zum Hauptinhalt
Die Fans des kleinsten EM-Teilnehmers mit dem großen Herz.

© dpa

Isländer in Berlin: „Fußball bewegt unser Herz“

Sie sind zwar nicht viele, feiern die EM aber umso euphorischer. Heute hoffen Berlins Isländer gegen Frankreich auf einen weiteren historischen Sieg.

Überall blaue Trikots, T-Shirts, isländische Fahnen – so sah es am vergangenen Montag in der Dim-Arena in der Kreuzberger Oranienstraße aus. Und auch an diesem Sonntag beim Viertelfinale gegen Frankreich, dem Tag nach dem Elfmeter-Krimi zwischen Deutschland und Italien, dürften viele der Public-Viewing-Orte ganz in der Hand isländischer Fans sein. Nicht nur, weil die Island-Community ziemlich groß sei, sagt die Verkäuferin am Getränkestand. „Bei den Island-Spielen war es hier bisher immer so voll.“ Spätestens seit dem Achtelfinalsieg gegen England ist die halbe Welt Fan des kleinsten EM-Teilnehmers mit dem großen Herzen.

Zur Community gehören auch Edda Jökulsdóttir, Anna Rut Bjarnadottir, Johann Kristinsson und Helga Lilja. „Wir sagen hier Du – wie in Island“, stellen sie sich vor. Überall in der Dim-Arena werden Hände geschüttelt, man umarmt einander. Stimmt es, dass jeder jeden in Island kennt? Immerhin hat das Land nur etwas mehr als 300.000 Einwohner, so viele wie Neukölln. „Oh, das ist lustig“, sagt Anna. „Ich bin mit einem der Nationalspieler zur Schule gegangen, damals war er noch so klein!“ Es wirke vielleicht so, aber eigentlich stimme das natürlich nicht, sagt ein anderer kopfschüttelnd.

Fußball ist in Island Familienangelegenheit

Laut Berliner Statistikamt waren im Dezember 787 Isländer in Berlin registriert, 534 Männer und 253 Frauen. Viele von ihnen haben Verwandte, die gerade zur EM in Frankreich sind. Annas Schwester zum Beispiel ist mit der ganzen Familie hingefahren und hat ihr Team in allen drei Gruppenspielen unterstützt. „Ich werde mit Bildern überschwemmt“, sagt Anna lachend. Beide Kinder spielen Fußball und wollten unbedingt zur EM.

Auch Edda, Stellvertreterin des isländischen Botschafters in Berlin, die natürlich jedes Spiel verfolgt, ist eine Fußball-Mama. Ihre 14-jährige Tochter spielt seit neun Jahren Fußball, seit sie in Berlin leben, beim FC Internationale in Schöneberg: „Der Verein ist wahnsinnig toll“, sagt sie. „Vielleicht nicht so streng wie in Island, hier wird nicht bei jedem Wind und Wetter gespielt.“ Fußball ist in Island Familienangelegenheit. Bei den Spielen am Wochenende steht immer jemand am Spielfeldrand, es werden Pizza-Abende mit organisiert, bei den Großeltern Geld gesammelt. „Von der Grundschule bis zum Abitur ist der Sportunterricht ein wichtiger Teil der Schule, außerdem wird es den Jugendlichen und Studenten ziemlich einfach gemacht, in die Hallen zu kommen“, sagt Edda. Teilweise organisiere man kleine Busse. Und wenn die mal nicht fahren, übernimmt eben ein Elternteil.

In den nordischen Botschaften herrscht am Tag nach dem Sieg gegen England eine fröhliche Atmosphäre. Im Vorraum steht ein Schild, auf dem der isländischen Fußball-Nationalmannschaft zum Einzug ins Viertelfinale gratuliert wird. Zwei Fans sind da, sie haben sich isländische Fahnen umgehängt und werden interviewt. Vincent Stefansson sitzt am Empfang und trägt das Island-Trikot. Public Viewing gebe es hier bisher noch nicht, sagt er. Man könnte mal darüber nachdenken. Bisher trafen sich die meisten Fans in der Kreuzberger Oranienstraße, sagt auch er.

In der Heimat kennt die Begeisterung keine Grenzen

Dort freut sich Helga, dass es endlich wieder positive Nachrichten aus Island gibt. „Ich habe mich noch nie so geschämt, Isländerin zu sein wie im April“, sagt sie und meint die Veröffentlichung der Panama Papers, deren Enthüllungen von Offshore-Geschäften zum Rücktritt des isländischen Premierministers führten. „Heute aber bin ich so stolz auf unsere Jungs, ich hätte niemals erwartet, dass sie das schaffen!“ Und Edda ergänzt: „Fußball bewegt unser Herz.“

In der alten Heimat kennt die Begeisterung dieser Tage keine Grenzen. Ähnlich wie hier wurden früher Spiele der Nationalmannschaft noch zu Hause vor dem Fernseher verfolgt, in diesem Sommer aber gibt es überall Partys und ein großes Public Viewing auf dem Ingólfstorg im Zentrum von Reykjavík. Am Montag musste das Public Viewing auf einen Hügel verlegt werden, weil zu viele Menschen das Achtelfinale sehen wollten.

