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Frau Kemp besucht den Rabenkakadu "Krümel" fast täglich.

© Mike Wolff

Stammgäste im Zoologischen Garten: Warum manche Menschen jeden Tag in den Zoo gehen

Etwa 50 Stammgäste gibt es im Zoo, manche kommen jeden Tag. Was zieht sie in diese Welt voller Käfige? Um sie zu verstehen, ist unser Autor selbst zum Stammbesucher geworden.

Plötzlich war da diese Frau. Klein und durch die Jahre zierlich gemacht, saß sie in der Südamerika-Abteilung neben dem Käfig der Rabenkakadus und redete, ganz leise. „Ja, wo ist denn mein Krümel?“, fragte sie. „Ja, komm mal her, Krabbelchen machen!“ Und Krümel, falkengroß und schwarz mit roten Schwanzfedern, kam. Er kletterte das Gitter nach oben, bis er auf Augenhöhe der Frau war und ließ sich den Bauch kraulen, knabberte an ihrem Finger, ganz leicht nur, so dass es nicht weh tat.

Eine unerwartete Begegnung, völlig ungeplant. Angefangen hatte es mit einer spontanen Idee, Nostalgie, Kindheitserinnerung. Ich hatte Besuch aus England und es war schönes Wetter und hey, wann warst du zum letzten Mal in einem Zoo? Ewig her? Gut, lass uns doch heute einfach mal hingehen. Und dann gingen wir hin, mit all den anderen Touristen. Es war voll und laut und ein wenig gehetzt, weil vor uns vier Kinder in einem Bollerwagen krakeelten und hinter uns eine ganze Schulklasse kurz vor der Pubertät stand. Es wurde spät, fast Toresschluss, und weil es schon ein bisschen düster war, gingen wir ins Vogelhaus, das zu diesem Zeitpunkt schon so gut wie leer war.

Der Zoo, mehr als nur eine spontane Idee

Und plötzlich war da diese Frau. Und ich fragte sie, weil ich einfach fragen musste: „Entschuldigen Sie, kennen Sie den Vogel gut?” Ja, sagte sie. Erklärte, dass er eine Handaufzucht sei, acht Jahre alt, und sie ihn von Anfang an kenne. „Haben Sie denn hier gearbeitet?“ „Nein. Ich bin nur zu Besuch.“ Danke. Schönen Abend. Tschüss.

Im Foyer sah ich sie wieder. Sie stand noch ein wenig an den Café-Tischen, als würde sie auf etwas warten. Dann ging sie. Ich fragte den Verkäufer im Restaurant des Vogelhauses: Kennen Sie die Dame? Kommt die öfter? Und der Mann lachte. Ja, sie komme jeden Tag. Stammbesucherin, seit über zehn Jahren. In dem Moment wollte ich mehr wissen – warum tut sie das? Mir als Gelegenheitsbesucher wäre es nie eingefallen, dass es Menschen gibt, für die der Zoo viel mehr ist als nur eine spontane Idee. Blick zurück zu den Tischen. Die Dame war verschwunden.

Geh zweimal hin und du erkennst sie

Vierzig oder fünfzig Stammbesucher gibt es im Zoo. Menschen, die an mehreren Tagen in der Woche in den Zoo kommen, oder sogar jeden Tag. Das erzählt mir der Mann am Löwentor gegenüber vom Bahnhof, der mit seinem Scanner die Jahreskarten kontrolliert. Dasselbe schätzt auch die Pressesprecherin. Genaue Zahlen haben sie beide nicht. Der Mann am Löwentor erkennt sie, weil er oft hier ist und weil auch sie so häufig kommen, dass er sich an ihre Gesichter erinnern kann. Schon kurz vor neun Uhr morgens stehen manche da, als allererste, wenn der Zoo aufmacht. Stehen da und warten, wenn die Schlange der Touristen und Familien noch nicht mal kurz ist. Stehen da, wenn der Harmonikamann auf seinem Stuhl neben dem Zaun noch nicht spielt, weil es jetzt noch nichts zu verdienen gibt.

Für Touristen sind die Stammbesucher unsichtbar

Geh zweimal hin und du erkennst sie. Die gedrungene Frau mit den schlohweißen Haaren und dem weißen Nachthemd steht mit ihrem Rollator links, gleich neben dem Mann mit den langen Haaren im hellen Leinenanzug, der aussieht, als wolle er auf Safari, mit seiner Kamera mit der Superzoomlinse. Sie und alle anderen, die jetzt hier sind, warten darauf, dass das Tor aufmacht und sie einlässt in dieses zu dieser Zeit noch fast menschenleere Land. Ein paar Runden drehen, bevor der große Donner losbricht.

