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Himmlische Aussichten über Berlin.
© dpa

Vermeidbarer Lärm oder Neiddebatte?: Anwohner werfen Hobbyfliegern über Berlin „Egoismus“ vor

Hobbypiloten halten Berliner, die der neue Fluglärm nervt, für überempfindlich. Anwohner reagieren nun und werfen den Fliegern Rücksichtslosigkeit vor.

Von Christian Hönicke

Weiterhin kommen Wortmeldungen aus ganz Deutschland zu den Hobbyfliegern, die nun auch in Berlin vermehrt über den Köpfen der Anwohnerinnen und Anwohner kreisen. Vor zwei Wochen hatte meine Kollegin Constanze Nauhaus die Sicht von Piloten dargestellt, daraufhin meldeten sich viele Lärmgeplagte, um zu widersprechen. Hier die neuesten Diskussionsbeiträge:

"Wenn einige wenige viele andere mit ihrem Freizeitvergnügen belästigen und jene sich darüber beschweren, wird dies heutzutage insbesondere von den Verursachern gern abwertend als 'Neiddebatte' bezeichnet, egal ob es sich um Lärm durch Kleinflugzeuge, große schwere Pkw und Motorräder und -boote oder Privatreisen während einer Pandemie handelt, was völlig an der Sache vorbei geht.

Allein das Argument, privates Fliegen 'sei der Inbegriff von Freiheit', zeigt deutlich, dass die Hobbyflieger und die, die es gern wären, ihre Bedürfnisse über die aller anderen stellen. Ich will niemandem das Fliegen, Krad- oder Motorbootfahren verbieten, auch wenn mir die zusätzliche Umweltverschmutzung zum reinen Vergnügen gegen den Strich geht und ich nie verstehen werde, wie man als Erwachsener Freude am Krachmachen haben kann. Aber man möge doch bitte die Mitbürger in Frieden leben lassen, die schon mit dem Straßen- und Schienenverkehr genug geplagt sind.

Durch die Nähe zum Weißen See bin ich selbst betroffen von dem neuen zusätzlichen Lärm, zumal die Cessnas nicht zielgerichtet in gerader Linie fliegen, sondern hier das Ziel in der Betrachtung des Darunterliegenden liegt. Das sich nur langsam bewegende und nahe Geknatter ist nicht zu vergleichen mit dem entfernten Geräusch der großen Maschinen. Ich wäre daher dankbar für eine Beschränkung dieses Flugverkehrs und eine Kontrolle der Flughöhe, mir graut vor den Sommer-Wochenenden." Anja Linkenbach

"Auch wenn ich tief im Berliner Süden wohnend eher von den großen Fliegern in meinem Umfeld genervt werde, lese ich die Entwicklungen gerne in den anderen Bezirken. Über den Sinn des Rumfliegens über Stadtgebiet möchte ich gar nicht philosophieren. Aber ich denke, es ist eine allgemeine Wahrnehmungsstörung, dass der Straßenlärm z.B. für völlig normal angesehen wird und nun das Geknatter am ansonsten ruhigen Himmel als störend empfunden wird.

[Dieser Text stammt aus dem Pankow-Newsletter vom Tagesspiegel. Den kompletten Pankow-Newsletter gibt es kostenlos unter leute.tagesspiegel.de]

Letztendlich sieht man aber gut, dass Lärm durchaus als störend empfunden wird und man sich die Frage stellen muss, ob nun das Geknatter in der Luft unbedingt sein muss, genauso wie die lauten Motorboote auf den Seen und die Diesel-Rasenmäher oder Laubbläser, wo es doch Harken auch tun. Alles ballt sich zusammen mit den Autos zu einem Lärmbrei, der ganz langsam an den Nerven der Menschen sägt. Stadt hin, Stadt her…alles muss ja nicht unbedingt sein." Martin Senzel, Lichtenrade

"Die Hobby-Piloten stören nicht nur in Berlin, auch hier bei uns in der Nähe von Mönchengladbach fliegen diese 'Rasenmäher' teilweise im Minutentakt über die anliegenden Wohngebiete. So entsteht ein Lärmpegel weit über 65dB. Ein Einsehen seitens der Piloten ist auch nicht zu erkennen, es gäbe alternative Routen, diese werden aber nicht genutzt. Und leider befinden sie sich im Recht, wir können als Anwohner nichts unternehmen als nur höflich zu bitten, die Überflüge zu reduzieren. Ich hoffe, dass an dieser Stelle sich die rechtliche Lage endlich ändert und man diesen uneinsichtigen Personen ihr Hobby verbieten kann."  Daniel Meixner

