• Nächte im Kitkatclub: „Wenn man die Leute in normalen Klamotten reinlässt, wird nur das Normale passieren“

Nächte im Kitkatclub : „Wenn man die Leute in normalen Klamotten reinlässt, wird nur das Normale passieren“

Seit 26 Jahren führen Simon Thaur und Kirsten Krüger als Paar den legendärsten Club Berlins. Einblicke in Nächte, die unvorstellbar geworden sind. Ein Interview.

Kaltgestellt. Im Moment ist das Kitkat - wie alle Clubs - geschlossen. Dieses Bild von Februar 2020 zeigt die große Tanzfläche.
Kaltgestellt. Im Moment ist das Kitkat - wie alle Clubs - geschlossen. Dieses Bild von Februar 2020 zeigt die große Tanzfläche.Foto: Peer Schröder

Das Interview findet im Kitkatclub statt, an einem Freitagabend noch vor der Corona-Schließzeit. Seit 2007 residiert der Club in einem schmucklosen Komplex am U-Bahnhof Heinrich-Heine-Straße. Simon Thaur, 59, ein drahtiger Glatzkopf mit intensivem Blick, und seine Partnerin Kirsten Krüger, 53, eine wache kleine Frau mit knarrendem Timbre, sitzen auf einer Bank im verwinkelten Keller des Clubs. Die Wände sind mit comichaften Sexszenen bemalt, auf dem Fußboden leuchtet Konfetti im Schwarzlicht. Immer wieder dröhnt Baulärm aus einem benachbarten Raum, ein weiterer Dancefloor soll bald eröffnet, eine neue Bar eingerichtet werden.

Die Party wird gleich losgehen, viele davon wird es nicht mehr geben, bis der Lockdown einsetzt – aber davon weiß jetzt noch niemand. Eins hat Thaur von vornherein klargestellt: „Du kannst du sagen, ich bin schließlich Gastronom“. Kirsten Krüger nennt ihn konsequent beim Nachnamen, also tun wir es auch.

Thaur, angeblich warst du seit Gründung des Kitkat 1994 jeden Samstag im Club.
Simon Thaur: Ich habe tatsächlich nur 19 Mal gefehlt in den 26 Jahren.
Kirsten Krüger: Das hast du dir aufgeschrieben?

ST: Das kann ich mir merken. Klar, unter der Woche bin ich nicht mehr immer da, das war nur am Anfang so, als der Club im Aufbau war. Aber nach wie vor freue ich mich, samstags auszugehen.

KK: Worauf ich tatsächlich stolz bin: Es gab kein Wochenende seit 1995, an dem wir nicht aufhatten. Außerdem denke ich nach wie vor, dass es nicht klug ist, nicht auszugehen. Selbst wenn man Kinder hat. Die Kontakte sind anders in der Nacht. Ansonsten ist man wirklich nur noch im Tagesleben, voller Notwendigkeiten, für alles gibt es einen Grund. In der Nacht gibt es für das, was du tust, nicht unbedingt einen Grund. Das halte ich für sinnvoll. Sich frei bewegen zu können. Einmal im Monat, Minimum. Es gibt sonst an einer anderen Stelle irgendwann ein Problem.

Kirsten Krüger und Simon Thaur betreiben den Kitkatclub seit 26 Jahren als Paar.
Kirsten Krüger und Simon Thaur betreiben den Kitkatclub seit 26 Jahren als Paar.Foto: privat

Der ungezügelt ausgelebte Hedonismus ist es, der den Club so legendär gemacht hat. Geschätzte 2000 Menschen in fantasievoller Kostümierung, in Uniform oder Lederdress, in Lackkleid oder nackt, dazu elektronische Beats – ob man im Kitkat nur auf der Tanzfläche eskaliert oder sich auch spontan auf einer Spielwiese, auf einer Schaukel, auf einem gynäkologischen Stuhl zu anderen Körperlichkeiten zusammenfindet, ist nicht wichtig. Erlaubt ist, was sich gut anfühlt.

Klar, vor Corona gab es etwa mit Pornceptual und House of Red Doors auch neuere sexpositive Partys mit ähnlichem Konzept. Im Kitkat aber wurde der Exzess zwischen Techno und Sex erfunden. Zuerst, 1994, in den Räumen der Turbine in der Glogauer Straße, später im Metropol am Nollendorfplatz, in der Schöneberger Malzfabrik – und seit 2007 in den Räumen des Sage Club an der Köpenicker Straße.

