• Drogen im Berliner Nachtleben: „Für immer mehr Menschen gehört Liquid Ecstasy dazu“

Drogen im Berliner Nachtleben : „Für immer mehr Menschen gehört Liquid Ecstasy dazu“

Neben Kokain breitet sich eine hochgefährliche Droge im Berliner Nachtleben aus: Liquid Ecstasy. Immer wieder kommt es zu tödlichen Überdosen.

Schall und Rausch - in Berlin kann zu fast jeder Uhrzeit gefeiert werden. Für viele gehören auch illegale Drogen dazu.
Schall und Rausch - in Berlin kann zu fast jeder Uhrzeit gefeiert werden. Für viele gehören auch illegale Drogen dazu.Kai-Uwe Heinrich

Drogenberater, Ermittler und Politiker warnen vor zunehmendem Gebrauch illegaler Rauschmittel in Berlin. Polizeiintern wird der Kokainkonsum in der Stadt als immer noch steigend eingestuft – und dies, obwohl schon vor Monaten vor einer „Kokainepidemie“ gewarnt wurde.

Die Droge wird offenbar massenhaft über sogenannte Kokain-Taxis verkauft, das Landeskriminalamt erfasst diesen „Lieferservice“ neuerdings in einer eigenen Statistik. Der RBB berichtete am Montag, dass es von Mai bis Oktober dieses Jahres allein zu dieser Handelsweise 35 Ermittlungsverfahren gegeben habe – das Dunkelfeld dürfte groß sein.

Zudem berichteten Clubbetreiber dem Tagesspiegel am Montag, dass „Liquid Ecstasy“ öfter konsumiert werde. Dieses Mittel wirkt völlig anders und ist deutlich gefährlicher als ohnehin verbreitete Ecstasy-Pillen. Liquid Ecstasy wird oft als GHB bezeichnet, abgekürzt für den Wirkstoff Gammahydroxybuttersäure. Sie ist schwer zu dosieren, immer wieder kommt es zu tödlichen Überdosen.

An diesem Dienstag wird das ZDF in seiner Sendung „Frontal 21“ über die deutliche Tendenz zu harten Drogen im Berliner Nachtleben berichten. Dem Sender zufolge hatte Charité-Psychiater Felix Betzler in einer Umfrage unter Clubgängern 2015 erfahren, dass zwei Prozent von ihnen GHB konsumieren.

In diesem Jahr sollen es zehn Prozent der Befragten gewesen sein. GHB wird meist als farb- und geruchlose Flüssigkeit angeboten und nicht immer bewusst eingenommen. Als sogenannte K.o.-Tropfen ist es arglosen Opfern verabreicht worden, um Missbrauch und Raub zu erleichtern.

Noch fehlen repräsentative Studien zu Liquid Ecstasy

„Nach Gesprächen mit Konsumenten, Beschäftigten im Nachtleben und Fachärzten ergibt sich für uns: GHB gehört trotz aller Gefahren für immer mehr Menschen inzwischen dazu“, sagt ZDF-Reporterin Anna Feist. „Bis jetzt liegen keine repräsentativen Studien dazu vor, die Politik sollte diese Droge ernst nehmen.“ Am Mittwoch soll dann eine längere Dokumentation ausgestrahlt werden, die auch die Lage in Berlin thematisiert: „Deutschland im Rausch – der verlorene Kampf gegen die Drogen“.

Mit Blick auf die Verfolgung von „Kokstaxis“ sagte der Berliner SPD-Innenexperte Tom Schreiber der Deutschen Presse-Agentur, die Zahl von Ermittlungsverfahren sei auch Folge verschärfter Polizeiarbeit: Das Dunkelfeld werde heller. Allerdings seien Dealer und Fahrer, die das Kokain zu den Konsumenten fahren, nur das Ende einer Kette, zu der komplexe Strukturen gehörten.

Im Mai waren zwei Männer in Berlin festgenommen worden, die ihre Kunden per Kokain-Taxi versorgt haben sollen. In einem verdächtigen Auto waren ein Kilogramm Kokain sowie zwei Schreckschusswaffen beschlagnahmt worden.

Senats klärt bei Drug-Checking noch die Details

Immer wieder geraten Männer einschlägig bekannter Clans ins Visier der Drogenfahndung. Sie beauftragen mobile Dealer, deren Handy-Nummern unter Feiernden im Nachtleben bekannt sind. Werden die Fahrer angerufen, liefern sie meist innerhalb einer Stunde.

Ermittler gingen davon aus, dass insbesondere Kokain deutlich häufiger konsumiert werde als noch vor einigen Jahren, sagte der Chef der Drogenfahndung im Landeskriminalamt, Olaf Schremm, kürzlich dem Tagesspiegel. Neben den Kokstaxis breite sich der Straßenverkauf aus, vom Kiez um das Kottbusser Tor bis zum Friedrichshainer RAW-Gelände. Das Kokain ist heute zudem weniger stark gestreckt, auch weil in Lateinamerika mehr davon produziert wird.

Die Zahl der registrierten Drogendelikte war schon 2018 um 7,4 Prozent gestiegen. Auch Polizisten plädierten im Tagesspiegel dafür, Verfahren zu Kleinstmengen selbst harter Drogen einzustellen. Im ZDF fordert nun Ruth Dreifuss, frühere Präsidentin der Schweiz, den Umgang mit Drogen zu entkriminalisieren und zu regulieren.

Vertreter der Clubszene, Beamte und Ärzte begrüßen die Pläne von Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD): Zu Jahresende soll das angekündigte Drug-Checking eingeführt werden. Derzeit klären Kalaycis Fachleute die Abläufe mit einem Labor. Interessierte können dann Proben ihrer Pillen und Pulver anonym und straffrei bei drei Beratungsstellen abgeben und auf Gifte und Dosierungen testen lassen.

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