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Berlin ist voller Menschen. Doch die Masse ist oft nur Ornament.
© Illustration: Birgit Lang

Allein unter Millionen: Berlin, Hauptstadt der Einsamkeit

300 Tote bleiben pro Jahr unentdeckt in den Wohnungen liegen. In fast der Hälfte der Berliner Haushalte lebt nur eine Person. Doch das Bedürfnis nach Nähe ist enorm.

Von Stephan Haselberger

Erste Übung: Augenkontakt. Drei Minuten am Stück jemand Fremdem in die Augen sehen. Unverwandt, was sonst. Jeden Dienstag ab 20 Uhr ist das in Moabit möglich. Mit Voranmeldung. Es ist die wirksamste Übung, die Sebastian in seiner Selbsthilfegruppe anbietet. „Wo man immer wieder echten Kontakt erleben kann, der möglichst befreit ist von sich verstellen, sich verstecken und allem, was menschlichen Kontakt noch anstrengend macht.“ Kontakt mit Anleitung für eine kontaktgestörte Stadt. Sebastian hat dafür eine spezielle Selbsthilfegruppe gründen müssen: „Authentischer Kontakt & Lebensfreude. Übungen, Spiele, Austausch für junge Menschen, 18–40 Jahre.“

Es klingt paradox, aber Berlin ist die knapp- vier-Millionen-Stadt, aus der Leute wegziehen, weil es ihnen zu einsam ist. Überall Menschen, aber die Masse ist nur Ornament. Verabredungen: immer latent gefährdet. Die Kultur der Unverbindlichkeit wird als Spontaneität verkauft. „Hallo, wir sind verabredet – bleibt es noch dabei?“ Besser nachfragen. Die Wartezimmer der Hausärzte sind überfüllt, die Hälfte will nur reden.

Entgeistert blicken Altmieter die Neuen an, die klingeln, um sich vorzustellen. Die Wirte der Berliner Kneipen schicken nach Stammkunden aus, die sie länger nicht gesehen haben, weil die Nachbarn sowieso nichts merken würden. An den Tresen nimmt die Population der Wölfe auch innerstädtisch zu. Der einsame Wolf sitzt an der Bar und wischt auf seinem Handy potenzielle Partner nach rechts oder links. Er ist nicht einsam, nur unabhängig. Ständig bereit, schnell wieder weg. Gott sei Dank kann man in der U-Bahn in das Ich-Phone gucken, da muss man kein Du sehen.

Einsamkeit ist nicht nur ein Witwen-Problem. In Berlin lebt in 49 Prozent der Wohnungen nur eine Person. Aber Einsamkeit ist ein Tabu. Man schäme sich dafür, sagt Sebastian, der eigentlich anders heißt. Schon es auszustrahlen, löse Fluchtreflexe aus. „Man strahlt Bedürftigkeit aus.“ Auch seine Gruppe handle nicht von Einsamkeit, sagt er. Sie heißt „Lebensfreude“. Sebastian ist jetzt umfangen vom monströsen Polstersofamonster eines Cafés. Er spricht aus den Tiefen des Plüsch.

Jemanden wie ihn würde man sich nicht als einsam vorstellen. Ein schlanker Typ mit intensivem Blick, später Maschinenbaustudent von 36 Jahren, umgeben von vielen Menschen, vielen Kommilitonen. Aber Sebastian ist überzeugt, dass sehr viele echten Kontakt zu anderen nicht kennen. Er weiß es, weil es ihm selber lange so ging. Er sieht, wie viele Menschen sich quälen. Einsame erkennen einander. Er hält das Problem für verbreitet, auch in seinem Alter. Sebastian, mit 20 Jahren aus Thüringen nach Berlin gezogen, sagt, in Berlin herrsche ein hohes Misstrauen und eine hohe Grunddistanz. „Da sind erstmal mehrere Mauern .“

Reden ist überschätzt

Als Anfang des Jahres in England eine Ministerin für Einsamkeit benannt wurde, wirkte das zunächst etwas absurd. Was sollte der Staat damit zu tun haben? Ist nicht der einzige, der Einsamkeit beenden kann, man selbst? Und was hat der Staat, dieses größte Organ, in der tiefsten Innerlichkeit seiner Bürger zu suchen? Mit welchen Mitteln fuhrwerkt er in ihren Seelen? Und mit welchen Methoden ließe sich Einsamkeit beenden?