Aufgeheizt. Die sexpositiven Partys im Kitkatclub - hier ein Bild aus der Location in der Bessemerstraße 2008 - sind legendär.
Aufgeheizt. Die sexpositiven Partys im Kitkatclub - hier ein Bild aus der Location in der Bessemerstraße 2008 - sind legendär.Foto: imago

Thaur, du hast mal geschrieben, du habest den Club 1994 gegründet, weil du „selbst auf die Pauke hauen“ wolltest.
ST: Sieh es mal so: Wenn du aus einer Kleinstadt kommst, gibt es da drei Bars. Du wirst niemals auf die Idee kommen, darüber hinauszugehen, was da Konvention ist. Würdest du dich ausziehen, würdest du vielleicht rausgeschmissen.

KK: Du wurdest rausgeschmissen, weißt du noch? In Innsbruck, Anfang der Neunziger, weil du nur ein Unterhemd getragen hast.

ST: In Österreich, das ist natürlich die Urgeschichte. In meiner Jugend waren die da so spießig, dass alles, was ein bisschen freakig war, sofort aussortiert wurde. Das hat bestimmt in das reingespielt, was ich mir im Lauf der Jahre zusammengebastelt habe. Was man alles anders machen will. Normalerweise gehst du irgendwo hin, lernst jemanden kennen, erzählst einen Haufen Mist, um irgendwie rüberzukommen …

KK: … und dann gehst du zusammen aufs Klo oder nach Hause.

ST: Genau, Step eins, Step zwei, Step drei, bis du zum Schluss vielleicht im Bett gelandet bist und dann vielleicht heiratest oder sonst irgendwas machst. Ich wollte das immer ein bisschen cooler, weltmännischer sehen. Ich hatte ein Bedürfnis nach unspießigen Geistern, weil ich selber auch immer Outsider war.

Inwiefern?
Ich bin mit knapp 17 von zu Hause weg, um Berufsmusiker zu werden, das hat alles nicht so geklappt, dann wollte ich Comiczeichner werden, war jahrelang auf Reisen quer durch die Welt, sieben Mal in Indien, habe auch längere Zeit in Griechenland, Israel, Italien und England gelebt. Später habe ich eine Reise-Kommune gegründet mit dem ganzen klassischen Freie-Liebe-Programm, als ideologische Alternative zu den Stino-Beziehungen. Das wurde mir aber schnell zu eng.

Simon Thaur wurde 1960 in Tirol in eine Musikerfamilie geboren. Nach seinen Reisejahren und Gründung des Kitkatclubs führte er von 1999 bis 2008 zusammen mit Kirsten Krüger ein alternatives Pornofilmlabel, das mit seinen teils grenzwertig extremen Filmen zu den größten Deutschlands gehörte. Aktuell dreht er unter dem Titel „Nude Poetry“ experimentell-pornografische Musikvideos zu seinen eigenen Songs, schräger Indierock – im letzten Jahr gewann er mit einem Clip den Preis für das „trashigste Video“ bei den Berlin Music Video Awards.

Thaur und Krüger zogen 1993 zusammen nach Berlin. Sie versteht sich viel weniger als Frontfrau – dabei hat sie den Laden und ihre Leute, so viel ist am Interviewabend zu beobachten, voll im Griff. Aber in der Öffentlichkeit möchte sie eigentlich lieber nicht stehen, auch Fotos sind ihr unangenehm. Dabei ist ihr Einfluss entscheidend – seit 30 Jahren machen sie und Thaur alle Projekte gemeinsam. Und die Hedonistenstadt, die Kirsten Krüger gerade auf einem alten Hüttengelände im Harz aufbaut – mehr ist gerade noch nicht spruchreif–, könnte mit ihren großen Außenflächen eine Perspektive bieten für eine Zeit, in der Veranstaltungen in engen Innenräumen problematisch geworden sind.

Wie ging eure gemeinsame Geschichte los?
ST: Irgendwann war mir klar: Ich brauchte eine erwachsene Person um mich herum, die selbst freier denkt.

KK: Thaur und ich haben uns Ende 1989 in München kennengelernt. Zu dieser Zeit habe ich versucht, das Abitur nachzumachen. Um meinen Lebensunterhalt zu finanzieren, habe ich privat als Pflegerin bei einer Frau gearbeitet, die keines ihrer Körperglieder bewegen konnte. Ich habe mit Inge zusammen gewohnt, die aus derselben Stadt in Tirol kommt wie Thaur. Sie hatte eine Glatze, die er ihr geschnitten hatte, trug roten Lippenstift und wollte sich in der großen Stadt als Künstlerin verwirklichen. Ich hatte nur ein Zimmer mit Waschbecken, wir haben ein Jahr lang wechselweise in einem Bett geschlafen. Inge erwartete Besuch von Thaur, sie holte ihn vom Bahnhof ab und verschwand, weil sie an dem Abend ein Date hatte. Thaur stand mit seiner Reisetasche in meinem Zimmer. Und ich vollverblödet daneben. So war’s: Sexguru und Weltreisender trifft mich.

