Stadtentwicklung : Neues Leben für die Berliner Friedhöfe

Der Bedarf an Flächen für Begräbnisse geht seit Jahren zurück. Doch was tun mit den Grundstücken in der wachsenden Stadt?

Auf dem St.-Jacobi-Friedhof gibt es einen Gemeinschaftsgarten mit Hochbeeten.
Auf dem St.-Jacobi-Friedhof gibt es einen Gemeinschaftsgarten mit Hochbeeten.Foto: Thilo Rückeis

An der Hermannstraße liegen Vergangenheit und Zukunft der Berliner Friedhöfe nah beisammen. Ein junger Mann durchschreitet den St.-Thomas-Friedhof, vorbei an Gräbern mit flackernden Kerzen, Bildern – und dröhnenden Baggern. In der Nähe des Grabs, wo der Mann mit Tränen in den Augen und gefalteten Händen verweilt, entsteht ein Verwaltungsgebäude des evangelischen Friedhofsverbands, auf einstiger Friedhofsfläche. Auf der anderen Seite der Hermannstraße ist der ehemalige St.-Thomas-II-Kirchhof, heute Anita-Berber-Park, bereits fester Bestandteil der Naherholung. Durchgangsverkehr zum Tempelhofer Feld belebt ihn.

Daneben: Stille. Der Jerusalem-V-Friedhof ist immer noch als Ruhestätte in Betrieb. Nur auf dem hinteren Teil an der Netzestraße regt sich etwas: Dort gräbt eine Kooperation aus Fördervereinen und Nachbarschaftsinitiativen die Reste eines Zwangsarbeiterlagers aus. Unschwer zu erkennen: Berlins Friedhöfe sind im Wandel.

Rund 220 Friedhöfe gibt es in der Stadt, der größte Teil in kommunalem oder kirchlichem Besitz. Rund 1100 Hektar machen sie aus, mit einem enormen Wert für das Stadtbild: Friedhöfe sind nicht nur Orte des Gedenkens. Menschen nutzen sie auch als Naherholungsgebiete, als seltene Orte der Ruhe, als grüne Rückzugsorte in der Metropole.

Ein Wandel der Bestattungskultur

Viele der Flächen liegen in innerstädtischen Lagen. Ihr Wert steigt nun auch von anderer Seite: Was passiert mit den Friedhofsflächen in einer rasant wachsenden Stadt, in Zeiten großer Wohnungsnot, wenn ein Mittelmaß zwischen günstigem Wohnraum und dem Erhalt der Lebensqualität im Kiez gefunden werden muss? Der Bedarf an Friedhofsflächen für Begräbnisse geht seit Jahrzehnten rapide zurück. Die Lebenserwartung steigt, die Sterberate sinkt, die Bestattungskultur wandelt sich: Immer mehr Menschen lassen sich anonym oder in Gemeinschaftsflächen bestatten.

Wie sollte die Stadt umgehen mit den Flächen, die auch Spiegelbild kultureller und städtebaulicher Entwicklung sind? Einen Anhaltspunkt gibt der Friedhofentwicklungsplan (FEP), 2006 vom Berliner Senat beschlossen. Er sieht vor, dass rund ein Drittel der Flächen alternativ genutzt werden soll. In manchen Bezirken wie Neukölln sind es sogar knapp 50 Prozent. Der größte Teil ist als Grünfläche oder Friedhofspark vorgesehen, ein Teil auch als Bauland. Längst sind die Friedhofsflächen auch zu Orten des Streits avanciert.

Ein Beispiel hierfür ist die geplante Nachnutzung des Jerusalem-V-Friedhofs. Dort sollte schon 2017 eine Flüchtlingsunterkunft für 180 Menschen samt Begegnungsstätte eröffnet werden. Ein Anwohner klagte gegen die Begegnungsstätte. Förderanträge und Bauplanungen mussten überarbeitet werden, mit einer Eröffnung der Unterkunft ist nun nicht vor 2019 zu rechnen.

