Corona-Hotspot in Potsdam : Der Kampf gegen das tödliche Chaos am Bergmann-Klinikum

Potsdam ruft nach der Bundeswehr: 83 Patienten und 174 Mitarbeiter sind in Brandenburgs zweitgrößter Klinik infiziert. Einen RKI-Rat lehnen Stadt und Land ab.

In der Krise: das Ernst-von-Bergmann-Klinikum in Potsdam.
In der Krise: das Ernst-von-Bergmann-Klinikum in Potsdam.Foto: Ottmar Winter/PNN

Der Covid-19-Ausbruch im kommunalen Potsdamer Klinikum „Ernst von Bergmann“ (EvB) hat schon jetzt dramatische Folgen: 28 Menschen sind seit dem 26. März in Brandenburgs zweitgrößtem Krankenhaus nach Infektion mit dem Coronavirus gestorben. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass sich viele von ihnen erst im Krankenhaus infiziert haben.

13 weitere Infizierte müssen derzeit auf der Intensivstation des Klinikums beatmet werden – und für die kommenden Wochen ist keine Entwarnung in Sicht.

Potsdams Oberbürgermeister Mike Schubert (SPD) kündigte am Ostermontag auf einer Pressekonferenz weitere Schritte an, wie der Ausbruch unter Kontrolle und für das weitere Krisenmanagement hemmende Missstände am Klinikum beseitigt werden sollen, die auch der von dieser Zeitung am Sonntag publik gemachte Bericht des Kriseninterventionsteams des Robert-Koch-Instituts (RKI) vom 6. April offenbart hatte.

Ungewiss bleibt, wann das zweitgrößte Krankenhaus Brandenburgs, für das vergangene Woche nach dem außer Kontrolle geratenen Corona-Ausbruch ein Aufnahmestopp verhängt wurde, wieder für die Normalversorgung zur Verfügung stehen kann.

Schubert wollte sich auf keine Aussage festlegen. Aktuell gehe es zunächst darum, die Lage im Klinikum in den Griff zu bekommen, sagte er. Er bestätigte, dass die Landeshauptstadt bei der Bundeswehr um Hilfe gebeten hat. Es geht nach seinen Worten auch um stabserfahrene Kräfte.

Nein zu einer zentralen Covid-19-Klinik für Brandenburg

Gleichzeitig erteilte Schubert einer Empfehlung des Robert-Koch-Instituts (RKI), das das Krankenhaus inspiziert hatte, eine Absage, das 1100-Betten-Klinikum zur zentralen Klinik für Covid-19-Patienten der Region oder sogar des ganzen Landes Brandenburg umzufunktionieren.

Muss sich als Krisenmanager bewähren: Potsdams Oberbürgermeister Mike Schubert (SPD) am Montag mit dem RKI-Bericht.
Muss sich als Krisenmanager bewähren: Potsdams Oberbürgermeister Mike Schubert (SPD) am Montag mit dem RKI-Bericht.Foto: Fabian Sommer/dpa

Aktuell sind dort noch 211 Patienten in Behandlung, davon 83 mit dem Coronavirus infiziert, 18 liegen auf der Intensivstation. Inzwischen sind laut Klinik 174 Mitarbeiter infiziert, darunter auch Ärzte, wie erstmals bestätigt wurde. Besonders betroffen ist die Geriatrie. Man verfolge derzeit weiter die Strategie, des Ausbruchsgeschehen unter Kontrolle zu bringen, sagte Schubert.

Ministerium: „Dürfen uns nicht nur auf Covid-19 fokussieren“

Auch das Landesgesundheitsministerium lehnt die Idee eines reinen Corona-Krankenhauses ab. „Das Konzept von reinen Covid-19-Krankenhäusern widerspricht dem dezentralen Versorgungsansatz im Flächenland Brandenburg und auch der sich daraus ergebenden Lastenverteilung“, sagte Ministeriumssprecher Gabriel Hesse auf Anfrage. Es gebe noch viele andere lebensbedrohliche Krankheiten, die auch in Potsdam adäquat versorgt werden müssten. „Wir dürfen uns jetzt nicht nur auf Covid-19 fokussieren“, so Hesse. Das Bergmann-Klinikum als Schwerpunktversorger sei aus Sicht des Ministeriums mit seinen zahlreichen Schwerpunktabteilungen nicht als reines Corona-Krankenhaus geeignet.

Unterdessen hat auch nun auch die erste Außenstelle des Bergmann-Klinikums in Potsdam-Mittelmark Corona-Fälle. Vier Patienten im Bad Belziger Bergmann-Klinikum sind positiv auf das Coronavirus getestet worden, wie der Kreis am Montag auf Anfrage bestätigte.