ST: 1992 sind wir zusammen nach Goa gefahren. Da waren viele Freaks, wir haben versucht, eine No-Limit-Party anzusetzen – also eigentlich eine Orgie. Das wurde stark diskutiert, nach dem Motto: Eigentlich müsste man das wirklich tun, das wäre eine Revolution! Aber dann kam keiner, es hat sich keiner getraut, irgendwie aus dem Häuschen zu gehen. Ich habe das dann noch ein zweites Mal versucht, und beim dritten Mal hat es sogar geklappt, weil es eine Ecstasy-Party wurde – aber das war mir dann zu doof.

KK: Es geht ja um den Sprung ins Ungewisse, in eine Welt, die eigentlich jeder will: in die Erfüllung. Wenn die Leute diese nur erreichen, wenn sie irgendeine Substanz intus haben – das geht nicht.

ST: Das ist dann kein mentaler, reflektierter Sprung. Ich finde es wichtig, dass man aktiv seine Kondition erweitert, mit klarem Verstand, nicht weggetragen durch irgendwelche Substanzen.

Spielecke. Gewölbe im Keller des Kitkatclub - normalerweise nicht so hell erleuchtet.
Spielecke. Gewölbe im Keller des Kitkatclub - normalerweise nicht so hell erleuchtet.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Was für Bewusstseinssprünge wolltet ihr erleben?
ST: Psychologie und Selbstreflektion waren für mich immer große Themen. Und dazu gehört eben immer auch Sexualität. Einer meiner Trips war Sex in der Öffentlichkeit. Wir sind damals längst so rumgelaufen, ich in Lederhose und Unterhemd, Kirsten halbnackt in Strumpfhosen ...

KK: Das war Ausgehen im gewagten Gewand, nicht nackt!

ST: Das erste Mal hattest du so einen schwarzen Body an, was mich heute total langweilen würde. Damals haben wir geschwitzt: Kann man das machen? In Berlin gab es damals den Rotkreuz-Club, später Ex-Kreuz-Club, im heutigen Boros-Bunker. Eine Freundin erzählte uns davon: Hey, da gibts einen Laden, da kann man Sex machen. Wir sind da hin und haben unser Ding durchgezogen. Uns ist gar nicht aufgefallen, dass die anderen relativ zurückhaltend waren. Man muss dazu wissen: Die Fetischleute waren nicht konkret sexuell. Das Größte, was da passiert ist, war, dass eine Domina irgendeinen Sklaven an die Wand gekettet hat, in seinen Klamotten. Ich war aber immer sehr sexualisiert, ich wollte nacktes Fleisch, und ich wollte was erleben, und zwar möglichst konkret und durchaus pornografisch. Ich war der Erste, der öffentlich sein Geschlechtsteil rausgeholt hat.

KK: Das musst du erstmal schaffen, wenn du nur ein Anti-Feld um dich herum hast.

ST: Danach sind ein Jahr lang Leute zu mir gekommen, haben mir die Hand gegeben und gesagt: Du tust das, was ich schon immer tun wollte.

Ihr habt eine Grenze verschoben.
ST: Wir haben da gut einen draufgelegt, ohne dass wir begriffen haben, was wir da bewirkten.

Wie ging es dann weiter?
ST: Wir sind in verschiedenen Läden ausgegangen, ins Far Out, in SM-Läden natürlich ein bisschen extremer. Überall, wo man ausgegangen ist, haben wir Leute kennengelernt. Als wir dann die erste Party gemacht haben, in der Turbine in der Glogauer Straße, kamen sie natürlich.

Wie habt ihr euch die Arbeit aufgeteilt?
ST: Ich bin der künstlerische Auslöser gewesen, aber je mehr ein Projekt wächst, desto mehr braucht es eine Verwaltung, jemanden, der sich um die konkreten Sachen kümmert. Da ist Kirsten zweifellos die bessere Person als ich. Ich langweile mich relativ schnell.