Probleme mit Anwohnern

Auch die Umwidmung des Kirchhofs St. Thomas II verlief nicht reibungslos. Ab 2015 wurde die Fläche zur Grünanlage ausgebaut. Der heutige Anita-Berber-Park dient als Ausgleichsfläche, da durch den Weiterbau der A 100 Grün vernichtet wurde, das an anderer Stelle neu geschaffen werden musste. Zwischenzeitlich kam auch Kritik auf. Anwohner empfanden die neuen Planungen als pietätlos. „Natürlich gibt es Menschen, die gerne eine andere Nutzung gesehen hätten. Der Großteil der Anwohner hat den Raum aber gut angenommen“, sagt Jochen Biedermann (Grüne), Stadtrat für Stadtentwicklung in Neukölln. „Wir brauchen die Grünfläche, sie ist Teil der Freiluftschneise vom Tempelhofer Feld. Gerade im Norden von Neukölln und auch in Zeiten der Wohnungsnot müssen wir ausgewogene Lösungen finden.“

Damit spielt er auf die Planung mit weiteren ehemaligen Friedhofsflächen an, nicht nur für Parks und Wohnungsbau. Etwa auf dem St.-Thomas-Kirchhof zwischen Hermannstraße und Körnerpark. Dort soll das neue Bundeszentrum des Bundes Deutscher Gartenfreunde entstehen, samt Geschäftsstelle, Schreberjugend und Tagungsbereich. „Wir haben enge Vorgaben gemacht, wie ausgeprägt gebaut werden darf, um das Stadtbild nicht zu gefährden“, sagt Biedermann. Das Bildungsangebot und die geplante Zusammenarbeit mit Schulen und Kitas werde ein Gewinn für Neukölln sein.

Freiflächen und Gräber im Friedhof auf dem St. Jacobi Kirchhof an der Hermannstraße in Berlin-Neukölln.
Freiflächen und Gräber im Friedhof auf dem St. Jacobi Kirchhof an der Hermannstraße in Berlin-Neukölln.Foto: Thilo Rückeis

Auf dem nahe gelegenen St.-Jacobi- Friedhof wiederum errichten die Betreiber des Prinzessinnengartens am Moritzplatz in Kreuzberg einen offenen Gemeinschaftsgarten mit Hochbeeten. Auch eine vierzügige Gemeinschaftsschule soll auf dem alten Friedhofsgelände entstehen. Außerdem Wohnungen. Dafür sind auch auf dem Jerusalem-V-Friedhof Flächen vorgesehen.

Senatsverwaltung will grüne Nachnutzungen

Doch diese Umnutzung soll eher die Ausnahme bleiben. „Im Regelfall ist eine grüne Nachnutzung vorgesehen. Es kann im Einzelfall Flächen geben, die aufgrund bezirklicher Entscheidungen für den Wohnungsbau genutzt werden“, heißt es aus der Senatsverwaltung. Mit dem FEP gibt es zwar einen landesweiten Plan. Da für Baugenehmigungen und Grünflächenmanagement aber die Bezirke zuständig sind, verläuft die Nachnutzung von Fall zu Fall, von Bezirk zu Bezirk, unterschiedlich. „Die Umsetzung der Vorgaben des FEP ist ein langfristiger und schrittweiser Prozess, der aufgrund der Dauer bestehender Nutzungsrechte für Gräber und der zumeist über den Friedhof verstreut liegenden freiwerdenden Flächen erst in langen Zeiträumen möglich ist“, sagt eine Sprecherin der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz.

Dass es auch anders ginge, zeigt sich in anderen europäischen Städten. In Kopenhagen etwa. Auf dem Assistensfriedhof liegen Berühmtheiten wie Hans Christian Andersen begraben. Hier findet eine Mischnutzung aus aktivem Friedhof und Erholungsfläche statt. Historische, verzierte Grabmäler aus dem 19. Jahrhundert wurden bewusst nicht abgerissen.

Auch andere große Kopenhagener Friedhöfe sind für Freizeitaktivitäten geöffnet: Auf dem Bispebjerg-Friedhof nutzen sogar Laufgruppen die breite Allee, zur Kirschbaumblüte findet ein Frühlingsfest statt. Hier streitet niemand mehr über Pietätlosigkeit, die Kopenhagener sitzen ganz selbstverständlich zwischen den Grabsteinen und trinken Kaffee oder stillen ihre Babies.

Ein Beispiel für Berlin? Die Gräber im Anita-Berber-Park wurden entfernt, nicht zuletzt das der Namensgeberin Anita Berber. Ihr Grab ebnete der Bezirk nach der Entwidmung des Friedhofs ebenfalls ein.

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