Streamen, helfen, digitalisieren : Wie sich Berliner Firmen durch die Krise retten

Sportstudios und Autolackierer haben es gerade schwer. Einige Berliner haben bereits neue Geschäftsmodelle gefunden, um die Krise zu stemmen.

Wer ein bisschen Stoff übrig hat, schwenkt lieber über und verkauft selbstgenähte Masken.
Wer ein bisschen Stoff übrig hat, schwenkt lieber über und verkauft selbstgenähte Masken.Foto: Christoph Soeder/dpa

Die Matten im „Ringside Gym“ sind leer. Das Friedrichshainer Sportstudio, das Kampfsportarten wie Thaiboxen anbietet, ist seit Mitte März geschlossen. Dennoch wird weiter geschwitzt. 

[Verfolgen Sie in unseren Liveblogs die aktuellen Entwicklungen zum Coronavirus in Berlin und zum Coronavirus weltweit.]

Wochentags streamen die Trainer live Lektionen über Instagram und YouTube, die Schüler machen zu Hause mit. „So möchten wir die Bindung aufrechterhalten in dieser ungewissen Zeit“, sagt Geschäftsführer Christian Kunitz. Bisher habe er noch nicht viele Vertragskündigungen erhalten, die Mitglieder blieben dem Studio treu.

Auch kleine Geschäfte im Einzelhandel wie beispielsweise die „Original Unverpackt“-Läden in Kreuzberg, haben es derzeit schwer. Hier werden Lebensmittel ohne Plastikverpackungen verkauft, „Normalerweise bringen viele Kunden eigene Behälter mit“, sagt Geschäftsführerin Milena Glimbovski.

[Der Tagesspiegel hilft Ihnen dabei, online zu gehen: Ein Service für Berliner Kleinunternehmen. Mit uns gibt es die eigene Website in 48 Stunden - kostenlosen und unkompliziert. Alle Infos gibt es hier. Anmeldung unter: digitalhelfer.tagesspiegel.de]

Das ist jetzt zwar nicht mehr möglich. Aber Glimbowskis Team hat in der Krise einen Lieferservice gestartet: Die Kunden können nun die Produkte auf der Website einkaufen und nach Hause liefern lassen – in Gläsern oder wiederverwendbaren Tüten. Wie es weitergehe, müsse sich zeigen, sagt Glimbovski. Immerhin habe sie bisher keinen der 33 Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken müssen.

Berlin ist die Stadt der Kreativen, das zeigt sich auch in der Coronavirus-Krise. Ideen gibt es buchstäblich an jeder Straßenecke. Das „Speisekombinat“ ist ein Restaurant mit italienischer Küche in Mitte. „Ich bin da hinter dem Tresen großgeworden“, sagt Tolgay Azman, dessen Eltern das Restaurant betreiben.

[Verfolgen Sie in unseren Liveblogs die aktuellen Entwicklungen zum Coronavirus in Berlin und zum Coronavirus weltweit.]

Als sie den Familienbetrieb vorübergehend stilllegen mussten, hätten seine Eltern Existenzängste bekommen. Aufgrund der Lage gäbe es kaum Laufkundschaft für Außer-Haus-Verkauf. Azman lebt inzwischen in Hamburg und ist selbständig in der Medienbranche.

Inspiriert von der Hamburger Kreativküche „Kitchen Guerilla“ schlug er seinen Eltern eine „Soliküche“ vor. Das Konzept soll nicht nur den Betrieb am Laufen halten, sondern gleichzeitig etwas Gutes tun: „Man kann einer Person in Not eine Mahlzeit spendieren.“

Über einen Webshop können Essenspakete für Wohnungslose für sieben Euro bestellt werden. Das Restaurant erhält einen Teil des Betrags, um die Kosten zu decken. Die Berliner Stadtmission liefert das Essen an die Bedürftigen. Das Projekt laufe zwar sehr gut, aber allein werde es den Betrieb nicht retten können. Immerhin: „Meine Mama ist begeistert“, sagt Azman.

Überhaupt ist die Solidarität überwältigend in dieser Stadt. Portale, auf denen Kunden ihre Lieblingsläden wie Kinos, Restaurants, Cafés und Clubs mit Gutscheinen unterstützen können, die sie später einlösen, gibt es inzwischen einige, auch der Tagesspiegel unterstützt Kiezläden: Unter tagesspiegel.de/kiezhelfer kann man Gutscheine für Läden, Kulturstätten, Restaurants und Cafés erwerben, die unter der Coronakrise besonders leiden. Allein das Portal Helfen.Berlin gibt an, innerhalb von drei Wochen Gutscheine im Wert von einer Million Euro verkauft zu haben.