Reden ist überschätzt, findet Sebastian. Viele, die ihr Leben ändern wollten, glaubten, sie müssten nur ihre Gedanken ändern, ihre Sichtweise. Wenn die Leute helfen wollten, dächten sie nur an Gesprächsangebote. Da sitze man gesprächslastig um einen Tisch. Das ändere oft nichts. Im schlimmsten Fall gebe man einander Ratschläge. Anfangs hat auch er mit den Teilnehmern seiner Selbsthilfegruppe immer geredet, dann aber lieber Blickübungen, Massagen und Lieder eingesetzt. Das hat so viel Intimität hergestellt, dass man nachher auch wieder reden konnte.

Einsamkeit war ein großes Thema für ihn, schon als Kind. Seine Eltern waren, als er klein war, ängstliche Menschen ohne viel Kontakt zu anderen. Er studiert erst Literaturwissenschaft, dann Maschinenbau. Dann entdeckt er die Selbsterfahrungsszene. Instinktiv meidet er psychologische Seminare, er sucht die Körpererfahrungen. Er erlebt, was er vorher nicht gekannt hatte. Jahrelang taucht er ab in die Szene, was ihn einige Semester kostet. Aber diese Selbsterfahrungen mit ihren Gurus sind verbunden mit teuren Wochenendseminaren. „Oft trifft die Einsamkeit Leute ohne Job“, die kaum Geld haben, um ihr Problem zu beheben. Deshalb rief er die Selbsthilfegruppe ins Leben.

Vereinzelung, sagt Sebastian, ist ein Stadtproblem. Die einen bezahlen Masseure und nennen das Wellness, die anderen schlagen sich die Nächte in den Tangosälen um die Ohren. Sie schütten bei Berührung das Bindungshormon Oxytocin aus. Es ist nur ein Kontakt auf Zeit, und manchmal muss man ihn kaufen. Es gebe aber in Berlin viele Leute, die sich verlässliche Kontakte wünschen. Viele suchten dann in Liebesbeziehungen, projizierten alle Wünsche auf einen Partner, der alles erfüllen soll. Aber so eine Gruppe wie seine könne eben auch viele Bedürfnisse erfüllen.

„Kuscheln ist der Königsweg“, hat Sebastian für sich selbst herausgefunden. Seit zwei bis drei Jahren macht er das mehrmals in der Woche. Das Angebot an Kuschelparties ist riesig, weil die Nachfrage so riesig ist. „Kuscheln bedeutet, zur Ruhe zu kommen. Ich komme zu mir“, so beschreibt er das. Es ist, als würde er durch Körperkontakt zu anderen den Kontakt zu sich selbst finden, Entspannung und Urvertrauen. Sebastian hofft, dass das Urvertrauen wächst, und irgendwann auch ohne Kuscheln noch da ist.

Berlin hat kein zuständiges Ministerium für Einsamkeit. Aber man kann bei Yvonne Goth anrufen, Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales, Abteilung „Bürgerschaftliches Engagement“. Goth koordiniert in Berlin die ehrenamtlichen Besuchsdienste und zitiert Initiativen aus einer beeindruckenden Liste, die zeigt, wie dringend das Bedürfnis ist, wie verzweifelt die Anstrengung. Es gibt Besuchsdienste in WGs, zu Hause, mit Tieren und für Queere. Eine ziemlich stabile Anzahl von etwa 1300 Ehrenamtlichen, die zum Teil mit ihrem Engagement zugleich ihre eigene Einsamkeit bekämpften, kümmere sich in Berlin in vielen kleinen Initiativen. Der Bedarf sei enorm, Budget quasi nicht vorhanden. 350 000 bis 400 000 Euro hat sie für die ganze Stadt.

Wenn jetzt plötzlich alle von einer „Epidemie“ der Einsamkeit sprechen, sei das ihrer Erfahrung nach nicht falsch. Die Nachfrage übersteigt ständig das Angebot. Aber das Hauptproblem sei: Die Einsamen haben keine Lobby. Sie haben ja keine persönlichen Beziehungen und wären sie Teil einer Gruppe, empfänden sie sich nicht als einsam. Am Schwierigsten, sagt Frau Goth, sei es deshalb für sie, die Einsamen überhaupt zu finden. Sie sitzen isoliert in ihren Wohnungen. Sie sind eben nirgendwo aktiv. Wie erreicht man sie?

