Brauchen Denkmäler Erklärung? : Wie eine Thälmann-Statue eine Debatte auslöst

Der Bezirk Pankow plant für das Thälmann-Denkmal eine Hinweistafel. Ist das ein Vorbild für den Umgang mit belasteter Geschichte?

Das Ernst-Thälmann-Denkmal in Berlin-Pankow
Das Ernst-Thälmann-Denkmal in Berlin-PankowFoto: Kai-Uwe Heinrich

Das Ärgernis ist monumental: Es ist 13 Meter hoch, aus Bronze gegossen und steht auf einem Sockel ukrainischen Granits. Park und Statur tragen denselben Namen: Wald und Mahnmal sind seit 1986 Ernst Thälmann gewidmet. Der KPD-Politiker wurde zu DDR-Zeiten als Held gefeiert. Heute empfinden immer mehr Menschen die Ehrerbietung mit der geballten Faust als fragwürdig. Der Bezirk Pankow will der Kontroverse nun gerecht werden und handeln – das hat das Bezirksamt nach langem Ringen nun angekündigt.

Thälmann war Politiker in der Weimarer Republik. Er war Vorsitzender der KPD und dessen paramilitärischen Rotfrontkämpferbunds. Kritiker sehen in ihm einen Demokratiefeind; Verehrer dagegen ein politisches Opfer des Nationalsozialismus, das 1933 verhaftet und wohl auf direkten Befehl Adolf Hitlers 1944 im KZ Buchenwald hingerichtet wurde. Die rostige Stele in Prenzlauer Berg steht bislang ohne Einordnung da. Ab 2020 soll sie für 150.000 Euro saniert werden. Andere hätten sie lieber abgerissen.

Pankows Bezirksamt hat nun beschlossen, einen Künstlerwettbewerb auszuloben. Bis 2021 soll eine Hinweistafel aufgestellt werden, die die Geschichte Thälmanns „historisch kritisch aufarbeitet, kommentiert und anschaulich macht“.

Über 8000 Objekte umfasst die Berliner Denkmalliste

Ein Vorbild für andere? Immerhin stehen nach Angaben der Senatskulturverwaltung über 8000 Positionen auf der Berliner Denkmalliste. Darunter sind Baudenkmäler, Gartendenkmäler und ganze Ensembles. Neben jüngeren, wie etwa dem Flughafen Tegel und den U-Bahnhöfen der U7, stammen viele von ihnen aus vergangenen Epochen. Sie sind in der Preußen- und Kaiserzeit entstanden, der Nazi-Diktatur, dem Kalten Krieg – und nicht selten politisch umstritten. Der Fall Thälmann zeigt, dass sich viele Beobachter hier mehr Orientierung wünschen.

Oft stehen die Denkmäler nur mit der Plakette dar, die ihnen von den Würdigern einstmals verpasst wurde. Die Bewertung der Figuren heute ist aber oft eine andere, sagt Rainer Klemke. Der 70-Jährige war 18 Jahre lang Gedenkstätten- und Museumsreferent des Berliner Senats. Seither widmet er sich im Ruhestand der Geschichte. Zu seinen Projekten gehören das geplante Museum „Kalter Krieg“ am Checkpoint Charlie, aber auch eine kostenfreie App, die Berliner Geschichte im Stadtbild mit Zeitzeugeninterviews, Biografien, Karten und Vergleichsbildern auf dem Smartphone erlebbar macht.

Rainer Klemke, vormals Berliner Senatsverwaltung
Rainer Klemke, vormals Berliner SenatsverwaltungFoto: Thilo Rückeis

Wer verehrt wird oder nicht, soll jeder selbst entscheiden

Klemke findet den Pankower Vorstoß richtig und wichtig. „Ein politisches Denkmal ist immer Ausdruck seiner Zeit und insofern später erklärungsbedürftig“, sagt er. „Es bedarf zumindest einer Orientierung – wobei ich die Einordnung selbst stets dem Publikum überlassen würde.“ Im konkreten Fall von Thälmann sei unbestritten, dass dieser eine Person der Zeit- und auch Parteiengeschichte sei. „Ob jemand verehrenswert – oder auch verachtenswert ist, das muss jeder für sich entscheiden dürfen.“ Die dazu nötigen Fakten könne eine App wie die seines Projekts liefern – oder eben eine Hinweistafel oder Infostele. Ähnliche Glastafeln gebe es mancherorts in Berlin bereits. Der Thälmann-Text für die App sei schon in Arbeit, sagt Klemke.

Eine derlei gestaltete Kommentierung von Denkmälern sei auch gar nicht unüblich, heißt es dazu aus dem Senat. Die Kulturverwaltung will sich zwar zum konkreten Fall Thälmann in Pankow nicht erklären. Grundsätzlich heißt es aber: „Manches braucht einfach eine Einordnung und zusätzliche Erklärung, häufig im Zusammenhang mit dem historischen Kontext“, sagt Daniel Bartsch, Sprecher von Kultursenator Klaus Lederer (Linke).

Vorbild Pankow? Andere Bezirke reagieren zurückhaltend

Allerdings müsse auch eine solche Einordnung mit Maß vorgenommen werden: „Da Denkmale eigentlich für sich selbst sprechen sollen, sollte eine zusätzliche Information zur Erklärung bzw. Einordnung aber die Wirkung des Denkmals nicht überlagern oder beeinträchtigen.“

Ob Pankow mit seinem Vorstoß für andere Bezirke ein Vorbild sein könnte – oder ähnliche Vorhaben vielleicht geplant oder schon umgesetzt sind –, ließ sich am Freitag nicht feststellen. Aus den anderen Bezirken gab es – wohl auch wegen des Brückentags – zunächst keine Antworten. Lediglich aus dem Bezirk Mitte hieß es, dass man sich nicht damit auseinandersetze. „Nach Rücksprache mit der zuständigen Abteilung können wir nur sagen, dass wir Vorhaben in Pankow nicht bewerten und es in Mitte derzeit dazu keine weiteren Überlegungen gibt.“

Der Fall Thälmann ist nicht allein umstritten

Über die Verankerung von Infos vor Ort verweist der ehemalige Denkmal-Referent Klemke auch auf die Dauerausstellung in der Zitadelle Spandau, die sich um Einordnung schon seit 2016 bemüht. Unter dem Titel „Enthüllt“ sind im dortigen Proviantmagazin etwa 600 politische Denkmäler, die einst das Berliner Stadtbild prägten, ausgestellt und erläutert. Das Luftbrückendenkmal, erklärt Klemke, sei ebenso darunter wie die „Puppen“, jenes Sandstein-Ensemble antiker Götter aus dem Tiergarten – oder der Kopf der Lenin-Statue vom Platz der Vereinten Nationen, die 1991 abgebaut und im Köpenicker Forst deponiert worden war.

Diskussionen um historische Altlasten und fragwürdige Ehrerbietung gegenüber Personen und Daten der Zeitgeschichte gibt es immer wieder. Im Wedding wird seit mehr als zehn Jahren heftig über die Umbenennung von Straßen des Afrikanischen Viertels aus kolonialer Vergangenheit gestritten. Ähnliche Debatten werden auch in anderen Bezirken wie Kreuzberg und Steglitz geführt, wo Straßen und Wege nach Kriegsministern, Generälen und Schlachten verschiedener Epochen benannt sind.

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