KK: Am Anfang habe ich alle Zettel in irgendeine Kiste geworfen und gehofft, dass die Steuer nicht kommt. Aber natürlich musste am Abend irgendein Raum aufmachen. Die Anlage muss funktionieren, die Getränke müssen da sein, die Heizung muss laufen, der Strom muss gehen, der DJ muss kommen.

Im Stream. Ein digitaler Flyer zum aktuellen Streaming-Programm zeigt ein altes Porträt von Thaur und Krüger.
Im Stream. Ein digitaler Flyer zum aktuellen Streaming-Programm zeigt ein altes Porträt von Thaur und Krüger.Foto: privat

Hattet ihr trotzdem den Kopf frei, selbst im Club zu feiern?
ST: Ja, klar. Das erste Jahr war völlig irre, in der Turbine. Wir hatten von Montag bis Sonntag auf, jeden Tag, nur Dienstag war manchmal zu. Paul von Dyck und alle berühmten DJs haben damals bei uns gespielt, das war einer der ersten Technoläden. Wir wohnten oben drüber und waren jeden Abend im Club, das war unser Wohnzimmer.

KK: Im ersten Jahr wurden wir von dem Künstler Falk Richwien eingeladen. Er hatte sich eine Show ausgedacht, die „Pan's Birthday Party“ hieß. Wir hatten deswegen einen echten Ziegenbock dabei, ein Filmtier, das brav in der Ecke lag. Zufällig drehte da gerade ein Team von „Wa(h)re Liebe“ …

… dieser Erotiksendung bei VOX.
KK: Daraufhin wurden wir zu Lilo Wanders eingeladen. Damals wurde ja nicht nur Techno groß, neu war auch, dass sich das Privatfernsehen mit diesen ganzen lustigen Sachen beschäftigt hat, Sex, Fetischismus, BDSM … Nach der Ausstrahlung kamen Leute aus ganz Deutschland zu uns, nicht nur Berliner.

ST: Egal, wie man die Sendungen damals fand, sie haben gesellschaftlich relativ viel bewirkt. Da konnte die Sekretärin plötzlich sagen: Ich stehe auf Bondage. Es war gesellschaftsfähig geworden, ein bisschen kinky zu sein. Dadurch stieg auch das Bedürfnis nach Ausgehmöglichkeiten in dieser Richtung – und da waren wir dann natürlich allererste Adresse.

Ihr macht all das seit 26 Jahren als Paar zusammen.
ST: Selbst so was Abgedrehtes wie das Kitkat braucht feste Strukturen. Man sollte sich aufeinander verlassen können, keine blöden Spiele spielen. Man muss sich respektieren können. Und der andere sollte auch etwas draufhaben! Wir haben uns in diesem Sinne immer gut ergänzt.

KK: Eigentlich könntest du die Geschichte von der Häuptlingsfrau erzählen.

ST: Also: Wenn der Anfang eines Stammes der Häuptling und seine Frau sind, zwei gegenüberliegende Pole, die sich einig sind und damit ein kleines Gesamtganzes bilden, dann kann man sehr schnell andere dazu holen, was einem als Einzelnem nicht gelingt. In dem Moment, wo zweitausend Leute im Club sind, brauchen diejenigen, die sonst zehn Jahre brauchen würden, um irgendeinen Sprung zu machen, vielleicht nur zwei Stunden. Es hilft, zu sehen, dass etwas real ist. Die Leute brauchen immer ein Vorbild. Und das waren wir ja auch, speziell in der Anfangszeit haben wir ja auch gut auf den Putz gehauen zusammen.

KK: Nicht nur in der Anfangszeit.

Wie ist heute euer Samstagabend-Ritual?
ST: Ich lasse mich um null Uhr von der Security von Zuhause abholen. Ich wohne im Umland und einige unserer Leute wohnen auch da. Dann gehe ich meistens etwas essen, danach ein dreifacher Espresso. Vor drei Uhr will ich gar nicht im Club sein. Nicht, weil es vorher langweilig wäre, aber um neun ist wieder Schluss für mich, sechs Stunden reichen mir, ich nehme ja keine Drogen.

Du hast dann immer eine Flasche spezielles Wasser in der Hand.
ST: Ich mag keinen Alkohol, keine Cola, kein Red Bull, das ist mir alles zu süß. Und Wasser allein mag ich auch nicht. Darum hab ich jetzt dieses Zeug mit Apfelgeschmack gekauft, so einen bescheuerten Sportdrink, gibt es bei mir an der Tankstelle. Nach 26 Jahren Nachtleben ist es schwierig, was man noch trinken soll, wenn man sich nicht die ganze Zeit einen reinkippen will.