Den Mittelstand ins digitale Zeitalter hieven

Auch Max Kettner ist erstaunt, wie schnell plötzlich kreative Lösungen möglich sind. Schließlich arbeitet er schon seit Jahren daran, den Mittelstand ins digitale Zeitalter zu hieven. Kettner leitet den Bereich Förderprojekte beim Bundesverband mittelständische Wirtschaft. Dessen größtes Projekt ist das „Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum Berlin“, das Workshops und individuelle Beratungen für Firmen anbietet.

Im Rahmen von Konzeptentwicklungsprojekten kommen Berater ins Unternehmen und entwickeln vor Ort digitale Lösungen. „Aktuell haben wir sechs Projektanmeldungen pro Woche“, sagt Kettner, „so viele wie sonst im ganzen Monat“. Unternehmen aus allen Branchen holten nun Schritte nach, die sie bisher vernachlässigt hätten.

[Behalten Sie den Überblick: Corona in Ihrem Kiez. In unseren Tagesspiegel-Bezirksnewslettern berichten wir über die Krise und die Auswirkungen auf Ihren Bezirk. Kostenlos und kompakt: leute.tagesspiegel.de]

Das könne zum Beispiel eine Autolackiererei sein, die bis vor Kurzem noch volle Auftragsbücher hatte. Doch wenn die Kunden zu Hause sitzen, geht auch die Sichtbarkeit verloren. „Die sagen: Wir arbeiten noch, aber keiner kommt zu uns.“ Dann werde es höchste Zeit, die Webseite aufzupolieren und die Kunden mit gezieltem Online-Marketing anzusprechen.

Weil viele Unternehmen ihre Digitalisierung aus purer Existenzangst vorantreiben, sei der Bedarf nach Hard- und Software-Lösungen enorm gestiegen. Viele IT-Dienstleister kämen gar nicht mehr hinterher. „Das Gelingen hängt aber davon ab, ob das Unternehmen es schafft, die Mitarbeiter mitzunehmen“, sagt Kettner.

Wenn neue Tools und Vertriebskanäle eingeführt würden, während gleichzeitig die meisten Kollegen mit der neuen Situation im Home-Office klarkommen müssen, sei das eine enorme Herausforderung für Führungskräfte.

Aus dem Homeoffice heraus effektiv arbeiten

„Zuerst steht für die meisten Unternehmen die Sicherstellung der Arbeitsfähigkeit im Zentrum“, sagt Nils Britze vom Digitalverband Bitkom. Man müsse neue Wege gehen, um auch aus dem Homeoffice heraus effektiv arbeiten zu können. Das gelte vor allem in der Kommunikation.

Einer Bitkom-Umfrage von 2018 zufolge waren seinerzeit Festnetztelefon und E-Mail die wichtigsten Kanäle am Arbeitsplatz. Bereits auf Platz drei folgte die Briefpost, die 71 Prozent der Befragten regelmäßig nutzten. Das Fax verwendeten 62 Prozent regelmäßig. 

Hintergründe zum Coronavirus:

Videokonferenzen hingegen spielten mit 48 Prozent eine untergeordnete Rolle, ebenso wie Messenger-Apps (38 Prozent). „Hier wird es durch die Krise Verschiebungen geben, die meiner Meinung nach auch nachhaltig sein werden“, sagt Britze.

Bei der Digitalisierung von Arbeitsprozessen im Unternehmen sei es besonders wichtig, „Medienbrüche“ zu vermeiden, rät der Experte. Die gingen meist mit der Nutzung von Papier einher. „Überall da, wo etwas ausgedruckt wird, muss jemand anders das irgendwann wieder digitalisieren.“

Stattdessen sollten „strukturierte Daten“ übermittelt werden – in digitaler Form und ohne Brüche. Grundsätzlich sollten die Unternehmen darauf achten, nicht nur neue Software einzuführen, sondern auch althergebrachte Arbeitsabläufe hinterfragen. „Wer einen schlechten Prozess digitalisiert, erhält dabei nur einen schlechten digitalen Prozess“, sagt Britze.

[Wenn Sie alle aktuellen Entwicklungen zur Coronavirus-Krise live auf Ihr Handy haben wollen, empfehlen wir Ihnen unsere runderneuerte App, die Sie hier für Apple-Geräte finden können und hier für Android-Geräte.]

In der aktuellen Krise erlebe die Digitalisierung eine Beschleunigung, weil der Druck zur Veränderung da sei. Ein wichtiger Faktor seien aber auch die Angebote diverser Cloud-Dienstleister. Weil Cloud-Services heute zu günstigen Preisen verfügbar seien, müssten die Unternehmen keine großen Investitionen in Hardware leisten.

Auch kleine und mittlere Unternehmen könnten mit relativ kostengünstigen Abo-Modellen neue Lösungen für den Arbeitsalltag finden. „Ich bin daher optimistisch, dass die Unternehmen das hinbekommen werden“, sagt Britze.

Jetzt neu: Wir schenken Ihnen Tagesspiegel Plus 30 Tage gratis!