Sammelgräber in Berlin : "Ich bin doch etwas Besonderes"

Siegfried Hausberg lebt in einem Wohnheim für Alkoholkranke. Wenn er stirbt, will er, dass man sich seiner erinnert. Vielen Armen der Stadt ist das verwehrt.

der Armenfriedhof Berlins ist der Alte Dom Friedhof St. Hedwig in Mitte.
der Armenfriedhof Berlins ist der Alte Dom Friedhof St. Hedwig in Mitte.Foto: Thilo Rückeis

Der Eisbär, wie ihn alle nennen und er sich selbst, nimmt eine gespielt staatstragende Haltung an, ruckelt noch kurz das Hörgerät hinterm rechten Ohr zurecht, macht eine übertrieben schwungvolle und doch sehr elegante Bewegung mit dem linken Arm, dann rezitiert er aus einem seiner zahlreichen Gedichte: „Zum Weiterleben muss es einen geben, der unsere Innenwelt zusammenhält …“

Dann lacht der Eisbär laut auf, öffnet dabei seinen zahnlosen Mund und wird sofort wieder still. Der Tod, sagt er, trete erst ein, wenn niemand mehr über einen rede. Deshalb, fährt er fort, wolle er, dass auf seiner Beerdigung unbedingt „der Helmut“, ein ehrenamtlicher Mitarbeiter und guter Freund, die Rede hält. Er würde sich freuen, wenn „ganz viele Menschen kommen“, seine Freunde, sie sollen um ein Lagerfeuer sitzen, Gitarre spielen und singen.

Sein bürgerlicher Name, Siegfried Hausberg, ist ihm egal, Hauptsache, auf dem Grabstein steht „Eisbär“.

Wieder Gekicher. Er kann nicht anders, als mitten im Erzählen und Rezitieren noch schnell die neuesten, ihm ständig ins Hirn schießenden Wortwitze mitzuteilen: „Ohne Zähne mach mir keine Szene! Sagt der Zahnarzt!“ Der Eisbär kann auch über sich selbst Witze machen.

Siegfried Hausberg ist ein ziemlich schlanker, schlauer Mann, dessen lange, sonnenverwöhnte Arme und Beine lustig herumschlackern, wenn er sich bewegt. Seine wenigen Haare liegen wie dünne Watte auf seinem Kopf. Aber der Kopf ist voller Einfälle, Ideen und Wissen. An einem Spätsommertag steht er im vierten Stock des Wohnheims der evangelischen Kirche für alkoholkranke Männer in der Kreuzberger Nostitzstraße, Zimmer 401, hinter ihm kann man aus zwei Panoramafenstern des Eckzimmers auf den Berufsverkehr am Mehringdamm schauen. Draußen tobt das Leben, hier drinnen hat der Eisbär sein eigenes fein säuberlich an die Wand geklebt. Mit Tesafilm und möglichst kleinem Abstand zum nächsten Bild. Auf Hunderten von Blättern im DIN-A4-Format, meist mit Kugelschreiber gezeichnet, hat er sein Leben verewigt – vom Treppenhaus im dritten Stock aufwärts zum vierten, hinein in sein Zimmer und bis unter die Decken.

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Obdachlose
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Das Heim, in dem 46 Männer wohnen und in dem er mit seinen 78 Jahren der Älteste ist und einer der sehr wenigen, die nach der Alkoholabhängigkeit wieder trocken wurden, ist für ihn, wie er sagt, „kein Abstellgleis, sondern meine Heimat. Und das Beste, was mir passieren konnte“.

In diesem Haus, das in gewisser Weise auch ein Hospiz ist, weil die meisten hierbleiben, bis sie sterben, und dabei begleitet werden, werden die Biografien der Männer in Ehren gehalten. Wenn sie sterben, kommen sie, auch wenn sie keine Mittel oder Angehörige haben, in das „Grab mit Namen“, das die Heilig Kreuz-Passion der evangelischen Kirche im Jahr 2001 initiiert hat. Auf dem Friedhof „Vor dem Halleschen Tor/Jerusalemfriedhof“ gibt es einen Erinnerungsstein, der Pfarrer spricht, eine Trauerfeier wird abgehalten und meistens trifft man sich danach auch zum Leichenschmaus. Denn bei dem wird schließlich über den Verstorbenen geredet und sich erinnert. Manchmal kommen viele Menschen, manchmal nur ein paar aus dem Wohnheim. 59 mittellos Verstorbene, die ansonsten per ordnungsbehördlicher Bestattung begraben worden wären, sind mittlerweile auf dem Friedhof beigesetzt. Jede Namensgravur kostet 275 Euro, die meist über Spenden bezahlt werden.