Für seine Stammbesucher ist der Zoo mehr als nur eine Urlaubsbeschäftigung, mehr als Geburtstagsüberraschung oder Schulausflug. Für die, die nur zu besonderen Anlässen hierherkommen, sind sie leicht zu übersehen, für Touristen unsichtbar. Deshalb muss man, wenn man verstehen will, warum sie immer wieder kommen, selbst zum Stammbesucher werden.

Wie ein Foto mit langer Belichtungszeit

Karla Behrensdorf führt sogar Stammbäume für die Tiere - ihre Art am Familienleben teilzunehmen.

© Mike Wolff

Schon nach wenigen Besuchen habe ich das Gefühl, sie zu erkennen. Sie scheinen sich anders durch den Zoo zu bewegen als die Gelegenheitsbesucher, die Familien, die Schulklassen, die Touristen. Sie gehen langsamer, kein Hetzen, kein Drängeln vor den Gehegen. Die meisten von ihnen sind Frauen, älter schon, und fast alle kommen hierher allein. Leise Besucher sind sie, fast meditativ wirken sie inmitten des Trubels, der sie umgibt wie Unschärfe auf einer Fotografie mit langer Belichtungszeit. Sie anzusprechen, zu unterbrechen, muss störend sein.

Der erste Kontakt also über den Verein der Zoofreunde. Bei mehr als 3000 Mitgliedern müssen doch ein paar Stammgäste dabei sein. Anruf beim Vorsitzenden Thomas Ziolko. Er weiß sofort, worum es geht und verspricht, Kontakt herzustellen. Könne aber ein wenig dauern, sagt er.

Wenige Tage später: eine E-Mail im Postfach, Betreff: „Zoobesucherin seit vielen Jahren“. Sie fühle sich geehrt, von Herrn Ziolko empfohlen worden zu sein, schreibt mir Karla Behrensdorf. Allerdings sei sie nicht sicher, ob sie sich eigne: „Ich bin erst seit 2008 Zoo- und Tierparkbesucherin. Außerdem bin ich recht schüchtern. Falls Sie es mit mir wagen möchten, stehe ich Ihnen gerne zur Verfügung.“

"Irgendwie bin ich Single geblieben"

Erstes Treffen am Elefantentor. Die 67-Jährige trägt Rosa, eine Haarspange in Form einer Giraffe hält ihren Pony leicht zurück. Behrensdorf wohnt in Schöneberg, vor Jahrzehnten ist sie nach Berlin gezogen, aus dem Sauerland, um am Flughafen Tempelhof für die US-Luftwaffe im Büro zu arbeiten. Ihre Mutter und ihre beiden Brüder leben bis heute fast fünf Zugstunden von ihr entfernt. In Berlin hat Behrensdorf keine Familie. „Ich hab’s nicht so geplant, aber irgendwie bin ich Single geblieben“, sagt sie. Der Beruf war wichtiger. Nicht viel Zeit für die Liebe. Klar habe sie immer wieder feste Freunde gehabt, sagt sie. Aber die, Amerikaner, gingen alle irgendwann zurück, und sie, Berliner Kind inzwischen, blieb. Als die Amis abrückten, fand sie eine neue Stelle am Flughafen Tegel, arbeitete dort bis 2008 in der Verwaltung.

Ob sie eine Runde hat, die sie immer wieder geht? Das mache sie spontan, sagt Behrensdorf. Also zuerst ein kurzer Halt am Eisbärengehege. „RIP Knut“ hat jemand in weiß auf das Geländer geschrieben, noch heute legen Fans am Geburtstag des Eisbären Blumen vor die Bronzestatue, die nach seinem Tod aufgestellt wurde. Hier, gleich hinter dem Vogelhaus, hat für Frau Behrensdorf alles angefangen, damals vor acht Jahren. „Verzaubert“ ist das Wort, das sie benutzt, wenn sie erklärt, warum sie begann, sich für den Zoo zu interessieren – verzaubert von Knut. Am Anfang verfolgte sie den Eisbären nur aus der Ferne. Sie las Zeitungsartikel über ihn, schaute sich die Clips in Nachrichtensendungen an.

