• Club-Betreiber Sascha Disselkamp: „Politiker haben gerade tausend andere Dinge zu tun“

Club-Betreiber Sascha Disselkamp : „Politiker haben gerade tausend andere Dinge zu tun“

Sascha Disselkamp betreibt in Berlin Clubs und Restaurants. Die will er in der Corona-Krise retten. Aber andere Dinge seien zunächst wichtiger. Ein Interview

Sascha Disselkamp Anfang der Woche in seinem Sage-Restaurant in der Köpenicker Straße in Kreuzberg.
Sascha Disselkamp Anfang der Woche in seinem Sage-Restaurant in der Köpenicker Straße in Kreuzberg.Foto: Kevin P. Hoffmann

Herr Disselkamp, wie genau ist die Schließung des Sage-Clubs und des KitKat-Clubs abgelaufen? Musste die Polizei kommen?

Der Sage-Club hatte am vergangenen Donnerstag zuletzt auf. Meine beiden Kompagnons und ich hatten versucht, alle Beteiligten einzubinden. Wir haben auch die Band gefragt, die extra angereist war. Alle wollten das durchziehen. Obwohl uns da schon klar war, dass es das vorerst letzte Mal sein würde.

Warum?

Weil einfach schon deutlich weniger Gäste gekommen waren. Und weil es da schon im allgemeinen Bewusstsein angekommen war, dass das Virus auch in Clubs übertragen wird – wie etwa in der „Trompete“ geschehen.

Wie war die Stimmung auf der Party?
Entspannt bis gespenstisch. Es ist kein rauschendes Fest geworden. Und ich finde, wir haben derzeit auch keinen Grund dazu, irgendetwas rauschend zu feiern.

Wie war es im weltberühmten KitKat-Club?

Der hatte sich schon vor drei Wochen auf eine Schließung vorbereitet, nachdem eine erste größere Gruppe von Gästen aus Italien abgesagt hatte. Vergangenen Freitag und Samstag war der Club dann nur für Personal und ein paar Freunde des Hauses offen. Wir haben die Party live im Internet übertragen.

Was hat man da sehen können?

Eigentlich kaum mehr als einen DJ, der zwischen Klopapier und Desinfektionsmittel stand. Hier und da sind Leute durchs Bild gerannt und haben getanzt. Die Clubcommission, unser Verband, plant aber Ähnliches im großen Stil mit vielen verschiedenen Clubs.

Angestellte im KitKat Club in Berlin-Mitte. Der Fetisch-Club lockt Gäste aus aller Welt. Er teilt sich die Räume mit dem Sage-Club, den Sascha Disselkamp mitgegründet hat.
Angestellte im KitKat Club in Berlin-Mitte. Der Fetisch-Club lockt Gäste aus aller Welt. Er teilt sich die Räume mit dem...Foto: Hannibal Hanschke/Reuters

Durch Streaming im Internet verkauft man aber keine Getränke.
Ja, aber es ist uns wichtig, ein Signal zu senden. Das lautet: Wir haben vor, weiter da zu sein – egal, wie lange diese Phase in unserem Leben dauert! Danach werden wir aufstehen und weitermachen. Die Leute sollen sehen, dass wir jetzt nicht alle die Mietverträge gekündigt kriegen, insolvent gehen und schließen müssen. Am Ende wird vieles von dem, was die Leute lieben, noch existieren.

War die Entscheidung des Senats, pauschal alle Clubs zu schließen, richtig?

Ich verfolge das Thema natürlich seit Wochen aufmerksam und war trotzdem überrascht, wie plötzlich auch uns so ein Beschluss getroffen hat. Aber ist er richtig? Definitiv ja! Es geht um den Schutz Hunderttausender Menschen. Es geht darum, das gesamte Gesundheitssystem arbeitsfähig zu halten, um auch Leute behandeln zu können, die andere Krankheiten oder Unfälle haben.

Unterstellen wir, dass Clubs für Wochen oder Monate schließen müssen. Was bedeutet das für Ihre Geschäfte?

Nach meinem Gespräch mit dem Finanzamt wie mit den Vermietern der Restaurants hatte ich das Gefühl, auf sehr viel Verständnis gestoßen zu sein. Deshalb gehe ich nicht davon aus, dass man ein Versagen von uns als Unternehmern als Ursache für eine Kündigung nimmt.

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Mit dem Vermieter Ihrer Clubs gab es schon vor Corona Probleme. Er will die Immobilie anders nutzen.
Wir hatten noch keinen Kontakt. Es ist nicht meine erste Sorge, was der Vermieter dazu sagt, wenn wir wegen Corona nicht mehr in der Lage sind, die Miete zu bezahlen. Dafür wird wohl jeder Mensch Verständnis haben. Denn es werden sicher noch viel größere Probleme auf uns zukommen, wenn Unternehmen wie Lufthansa oder VW ihren Betrieb einstellen. Irgendwann geht es um die Frage: Wer holt eigentlich unsere Ernte vom Feld?

