Kunstwerk in Schöneberg : Acht Bäume an der Urania sollen fallen

Sieben Platanen und eine Linde sollen an der Urania weichen. Das beschloss die BVV. Der Künstler und die französische Botschaft hatten Druck gemacht.

Um die Bäume rings um die Skulptur des französischen Bildhauers Bernar Venet An der Urania, ist heftiger Streit entbrannt.
Um die Bäume rings um die Skulptur des französischen Bildhauers Bernar Venet An der Urania, ist heftiger Streit entbrannt.Foto: Mike Wolff

Die Bezirksverordnetenversammlung von Tempelhof-Schöneberg beschloss am Mittwoch kurz vor Mitternacht gegen die Stimmen von Grünen und Linken einen Antrag von SPD, CDU und FDP, dass bis zu acht Bäume auf dem Mittelstreifen an der Urania in Schöneberg gefällt werden sollen. Damit soll freie Sicht geschaffen werden auf das Kunstwerk des Bildhauers Bernar Venet namens „Arc de 124,5°“, einen großen geschwungenen Stahlbogen.

Schon vor geraumer Zeit waren der Künstler und die französische Botschaft in der Stadt vorstellig geworden, das Werk, ein Geschenk Frankreichs zur 750-Jahr-Feier Berlins doch ein wenig besser zu präsentieren. 1987 wurde es vom damaligen französischen Premierminister Jacques Chirac übergeben; schon bald fiel es der Vergessenheit anheim. Es wurde beschmiert, nicht gepflegt; Grün wucherte rundherum.

Bezirksverordnete verwiesen auf die deutsch-französische Freundschaft

In der vorangegangenen Debatte in der BVV war am Abend viel die Rede von der deutsch-französischen Freundschaft, von den guten Beziehungen zwischen beiden Ländern. Der CDU-Bezirksverordnete Ralf Olschewski verwies darauf, dass er es in seiner langjährigen Tätigkeit als Bezirksverordneter noch nie erlebt hatte, dass sich Vertreter einer Botschaft in einem BVV-Ausschuss so für ein Thema einbrachten wie in diesem Fall.

„Ich möchte jedenfalls keine Schlagzeile in französischen Zeitungen lesen: „Sind wir den Deutschen keine acht Bäume wert?“, sagte Olschewski. Und auch der FDP-Verordnete Reinhard Frede sagte: „Wir müssen Größe zeigen und den Franzosen entgegenkommen.“ Die Haltung der Grünen, die Bäume ja auch für Radwege fällten, zeige kleinkariertes Denken.

"Sie belehren den Künstler"

Der SPD-Verordnete und Kreisvorsitzende der Sozialdemokraten, Lars Rauchfuß, verwies zudem darauf, dass die Grünen an anderer Stelle ja durchaus zustimmten, wenn Bäume fallen müssten. Etwa im Franckepark, wo 15 Bäume weichen müssen, um historische Sichtachsen wiederherzustellen oder an der Yorck-/Bülowstraße, wo vier Bäume fielen für einen Parkplatz. Das kategorische Nein der Grünen helfe nicht weiter, stattdessen ignorierten sie das Anliegen des Künstlers und der französischen Republik. „Außerdem belehren Sie den Künstler, wie Kunst und Natur sich zueinander verhalten“, sagte Rauchfuß.

Der Grüne Bertram von Boxberg, der vehement für die Erhaltung der Bäume eintrat, verwies darauf, dass bei den Sozialdemokraten wohl der Druck aus der Senatskanzlei zu groß geworden sei. Er zitierte aus einem Schreiben des Senatskanzleichefs Christian Gaebler (SPD), der dazu auch auf die Bedeutung Frankreichs als einstige Schutzmacht verwies.

Die bezirkliche SPD mache einen Kotau vor der Senatskanzlei und sich selber zum Fällungsgehilfen; die CDU sei durch den Druck durch ihre Kulturstaatsministerin und CDU-Landesvorsitzende Monika Grütters eingeknickt.
„Alle wissen, dass man acht alte gesunde Bäume nicht fällt“, sagte von Boxberg. 30 Jahre habe der Künstler sich nicht gekümmert. „Es gibt keinen Grund, diese Platanen innerhalb einer Woche zu fällen.“

Die gesetzlich geschützte Vegetationsperiode beginnt am 1. März

Wollte man die Bäume schnell beseitigen, drängt die Zeit in der Tat. Denn die gesetzlich geschützte Vegetationsperiode beginnt am 1. März und endet erst im Oktober. „Die Zeit bis dahin sollte genutzt werden um alle Alternativen zu überprüfen und ein entsprechendes Handlungskonzept zu erstellen. Daran wird die deutsch-französische Freundschaft nicht zerbrechen“, sagt Christian Hönig, Referent für Baumschutz beim BUND, der ebenso strikt gegen die Baumfällungen eintritt.

Auch eine Online-Petition ist inzwischen gestartet worden, ihr hatten sich nach Angaben der Grünen bis Mittwoch rund 850 Menschen angeschlossen. Im November gab es bei den Bezirksverordneten übrigens schon einmal eine andere Beschlusslage. Damals gab der für das öffentliche Grün zuständige Ausschuss nach einem Antrag der Grünen die Empfehlung, dass alle Bäume erhalten werden sollten. Die BVV verwies das Thema dann jedoch wieder zurück in den Ausschuss.

Vielleicht werden doch noch Alternativen gesucht

Es ist jetzt aber nicht damit zu rechnen, dass die Bäume schnell fallen. Die zuständige Stadträtin Christiane Heiß (Grüne) möchte zunächst den rechtlichen Rahmen prüfen. Außerdem müsse geklärt werden, wie mit dem Angebot Bernar Venets für 20 Ersatzpflanzungen als Ausgleich umgegangen wird, ob das rechtlich verbindlich ist.

Vielleicht kommt aber alles auch anders. So könnte man eine Pressemitteilung der CDU eine halbe Stunde nach der Abstimmung verstehen. „Mit dem heutigen von SPD, CDU und FDP gefasst Mehrheitsbeschluss steht die Tür für einen Kompromiss noch offen, denn er sieht nicht zwangsläufig eine Fällung der acht Bäume vor“, heißt es dort. Der Beschluss sei notwendig gewesen, „denn das Bezirksamt hat sich in dieser Frage bisher völlig unbeweglich gezeigt und jegliche Kompromissfindung bereits im Ansatz als nicht möglich abgeblockt“, sagt der CDU-Verordnete Olschewski. Nun gebe es einen offiziellen Handlungsauftrag, und vielleicht sei das Bezirksamt jetzt motivierter, „eine Variante zu finden, mit der der gewünschte Effekt der besseren Sichtbarkeit des Kunstwerks auch ohne Fällung aller acht Bäume erreicht werden kann.

Schreck am Donnerstagabend

Auf Twitter machten am Donnerstagabend Bilder die Runde, die große Fahrzeuge mit einer ausfahrbaren Arbeitsbühne bei den Bäumen an der Urania zeigten. Die Frage kam auf, ob die Fällarbeiten schon direkt begonnen haben. Auch die Grünen-Bundestagsabgeordnete Renate Künast, die sich vehement für die Erhaltung der Bäume einsetzt, befürchtete schon einen Kahlschlag. Aber wenig später kam die Entwarnung. Es waren wohl nur normale Baumschnittarbeiten geplant.

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