Und dann?
ST: Das Gute am Kitkat ist ja, dass sich da alles abmischt. Wenn es mir mal zu blöd wird, mich mit jemandem zu unterhalten, gehe ich tanzen. Oder ich reiße jemanden auf. Oder man redet einen Haufen Quatsch. Ich habe auch schon im Club gesessen und über meine Forschungen nachgedacht, die Leute fragen mich dann immer, wieso ich so böse gucke, ich bin aber in dem Moment einfach nur sehr stark nach innen konzentriert.

Simon Thaur ist ebenso Charismatiker wie er Exzentriker ist. Er bezeichnet sich selbst als „Medizin-Detektiv“. Seit zwölf Jahren, sagt er, beschäftige er sich autodidaktisch mit Biologie. Er arbeite an einem Buch über die „astrologischen Einflüsse der Planeten auf unser Endokrin-System“ – um die 3000 Seiten habe er schon geschrieben. Thaur erzählt ganz entspannt von diesen Dingen, er wirkt nicht
eifernd, viel mehr Hippie als Messias, offensichtlich redet und erklärt er gern.

Und du, Kirsten?
KK: Ich bin eher der flexible Typ.

ST: Naja, du hältst alles am Laufen. Die Angestellten, wer wann auf welchem Floor spielt, alles Konkrete.

KK: Ich mache diesen ganzen Scheiß noch zusätzlich, so würde ich es sagen. Ab halb elf bin ich draußen an der Straße, normalerweise, bis die Schlange weg ist. Ich habe eine weiße Plüschkatze, die hat einen Namen: Fiat Lux. Jahrelang war sie mit mir draußen an der Tür. Wenn du mit dem Viech rumrennst, freuen sich alle – weil ein erwachsener Mensch mit einem Stofftier ein überraschender Anblick ist. Das zaubert fast jedem dann ein Lächeln ins Gesicht.

Der Club hat einen strengen Dresscode. Auf eurer Website definiert ihr den als „Fetisch, Lack und Leder, Uniform, Kinky, Glitzer und Glamour, Kostüme, Sack und Asche“. Warum ist das wichtig?
ST: Damit’s keine Stino-Party wird. Die Leute sagen: Was soll ich denn anziehen? Oder: Ich will mich nicht ausziehen, ich will aber trotzdem rein. Die Wahrheit aber ist: Je normaler du im Club rumrennst, desto seltsamer ist es für dich. Jeder erkennt, dass du noch von außerhalb bist. Wenn man die Leute in normalen Klamotten reinlässt, wird auch nur das Normale passieren.

KK: Du bist verletzlicher, wenn du nackter bist, dadurch verhältst du dich automatisch anders, offener. Du passt mehr auf, wenn du jemanden anrempelst, entschuldigst dich vielleicht sogar. Es wird dir ein Stück deiner Sicherheit genommen.

Menschenleer. Der Dragon Floor im Kitkatclub mit Sitzgelegenheiten und gynäkologischem Stuhl.
Menschenleer. Der Dragon Floor im Kitkatclub mit Sitzgelegenheiten und gynäkologischem Stuhl.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Ein großer Teil der Gäste ist jung und sehr gutaussehend – die wirken ziemlich selbstsicher.
ST: Die neue Generation hat uns gerade wiederentdeckt. Was für mich das Kitkat ausmacht, ist die Mischung: dick und dünn, hässlich und schön, jung und alt, reich und arm, alle sind da. Das ist auch der Grund, warum der Eintritt seit 26 Jahren gleich ist. Wir wollen auch Leute drin haben, die den richtigen Geist haben, aber nicht notwendigerweise das Geld.

Wie läuft so ein Abend dann ab?
KK: Die Leute denken beim Kitkat immer nur an Sex. Alle vögeln hier? Nein, tun sie nicht!

ST: Das sind ja alles Menschen, die da zusammenkommen, die lernen sich ganz normal kennen, nur in einer abgedrehteren Kondition. Das Kennlerngespräch ist dann auch ganz anders. Man redet schneller Tacheles, ohne die ganzen Anquatschorgien, die herkömmlichen Hürden sind nicht da.

Insgesamt findet aber viel weniger Sex statt, als die Legenden nahe legen, oder?
ST: Wir sind ja kein Swingerclub. Wir sind ein fruchttragender Mischwald, keine Monokultur. Nach sechs Uhr wird es meistens heftiger. Es heizt sich ganz natürlich auf. Erst tanzen die Leute, und irgendwann entlädt es sich, manchmal mehr, manchmal weniger. Auch nach all den Jahren kann ich nie vorhersagen, wie es wird.