Das Ende der Einsamkeit - nur ein Anruf entfernt

Elke Schillling, Diplom-Mathematikerin, ruft die Telefonhotline „Silbernetz“ ins Leben. Einen 24-Stunden-Dienst für Einsame, die reden wollen.
Elke Schillling, Diplom-Mathematikerin, ruft die Telefonhotline „Silbernetz“ ins Leben. Einen 24-Stunden-Dienst für Einsame, die reden wollen.
© Mike Wolff

Etwa die hier, in der U9 Richtung Wedding, die alle auf ihr Ich-Phone gucken, das ständig berührt werden will? Vermutlich wartet irgendwo auch ein Ich-Pod und ein Ich-Pad, deren Bildschirme den Tag über abwechselnd gestreichelt werden.

Im Weddinger Sprengelkiez, im 4. Stock eines Gewerbehofes sitzt Elke Schilling und verkündet: „Individualität zu Ende gedacht, heißt Einsamkeit.“ Jahrelang hieß es: Selber Schuld. Man solle doch bitte in einen Chor oder in einen Verein gehen. Aber ab einem bestimmten Grad der Vereinsamung sei das Menschen einfach nicht mehr möglich. Diese Erkenntnis sickere langsam durch.

Elke Schilling kennt Einsame jeglichen Alters. Aber keiner würde es so nennen. Weil es eben ein Tabu ist. Eigentlich gebe es in Berlin großes Potenzial: „Wir begegnen einander doch täglich.“ Da gebe es keinen Grund, dass im Jahr 300 Tote unbemerkt in ihren Wohnungen liegen. Rechtsmediziner sagen, der Fäulnisgrad, in denen sie gefunden werden, nehme zu. Das heißt: Sie liegen länger.

Elke Schilling ist Diplom-Mathematikerin, in den Neunzigern war sie vier Jahre Staatssekretärin für Frauenpolitik in Sachsen-Anhalt, dann machte sie Politikberatung. Mit der Pragmatik der ausgebildeten Mathematikerin umreißt sie das Problem und seine mögliche Lösung. Ein Problem, das größer ist als Berlin. 80 Prozent unserer wachen Zeit verbringen wir nicht allein. Aber offenbar mehr nebeneinander, als miteinander. Wenn vom Glück die Rede ist, meint jeder sein eigenes. Elke Schilling kämpft dafür, dass Einsamkeit als Krankheit anerkannt wird. Schließlich können die Folgen tödlich sein. Die Studie, dass Einsamkeit so gefährlich sei wie 15 Zigaretten am Tag, kennt inzwischen jeder. Aber man versteht, wieso die Kassen sich sträuben: Es ist ein Fass ohne Boden. Nun steht Elke Schilling nach vier Jahren Vorbereitung mit einer neuartigen Initiative in den Startlöchern.

Nach dem Vorbild der „Silver Line“, die 2013 im englischen Manchester ins Leben gerufen wurde und im ersten Jahr bereits mehr als 300 000 Anrufe erhielt, will sie zuerst in Berlin, später in ganz Deutschland eine Hotline namens „Silbernetz“ errichten. Eine einzige Nummer für alles – Akuthilfe, Dauerhilfe, Infotelefon– denn die Einsamen können Hilfen nicht mehr selbst recherchieren. 24 Stunden erreichbar soll sie sein, denn die finstersten Krisen setzen erfahrungsgemäß außerhalb von Bürozeiten ein. Über die Weihnachtstage hatten sie einen Testlauf mit 16 Menschen in Schichten an zwei Telefonen. Sie führten mehr als 200 Gespräche. Es gab gehemmte Anrufer und solche mit einer Lebensbeichte. Keine Frage, der Bedarf existiert.

Manche sind aus guten Gründen einsam

Wie in England würden Anrufer auch hier einen „Silbernetz-Freund“ zugeordnet bekommen, der sich einmal in der Woche mit einem „Wohlfühlanruf“ bei ihnen meldet. Das sei der Freundschaftsdienst, dauerhafte Hilfe. 40 ausgebildete Ehrenamtliche zwischen 18 und 83 warten darauf, loslegen zu können. Man hat sie darauf trainiert, den Gehemmten Worte zu entlocken und die Endlosredner zu stoppen. Schilling weiß, es gibt nicht nur liebe Einsame. Manchmal sind da gute Gründe, dass sie allein sind: Weil sie biestig oder übergriffig sind.