Der Zoobesuch war zum Ritual geworden

Ihr gefiel es, wie Tierpfleger Thomas Dörflein sich um Knut kümmerte. Sie fand das besonders. Wie er die Rolle der Mutter übernahm, die den Bären nach seiner Geburt nicht angenommen hatte. In den Zoo ging sie lange Zeit nicht. Zu viel Trubel, die Schlangen so lang. Ihre Arbeitskollegen aber bemerkten ihre neue Leidenschaft und schenkten ihr zum Ruhestand eine Zookarte. Von da an begann Karla Behrensdorf regelmäßig hinzugehen, zweimal pro Woche mindestens, und einmal in den Tierpark. Als Knut 2011 starb, ging sie weiter hin. Der Zoobesuch war längst zum Ritual geworden. Und es gab ja noch andere Tiere. Freie Auswahl auf der Suche nach einem neuen Liebling.

Viele der Stammgäste haben Favoriten, Tiere, zu denen sie immer wieder gehen. Manche tragen T-Shirts mit den Fotos ihrer Lieblingstiere. Auch Karla Behrensdorf hat so eines: Raubkatzen sind darauf zu sehen. In der Mitte: ein Schneeleopard.

Dass der Leopard eingesperrt ist, macht ihr nichts aus

Der persische Leopard im Raubtierhaus ist ihr Liebling, sagt sie. Gerade ist er draußen, dreht kompakte Runden in dem wohnzimmergroßen Freigelände. Panthera pardus saxicolor, überwiegend im heutigen Iran verbreitet, jagt Ziegen, Rehe und Gazellen. Der Name des Tiers steht nicht auf dem Schild neben dem Käfig. Behrensdorf kennt ihn trotzdem. „Haakon, Haakon!“, ruft sie der graumelierten Großkatze leise zu. Haakon reagiert nicht, dreht weiter seine Runden. Behrensdorf sagt, dass Haakon ein persischer Name sei, „Herrscher“ heiße das. Sie findet, dass das ganz gut passt – wegen des majestätischen Gangs.

Seit zwei Jahren kennt sie Haakon, besucht ihn regelmäßig im Außengehege und bei den Fütterungen. Dass er eingesperrt lebt, macht ihr nichts aus. Früher wollte sie die Tiere nicht in Gefangenschaft erleben. Heute sieht sie es anders. „Botschafter ihrer Art“ seien Haakon und die anderen Zootiere, sagt Behrensdorf, als sie weitergeht. Außerdem gehe es ihnen hier gut. Zehn bis 15 Jahre alt wird so ein persischer Leopard in Freiheit, wenn er nicht vorher von Menschen getötet wird. „Stark gefährdet“, steht auf dem Schild. Im Zoo, wo Menschen nur schauen und nicht schießen, könne Haakon durchaus 20 werden, sagt Behrensdorf.

Kein Fressen, kein Gefressenwerden

Auf dem Rückweg mache ich einen ersten Versuch zu verstehen. Für Stammbesucher ist der Zoo eine Konstante, ein Bezugspunkt. Warum? Für Karla Behrensdorf und viele andere Stammgäste scheint er ein Weg zu sein, die Welt zu erkunden und doch nicht wegzumüssen. Schließlich war das Exotische das, was auch mich anfangs in den Berliner Zoo führte. In einer spontanen Welle der Nostalgie, in Erinnerung an Zoobesuche mit meiner Großmutter. Immer die Tiger, die Wölfe und die Braunbären, kindliche Fantasien von der wilden Welt. Vielleicht ist es nur das. Aber da ist auch etwas anderes: Wenn man die Augen leicht zusammenkneift, bei der Kondor-Voliere zum Beispiel, oder im Hirschgehege, kann man die Hochhäuser Berlins fast nicht durch die Laubdecke der Bäume sehen. Die Stadt, die wirklich wilde Welt jenseits der Zoomauern, mit all ihren Gesetzen, verliert an Bedeutung in diesem abgegrenzten Eden. Der Zoo – auch das Versprechen eines sicheren Ortes. Kein Fressen, kein Gefressenwerden. Nicht, solange du hier bist und dich vom Trubel fernhältst.

Am Ende unseres ersten Treffens frage ich Karla Behrensdorf, ob sie die alte Dame aus dem Vogelhaus kennt, meine erste Zoobekanntschaft. Sie überlegt lange. Das Problem, sagt sie, sei, dass sie oft die Namen derer nicht kenne, die sie im Zoo trifft. Sie erkenne zwar ihre Gesichter, rede auch mit manchen, aber persönlich werde es selten. Bei einigen ist es nur ein Winken, ein Nicken vielleicht, oder bloßes Vorbeitreiben. Sie verspricht aber, Ausschau zu halten. Und gibt mir noch einen anderen Namen: Angela Krüger. Die treffe man oft bei den Menschenaffen, sagt Behrensdorf. Also dort ein Treffen vereinbaren.