Was sagen Clubs und Restaurants jetzt an die Adresse der Politik?

Wir versuchen gemeinsam mit der IHK und dem Hotel- und Gaststättenverband Dehoga, den rechtlichen Rahmen zu ändern. Es geht zum Beispiel darum, das Dauerschuldverhältnis aus Mieten und Krediten anders abzusichern. Es hilft uns wenig, wenn man uns Geld leiht, das wir später zurückzahlen müssen.

Das heißt, sie rufen Staat beziehungsweise Steuerzahler um Hilfe?

Ich habe Scholz und Altmaier so verstanden, dass der Staat – und damit die Steuerzahler – helfen. Die Minister haben gesagt, man solle mit der Hausbank reden, es seien Kredite in unbegrenzter Höhe vorhanden. Wir als Clubs sind die ersten Opfer. Und wir werden auch die letzten Opfer sein. Weil bei uns die Menschen auf Tuchfühlung gehen, werden Clubs sicher als Letzte wieder die Erlaubnis bekommen, unser normales Business wieder aufzunehmen. Da werden alle anderen längst wieder produzieren.

Sascha Disselkamp, Betreiber des Sage Club und des Sage Restaurant in Berlin-Kreuzberg in seinem Sage-Restaurant am Spreeufer in Kreuzberg. Disselkamp ist auch Mitgründer und Vorstandsmitglied der Clubcommission, dem Verband der Berliner Clubbetreiber.
Sascha Disselkamp, Betreiber des Sage Club und des Sage Restaurant in Berlin-Kreuzberg in seinem Sage-Restaurant am Spreeufer in...Foto: Kevin P. Hoffmann

Was können Clubs und Restaurants für die Angestellten tun?

Natürlich müssen wir viele Mitarbeiter zum Arbeitsamt oder in die Kurzarbeit schicken – oder sogar entlassen. Dazu gibt es keine Alternative. Die finanziellen Ressourcen, die wir noch haben, brauchen wir, um diesen Prozess zu organisieren und individuelle Härten aufzufangen.

Inwieweit besteht das Risiko, dass Sie bewährte Mitarbeiter verlieren, wenn das alles zu lange dauert?
In einer Whatsapp-Gruppe haben sich bereits 100 Clubbetreiber vernetzt. In einer anderen sehr viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Wir helfen uns gegenseitig mit Informationen. Zugleich nutzen viele die Arbeit im Nachtleben als ein Zwischenstadium während des Studiums zum Beispiel. Wir sind eine gewisse Fluktuation also gewohnt. Und so wird es jetzt auch wieder kommen.
Was ist Ihr konkreter Wunsch an Michael Müller und Angela Merkel in dieser Lage?

Eine Änderung des BGB dahingehend, dass nicht wir diejenigen sind, die zu entschädigen sind, damit wir die Miete zahlen können. Unsere Partner auf der anderen Seite, die Vermieter und Kreditgeber, sollten einen Schadensanspruch an Land oder Bund stellen können ...

Aber?

Eigentlich sind wir noch nicht in der Situation, uns an Bürgermeister oder Kanzlerin zu wenden. Die haben auch gerade tausend andere Dinge zu tun. Die sollen mal lieber zusehen, wie sie das mit den Schulen und den Lebensmitteln organisieren – und wie sie Beatmungsgeräte nach Italien bekommen. Diese Art der Solidarität brauchen wir jetzt. Wir müssen uns sammeln und werden unser Anliegen zum passenden Zeitpunkt vorbringen. Erstmal geht es heute zunächst auch an die eigenen Kollegen: Wenn ich lese, dass Barbetreiber versuchen, die Sperre zu umgehen, werbe ich bei ihnen um Verständnis. Macht eure Läden jetzt zu!

Das Interview führte Kevin P. Hoffmann

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Sascha Disselkamp ist Mitgründer der Clubcommission, des Verbandes der Berliner Partyveranstalter und Clubbetreiber. Der Verband hat am Dienstag eine Spendenaktion gestartet und angekündigt, weiter Partys zu streamen. Clubbesucher können für 10, 20 oder 30 Euro über die Plattform Betterplace spenden und erhalten eine virtuelle Clubmarke. Damit kann man über die neue Plattform UnitedWeStream DJ-Sets und Diskussionen verfolgen, mitfeiern - ohne in der Schlange zu stehen, wie es heißt.

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