Die Namensschilder sind aus grünem Plastik

Doch ein solches Begräbnis für obdachlose oder mittellose Menschen, die keine Angehörigen mehr haben oder bei denen die Angehörigen nicht mehr zu finden sind und sich auch nicht kümmern wollen, ist in Berlin eine Ausnahme. Normalerweise landen diese Menschen nun auf einem Friedhof in Mitte nahe dem Humboldthain, der sich seit rund zwei Jahren still und leise und von einer breiten Öffentlichkeit völlig unbemerkt zu dem Armenfriedhof der Stadt entwickelt hat – weil er der kostengünstigste im Geschäft mit ordnungsbehördlichen Bestattungen ist. Mehr als 2000 Menschen werden hier jährlich auf Urnenreihengrabstätten beerdigt, 40 Zentimeter Abstand liegen zwischen den Urnen. Der Eisbär möchte nicht dort enden.

An einem sonnigen Tag im September ist dieser Alte Dom Friedhof St. Hedwig der katholischen Kirche in der Liesenstraße nahe dem Humboldthain gegen elf Uhr vormittags fast menschenleer, von Weitem sehen einige Grabstellen so aus, als würden unzählige kleine, vollkommen hellgrüne Blumen auf dem Grab stehen. Diese futuristischen „Blumen“ stehen im Kontrast zu den oft alten, aber sehr großen und schweren denkmalgeschützten Grabsteinen. Kommt man näher an die Gräber heran, erkennt man Dutzende von Plastikschildern in hellgrüner Farbe. Sie sind immer dort eingesteckt, wo besonders alte Grabsteine stehen, die von ihren ursprünglichen Pächtern nicht mehr genutzt werden. Auf den Plastikschildern, den sogenannten Merkpfählen, sind die Namen der Toten, Geburtstag und Todestag vermerkt sowie eine Registraturnummer.

"Eisbär" heißt mit bürgerlichem Namen Siegfried Hausberg.
"Eisbär" heißt mit bürgerlichem Namen Siegfried Hausberg.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Ein paar Meter weiter hat ein Mann im schwarzen Anzug eine Urne zur Andacht in die kleine Kapelle gebracht. Drei große Kerzen brennen neben dem Altar aus Marmor, weiße Blumen stehen vor dem Tisch für die Urne. Es ist niemand gekommen, um zu trauern. Trotzdem bleibt die Urne 15 Minuten stehen. Dann trägt der Mann, ein Bestatter einer Firma, die vom Friedhof für solche Begräbnisse beauftragt wird, die Urne zum Grab, spricht ein Gebet und verbuddelt sie – neben den vielen anderen Urnen, die bereits in der Erde sind. Dies entspricht den behördlichen Anforderungen dieser sogenannten ordnungsbehördlichen Bestattungen, wie die korrekte amtsdeutsche Bezeichnung für diese Art von Beerdigungen lautet. Die Mitarbeiter der jeweiligen Gesundheitsämter der Bezirke haben sieben Tage Zeit, um Angehörige zu ermitteln. Ermitteln heißt, beim Melderegister und beim Standesamt nachzufragen. Sind Angehörige im Ausland oder werden nicht gefunden, haben sie Pech. Die Rechnung bekommen sie dann nach dem Begräbnis – so ist die Gesetzeslage. Freunde oder Bekannte darf das Amt nicht benachrichtigen.

Vor der kleinen Kapelle auf dem katholischen Friedhof Alter Dom steht nun auch Galina Kalugina, die Friedhofsverwalterin der katholischen Kirche. Andere Friedhöfe haben ihr Preisdumping vorgeworfen. Sie sagt: „Was wir hier machen, ist nichts anderes, als unsere soziale Aufgabe zu erfüllen.“ Auf dem Spaziergang über den Friedhof erläutert Galina Kalugina ihr Konzept. Sie hat die großen, alten und sehr teuren Gräber, deren Nutzungsrechte ausgelaufen sind oder die von den jeweiligen Pächtern nicht mehr verlängert werden, die aber aus Denkmalschutzgründen trotzdem vom Friedhof gepflegt werden müssen, quasi umgewidmet. In der Friedhofsgebührenordnung fielen früher 96 Euro für eine „gärtnerische Erstanlage einer Urnenwahlgrabstätte“ an. Jetzt werden die ordnungsbehördlichen Bestattungen auf vorhandenen Gräbern vollzogen, sodass der Friedhof die 96 Euro einspart. Damit konnte Kalugina den vormaligen Preis von 461 Euro auf 365 Euro drücken. Berlinweit ist sie damit am günstigsten.

Bisher hat es in Berlin Friedhöfe gegeben, wie etwa den Parkfriedhof in Neukölln, die einmal im Monat ordnungsbehördliche Beerdigungen im Minutentakt durchgeführt haben. Mit anonymen Gräbern. Das gibt es auf dem Friedhof in der Liesenstraße nicht. Die Urnen werden auch nicht wie in Neukölln per Schubkarre zur Grabstelle transportiert, sondern getragen. „Ein Gebet wird auch gesprochen“, sagt Kalugina und findet: „Arm und Reich haben hier bei uns zusammengefunden.“ Allerdings mit dem für manche womöglich irritierenden Charme, dass die Toten, von denen sich die meisten zu Lebzeiten eine Grabplatte niemals hätten leisten können, nun unter teuren Marmormonumenten begraben liegen, die unter Denkmalschutz stehen.

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