"Ganz normal ist das nicht, weiß ich ja selbst"

Orang-Utan-Weibchen Bini hat Angela Krüger geholfen, die schwere Zeit nach dem Tod ihres Mannes zu überstehen.

© Mike Wolff

Als Angela Krüger den gepflasterten Platz vor den Stäben des Affengeheges betritt, setzt Bini sich in Bewegung. Das Orang-Utan-Weibchen greift sich eines der Seile, die von der Decke hängen, zieht sich daran hoch und schwingt, rostrotes Fell, dunkles Gesicht, schwarze Augen, in Richtung des Käfigrands. Dort angekommen, setzt sie sich auf eine Querstrebe und beobachtet ihren Besuch. Ohne den Blick abzuwenden, sitzt Bini da, schaut minutenlang auf Krüger herunter. Und Krüger beginnt, mit ihr zu sprechen: „Ja, Bini, da schaust du, oder? Wen hab ich denn hier mitgebracht?“ Sie meint mich. Neben ihr stehen Eltern mit ihren Kindern. Die Kinder machen Geräusche, suchen nach Binis Aufmerksamkeit. Die lässt sich nicht stören. Erst als Angela Krüger sich entfernt, weg vom Gitter in Richtung Hauptweg geht, löst sie sich. „Am Anfang fand ich die Stammgäste ganz komisch. Ich hab mir gedacht: Hoffentlich werd' ich mal nicht so wie die, Tiere vertüdeln, mit ihnen reden“, sagt Frau Krüger beim Weggehen. Sie zögert kurz. „Jetzt bin eigentlich fast schon so ähnlich“.

462 Affen T-Shirts

Der Anfang, von dem sie spricht, ist lange her. Krüger ist eine von denen, die morgens schon um neun Uhr vor dem Zootor warten. An sechs Tagen in der Woche steht sie da, montags bis samstags, seit mehr als 20 Jahren ist das ihre Routine.

Krüger ist keine, die man leicht übersieht. Ihre Haare trägt sie bürstig und bunt, sie hat sich Muster in die Seiten rasiert. Auf ihre Unterarme hat sich die 67-Jährige zwei Gesichter tätowieren lassen, Tattoos, wie man sie eher bei einem Biker erwarten würde. Links ein Gorillababy, rechts ein junger Orang-Utan. Auf ihrem T-Shirt ebenfalls ein Gorillababy. Insgesamt hat sie 462 Affen-T-Shirts, sagt sie. Hat sie mal gezählt. An ihren Fingern trägt Krüger mehrere Ringe, große, silberne, mit Gorillagesichtern. An ihrem Hals hängt eine Silberkette mit einem Gorillaanhänger, an ihren Ohren ausladende Ohrringe. Mit Gorilla-Emblem, selbstverständlich. „Ganz normal ist das nicht. Weiß ich ja selbst“, sagt sie und lacht.

Krüger prallte ab am Rollenbild der 60er Jahre

Bei ihr hat das mit dem Zoo, das mit den Affen, schon früh angefangen. Aufgewachsen in West-Berlin, in armen Verhältnissen, gab es für sie nur einen Geburtstagswunsch: einen Zoobesuch. Sie wollte Tierpflegerin werden, damals schon, mit Affen arbeiten. 1964, mit 17, fragte sie beim Zoo an. Sie wurde abgelehnt. „Wir nehmen keine Frauen“, sagte man ihr. Weil Krüger hoffte, dass die Zooverwaltung ihre Meinung ändern würde, wenn sie nur genug Interesse zeigte, ging sie noch mal hin. Und noch mal. Insgesamt acht Mal bewarb sie sich für ihren Traumberuf. Jedes Mal wurde sie abgelehnt, prallte ab an den Rollenbildern der sechziger Jahre. Keine Tierpflegerinnen. Keine Chance.

Krüger begann, im öffentlichen Dienst zu arbeiten, ein Bürojob. Gutes Gehalt, sicherer Job. „Freu dich doch“, sagten ihr alle – aber sie hasste es. Um sich nach der unliebsamen Arbeit zu entspannen, begann sie, nach Dienstschluss in den Zoo zu gehen, direkt aus dem Büro ans Löwentor, erst dann nach Hause. Ihr Mann verstand das. 1994 kaufte er ihr eine Zooaktie, inklusive drei Jahreskarten. Von da an zog es Angela Krüger noch öfter in den Zoo, an sechs Tagen in der Woche – bis heute.