Sie glaubt, Massenmedien sind die einzige Art, Einsame effektiv zu erreichen. Denn was tun diese, wenn sie sonst nichts mehr tun? Sie hören Radio oder schauen fern. Sie könnten es schaffen, den Telefonhörer aufzunehmen und eine Nummer anzuwählen, die auf dem Bildschirm eingeblendet wird. Das ist die geringstmöglich Schwelle.

Schilling strahlt, sie hat die Lösung gefunden. Sie ist nach Manchester gefahren und hat sich alles erklären lassen. Sie sah nur Profiteure an jedem Ende der Leitung: Das Telefon lindere die Einsamkeit der Anrufer, zugleich böte es Arbeitsplätze für schwerbehinderte Menschen, die im Rollstuhl sitzen oder blind sind, aber wunderbar telefonieren können. Wenn alles gut geht, schalten sie die Nummer im August frei.

Wichtig ist ihr auch, dass einmal verlässliche Daten erhoben würden. Die Zahlen hierzulande sind nämlich lückenhaft: Über 85-Jährige etwa werden in den Statistiken gar nicht einzeln erfasst. Dabei sei hier die Einsamkeit besonders hoch. Sie kennt die Zahlen vom Berliner Senat: Hochbetagte Gratulanten werden da angeschrieben, ob ein offizieller Besuch zum Geburtstag willkommen sei. Dafür gibt es einen eigenen Besuchsdienst. Ein Drittel antwortet gar nicht auf die Anfrage. Ihre Hypothese: Das ist das vereinsamte Drittel.

Ist man auf dem Land weniger einsam? Ach was, sagt Schilling, nur anders. Man stelle sich vor, da gibt es nur den Nachbarn – und mit dem ist man seit Ewigkeiten zerstritten!

Manche freuen sich mehr über ihr Haustier als über den Partner

Manche freuen sich mehr über ihr Haustier als über ihren Partner.
Manche freuen sich mehr über ihr Haustier als über ihren Partner.
© Illustration: Birgit Lang

„Tiere werden ja als Sozialpartner immer beliebter“, sagt Viola Freidel mit unerschütterlicher Ruhe, bewacht und umrahmt von ihren zwei Hunden in ihrem Büro im Grunewald. Die Vogel-Uhr an der Wand zwitschert zu jeder Stunde. „50 Prozent der Haushalte haben ein Haustier“, sagt sie. Der Milliardenumsatz, der mit ihnen gemacht wird, für Futter, Arztbesuche, Physiologen, Hundefriseure, für Auslauf-Parks und Tier-Pensionen, steige ständig. Ein Drittel der Frauen freuten sich mehr über die Anwesenheit ihres Tieres als über die des Partners, sie zitiere da nur Studien. „Tiere sind einfach verlässlicher als Menschen“, sagt Freidel, als gäbe es daran nichts zu diskutieren. Seit Jahren steigt in Berlin die Zahl der gemeldeten Hunde. Ist Berlin vielleicht deshalb die Stadt der Hunde, weil es die Hauptstadt der Einsamen ist?

Seit 13 Jahren arbeitet sie für den Verein „Leben mit Tieren“, halbe Stelle. „Die Legende sagt“, beginnt Freidel, Mitte der 80er Jahre hätten sich Human- und Veterinärmediziner zusammengetan und bemerkt, dass aus der Gemeinschaft „herausgerissene Menschen“ in der Lage sind, Kontakt zu Tieren aufzubauen. Die Idee kam aus Amerika, wo auch die Wirksamkeit der Methode bewiesen wurde. In West-Berlin fing man an, Mensch-Tier-Begegnungshäuser zu bauen, in unmittelbarer Nachbarschaft von Senioren- und Pflegeheimen. Am Anfang mit Tierarten wie Eseln, Schafen, Schweinen und Meerschweinchen. Es kamen auch Kitas und Schulklassen. Heute finanziert das natürlich niemand mehr. Das letzte von sechs Häusern wurde 2015 in Schmargendorf geschlossen. Seitdem hat sich die „tiergestützte Intervention“ weiterentwickelt.

