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Stolze Preisträger der Kurt-Schumacher-Schule bei der Siegerehrung.
© Caro Kadatz

„Aus dir wird sowieso nur ein Müllmann“ – oder nicht?: Berliner Schule siegt im Bundeswettbewerb gegen Diskriminierung

An der Kurt-Schumacher-Schule herrscht seit Ende 2012 Ausnahmezustand. Dennoch ist hier ein preisgekrönter Film entstanden.

Von Susanne Vieth-Entus

„Aus dir wird sowieso nur ein Müllmann.“ Sätze wie dieser haben sich eingebrannt ins Gedächtnis von Benji und seinen Mitschülern. Am Ende entstand ein Film daraus, für den es den ersten Preis beim Bundeswettbewerb „fair@school – Schulen gegen Diskriminierung“ gab.

Es war ein weiter Weg von diesen Schülererfahrungen bis zur festlichen Preisverleihung unter der großen Kuppel der St. Elisabeth-Kirche vergangene Woche an der Invalidenstraße. Lehrerin Zara Demet Altan ist diesen Weg mit ihren Schülerinnen und Schülern gegangen, hat sie ihre Erfahrungen erzählen lassen und daraus den Film „Wie ein Wald“ gemacht. Unter 58 Projekten aus ganz Deutschland wurde dieser Film die Nummer 1.

Konkret geht es um fehlende Wertschätzung, um bewusste oder unbewusste Diskriminierung, mitunter auch um achtlos hingeworfene Bemerkungen, die den Kindern und Jugendlichen den Mut nehmen.

„Der Lehrer dachte vielleicht, das motiviert uns“, sagt Benji im Nachhinein, wenn er über die Bemerkung mit dem „Müllmann“ nachdenkt. Aber das Gegenteil werde erreicht. Ein anderes Kind berichtet in dem Film, wie es für ihn war, wenn seine Lehrerin seinen türkischen Namen immer wieder falsch aussprach.

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Es war die Kurt-Schumacher-Grundschule in Kreuzberg, an der sich vor einigen Jahren diese Szenen abspielten. An anderen Schulen wäre es vielleicht immer so weitergegangen, aber an der Schumacher-Schule hat Zara Demet Altan als Lehrerin für Deutsch, Englisch und Kunst die Kinder ermutigt, aus ihren Erfahrungen zunächst ein Drehbuch und dann einen Film zu machen.

Und das zeigte Wirkung: „Der Film wurde der gesamten Schule im Kino gezeigt, viele Lehrkräfte nahmen ihn zum Anlass für Gespräche in den Klassen“, berichtet Bernhard Franke von der Antidiskriminierungsstelle des Bundes.

Die Neuköllner Rütli-Schule errang den 2. Platz

Der zweite Preis ging an die Gemeinschaftsschule auf dem Campus Rütli für ihr Projekt „Mehr als 2 Seiten“: Nach einer gemeinsamen Reise nach Israel und in die Palästinensergebiete entstand ein Comic über die Reise. Viele beteiligte Jugendliche haben selbst familiäre Beziehungen in die Region, erleben antiisraelische und antisemitische Einstellungen und selbst oft Rassismus und Ausgrenzung.

Das Team der Rütli-Schule erarbeitete einen viel beachteten Comic.
Das Team der Rütli-Schule erarbeitete einen viel beachteten Comic.
© Caro Kadatz

Der Comic wird mittlerweile in vielen Klassen und Schulen als Lehrmaterial genutzt, teilweise unter Einführung der an der Reise beteiligten Schülerinnen und Schüler, berichtet die Antidiskriminierungsstelle, die den Preis zusammen mit dem Cornelsen-Verlag seit 2017 auslobt.

Den 3. Platz belegte die Hamburger Stadtteilschule Bahrenfeld

3000 Euro gingen an die Kurt-Schumacher-Schule, 2000 Euro an den Campus Rütli und den dritten Preis in Höhe von 1000 Euro erhielt die Stadtteilschule Bahrenfeld/Hamburg für ihr Projekt „Als Faire Schule zu Recht kommen“. Die Schule hat sich als „Faire Schule“ zertifizieren lassen, um der Diversität der Schülerinnen, Schüler und des Kollegiums Rechnung zu tragen.

Die Hamburger Stadtteilschule Bahrenfeld hat sich als "Faire Schule" zertifiziert.
Die Hamburger Stadtteilschule Bahrenfeld hat sich als "Faire Schule" zertifiziert.
© Caro Kadatz

Die mit dem ersten Preis gewürdigte Leistung des Kurt-Schumacher-Teams ist auch deshalb von ganz besonderer Bedeutung, weil an der Schule seit fast zehn Jahren im Ausnahmezustand gelernt wird: Sie musste Ende 2012 wegen einer Brandschutzsanierung ausziehen. Seither findet das gesamte Schulleben im Hortgebäude statt – vom Unterricht über das Mittagessen bis hin zur Nachmittagsbetreuung und allen Arbeitsgemeinschaften. Auch der Film entstand unter diesen Bedingungen – ebenso wie Altans Vorgängerfilm „Frühlingskinder“.

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Zara Demet Altan drehte mit den Kindern der Kurt-Schumacher-Schule den Siegerfilm.
Zara Demet Altan drehte mit den Kindern der Kurt-Schumacher-Schule den Siegerfilm.
© Caro Kadatz

Nun aber – nach etlichen falschen Entscheidungen des bezirklichen Bauamtes sowie Firmenpleiten und Schlechtleistungen – ist der erste Bauabschnitt fertig: Einige Klassen können in den sanierten Bau umziehen, auch die Sporthalle ist wieder nutzbar

Schulleiter Lutz Geburtig freut sich über den Erfolg des Films, aber was den beginnenden Umzug anbelangt, hat Euphorie keinen Platz, denn der zweite, wichtigere Bauabschnitt ist erst ab 2026 fertig. Hunderte Schülerinnen und Schüler, die seit 2013 eingeschult wurden, haben nie ein normales Schulleben kennengelernt, viele Lehrkräfte und Eltern auch nicht. Ob die Schule eine Entschuldigung des Bezirks erwartet? „Nein“, sagt Geburtig, „das wäre naiv“.

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