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Rudi Piwko, 62, Slavist, Organisationsentwickler und Klimaaktivist.
© Cay Dobberke

Dämmen für eine bessere Welt: Freiwillige für deutsch-ukrainische Dämm-Tandems gesucht

Der Verein compango und das dazugehörige Start-Up aus Eichkamp wollen ukrainische Geflüchtete in Klimaberufe vermitteln. Die Gründer wollen Friedensarbeit mit Klimaaktivitäten verbinden.

„Dämmen für Frieden, Klima und den Geldbeutel“, heißt das Motto im neuen Berliner Verein compango und dem daraus entstandenen Start-Up ErneuerBau Eichkamp UG. Kriegsgeflüchtete aus der Ukraine werden gemeinsam mit anderen Berliner:innen handwerklich tätig, um Wärmedämmungen an und in Häusern zu installieren. Als Ziel nennt der Initiator Rudi Piwko, mit Energieeinsparungen „möglichst schnell fossilfrei zu werden“ und damit auch weniger Geld für Gas aus Russland zu zahlen.

Es gibt gute Gründe dafür, dass die Idee aus der in den 1920er Jahren entstandenen Siedlung Eichkamp in Charlottenburg-Wilmersdorf kommt. Bereits vor sieben Jahren hatte der dortige Siedlerverein ein Projekt für ein „energieautarkes Wohnquartier“ gestartet. Soweit möglich, sollen weder Strom noch Gas oder Fernwärme zugeliefert werden.

Rudi Piwko ist nicht nur Mitglied des Siedlervereins, sondern auch in der Friedensarbeit aktiv. Der 62-Jährige studierte Slawist und Historiker engagierte sich zum Beispiel lange in der „Aktion Sühnezeichen“ und im Verein „Deutsch-Russischer Austausch“, der sich aus Protest auf den russischen Krieg gegen die Ukraine nun „Austausch für eine europäische Zivilgesellschaft“ nennt. Piwko sagt, er habe vor dem Krieg „viel in der Ukraine gemacht“.

Gegenüber von seinem Wohnhaus in Eichkamp stand ein anderes Haus leer, nachdem dessen Bewohnerin in ein Seniorenheim umgezogen war. Die neuen Eigentümer stellten es dem Verein compango drei Monate lang zur Verfügung. So entstand das „Green Energy House“. Sieben Menschen aus der Ukraine wohnten darin und verschönerten es künstlerisch.

Künstler:innen aus der Ukraine, Aktive des Vereins Compango und Bezirksstadtrat Oliver Schruoffeneger bei der Einweihung des „Green Energy House“ in Eichkamp. 
Künstler:innen aus der Ukraine, Aktive des Vereins Compango und Bezirksstadtrat Oliver Schruoffeneger bei der Einweihung des „Green Energy House“ in Eichkamp. 
© Rudi Piwko

Zu einer energetischen Sanierung kam es dort zunächst nicht, weil die Eigentümerfamilie noch eine grundlegende Renovierung vorbereitet. Das Gebäude diente aber als Veranstaltungsort, um der Nachbarschaft die Vorteile von Wärmedämmungen sowie die deutsch-ukrainischen Teams vorzustellen. Einige Kellerdecken, Speicherböden und Rohrleitungen in Eichkamp wurden und werden bereits besser isoliert. Dabei diente Piwkos eigenes Haus in einem Workshop des „Norddeutschen Zentrums für Nachhaltiges Bauen“ als Demonstrationsobjekt.

Er möchte „das Modell ausweiten“ und überregional bekannt machen. Piwko vergleicht dies mit dem Franchise-Prinzip – allerdings ohne Lizenzgebühren. Menschen aus der Ukraine könnten mit Fördermitteln im zweiten Arbeitsmarkt beschäftigt werden. Wichtig sei „die Selbstorganisation der Ukrainer“, man leiste also Hilfe zur Selbsthilfe.

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Geldgeber hat der Trägerverein der Baufirma schon gefunden. Dazu gehören die Deutsche Bundesstiftung Umwelt, der Autor und Moderator Sebastian Fitzek, die „Stiftung am Grunewald“ des in Eichkamp ansässigen Rechtsanwalts Winfried Wohlfeld. Der Integrationsfonds des Bezirksamts Charlottenburg-Wilmersdorf steuert 1500 Euro bei. Als Schirmherr fungiert der Umweltforscher und SPD-Politiker Ernst-Ulrich von Weizsäcker, der von 2012 bis 2018 der Vizepräsident des „Club of Rome“ war.

Das „Green Energy House“ musste Mitte August geräumt werden. Piwko ist zuversichtlich, einen neuen Ort in der Nähe zu finden. Die Ex-Bewohner sind nicht identisch mit den ersten ukrainischen Mitarbeitern des Start-Ups. Beispielsweise haben eine Künstlerin und ein Pianist andere berufliche Pläne. Es wird voraussichtlich auch kein Haus mehr geben, in dem alle Beteiligte aus dem Kriegsgebiet zusammen leben. „Wohnraum ist nicht das vordringliche Ziel“, stellt Piwko klar.

In der Firma ErneuerBau Eichkamp sind die geflüchteten Menschen nicht unbedingt Fachleute. Doch sie werden angeleitet und in „Crashkursen“ auf die Arbeit vorbereitet. Als Vorarbeiter engagiert sich beispielsweise ein ukrainischer Techniker, der früher in seiner Heimat als Teamleiter der Deutschen Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) gearbeitet hatte.

Im September organisieren der Tagesspiegel und der Paritätische Wohlfahrtsverband Berlin wieder die Berliner Freiwilligentage „Gemeinsame Sache“. Daran beteiligt sich der Verein compango am 17. September von 13 bis 17 Uhr. Am Zikadenweg 42a in Eichkamp ist ein „Aktionstag mit Mitmacheffekten“ geplant.

Teilnehmende können ausprobieren, wie man Häuser mit Naturstoffen dämmt. Dazu werden Borschtsch und Wareniki als ukrainische Spezialitäten serviert. „Wer also Friedensarbeit mit Klimaaktivitäten verbinden möchte, kann an diesem Tag einen Einstieg finden“, sagt Rudi Piwko.

Mehr Informationen gibt es online unter compango.org und gemeinsamesache.berlin.

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