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Bekämpfung der Wohnungsnot in Berlin : Städtische Unternehmen wollen mehr bauen

Die landeseigenen Wohnungsunternehmen sollen liefern: 30 000 günstige Mietwohnungen hat Rot-Rot-Grün versprochen. Doch von den Zielen sind sie weit entfernt.

Im neuen Quartier „Waterkant“ in Spandau errichten die städtischen Unternehmen Gewobag und WBM gemeinsam 2500 Wohnungen.
Im neuen Quartier „Waterkant“ in Spandau errichten die städtischen Unternehmen Gewobag und WBM gemeinsam 2500 Wohnungen.Foto: Planung 4 Berlin/Architekt Eike Becker

So beschwingt hat selbst die Chefin der landeseigenen Wohnungsbaufirma Gewobag die Senatorin für Stadtentwicklung und Wohnen nicht oft erlebt. Dabei arbeiten die Damen zusammen an den politischen Zielen des Senats zur Bekämpfung der Wohnungsnot. „Geflasht“ sei sie, sagte Snezana Michaelis, nach dem Vortrag von Senatorin Katrin Lompscher (Linke).

Vielleicht war sie aber auch noch ein wenig benommen vom Druck, den Lompschers Haus auf sie und die anderen fünf städtischen Firmen ausgeübt hatte – 100-jährige Jubiläen hin oder her.

Denn die landeseigenen Wohnungsunternehmen sollen liefern: 30.000 günstige Mietwohnungen, denn das hat Rot-Rot-Grün seinen Wählern im Koalitionsvertrag versprochen. Nachdem dieses Versprechen, wie berichtet, ein zweites Mal relativiert werden sollte, kündigte Lompschers Staatssekretär Sebastian Scheel (Linke) im Tagesspiegel eine härtere Gangart an.

Das könnte gewirkt haben und Lompschers gute Laune erklären: 26.149 Wohnungen werden die sechs Firmen bis zum Ende dieser Legislaturperiode im Jahr 2021 fertigstellen, gut 2000 mehr als zuletzt erklärt.

Trotzdem sind das immer noch knapp 4000 weniger als die Koalition versprochen hatte. Lompscher war dafür sogar von ihrem Vorgänger Andreas Geisel (SPD) gerüffelt worden. Die FDP nannte am Dienstag auch die korrigierten Zahlen „ein Armutszeugnis“.

Die Senatorin sieht sich dennoch auf Kurs, zumal viele zusätzliche Projekte mit knapp 50 000 Wohnungen geplant seien. Die Gewobag erklärte zum Jubiläum, vier Milliarden Euro investieren zu wollen in den kommenden zehn Jahren. Das sei ohne Landeszuschuss zu „konkurrenzlos günstigen Zinsen“ möglich, weil die Firma im Branchenvergleich wenig verschuldet sei. Mit den Milliarden will sie 8000 Wohnungen kaufen und 12 000 bauen. Die Siedlung „Waterkant“ in Spandau mit 2500 Wohnungen zum Beispiel, der erste Bauabschnitt läuft.

"Spandau entwickelt sich zum mega-spannenden Bezirk“

Gute Nachrichten vermeldete Lompscher auch von dem zwischen Bürgerbeteiligung und Bauplanungen festgefahrenen Projekt „Gartenfeld“. Auf der früher von Industriebetrieben genutzten Insel sollen mehr als 3500 Wohnungen entstehen – 1300 davon kauft die Gewobag von einem privaten Bauherrn. Damit die vielen neuen Bewohner auf die Insel kommen und nicht im Stau davor stecken bleiben, ist eine neue Brücke notwendig. Die Genehmigung dafür sei auf gutem Wege, sagt Lompscher. Damit bleiben nur noch Details zwischen Bezirk und Investor zu klären, bevor die Bauarbeiten starten können.

„Spandau entwickelt sich zum mega-spannenden Bezirk“, sagt Gewobag-Finanzchef Markus Terboven. Gartenfeld, Waterkant, dazu noch der Siemens-Campus und weiter östlich das Schumacher-Quartier – mit der Stilllegung des Airports Tegel wird Berlins Norden zum Wachstumsquartier der Stadt. Und am ehesten hier entstehen die politisch erwünschten gemischten Quartiere, mit denen das landeseigene Unternehmen an seine Tradition anknüpft.

Diesen Bogen zog jedenfalls Senatorin Lompscher – und flashte damit die Gewobag-Chefin: Schon bei der Gründung der Gewobag sei als Gesellschaftszweck festgeschrieben worden, „Minderbemittelte“ mit Wohnraum zu versorgen – „heute würden wir sagen: breite Schichten der Bevölkerung“, sagt Lompscher. Dasselbe Ziel hätten später Walter Gropius und Hans Scharoun bei ihren Siedlungsprojekten für die Firma verfolgt. Wobei Scharoun die Berliner Mischung selbst gelebt habe: Nach Fertigstellung der Großsiedlung Charlottenburg Nord zog er dort in ein Zwei-Zimmer-Atelier, mit seiner zweiten Frau Margarete. Gut möglich, dass seine erste Frau in der Nähe wohnte, Berliner Patchwork-Familien halt.

Hier entstehen tausende Wohnungen
April 2019. Das Eckhaus an der Daumstraße Ecke Pohleseestraße (also an der Spandauer-See-Brücke) ist höher als die anderen Bauten.Weitere Bilder anzeigen
1 von 46Foto: André Görke
16.05.2019 11:30April 2019. Das Eckhaus an der Daumstraße Ecke Pohleseestraße (also an der Spandauer-See-Brücke) ist höher als die anderen Bauten.

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