Das Tier half ihr, nicht weggeschwemmt zu werden

Krügers Leidenschaft beschränkt sich nicht auf den Berliner Zoo. Mehrmals im Monat geht sie auf Reisen, besucht verschiedene Tiergärten, Hamburg, München, Köln, Sidney, London, Las Vegas. In 127 Zoos war sie insgesamt, sie führt Buch darüber. Ihr Interesse sei dabei professionell. Sie schaut, wie die Tiere dort leben. Zoos einfach nur zu besuchen, ist ihr nicht genug. Sie hat sich nie damit abgefunden, dass sie nicht Tierpflegerin werden durfte. Sie will mit Tieren arbeiten, wenn schon nicht beruflich, dann wenigstens ehrenamtlich. Sie macht Praktika in verschiedenen Zoos, in Frankfurt, Krefeld – und auch in Berlin. Sie wird außerordentliches Mitglied des Zootierpflegerverbandes und geht zu den jährlichen Versammlungen, besucht Affenpflegertreffen, Raubtierpflegertreffen, Huftierpflegertreffen. Dreimal fährt sie auch nach Sumatra in eine Auffangstation für Orang-Utans, kümmert sich um die Tiere, einen ganzen Jahresurlaub lang.

Kurz vor der Jahrtausendwende wird ihr Mann krank. Krebs, Herz, Zucker – „der hatte alles“. Er muss ins Krankenhaus, jeden Tag besucht sie ihn auf der Intensivstation. In den Pausen dazwischen geht sie in den Zoo. Kummer abladen, Trost suchen. Sie findet ihn im Affenhaus.

"Die hat mich getröstet"

Heute kommt es Angela Krüger so vor, als hätte Bini damals gewusst, dass es ihr schlecht ging. Jedes Mal, wenn sie vor dem Gehege des Affenweibchens stand, kam Bini an die Scheibe und blieb bei ihr sitzen, bis sie wieder ging. Seit dieser Zeit ist Bini, Krüger sagt das so, eine Freundin. „Die hat mich getröstet“, sagt sie. Mit Mimik und Gestik reagierte Bini auf sie. Als „unheimlich menschlich“ bezeichnet Krüger das Affenweibchen heute. Dass der Menschenaffe ein Tier ist, vergesse sie trotzdem nicht. Obwohl es schwerfällt. „Man muss am Anfang echt dran arbeiten, nicht alle Eigenarten der Tiere menschlich zu sehen“. Sie besuchte Bini weiter jeden Tag. Auch nachdem ihr Mann im letzten Jahr starb, half das Tier, nicht allein sein zu müssen, half ihr, nicht weggeschwemmt zu werden.

Einfach so geht keiner der Stammgäste in den Zoo, davon ist Angela Krüger überzeugt. „Die suchen alle was, und sind darin auch alle allein“, sagt sie. In Angela Krügers Fall waren es Entspannung und Trost. Doch der Zoo bietet den Stammbesuchern noch etwas anderes. Egal, wie weit die Welt einem draußen zu entgleiten droht, Haakon, Bini und all die anderen, das ist sicher, werden auch am nächsten Tag noch am gleichen Platz sein, im wohnzimmergroßen Gehege Runden drehen oder an den Seilen des Affenhauses herumklettern. Sie sind konstante Vertraute. Vertraute aber, die trotzdem immer unerreichbar bleiben. Freundschaft durch Gitterstäbe und Glas.

4,2 Millionen Euro bekam der Zoo vererbt

Die meisten Stammgäste sind nicht einfach nur Besucher. Viele von ihnen engagieren sich ehrenamtlich im Förderverein, sind „Freunde der Hauptstadtzoos“. Karla Behrensdorf trat 2010 in den Verein ein, sortiert seitdem regelmäßig Münzen, Fremdwährung, die von den Besuchern in große Trichter geworfen wird. Überall in Zoo und Tierpark sind sie aufgestellt. Andere fördern den Zoo durch Patenschaften. Auch Angela Krüger ist Tierpatin. Als ihr Mann wieder aus dem Krankenhaus entlassen wurde, revanchierte sich Angela Krüger bei Bini und dem Zoo, indem sie die Patenschaft für das Orang-Utan-Weibchen übernahm, für 2500 Euro im Jahr. Ein kleines Schild neben Binis Gehege weist darauf hin. „Meine Patin ist Angela Krüger“.