KK: Man kann immer nur versuchen, den Boden so zu bereiten, dass etwas geschehen kann.

Was ist der Trick, den Boden zu bereiten? Der Süßigkeitentresen? Die Schalen mit Obst auf den Tresen?
KK: Hunderttausend Kleinigkeiten. Im Grunde ist es so, wie wenn du privat eine Party machst. Du kannst das Buffet aufbauen, dir Mühe geben mit dem Essen. Und dann kannst du beten, dass die richtigen Leute kommen, dass der DJ die richtige Musik auflegt, dass alle gute Laune haben oder nicht die falschen Drogen genommen haben ...

ST: Schon die Grundkondition, dass du Sex haben darfst, ist ja schon ein Zur-Verfügung-Stellen von Möglichkeiten, die du in einem herkömmlichen Laden nicht hast. Automatisch werden die Leute sich anders gegenübertreten, allein schon, weil das Thema im Raum ist, und sich alle fragen, warum wohl die anderen alle da sind ...

Habt Ihr Aufpasser, die mitkriegen, wenn Grenzen überschritten werden, wenn es Übergriffe gibt?
KK: Ja, klar.

ST: Das Gute am Kitkat ist auch, dass es so viele Gäste gibt, die schon lange dabei sind. Die Community funktioniert. Die Leute gehen auch selbst zum Tresen und sagen, hey, da ist jemand umgekippt. Oder: Der Typ da kommt mir komisch vor. Dann wird die Person aussortiert.

Wie oft passiert das?
ST: Zum Glück nur selten, aggressive Vorfälle gibt es alle Jubeljahre mal. Meistens streitet sich einer mit seiner Frau. Das ist eigentlich das Geile: Es hat sich eine Art spirituelle Bande entwickelt. Die Leute sind sich alle bewusst, dass da was Besonderes stattfindet und wollen auch, dass was Besonderes stattfindet. Einige haben hier ihre Lebenspartner kennengelernt und sogar geheiratet. Das ist schon ein ganz eigener gesellschaftlicher Rahmen. Den könnte man auch aufblasen: Wie wäre es, wenn eine ganze Stadt so wäre?

Ihr habt mal gesagt, dass Ihr den Club als gesellschaftliches Experiment seht.
ST: Es ist zweifellos ein sozial-alchemistisches Experiment.

KK: Nur glaube ich, dass es dummerweise im Großen nicht funktionieren würde.

ST. Ja, auch wenn viele Leute im Laden sind, sind wir ja immer noch nicht Mainstream. Diese Aussortierung, die macht Kirsten.

KK: Es ist tatsächlich ein geschützter Raum, wahrscheinlich geschützter als überall anders.

Wie schützt du den?
KK: Indem ich die Blöden nicht rein lasse. Die Leute, die eigentlich nur irgendwas aufsaugen wollen, nichts geben wollen, die selber nichts zeigen wollen, sondern nur konsumieren.

Woran erkennst du das?
KK: Ich bin alt genug und rede mit den Leuten. Ich versuche, Fragen zu stellen, mit denen die Menschheit nicht rechnet, jedes Mal etwas anderes. Und dann gucke ich, wie sie darauf reagieren. Wenn sie nicht auf Unerwartetes reagieren können und dann dumme Sätze kommen, dann weiß ich: nee. Drinnen werden schließlich auch Sachen geschehen, mit denen sie nicht rechnen.

ST: Früher gab es diese Formel, die haben wir auf alle Flyer draufgeschrieben: „Do what you want, but stay in communication.“ Das ist immer noch das Grundgebot. Man will ja, dass die Kuh fliegt – aber auf die richtige Art und Weise. Es müssen ja nicht unbedingt immer die ganz konkreten sexuellen Dinge sein.

KK: Es ist wahrscheinlich eine Frage des Niveaus. Jemand, der ein größeres Spektrum in seinem Geist hat, wird Dinge geschehen lassen. Ich möchte Leute haben, die mehr wollen als nur Sex – und auch mehr als nur tanzen. Die Tanzenden sind die Ungefährlichen, das Sexthema polarisiert stärker. Deswegen frage ich oft: Tanzt du auch? Nö? Dann wäre das ein Nein.

ST: Der Club ist nicht dazu da, um was abzugreifen oder abzuglotzen. Wenn jemand in meinem Territorium ist, erwarte ich, dass es eine Schnittmenge gibt mit meinem Geist. Wäre das nur ein kommerzielles Projekt, wäre das egal. Dann käme rein, wer zahlt.