Als die öffentliche Förderung versiegte, begannen sie mit ehrenamtlichen Besuchsdiensten in Heimen und Alten-WGs. Anfangs noch mit Kaninchen und Meerschweinchen, aber Meerschweinchen sind Fluchttiere, die die Hand des Menschen als Bedrohung sehen. Besser waren Hunde, die der Verein auch nicht mehr selbst halten musste. Sie gehören den Ehrenamtlichen, etwa 45 aktiven. Weil die Tiere auf Eignung getestet werden müssen, schätzen sie zwei auf Tierverhalten spezialisierte Tierärzte ein. Der Hund darf kein aggressives Verhalten zeigen. In einer einstündigen Prüfung für Halter und Hund wird getestet: Kann der Halter den Hund lesen? Sieht er, wenn der Hund überfordert ist? „Sonst müsste der Hund das auf seine Art lösen und Zähne will da keiner sehen.“

Ungeheure Effekte: Leute, die nach Monaten wieder sprechen!

Viola Freidels Problem ist es nicht, die Einsamen zu finden, sondern die Ehrenamtlichen.

"Einsamkeit ist das neue Rauchen, Saufen und Dicksein zugleich"

Manfred Spitzer ist ein Hauptamtlicher. Der Neurologe, Psychiater und Buchautor hat die Einsamkeit bis ins menschliche Gehirn verfolgt. Gerade eben hat er Dutzende Studien zu einem Buch zugespitzt: „Einsamkeit. Schmerzhaft. Ansteckend. Tödlich.“

Ansteckend? Manfred Spitzer hat noch die Schminke des Fernsehstudios im Gesicht, weil dieses Thema plötzlich alle elektrisiert, da musste er ins Morgenmagazin. Am Vorabend sprach er im großen Saal der Urania, nun noch schnell ein Interview in der Lobby. Einsamkeit liegt irgendwie in der Luft! Spitzer ist begeistert. Sein Buch erschien genau zum richtigen Zeitpunkt. Gerade als er damit herauskam, dass Einsamkeit in unseren Kulturen „der Killer Nummer eins“ ist, installierte England das Ministerium gegen Einsamkeit.

Der Killer Nummer eins? Das sei nicht übertrieben, sondern mit Daten bewiesen. „Einsamkeit ist das neue Rauchen, Saufen und Dicksein zugleich.“ Dass Einsamkeit tödlich ist, wurde nach einer ersten Studie von 2010 bekannt, 300 000 Teilnehmer, die zweite Studie hatte 3,5 Millionen.

Ist das nicht etwas übertrieben? Nein, die Daten sind so, sagt Spitzer. Wie mache man denn Epidemiologe? „Man nimmt eine große Gruppe von Leuten, erfragt Blutdruck, Körpergewicht, trinken Sie Alkohol und wie viel? Wie viel Sport machen sie, rauchen Sie, und: Wie einsam fühlen Sie sich? Dann wartet man zehn Jahre und zählt die Toten.“ Simpler gehe es nicht. Man stelle sich dann die Frage: „Wer hatte denn was und ist jetzt tot? Von denen, die gesagt haben, sie sind einsam, sind es die meisten.“

Manfred Spitzer, deutscher Hirnforscher und Leiter des Ulmer Transferzentrums für Neurowissenschaften und Lernen.
Manfred Spitzer, deutscher Hirnforscher und Leiter des Ulmer Transferzentrums für Neurowissenschaften und Lernen.
© Ingo Wagner, DPA/DPAWEB

Zuvor hatte ihn das Ergebnis einer Kardiologen-Studie umgehauen, die in den 40ern begann, aber erst 2009 publiziert wurde. Einsamkeit ist ansteckend! „Es wirkt erstmal wie ein Paradox, ist aber dann keins, wenn man Einsamkeit und Alleinsein unterscheidet. Der objektive Tatbestand sozialer Isolation ist eben nicht gleich Einsamkeitsgefühl. Man kann das Gefühl auch haben, ohne sozial isoliert zu sein. Und dann kann man das Gefühl ansteckend an andere weitergeben.“

Aber dass Einsamkeit körperlich schmerzt, war für ihn die interessanteste Erkenntnis. „Vor 20 Jahren wusste das niemand.“ Denn bei Einsamkeit und Schmerz werde das gleiche Hirnareal aktiviert. „Ich kann mich noch erinnern, auf welchem Sessel ich saß, als ich das 2003 gelesen habe.“ Wenn man es erstmal verstanden hat, werde einem klar, dass man die Sprache hätte ernst nehmen sollen: Einsamkeit schmerzt, Abschied schmerzt! „Und Paracetamol hilft gegen Einsamkeit, doppelblind getestet!“ Ohne diese Studie wäre keiner drauf gekommen. Umgekehrt wirke Gemeinschaft schmerzlindernd.