Manche gehen in ihrer Unterstützung für den Zoo sogar noch weiter. In der Fördervereins-Zeitschrift „Berliner Tiere“, die überall im Zoo ausliegt, ist ein Artikel auf der zweiten Seite immer derselbe. „Der Wille versetzt Berge, besonders der letzte!“, steht da. Es ist ein Aufruf, die Stiftung Hauptstadtzoos in ihrem Testament zu bedenken. Das scheint zu funktionieren. 4,2 Millionen Euro hat der Zoo im Jahr 2014 vererbt bekommen.

"Ich bin 'ne Vogeltante"

Luise Kemp und ihr Liebling, der Rabenkakadu Krümel.

© Mike Wolff

Und dann, nach ein paar Wochen, treffe ich auf einmal die Frau vom Anfang wieder, unter den Sonnenschirmen vor dem Vogelhaus. Seit unserem ersten zufälligen Treffen bei Krümel, dem Rabenkakadu, hatte ich immer wieder nach ihr gefragt, erfolglos. Und jetzt, wieder Zufall, steht sie da, in Jeans und Jeanshemd, Sonnenbrille in der Hand, weiße Turnschuhe mit Klettverschluss. Und ich frage sie, weil ich jetzt auf jeden Fall fragen muss, bevor sie wieder weg ist: Guten Tag, erinnern Sie sich an mich? Wir haben vor Wochen im Vogelhaus miteinander gesprochen. Als Sie da mit dem Rabenkakadu... Sie erinnert sich nicht. Guten Tag, sie heiße Luise Kemp, sagt sie. Sie habe schon gehört, dass jemand nach ihr gefragt habe. Ich könne mich gerne mit ihr unterhalten. Sie setzt sich erst mal hin.

Dann beginnt sie von den Vögeln zu erzählen. Ihren ersten Wellensittich bekam Luise Kemp von ihren Eltern geschenkt. 1932, da war sie fünf Jahre alt. Jecki, so hieß der, sprechen konnte er auch. „Mutti, komm mal her“, konnte er sagen und „Bist du meine Süße“. Sie lacht wie ein junges Mädchen, als sie das erzählt. Ob der Vogel den Krieg überlebt hat, weiß sie nicht mehr, aber er war der erste von vielen. Immer Wellensittiche, immer zwei Männchen, weil die sprechen können und die Weibchen nicht. „Ich bin ’ne Vogeltante“, sagt Kemp. Sie liebt Vögel. Und wie so oft, wenn es um Liebe geht, kann sie nicht genau erklären, warum.

Der Tod - auch eine Realität im Zoo

Vor fünfzehn Jahren begann sie, regelmäßig ins Vogelhaus zu gehen. Da war sie gerade an der Hand operiert worden, konnte zu Hause nichts machen und erlaubte sich, jetzt wo Arbeit keine Alternative war, Freizeit. Auch als die Hand verheilt war, blieb sie dabei. Sie war über siebzig, im Vogelhaus hatte sie Freunde gefunden. Ein Gelbhaubenkakadu hatte kurz vor ihrem ersten Besuch sein Weibchen verloren. Der Tod – auch eine Realität im Zoo. Tragisch sei das für die Tiere, weil die ein Leben lang zusammenblieben, erklärt sie. Und so setzte sie sich zu dem Vogel, kraulte ihn und redete ihm gut zu. Sie blieb, auch weil sie irgendwann Jörg Ulbricht traf, den Reviertierpfleger. „Ich möchte Ihnen den mal vorstellen“, sagt Luise Kemp.

Wir treffen Ulbricht hinter dem Vogelhaus bei einer Zigarettenpause, im Gespräch mit einem Kollegen. Frau Kemp redet los: „Hallo, schauen Sie mal, hier ist der Reporter.“ – „Ich bin leider sehr beschäftigt.“ – „Ah, stör ich gerade?“ – „Ein bisschen, ja.“ – „Das wollte ich nicht. Entschuldigung!“ Sie beugt sich zu Ulbricht hinunter, der in der Hocke dasitzt, und strubbelt ihm über den Kopf. Beide lachen.