Geschichte. Im Büro im Kitkat-Keller hängen Flyer aus der 26-jährigen Clubgeschichte.
Geschichte. Im Büro im Kitkat-Keller hängen Flyer aus der 26-jährigen Clubgeschichte.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Was ist der Club heute für euch?
ST: So ein Projekt ist ja ähnlich wie ein Kind, das man aufwachsen sieht. Und man versucht, ähnlich wie bei einer guten Erziehung positiv zu beeinflussen, damit es seinen Weg geht.

KK: Wenn ein Kind etwas ist, in das man Energie rein gibt, damit es wächst, ja, dann passt das Bild. Aber ist es ein Kinder-Ersatz? Nein. Ich wollte nie Kinder haben, außer, als ich sieben Jahre alt war.

ST: Der Club beinhaltet auch die ideale Kondition, dass man Langzeitbeziehungen aufrechterhalten kann und gleichzeitig die Möglichkeit hat, auf wesentlich interessantere Art und Weise als üblich Leute kennenzulernen und wiederzutreffen. Ich hätte hier in den ganzen Jahren mehrere Beziehungen führen können.

Oh. Kirsten, wie ist das für dich, wenn du das hörst?
KK: Nicht komisch. Aber Thaur, tatsächlich bist du an der Stelle ein edler Mensch. Die Dinge haben bei dir immer einen philosophischen Hintergrund. Es geht nicht um das eine oder das andere – es ist eine Erweiterung des Eigenen. Das kannst du nutzen oder du kannst es bleiben lassen. Und es hat Vor- und Nachteile, wie alles im Leben.

Seid ihr manchmal eifersüchtig?
ST: Nein, das war nie ein Thema bei uns.

KK: Es ist eine Frage der Gewohnheit. Nicht immer hat man zur selben Zeit dieselben Wünsche. Wo gibt es das denn?

ST: Aber es ist auch eine Frage der Einstellung. Wenn einer ein tolles Erlebnis hat und der andere nicht, natürlich hat man Verlustängste. Aber ich hätte immer den Anspruch, da drüber zu stehen. Und man lernt schnell dazu: Ja, man will spontan sein und was erleben. Aber ob weitere Frequenzen außer dieser Spontanität mit einer anderen Person bestehen, sei mal dahingestellt, nur weil man sich gerade attraktiv findet.

KK: Bei mir ist es so: Ich will nicht verantwortlich sein für das Glück eines anderen Menschen. Insofern habe ich null Problem. Wenn du jemandem etwas verbietest, musst du es im Zweifel selber anbieten.

ST: Ich habe auch nie das Interesse gehabt, mit hunderttausend Leuten nach Hause zu gehen, auch früher nicht. Diese egoistische Durchsetzung. Mir reicht es, wenn ich Erlebnisse im Club habe. Ich möchte die schon haben, die sind eine Bereicherung für mich – ich möchte die aber nicht unbedingt alle bei mir zu Hause rumhängen haben. Das würde mich dann zu viel emotionale Aufmerksamkeit kosten, nur um mein Ego zu befriedigen, das wäre es mir nicht wert.

Gibt es etwas, das nur ihr als Paar zusammen habt?
ST: Natürlich hat niemand Interesse, dass ich mir einen Tripper einfange und den nach Hause bringe. Das Vertrauensverhältnis war immer vorne dran. Ich bin kein Typ, der auf Solotrip geht, da verstehe ich sogar die Eifersucht. Wenn der eine irgendwelche Freiheiten für sich beansprucht, ohne zu fördern, dass die andere Person das auch kann. Kirsten wusste immer, dass ich dies oder jenes mache.

KK: Na klar gibt es intime Sachen, über die man hier jetzt auch nicht reden muss. Aber das hat auch etwas mit der Länge der Beziehung zu tun. Wir kennen uns nach 30 Jahren besser, als man jeden anderen Menschen kennt. Ich weiß Sachen von dir, die wissen viele Leute nicht – und umgekehrt. Und wir haben natürlich mehr miteinander erlebt, als du vermutlich noch den Rest deines Lebens mit wem auch immer erleben wirst.

Liebt ihr einander?
KK: Oh Gott.

ST: Schwierige Frage.

KK: Finde ich persönlich nicht.

ST: Wir hassen und wir lieben uns.

KK: Auch das trifft es durchaus.