Plötzlich passte zusammen, dass Menschen, die sich einsam fühlen, einen Schmerzmittel-Missbrauch betreiben. Leute, die noch bis eben des Medikamentenmissbrauchs verdächtig waren, behandelten in Wahrheit damit effektiv ihre Einsamkeits-Symptome im Schmerz-Zentrum.

Spitzer steckt voller Zahlen und statistischer Zusammenhänge. „Frauen leben acht Jahre länger und heiraten zwei Jahre früher, das macht im Schnitt acht Jahre Witwentum.“ Damit sei Einsamkeit im Alter bei Frauen vorprogrammiert. Er sagt, trotzdem sei das Alter nicht die gefährlichste Zeit. „Die einsamsten Leute sind 15- bis 20-jährige Mädchen.“ Paradoxerweise aber deshalb, weil sie sozialer sind als Jungs. Weil ihr Bedürfnis nach funktionierendem Kontakt größer ist, empfänden sie es umso schlimmer, wenn es in der Pubertät mit Zickenkrieg und Mobbing knirscht.

Die Anzeichen für eine chronische Einsamkeit sind dieselben wie für Depressionen: negative Gedanken, man kann nicht schlafen, ist tagsüber ohne Schwung. Möglich, dass die steigenden Zahlen der Depressionen in Deutschland in Wahrheit die steigenden Zahlen der Einsamkeit sind. Einsamkeit ist dann kein Symptom, sondern die Krankheit selbst.

Sebastian, Gründer der Moabiter Selbsthilfegruppe, würde jetzt vermutlich sagen, Einsamkeit geht ja nicht davon weg, dass jetzt alle mal drüber gesprochen haben. Ist nicht irgendwo sichtbar, wie die Einsamkeit verfliegt, eine Methode wirkt?

Sie spürt ihre Eltern. Es spielt keine Rolle, dass sie tot sind.

Allein ist nicht gleich einsam.
Allein ist nicht gleich einsam.
© dpa

Man kann sich mit Valentina Grazzi verabreden, die jetzt mit ihrer Hündin Augusta um die Ecke biegt. In Sizilien, kurz vor dem Städtchen Augusta nämlich, fand sie sie vor Jahren auf der Straße, ein Bein gelähmt. Valentina bemerkte trotzdem sogleich ihre „sehr positive Ausstrahlung“. Und nahm sie bei sich auf.

Valentina Grazzi ist Mitglied bei mehreren Tierschutzvereinen. Schon als Kind hat sie mit ihrer Mutter Pflegeheime in der Nähe von Siena besucht. Und jetzt besucht sie mit ihrer Hündin Pflegeheime in Berlin, um etwas Freude unter die Leute zu bringen. Nebenbei verbessere Augusta das schlechte Image des Straßenhundes. Vor anderthalb Jahren hat sie mit ihrer Hündin im Verein bei Viola Freidel die Prüfung gemacht.

Einmal in der Woche besucht sie Frau Weiß. Gertrude „Tutti“ Weiß, die in einer Demenz-WG am U-Bahnhof Harlemweg lebt. Bevor man mit ihr sprechen kann, musste ihr Vormund zustimmen. Man hat ihr den Besuch nicht angekündigt, weil sie es sowieso wieder vergessen würde. Es ist immer ein Besuch im Jetzt.

Im Zimmer gleich links hinter der Wohnküche trägt Frau Weiß Armreifen und Schmuck, ein flirriges rosawolliges, elegantes Oberteil. In krassem Gegensatz zu ihrer sorgfältigen, absichtsvollen Kleidung liegt sie rücklings schräg über ihr Bett geworfen wie ein gefällter Baum. „Nicht gut,“ erkennt Valentina gleich. Aber dann macht Augusta einen Satz auf das Bett, Valentina legt eine Decke unter. „Wegen der Haare“. Ach, sagt Frau Weiß trocken. „Ich habe auch Haare.“ Dann legt sie ihren Kopf an Augustas Hals.