Die gute Seele vom Vogelhaus

Später sehe ich den Reviertierpfleger vor dem Vogelhaus wieder. Ulbricht, im Stehen wohl fast zwei Meter und blond, war die zierliche alte Frau schon früh aufgefallen. Damals kam Luise Kemp noch mit einem Bekannten, gemeinsam sahen sie sich die Vögel an, tranken Kaffee bis kurz vor Feierabend. Seit ihr Bekannter vor einigen Jahren starb, kommt sie alleine. „Die gute Seele vom Vogelhaus“ nennt Ulbricht die 88-Jährige. Fast täglich kommt sie zu Besuch, klopft zuallererst an der Glasscheibe der Futterküche. Kurzer Plausch dann, manchmal bringt sie denen, die auf ihre Vögel aufpassen, ein Päckchen Kaffee mit. Ab und zu auch Leckerlis für die Vögel, Sonnenblumenkerne, aus dem Reformhaus. Nur das Beste, das lässt sie sich nicht nehmen. Fast jeden Tag telefonieren Ulbricht und Kemp miteinander, er nennt sie Luischen.

Jörg Ulbricht mag die Stammbesucher. Meistens seien es alleinstehende Frauen, die kommen, sagt er. Die auch Anschluss suchen im Zoo. Zwar ist er mit den anderen nicht so gut befreundet wie mit Luise Kemp, aber er kennt ihre Gesichter. Deshalb fragt er auch schon mal nach, wenn sie längere Zeit wegbleiben. Ob alles in Ordnung ist. Wie es so geht.

Bei einem späteren Treffen erzählt Karla Behrensdorf von einem anderem, der Zoos liebte, der immer wieder kam. Kein Berliner, außerdem tot, lange vor ihrer Geburt gestorben. Der Bildhauer Rembrandt Bugatti, sagt sie, das sei auch ein „Stammbesucher” gewesen. Im letzten Jahr hat sie seine Ausstellung in der Nationalgalerie gesehen. Sie erwähnt ihn, weil sie ihn verstehen kann. Weil sie sich verbunden fühlt mit dem toten Künstler.

Die Ehrfurcht vor der Schöpfung

Rembrandt Bugatti war „Animalier“, Tierbildhauer. In seiner Karriere schuf der Italiener über 300 Plastiken. Um die Tiere zu studieren, zog es ihn fast täglich in den Zoo. Im Jahr 1908 lieh er sich zwei Antilopen vom Antwerpener Zoo aus und ließ sie in sein Pariser Studio bringen, wo er mit ihnen lebte. Er wollte jede ihrer Besonderheiten erfassen: die Wirbel am Bauch, die Falten am Hals, ein Muttermal am Vorderbein. Dafür musste er nah ran – teilnehmende Beobachtung, absolute Hingabe. Es ging Bugatti nicht darum, irgendwelche Antilopen darzustellen. Er wollte genau diese Tiere in Bronze gießen. „Mes Antilopes“ nannte er die lebensgroße Figurengruppe. Die Statuen sind exemplarisch für das, was Menschen an Zoos zu faszinieren scheint. Denn sie zeigen nie nur einfach die Tiere. Sie zeigen auch die Verbindung zwischen Tieren und Menschen, unsere Wahrnehmung von ihnen. Die Ehrfurcht vor der Schöpfung ist es für manche, dieses quasi religiöse Gefühl, dass einen angesichts der Verschiedenartigkeit des Lebens auf der Erde überkommen kann. Für andere ist es der Kitzel des ewig Fremden und doch Ähnlichen.

Eine seltsame Anziehungskraft

Auch Karla Behrensdorf studiert die Tiere genau. Am Tag zuvor hat sie die Gesichter aller Antilopen fotografiert. Sie hat gelesen, dass man sie an der Fellzeichnung am Kopf unterscheiden kann. Auch die Beziehungen der Tiere untereinander sind ihr wichtig, egal in welchem Gehege. Kurze Erklärung bei den Löwen: Paule und Amira leben da zusammen. Früher war auch Amiras Schwester dabei, aber die mochte Paule nicht. Irgendwann ist die Schwester gestorben – Rückenleiden. Deshalb jetzt nur Paule und Amira. Ein bisschen klingt es wie die Nacherzählung einer Seifenoper, wenn sie von den Tieren spricht, Dallas oder Lindenstraße, Lieben, Leiden, Sterben. Große Familiensaga.

Anteil nehmen am Familienleben

Damit sie auf dem Laufenden bleibt, liest Behrensdorf die Pressemitteilungen des Zoos und fragt die Pfleger. Wer ist gestorben, wer hat Junge bekommen, wer kam neu dazu? Jede Veränderung hält sie in einem kleinen Notizbuch fest. Zu Hause archiviert sie alles, in Word-Dokumenten, eines für jedes Revier, unterteilt nach Tierarten. Ihre Aufzeichnungen sind wie Jahrbücher, ihre persönlichen Stammbäume für die Tiere, aber auch ein Weg, Anteil zu nehmen am Familienleben.

