Nach pandemiebedingter Pause : Skurrile Bilder am ersten Schultag in Berlin

Nach dem Chaos vergangener Woche erlebten viele Schüler am Montag einen besonderen Neustart. Eins wurde klar: Die Normalität ist noch weit entfernt.

Nach acht Wochen pandemiebedingter Pause sind am Montag rund 28.000 Schülerinnen und Schüler zum Unterricht zurückgekehrt.
Nach acht Wochen pandemiebedingter Pause sind am Montag rund 28.000 Schülerinnen und Schüler zum Unterricht zurückgekehrt.Foto: Jörg Carstensen/dpa

Es hatte ein erster Schritt hin zur Normalität werden sollen – im Ergebnis wurde aber wohl vor allem deutlich, wie weit diese noch entfernt ist. Auf die in der Vorwoche geschmiedeten Pläne von Bundesregierung und Senat für eine schrittweise Rückkehr zum Regelbetrieb folgte am Montag die Probe aufs Exempel: Schüler der 1., 5. und 7. Klassen durften wieder in die Schulen. Die Bilanz: Längst nicht alle durften zurück in die Klassenräume. Wo es dennoch klappte, entstanden skurrile Bilder.

So wie an einer von 24 Charlottenburger Grundschulen. Pünktlich um 11.30 Uhr strömen dort die jahrgangsübergreifend lernenden Schüler der 1. und 2. Klassen ins Freie, wo die Eltern mit Regenschirmen und Gesichtsmasken schon auf sie warten. 

Die Kinder berichten von aufregenden, aber auch schönen ersten dreieinhalb Stunden Schule. Jedes Kind hat seinen eigenen Platz bekommen, auf zwei Räume verteilt, mit 1,50 Meter Abstand zum Nachbarn, genau ausgemessen vom Hausmeister. An diesem Sitzplatz – und nur dort – darf der Mund-Nasen-Schutz abgenommen werden. Wer nur zum Papierkorb will, muss ihn wieder aufsetzen. 

Zur Toilette dürfen die Schülerinnen und Schüler alleine, dann nehmen sie eine „Toilettenkarte“ mit, die sie an der Tür des Waschraums anbringen – dann gilt der ganze Raum als besetzt, andere Kinder müssen warten. Die Pause findet nicht auf dem Hof statt, sondern in der Turnhalle: Fangenspielen auf Abstand, ohne abschlagen und anfassen. Das geht dann so: bis auf einen Meter darf man sich nähern, dann muss man die Hand austrecken und „Hab' dich!“ rufen.

Nicht die einzigen Provisorien

Es waren nicht die einzigen Provisorien, mit denen Schüler wie Lehrer umgehen mussten. Eine Lehrerin an einer Grundschule in Steglitz-Zehlendorf berichtet, die Kinder hätten nun zu versetzten Zeiten Unterricht, sie kommen und gehen in einem Einbahnstraßensystem in die Schule. 

„In den Klassen finden die Kinder frontal ausgerichtete Tische mit Namen vor, die den geforderten Abstand zueinander haben“, sagt sie. Beim Rein- und Rausgehen herrsche Maskenpflicht, Hinweisschilder verweisen auf die Hygieneregeln, es gibt Aufsichten an den Treppenabgängen und Toiletten. Auf dem Boden sind – wie in den Geschäften – Abstandslinien und Richtungspfeile, vor der Schule mit Farbe gemalte Fußabdrücke.

Während das befürchtete Chaos an den Schulen insgesamt – wohl vor allem Dank der gleichermaßen dezimierten wie motivierten Lehrer-Kollegien – verhindert werden konnte, gab es auch weniger gelungene Widereinstiege. An der in Mitte liegenden Papageno-Grundschule herrscht Frust, weil die Schulleitung sämtliche Jahrgangsstufen wieder in die Klassenräume zurückbeordert hatte – wenn auch in Gruppen.

Die Entscheidung für diesen über den Fahrplan der Bildungsverwaltung hinausgehenden Schritt war den Lehrern nur einen Werktag vor dem zurückliegenden langen Wochenende mitgeteilt worden. Hektisch und teilweise bis zum Ertönen der Schulklingel hätten die ihr Bestes gegeben, um Klassenzimmer und Schulgebäude für einen regelkonformen Unterricht vorzubereiten – nicht immer mit Erfolg. Dass der von der Senatsverwaltung für Bildung aufgestellte Hygieneplan allein schon wegen der fehlenden baulichen Voraussetzungen in diesem wie in anderen Schulgebäuden Makulatur bleiben musste, hatten zuvor CDU und FDP massiv kritisiert.

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Klagen oder Beschwerden der Eltern wiederum blieben mehr oder minder aus. Gesamtelternvertreter Norman Heise berichtete am Nachmittag, sein Postfach sei ruhig – kein schlechtes Zeichen nach der Aufregung der Vorwoche. Die unklare Kommunikation der Bildungsverwaltung hatte dafür gesorgt, dass Eltern und Lehrer der 1. Klassen von einem zwingenden Wiedereinstieg am Montag ausgegangen waren. Es erfolgte eine Klarstellung und die Info, dass es „ab“ Monatg wieder losgehen solle. Zahlreiche Schulen machten von der Aufweichung Gebrauch, wollen aber bis zum Ende der Woche zumindest in Gruppen wieder unterrichten.

Wie wichtig das für die seit Wochen zu Hause festsitzenden Schüler ist, zeigt die Reaktion von Johannes. Er besucht die 5. Klasse an der Nord-Grundschule in Zehlendorf, war am Morgen vor der Schule sogar ein bisschen aufgeregt und resümierte nach dem Wiedersehen mit zumindest einem Teil seiner Freunde: „Das war ein cooler erster Schultag.“

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