• Ein Jahr nach dem Blackout von Köpenick: Stromnetz Berlin will Leitungen verlegen - und warnt vor Kosten der E-Mobilität

Ein Jahr nach dem Blackout von Köpenick : Stromnetz Berlin will Leitungen verlegen - und warnt vor Kosten der E-Mobilität

Vattenfalls Berliner Stromnetz-Tochter zieht Konsequenzen aus schlechter Erfahrung - und plant enorme Investitionen in die künftige Energieversorgung.

Volltreffer. Eines der am 19. Februar 2019 durchbohrten Kabel steht jetzt im Köpenicker Heimatmuseum.
Volltreffer. Eines der am 19. Februar 2019 durchbohrten Kabel steht jetzt im Köpenicker Heimatmuseum.Foto: Stefan Jacobs

Genau ein Jahr nach dem größten Blackout in Berlin seit Jahrzehnten hat Vattenfall das Geheimnis gelüftet, wie viele vergleichbar neuralgische Stellen im Berliner Elektrizitätsnetz es gibt: "Weniger als fünf", sagte Geschäftsführer Thomas Schäfer am Mittwoch bei der Jahrespressekonferenz der Konzerntochter Stromnetz Berlin. Im Wesentlichen sei das Berliner Netz in Ringen mit räumlich voneinander getrennten Leitungen aufgebaut.

Perspektivisch soll das zum Standard werden: "Wir haben aus dieser Störung gelernt, dass wir etwas verändern müssen", sagte Schäfer. "Diese Lösung ist jetzt in der Planung." Die Umsetzung werde allerdings "noch ein paar Jahre brauchen".

Am 19. Februar 2019 hatte ein Baumaschinenführer an der Rampe der Salvador-Allende-Brücke in Köpenick nacheinander zwei dicht beieinander liegende Hochspannungskabel durchbohrt. Daraufhin gingen in mehr als 30.000 Haushalten und hunderten Gewerbebetrieben für bis zu 31 Stunden die Lichter aus.

Rund 70.000 Menschen waren betroffen. Zwar hatten die beteiligten Behörden sich ausgiebig mit den Konsequenzen aus dem Blackout befasst, um im Wiederholungsfall besser gewappnet zu sein. Innensenator Andreas Geisel (SPD) sagte allerdings am Mittwoch im RBB-Inforadio, die meisten Bezirke hätten nach wie vor keine Amtsgebäude mit Notstromversorgung. Im nächsten Haushalt stünden den Bezirken je 300.000 Euro zur Verfügung, um ihre Gebäude für den Katastrophenfall entsprechend auszurüsten.

Hunderte Entschädigungsforderungen

Der Ausfall hat Vattenfall auch die Zuverlässigkeitsstatistik verhagelt: Rechnerisch war der Durchschnittsberliner im vergangenen Jahr 34 Minuten ohne Strom - zweieinhalb Mal so lange wie im Jahr davor. Nach Auskunft von Schäfer haben rund 13.000 Kunden über das "Kulanzversprechen" je 20 Euro Entschädigung erhalten, die Stromnetz Berlin bei Ausfällen von mehr als drei Stunden zahlt. Außerdem seien etwa 500 Entschädigungsforderungen eingegangen, die nun von einer von Land, Baufirmen und Stromnetz beauftragten Kanzlei bearbeitet würden. Kleinere Forderungen bis zu 200 Euro seien bereits beglichen worden. Der Gesamtschaden dürfte allerdings in die Millionen gehen, da Dutzende Supermärkte ihre gekühlten Waren vernichten mussten und Firmen und Restaurants zwangsfrei hatten.

Regulär will die Vattenfall-Tochter in diesem Jahr 211 Millionen Euro ins Berliner Stromnetz investieren. Knapp die Hälfte davon fließt in Erhaltung und Modernisierung des Bestandsnetzes. 52 Millionen Euro sind für die Digitalisierung - von intelligenten Stromzählern über die Automatisierung von Netzstationen bis zur Steuerung der Lasten im Netz - avisiert, 57 Millionen für die wachsende Stadt. Der Trend, dass die Investitionen von Jahr zu Jahr leicht steigen, soll beibehalten werden.

Elektromobilität erfordert Umbauten im Netz

Rund 260.000 Berliner Kunden haben laut Schäfer bereits elektronische Stromzähler. In diesem Jahr beginne die nächste Phase des Umstiegs auf "Smart Meter": Zunächst 500 Kunden mit sehr großem Stromverbrauch erhalten intelligente Messsysteme, die ihren Verbrauch transparenter machen und später zusammen mit weiterer Steuerungstechnik auch einen Netzbetrieb ermöglichen, bei dem Angebot und Nachfrage möglichst gezielt austariert werden.

Eine Rolle dabei spielen auch Elektroautos, die idealerweise in Zeiten mit großem Angebot an Ökostrom oder geringer Stromnachfrage geladen werden. 20 Prozent E-Auto-Anteil - also eine Viertelmillion - könne das Netz im aktuellen Zustand gut verkraften, sagt Schäfer. Zum Vergleich: 2018 seien 339 reine E-Autos und 4875 Hybride in Berlin neu zugelassen worden, 2019 waren es 2593 elektrische und 7580 Hybride. Für die stehen bisher knapp 1000 Ladepunkte im öffentlichen Raum und mehr als 100 anderswo zur Verfügung.

Die Zukunft des Verkehrs beeinflusst das Design des Stromnetzes

Die Zukunft des Verkehrs beeinflusst auch das künftige Design des Stromnetzes. Drei Szenarien hat Vattenfall entworfen. Im ersten wird vom sukzessiven Ersatz der rund 1,2 Millionen Verbrenner durch ebenso viele E-Autos ausgegangen. Dafür müssten Tausende dezentrale Ladepunkte geschaffen werden - was wegen der notwendigen Ausbauten laut dem Stromnetz-Chef drastisch steigende Netzentgelte, also höhere Strompreise für alle, zur Folge hätte. Erschwerend käme hinzu, dass diese Autos ganz überwiegend abends und nachts geladen würden.

Das zweite Szenario wäre die weitgehende Umstellung auf umweltfreundliche Mobilität mit starkem ÖPNV und wesentlich weniger Privatfahrzeugen. Dafür müssten zentrale Ladestellen mit großer Kapazität, etwa auf BVG-Betriebshöfen, geschaffen werden, was weniger ins Geld ginge.

Im dritten Szenario, das Sharing- und Pooling-Modelle als wesentlichen Bestandteil der Mobilität annimmt, müsste auf allen Ebenen des Stromnetzes investiert werden, allerdings wäre der Gesamtbedarf wegen der geringeren Zahl der Fahrzeuge niedriger.

Vattenfalls Stromnetz-Tochter betreibt das Berliner Verteilnetz seit 2015 nur noch interimsmäßig, da die Neuvergabe der Konzession durchs Land Berlin noch immer nicht abgeschlossen ist. Nachdem im März 2019 der kommunale Bewerber Berlin Energie den Zuschlag erhalten hatte, stoppte Vattenfall die Vergabe durch eine einstweilige Verfügung. Im Dezember hat nach Auskunft von Schäfer das Land das Kammergericht angerufen, eine Anhörung dort sei für den 24. September angesetzt. Vattenfall setze unabhängig vom Gerichtsverfahren weiter auf sein "Kooperationsangebot", also den Netzbetrieb mit Berlin als gleichberechtigtem Partner.

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