Ich treffe mich noch einmal mit Angela Krüger. Seit unserem letzten Treffen war sie auf einem Wochenendtrip, drei Tage in Zoos in Krefeld, Frankfurt und Wuppertal. Schauen, wie es den Menschenaffen dort geht. Krüger betritt den großen Saal des Zoorestaurants. Noch ist es leer hier, kurz vor zehn, die Verkäuferinnen schichten Kuchen in die Kühlregale. Krüger geht zur Kaffeemaschine und macht sich einen Cappuccino. Sie zahlt nur die Hälfte hier. Krüger arbeitet als ehrenamtlicher Zooscout, beantwortet die Fragen der Touristen, weist den Weg, wenn sich jemand verirrt. Als sie an die Kasse geht, will die Kassiererin den vollen Preis berechnen. Erst als Krüger ihren Ausweis aus der Rucksacktasche kramt, gibt sie ihr den Rabatt. Muss neu sein, die Frau. Krüger ist es nicht gewohnt, dass man sie hier nicht kennt.

Der Zoo: auch ein Raum für Freundschaften

Auf der Terrasse am Teich nimmt Angela Krüger ein Buch aus ihrem Rucksack. Das Buch ist alt, „Bakala: Ein Gorilla in unser Küche“ heißt es und handelt von einem Gorillamännchen, das lange im Berliner Zoo lebte und von einem Pfleger von Hand aufgezogen wurde. Krüger will es einer älteren Bekannten mitbringen, auch Stammbesucherin, aber inzwischen zu schwach, um hierher zu kommen. Normalerweise ist Krüger gerne allein unterwegs. Sie genießt die Ruhe, nennt sich selbst Einzelgängerin. Mit ihrer Bekannten aber ging sie früher oft im Zoo spazieren, Krüger, die Affenexpertin, ihre Freundin Patin eines Pinselohrschweins. Dass sie nicht mehr kommen könne, sei schlimm für die alte Dame. „Die hat niemanden.“ Deshalb ruft sie sie jeden Tag an, erzählt, was im Zoo passiert, hält sie auf dem Laufenden. Der Zoo: auch ein Raum für Freundschaften. Wenn man das möchte.

Am Ende ihres Zoo-Tages geht Luise Kemp noch einmal in die Südamerika-Abteilung des Vogelhauses. Schnell noch Tschüss sagen zu Krümel. Krabbelchen machen. Sie schüttelt mir die Hand zum Abschied. „Ich hoffe, ich konnte Ihnen helfen.“ Kurz steht sie da, als würde sie auf etwas warten, dann verlässt Luise Kemp das Vogelhaus und geht nach Hause, klein und durch die Jahre zierlich gemacht bewegt sie sich langsam durch den Trubel. Morgen wird sie wiederkommen, die Vögel besuchen, und Jörg Ulbricht. Wenn er Zeit hat.

Wir müssen sie nie ganz verstehen

Als ich das Vogelhaus verlasse, merke ich, dass sich meine Stimmung verändert hat. Um mich herum schwirren die Familien, die Schulklassen, die Touristen. Ich fühle mich gestört. Laut sind sie, und außerdem hetzen sie durch den Zoo, drängeln sich vor den Gehegen. Schwirren wie Unschärfe auf einer Fotografie mit langer Belichtungszeit. Auf dem Weg zum Ausgang ertappe ich mich dabei, wie ich kurz stehen bleibe. Soll ich noch kurz Bini und Haakon besuchen? Schauen, ob alles in Ordnung ist?

Warum denke ich das? Seltsame Anziehungskraft. Vielleicht, denke ich mir auf dem Weg zum Löwentor, liegt es daran, dass Tiere keine komplexen Probleme haben. Sie existieren einfach. Oder es liegt daran, dass wir sie, um in Kontakt mit ihnen zu treten, nie ganz verstehen müssen. Was weiß denn ich. Auf einmal höre ich eine Stimme, rechts neben mir. „Na, sie sind ja auch ganz schön oft hier“, sagt ein älterer Herr mit Fotoapparat. Verschwörerischer Blick. Er ist einer von denen, die immer schon um neun Uhr vor dem Löwentor stehen und warten, dass sie reingelassen werden, in dieses fremdartige Land am Bahnhof. Zoo.

Dieser Text erschien zunächst in unserer gedruckten Samstagsbeilage Mehr Berlin.

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