„Ich bin krank“, erklärt sie. Nichts Körperliches, es war nur irgendwann zu viel für ihre Nerven. Wenn es ihr besser gehe, könne sie nach Hause. „Das ist ja auch teuer hier, jeden Tag. Man sorgt so gut für mich.“ Ein Hund war es, der sie in ihrem sächsischen Dorf jeden Morgen zur Schule begleitet habe. Und einen anderen Hund gab es noch am Tor an der Kette, Lumpi hieß der. Und wenn sie nach Hause kam, dann wartete er schon. Immer hatte sie als Kind einen Hund im Bett.

„Wann bin ich geboren? 1928?“

„Dann sind Sie jetzt 90.“

„90 bin ich? Dann danke ich Gott, dass ich das noch erleben darf.“

Schauen Sie mal, sagt Valentina und hält ihr die Lekkerli für den Hund hin. „Hier“, sagt Frau Weiß und hält die Lekkerli dem Hund hin. „Oh nein“, sagt sie und hält erfreut die Hand hoch. Der ganze Sabber daran.

Frau Weiß hat eine spontane, lakonische Art. Sie will nicht beeindrucken, nicht höflich sein. Frau Weiß, jenseits jeden Kalküls, erzählt einfach. Was man plötzlich sieht, muss also ihr Wesen sein. Witzig, entspannt, die Hand in Augustas Fell. „Wissen Sie, wir hatten auch Hunde, einen am Hoftor an der Kette.“

Sie habe, kommt sie ins Reden, die Ausbildung zur Buchhalterin im Malerbetrieb der Verwandten gemacht. „Eine Tante hat in Berlin gelebt, die brauchte dann jemanden, der ihr hilft.“ Da ist sie hergekommen und machte ihrer Tante die Bücher für deren Mietshäuser. Aber ihre Tante ist dann ganz jung gestorben, mit 85. Deren Witwer wollte dann von ihr, was sie auf keinen Fall wollte, aber da reiste ihre liebe Mutter an und klärte das. Fräulein Weiß hat dann eine chemische Reinigung aufgemacht, gut ging die, ein Auto, Kleider aus dem KaDeWe. Einen Mann hatte sie auch irgendwann, „aber eine richtige Ehe war das nicht“. Die Tante, sagt sie, ist ganz jung gestorben, mit 46. Wir hatten, sagt sie, immer einen Hund, und einen am Hoftor an der Kette. „Damals ging das ja noch, dass einen ein Hund zur Schule begleitete.“

Frau Weiß, gerade noch völlig unbelebt, ist aufgegangen in Gesellschaft. Sicher, der Hund und Valentina sind da, aber auch die Anwesenheit ihrer Eltern ist zu spüren. Es spielt keine Rolle, dass sie tot sind. So lange sie von ihnen erzählen kann, sind sie da. Vielleicht ist sie jetzt so, wie sie früher war. Vielleicht ist dieses gelöste Ich ihr früheres Ich.

„Wenn Sie mich einmal besuchen möchten“, schlägt sie vor. Sie wohne sehr schön, in einer Häuserreihe am Wald. Schön, aber etwas einsam. „Ich hole Sie ab, ich habe ja meinen Wagen.“

Es ist etwas ganz Kleines, was hier passiert. Und es ist etwas ganz Großes, weil Existenzielles, man kann dabei zusehen, wie Frau Weiß wieder ein vollständiger Mensch wird. Lebendigkeit fährt in den gefällten Baum. Der Echoraum von Jahrzehnten ist wieder geöffnet. Es muss das sein, was Sebastian bei den Kuschelparties erlebt. Echter Kontakt. Paradoxerweise ist es zunächst einmal eine Person im Kontakt mit sich selbst, ausgelöst durch den Kontakt mit jemand anders. Wenn Menschen den Kontakt zu anderen vermissen, fürchten sie eigentlich, den Kontakt zu sich selbst zu verlieren.

Dann wird Augusta unruhig. Valentina verabschiedet sich. „Ich hoffe, wir sehen uns mal wieder“ sagt Frau Weiß, als sei davon nicht auszugehen. „Ja“, sagt Valentina, „nächste Woche“. Wie immer. Kontakt ist, wenn die Anwesenheit eines anderen einen Unterschied macht. „Wenn Frau Weiß einmal stirbt, das weiß ich jetzt schon, das wird sehr schwer für mich.“

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