Krankenhaus wird in drei autarke Kliniken aufgeteilt

Nach dem RKI-Untersuchungsbericht sind das Ausmaß des Ausbruchs sowie die Missstände und auch die Folgen der Krise im Klinikum weit größer, als die Verantwortlichen noch vorige Woche öffentlich eingeräumt hatten. „Momentan hat das EvB mehr als 80 stationäre Covid-19-Patientinnen und Patienten, von denen ein großer Anteil aus dem geriatrischen Bereich stammt“, so der fünfseitige RKI-Befund. Diese Zahlen hatte die Stadt zwar genannt. Doch weiter heißt es: „Es muss in den kommenden Wochen mit einer hohen Anzahl an schweren Verläufen mit Intensiv- und Beatmungspflichtigkeit gerechnet werden.“

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Zwar habe das Klinikum angegeben, es gebe sogenannte „weiße“ coronafreie Bereiche, die sicher seien, „aber die Wahrscheinlichkeit, dass Covid-19-Patientinnen und -Patienten dort liegen, erscheint angesichts der großen Anzahl an Covid- 19-Patientinnen und Patienten im Klinikum als relativ groß“, so das RKI. Daher war das RKI zu der drastischen Empfehlung gekommen: „Es sollte überlegt werden, das EvB als zentrale Klinik für Covid-19-Patientinnen und Patienten einzurichten.“ Zwar wurde dem eine Absage erteilt. Das hat jedoch zur Folge, dass jetzt das Bergmann – auch baulich und von den Zugängen – in drei autarke Kliniken aufgeteilt wird, einen Corona-Bereich, einen „grauen“ und einen sicheren „weißen Bereich.“

Die Verunsicherung ist groß im Bergmann-Klinikum in Potsdam.
Die Verunsicherung ist groß im Bergmann-Klinikum in Potsdam.Foto: Ottmar Winter/PNN

Nach Auskunft von Schubert werden die Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts umgesetzt, auch mit externen Experten. So hat die Landeshauptstadt Potsdam die Unternehmensberatung Kienbaum beauftragt, die die Umsetzung der auf Grundlage der RKI-Hinweise erlassenen Anordnungen zum Krisenmanagement am Bergmann begleiten soll.

Das Ausmaß des Covid-19-Ausbruchs ist einzigartig

Am vergangenen Dienstag hatte Schubert – nach einer ersten Arbeitsfassung des RKI-Berichtes – sogar die Staatsanwaltschaft eingeschaltet. Sie soll prüfen, ob mutmaßliche Meldeverstöße dreier Ärzte und vermutetes Organisationsversagen der zweiköpfigen Geschäftsführung, bestehend aus Steffen Grebner und Dorothea Fischer, strafrechtlich relevant sind. Schubert hatte gegen die fünf Personen Ordnungswidrigkeitsverfahren eingeleitet.

Das Bergmann-Klinikum ist eines von 103 Krankenhäusern in Brandenburg und Berlin. Kein anderes hat mit einem annähernd so massiven Covid-19-Ausbruch zu kämpfen.

Infektionen durch mehrfache Umzüge ganzer Stationen

Wie konnte es soweit kommen? Der RKI-Bericht zeichnet ein erschreckendes Bild, wie sich das Virus im Klinikum ausbreiten konnte – sogar nach dem ersten Ausbruch in der Geriatrie mit 33 infizierten Patienten, der nach Klinikangaben am Abend des 27. März mit Laborbefunden bekannt geworden war.

Im Bericht heißt es, dass es danach durch mehrfache Umzüge ganzer Stationen und Bereiche mit zahlreichen bekannten und noch nicht bekannten Covid-19-Patienten zu weiteren Übertragungen gekommen sein könnte. Bestätigt waren laut RKI-Befund am 27. März neben der Geriatrie auch Infektionen unter anderem in der Urologie, der Nephrologie und der Allgemeinchirurgie. Dem Land war der Ausbruch offiziell am 30. März gemeldet worden.

Das RKI hat im Bericht auch angemahnt, dass das Klinikum eine „Linelist und Zeitschiene“ führen müsse, es geht um Patientenbewegungen, „da sonst kein Überblick über das Geschehen gewonnen werden kann“. Die Potsdamer Amtsärztin Kristina Böhm sagte am Montag, dass eine solche Linelist im Regelbetrieb etabliert sein müsste und beim Bergmann 2019 im Zusammenhang mit kleineren Krankenhausinfektionen angemahnt worden sei.

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