"Typisch Tagesspiegel, das Wort 'Rumgeknattere' in der Fragestellung zeigt schon die Parteilichkeit dieser Zeitung. Ähnliches zu den Themen Fahrrad, 'SUV', Hausbesitzer. Wie soll man da dieser Zeitung auch nur ein einziges Wort glauben, wenn es um komplexere Themen wie Weltpolitik geht? Viel Presselärm um nichts! 'Qualitätsjournalismus' ade." Jens Franke

"Für mich ist das wieder ein Beispiel für die 'strukturelle Asymmetrie' staatlicher Maßnahmen. So werden die Außenbereiche der Gastronomie vom Ordnungsamt mit dem Zollstock nachgemessen und der Luftraum wird überhaupt nicht kontrolliert.

Vor knapp 20 Minuten ist ein Kleinflugzeug über Tegel geflogen, dass deutlich lauter als die meisten anderen Flugzeuge zu hören war. Ich habe deshalb die Online-Flugtracker 'ADS-B-Exchange' und auch 'Flightradar24' aufgerufen. Das Flugzeug hatte über Tegel eine Flughöhe von 800 ft. und im weiteren Verlauf über Pankow von 900 ft, also jeweils deutlich unter der Mindestflughöhe von 1000 ft.

Nach meiner Korrespondenz mit der Luftsicherheitsbehörde habe ich keine Hoffnung, dass dieser Verstoß gegen die Flugregeln geahndet wird. Die Aussage der Behörde, dass die frei zugänglichen Tools falsche Messergebnisse auswerfen, halte ich für eine Schutzbehauptung. Ich rechne nicht damit, auf mein Schreiben an Frau Senatorin Regine Günther eine Antwort zu erhalten." Boris Bonczyk, Tegel

"Zum Thema Rumgeknattere über Pankow möchte ich zu Bedenken geben, dass viele Menschen durch den Fluglärm von TXL regelrecht 'lärmkrank' geworden sind. Man sollte auch bedenken, dass gerade Pankow keinerlei Lärmschutz hatte. Somit ist es nicht verwunderlich, wenn jedes Fluggerät sofort Ärger verursacht. Wenn nun jemand schreibt, dass es ja nur zwei Hände voll Flugbewegungen innerhalb einer Woche sind, bekommt er sicher nicht alle mit. Das passiert bereits an einem einzigen Wochenende, wenn das Wetter gut ist. Dazu kommen noch die Rettungs- und Einsatz-Hubschrauber.

Bei einer Lärmentwicklung sollte man immer unterscheiden, ob der Lärm sein muss oder nicht. Sicher sind Rettungsflieger immer vorrangig zu sehen. Dass Hobbyflieger es als ihre Freiheit betrachten, über andere Menschen rumzuknattern, ist auf jeden Fall infrage zu stellen. Es geht doch den Hobbyfliegern um das Fliegen. Das können sie aber doch auch über den Feldern von Brandenburg, es muss doch nicht über der Stadt sein.

Ich hoffe jedenfalls, dass niemals so ein Kleinflugzeug abstürzt, so wie damals ein Kleinflugzeug im Anflug auf Tempelhof in eine Häuserwand prallte. Das Risiko besteht doch immer. Die Begründung, dass man ja in einer Stadt Lärm zu ertragen ist, ist eine etwas zu einseitige Betrachtungsweise. Die Devise sollte heißen: Lärmverminderung dort, wo es sich vermeiden lässt. Und Hobbyfliegerei über einer Stadt kann und sollte man vermeiden." Evy Bart

"Auch ich teile mein Unverständnis über die Erlaubnis, über so dicht besiedeltem Gebiet zu fliegen. Auch über die Erlaubnis, aus Freude am Fliegen Hunderttausende belästigen und die Umwelt belasten zu dürfen. Wir hatten bisher in Lübars nur kaum hörbaren Fluglärm. Nun ist es zwar seltener, dafür aber störend. Ein Flugverbot wäre angebracht." Renate Schwarz

Und hier mehr der aktuellen Themen im Newsletter aus Berlin-Pankow

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