Vor dem Spiel gegen England hatte Helga noch gesagt, dass „wir überhaupt keine Chance gegen England haben werden“. Aber zumindest „erleben wir hier und heute Geschichte – das ist einzigartig!“ Gegen den EM-Gastgeber Frankreich (21 Uhr/ZDF) kann nun ein weiteres Stück Geschichte geschrieben werden. Nicht nur die Isländer glauben, dass nun alles möglich ist.

Edda und ihre Freunde wollen diesmal im 11-Freunde-Quartier gucken. Im Astra in Friedrichshain treten isländische Musiker und Stand-Up-Comedians auf, danach wird das Spiel geschaut – und vielleicht wieder so unvergleichlich schön gejubelt.

Und wie würden Sie auf Isländisch heißen? Probieren Sie es aus: www.tinyurl.com/islaendischer-name

Noch mehr isländisches Leben in Berlin

Nordisch im Norden. 18 Hausnummern hat die Isländische Straße in Prenzlauer Berg. Es gibt ein Reisebüro – aber keine Reisen nach Island.

© imago/STPP

Isländische Kunst und Kulinarik

Als der isländische Staatspräsident Ólafur Ragnar Grímsson vor drei Jahren auf Staatsbesuch nach Berlin kam, reiste er schon am Vorabend des offiziellen Programms an. Im Gepäck hatte er einige Kästen isländisches Bier. Mitbringsel für eine Fete im Atelier des Künstlers Ólafur Elíasson, der seit mehr als 20 Jahren teilweise in Berlin lebt und an der Universität der Künste unterrichtet.

Der Weltstar, der als Kind dänischer Eltern in Island aufgewachsen ist, wird von seinen Mitarbeitern auch dafür geschätzt, dass er ihnen in seinem Atelier eine Mittagstafel mit köstlichen Speisen anbietet. Er ist ja Sohn eines Kochs, und seine Schwester, Victoria Eliasdóttir, ist ebenfalls Köchin.

Ihre Kunst kann man noch für einige Zeit in Mitte genießen, in der Mittelstraße 41 in einem Pop-up-Restaurant. Im Dóttir (Isländisch für Tochter) gibt es wöchentlich immer nur ein viergängiges Fisch-Menü und eine vegetarische Variante. Und mit ein bisschen Glück bekommt man ein isländisches Krähenbeeren-Granité mit Joghurtschaum als Nachtisch.

Gleich nebenan in der Invalidenstraße 160 werden Tómas Andrés Tómasons Burger gebraten. Der Isländer expandiert gerade, hat bereits sechs Läden in Island eröffnet, zwei in London und einen in Kopenhagen – weshalb er natürlich nicht selbst am Grill steht im Tommi’s Burger Joint in Mitte. Trotzdem eine der besten Burger-Buden der Stadt.

Essen als sozialer Klebstoff

In Elíassons Atelier kochen zwei Köchinnen täglich für die ganze Belegschaft ein vegetarisches Bio-Menü. Elíasson versteht das Essen auch als sozialen Klebstoff. So versammeln sich die Mitarbeiter mittags an der großen Tafel und teilen miteinander, was in großen Schalen auf den Tischen bereitsteht. Bei schönem Wetter wird auch mal gegrillt. Nach der Finanzkrise landeten auch schon mal Elíassons eigene Lämmer auf dem Grill, damals hielt er sich mit Freunden eine Schafherde.

18 Hausnummern hat die Isländische Straße in Prenzlauer Berg.

Bei 2a gibt es ein Reisebüro. Maja Forysiak organisiert Reisen auf den asiatischen Kontinent, vor allem Bahnreisen. Dabei lerne man Land und Leute besonders gut kennen, sagt sie. Neben einer Karte Asiens hängt auch eine von Island. Schon länger überlegt sie, auch dorthin Reisen anzubieten.

Das Land interessiere sie: „schwer zu erreichen, wild und unbekannt“, sagt Forysiak. Nur die Bahn sei dort nicht das geeignete Transportmittel. Interesse bestehe aber. Kunden, die mit der transsibirischen Eisenbahn gefahren seien, fragten speziell nach Island. Es dürften noch ein paar mehr werden in den nächsten Wochen.

Tania Röttger, Annika Schultz

Zur Startseite

showPaywall:
false
isSubscriber:
true
isPaid:
showPaywallPiano:
false