ST: Da ist doch sofort das Problem mit dem Klischee, da hat man sofort mentale Versperrungen, obwohl das Kernprinzip kein Problem ist – ich würde es anders ausdrücken. Vielleicht ist es das, was ich Frequenz nenne, man schwingt gleich. Diese Frequenz kann man zumindest theoretisch auch mit mehreren Leuten haben, auch mit denen hast du ein bestimmtes Treueband, und mit denen hast du dann eben mehr zu tun als mit anderen und auch länger.

KK: Ich würde die Frage aufspalten. Es gibt viele Sachen, die liebe ich nach wie vor an ihm. Und dann gibt es inzwischen mehr Sachen, die ich hasse. Aber es sind auch gar nicht so wenig, die ich liebe. Aber ich würde das Wort „lieben“ lieber mit dem Wort „schätzen“ ersetzen. Ich glaube an keine Liebesbeziehungen im romantischen Sinne. Es gibt Sachen, die ich schätze, die ich mag, vor denen ich Respekt habe. Da gibt es durchaus noch genug. Bei mir zumindest.

ST: Bei mir durchaus auch.

KK: Sich zu ertragen nach so vielen Jahren ... Ich bin aber auch geschädigt von meinen Eltern, die immer noch zusammen sind, mit 83.

ST: Die streiten sich auch immer noch.

Dicht. Auf dem Gelände des Kitkatclub, hier der Eingang an der Brückenstraße, finden aktuell nur Live-Streams statt.
Dicht. Auf dem Gelände des Kitkatclub, hier der Eingang an der Brückenstraße, finden aktuell nur Live-Streams statt.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Wie geht es jetzt eigentlich mit dem Kitkatclub weiter? Die Schließung war ja zuletzt vom Tisch.
KK: Wir schließen nicht.

ST: Im Zweifel gehen wir halt woanders hin.

KK: Wir haben einen neuen Vertrag. Wie lange wir bleiben können, ist trotzdem nicht sicher, weil das Grundstück auch jederzeit verkauft werden könnte. Wir werden sehen, was geschieht.

Tatsächlich erscheint die aktuelle Lage des Kitkat – wie die vieler anderer Clubs – deutlich dramatischer als Ende 2019. Die coronabedingten Schließungen gefährden laut Clubcommission 9000 Jobs in der Branche. Über www.kitkatclub.tv werden täglich ab 20 Uhr live DJ-Sets gestreamt, in Kooperation mit zwei anderen Undergroundclubs. Befreundete Künstler haben Werke gespendet, die dort im Shop zu kaufen sind.

An dem von der Clubcommission initiierten Bündnis „United We Stream“ beteiligt sich Thaurs und Krügers Club nicht. Das Kitkat kultiviert eine gewisse Außenseiterrolle – was sich auch darin zeigt, dass Simon Thaur auf seiner privaten Facebook-Seite regelmäßig Links und Videos teilt, die etwa von „Virus-Wahn“ sprechen und eine Corona-Verschwörung wittern. Thaur bekommt dafür durchaus auch Gegenwind aus seiner Community. Er persönlich präsentiert sich in langen Statements zumindest als friedlich und diskussionsoffen.

Nachgeschobene Frage in Isolationszeiten: Wie geht ihr mit der Schließung um?
KK: Wir haben schon am Anfang angefangen, die Kontaktdaten aller Gäste zu archivieren. Desinfektionsmittelspender haben wir seit Jahren. Nachdem der erste Covid-Infizierte in Berlin in einem Club gewesen war, ging es dann ganz schnell mit der Schließung. Wir hatten direkt am ersten Samstag danach unser Streaming am Start, um überhaupt irgendwelche Gelder generieren zu können. Ich habe auch sofort mit meiner Hausbank gesprochen, um einen Dispo zu bekommen – aber „aufgrund der weltwirtschaftlichen Lage“ dürfen sie aktuell keine Kredite vergeben. Und natürlich auch nicht, wenn keine Einnahmen vorhanden sind. Das Kurzarbeitergeld vorzustrecken, ist aktuell ein großes Problem. Wir haben 60 Festangestellte, die gerade auch nicht wissen, wie sie ihren Lebensunterhalt bestreiten.

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Wie lange könnt ihr noch durchhalten?
KK: Da geht es uns wie allen anderen auch: eigentlich nicht länger als einen Monat. Auch wenn ein Club sehr gut besucht ist, sind die laufenden Kosten erheblich. Niemand schleppt irgendwo das Geld in Tüten raus. Lange dauert es nicht mehr, dann werden wir wirklich ein Clubsterben haben. Als Zwangsoptimistin gehe ich aber davon aus, dass uns noch irgendetwas einfällt, um diesen Irrsinn zu überstehen.

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