuzt sind und Trockenheit besser vertragen.“ Haase beugt sich zu einem solchen halb mediterranen Eichenkind. „Die Besucher werden diese Eiche von der klassischen deutschen Eiche nicht unterscheiden können.“

Die Idee der „Baumuniversität“ geht auf Pückler zurück, der mit seiner Baumpflanzmaschine – zwei blaue Riesenkarren stehen als Nachbauten auf dem Gelände der Schlossgärtnerei – erwachsene Bäume verpflanzen ließ.

Pückler hat sich gerne als jemand gesehen, der „aus Wüsten Oasen“ schafft, und in Branitz ist ihm das aufs Schönste gelungen. Wird seine Oase wieder zur Wüste werden? Noch bleiben die „verheerenden Schäden“, die die Gärtner hier wie in anderen Parks beklagen, dem oberflächlichen Blick der meisten Besucher verborgen.

Sie schauen und genießen und träumen sich in eine vergangene Welt, über der ein Hauch von Melancholie liegt. Denn dass alle Schönheit vergänglich ist, das wusste auch Pückler, der sich selbst als „Melancholicus“ bezeichnete.

Das Schloss ist täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet (www.pueckler-museum.de). Das Gespräch mit Stefan Körner, Simone Neuhäuser und Christoph Haase sowie Originalpassagen aus Pücklers Reiseberichten können Sie im Podcast „Humboldt & Co“ unserer Autorin hören (auf Spotify, Apple Podcasts und anchor.fm/dorothee-nolte), ihr Buch „Fürst Pückler – Ein Lebensbild in Anekdoten“ erscheint im September 2020.

Der Tagesspiegel bietet im September und im April/Mai 2021 eine literarische Leserreise mit Dorothee Nolte auf den Spuren auch von Pückler an, mehr Informationen finden Sie hier.

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