Corona-Pandemie in Berlin : Die gelockerten Regeln lassen viele die Krise vergessen

Die einen tragen Mundschutz auf dem Fahrrad, die anderen chillen zu fünft auf der Wiese. Beobachtungen in der Lockerungsphase.

Christoph M. Kluge
Viele Menschen trauen sich wieder zum Bummeln und Einkaufen auf die Straße. Der Wochenmarkt auf dem Boxhagener Platz war gut gefüllt.
Viele Menschen trauen sich wieder zum Bummeln und Einkaufen auf die Straße. Der Wochenmarkt auf dem Boxhagener Platz war gut...Foto: Christian Mang, Reuters

Die entschärften Verhaltensregeln in der Pandemie haben offenbar auch bei vielen Berlinern die Angst vor einer Ansteckung mit dem Virus weichen lassen, besonders beim gemeinsamen Chillen im Park. Am Freitagabend saßen im Weinbergspark in Mitte viele Menschen in größeren Gruppen entspannt zusammen, als hätte sich die Krise schon erledigt.

Der Wochenmarkt am Maybachufer in Neukölln wurde wegen Überfüllung und nicht eingehaltener Abstandsregeln am Freitag geschlossen. Der Betreiber muss jetzt mit einem Bußgeld rechnen. Am Sonnabend entspannte sich die Lage etwas, auch wegen des kühleren Wetters. 700 Polizeibeamte waren unterwegs, deutlich mehr als am Freitag.

Ihre vorläufige Bilanz: Die Berliner hielten sich „weitestgehend“ an die Abstandsregeln. Verstöße kämen immer wieder vor. Doch wenn die Beamten darauf hinweisen, zeigten sich die meisten einsichtig. Um größere Gruppen aufzuklären, setze man auch Lautsprecheranlagen ein.

Mehrere 100 Besucher hätten sich im Volkspark Friedrichshain, rund 250 Besucher in der Hasenheide aufgehalten. Auf dem Tempelhofer Feld waren es laut Polizei rund 1500 Menschen. Das sei zwar viel, aber angesichts der Größe des Feldes noch in Ordnung, sagte eine Sprecherin.

Mund- und Nasenschutz aus dem Wäscheschrank. Die Demo am Rosa-Luxemburg-Platz.
Mund- und Nasenschutz aus dem Wäscheschrank. Die Demo am Rosa-Luxemburg-Platz.Foto: Robert Klages

Die Polizei sperrte am Nachmittag den Zugang zum Rosa-Luxemburg-Platz. Dort hatten sich rund 300 Menschen versammelt, darunter Rechtspopulisten und Verschwörungstheoretiker, um gegen die staatlichen Einschränkungen in der Pandemie zu protestieren.

Die Demo war nicht genehmigt worden. Linke Gruppen hatten eine Gegendemo organisiert. Die Menge der Demonstranten schwoll zeitweise auf rund 1000 Personen an – dicht beieinander stehend, die meisten vor den Absperrgittern der Polizei.
Die Beamten forderten die Teilnehmer mehrfach über Lautsprecher auf, den Ort zu verlassen. Mehrere Personen wurden festgenommen, darunter ein rechtsextremer Publizist, der als "Volkslehrer" bekannt wurde. Nach und nach zerstreute sich am Nachmittag die Menge.

Mit großen Transparenten versucht Grün Berlin, die Parkbesucher auf Abstand zu halten.
Mit großen Transparenten versucht Grün Berlin, die Parkbesucher auf Abstand zu halten.Foto: Thomas Loy

In den großen Parkanlagen, die Grün Berlin managt, wirbt die Parkaufsicht mit großen orangenen Transparenten: „Bitte halten sie sich zu Ihrem eigenen Schutz beim Besuch des Parks unbedingt an die behördlichen Vorgaben, um weitere Einschränkungen oder gar eine Parkschließung zu vermeiden.“

Hinter dem Transparent am Eingang zum Tempelhofer Feld steht ein Wachmann mit gelber Warnweste, er möchte gerne einen Packen Handzettel mit den genauen Verhaltensregeln verteilen, „die will aber niemand haben“. An die Regeln würden sich viele nicht halten, „ist eben Demokratie hier“, erklärt er und lacht. Aus seiner Innentasche tönen Koranverse, eine Direktübertragung der Ramadan-Gebete aus seiner Moschee.

Dreiergruppen, Vierergruppen, Fünfergruppen...

Auch im Park am Gleisdreieck hängen die großen Transparente. Ein Mann von der Parkaufsicht zieht eine negative Bilanz der vergangenen Tage: „In der Presse schreiben sie immer, alles ist gut, aber gar nichts ist gut. Dreiergruppen sind normal, Vierergruppen sind die Masse, Fünfergruppen…“, er winkt ab. Am späten Nachmittag würden sich oft größere Gruppen arabischer Männer im Westpark bilden, „da holen wir gleich die Polizei“.

Vor der Passionskirche am Marheinekeplatz hält die Trinkerszene an ihren Gewohnheiten fest.
Vor der Passionskirche am Marheinekeplatz hält die Trinkerszene an ihren Gewohnheiten fest.Foto: Thomas Loy

Am Sonnabendmittag hielten sich die meisten Parkbesucher an die Abstandsregeln, einige Fahrradfahrer waren sogar mit Mundschutz unterwegs. Auch im Weinbergspark in Mitte trafen sich rund 150 Menschen, aber nur im engsten Kreis der Familie oder in Zweiergruppen.

Weil viele Geschäfte wieder geöffnet haben, wird es auch in den Geschäftsstraßen wieder voller. In den meisten Geschäften sowie auf den Gehwegen der Karl-Marx-Straße hielten sich am Sonnabend viele Menschen nicht an die Abstandsregeln. Gleichzeitig waren viele Passanten mit Atemschutzmasken unterwegs. Auf dem Kreuzberger Marheinekeplatz waren alle Bänke besetzt. Mit den Abständen nahmen es vor allem rund 20 Biertrinker vor der Passionskirche nicht so genau.

Tagesspiegel-Reporter Thomas Wochnik berichtet von Gedränge an Supermarktkassen am Freitagmittag. Im Aldi am U-Bahnhof Leinestraße sind die Kassen zwar vorschriftsmäßig mit transparenten Wänden, Hinweisschildern und Abstandsmarkierungen umgeben, auf die Warteschlange der Käufer hatte das aber keinerlei Wirkung: dichtes Gedränge am Laufband.

Der Kassierer scherzte mit dem Mann von der Sicherheitsfirma über den „Abstandwahn“, als der ihm zur Begrüßung die Hand unter der Plastikwand reichte. Ein Kunde machte einen Witz über Abstand versus Anstand, die Pointe: Hier bei Aldi begrüße man sich noch anständig.

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