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Die Reisebuchhandlung Schropp eines der ältesten Unternehmen der Stadt.
© Sven Darmer

Orientierung seit 1742: Wie der älteste Reisebuchladen Berlins die Krise meistert

Die Reisebuchhandlung Schropp ist eines der ältesten Geschäfte der Stadt – seit Friedrich II. wegen seiner Karten geschätzt. Wie meistert sie die Pandemie?

Als ältester erhaltener Globus gilt der „Behaim’sche Erdapfel“, hergestellt um 1492, aber schon wer kurz danach auf ihm Orientierung suchte, hatte schlechte Karten. Der amerikanische Kontinent wurde gerade erst entdeckt, fehlt also wie auch Australien und der pazifische Raum auf der im Germanischen Nationalmuseum zu Nürnberg ausgestellten Kugel.

Mit all den bunt schimmernden, meist sogar illuminierbaren Abbildern unseres blauen Planeten, wie sie in den Fachabteilungen der Buchhandlungen auf Käufer harren, hat ihr Urahn eigentlich nur die dreidimensionale Form gemeinsam. Man nehme nur das Sortiment des geografischem Fachgeschäfts Schropp in der Charlottenburger Hardenbergstraße. Der größte Erdball dort ist ein Monstrum, das sie nur durchs Fenster in die Ladenräume bekamen, der kleinste im Doppel als Ohrringpaar erhältlich.

Dazwischen gibt es beispielsweise ein multimediales Wunderding des Globusspezialisten Columbus, mehr für den klassischen Einsatzort im Wohnzimmer gedacht, mit einem „Entdeckerstift“ aufrüstbar. Man tippe damit nur auf irgendeinen Punkt, schon erzählt er einem allerhand über das jeweilige Land, spielt auf Wunsch gar die Nationalhymne ab, selbst Videos fürs Tablet oder Smartphone sind darüber möglich.

Martin Behaim, Inspirator und Namensgeber des Nürnberger Erdapfels, käme aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Und es würde ihn erst recht wundern zu hören, dass die kugelrunden Dinger mittlerweile so etwas wie Hoffnungsträger für Corona-gebeutelte Fachbuchhandlungen wie Schropp geworden sind.

Denn wenn man eigentlich nirgends auf dem Globus mehr hinreisen kann, entsprechende Karten und Bücher vorerst nicht gebraucht werden – Globen gehen trotzdem, gerade in der vorweihnachtlichen Zeit, wie Regine Kiepert weiß. Die studierte Geografin ist Inhaberin der „Schropp Land & Karte GmbH“.

Die Wegweiserin. Regine Kiepert, Eignerin der Reisebuchhandlung Schropp.
Die Wegweiserin. Regine Kiepert, Eignerin der Reisebuchhandlung Schropp.
© Sven Darmer

Die Firma wurde 1742 von einem gewissen Simon Schropp gegründet, mit Erlaubnis Friedrichs II., obwohl der doch französische Kartografen den preußischen allemal vorzog und das junge Unternehmen Schropp et Comp. der Aufsicht der Königlichen Akademie der Wissenschaften unterstellte. Das erste Geschäft befand sich im längst verschwundenen „Millbrätschen Haus“ an der heutigen Rathausstraße in Mitte. Mit seinen mittlerweile 278 Jahren ist Schropp nun eines der ältesten Unternehmen Berlins, dessen wohlgefüllte Kataloge bereits Alexander von Humboldt 1828 einem Briefpartner empfahl.

Damals gab es Landkarten noch nicht an jeder Tankstelle

Diverse Umbrüche, die ihr das Geschäft erschwert hatten, machte die Firma in diesem respektgebietenden Zeitraum schon durch. Die Besetzung der Stadt durch Napoleons Soldaten 1806 etwa, die erstmal alles kartografisch Interessante konfiszierten, oder die Zerstörung des „Schropphauses“ in der Dorotheenstraße im Bombenkrieg anderthalb Jahrhunderte später.

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Hinzu kamen Verschiebungen des Marktes. Als sie Schropp übernommen habe, seien Landkarten noch nicht an jeder Tankstelle erhältlich gewesen, auch fehlte Reiseliteratur im Sortiment klassischer, dem Literarischen verpflichteter Buchhandlungen weitgehend, erinnert sich Regine Kiepert. Und während früher bei ihr Stadtpläne und Straßenkarten ganze Batterien von Holzkisten füllten, hat sie dieses Angebot angesichts von Google Maps & Co. in den vergangenen Jahren erheblich abspecken müssen.

Das Coronavirus aber bedeutet eine Herausforderung von ganz anderem Kaliber, ist es doch gerade für eine aufs Reisevergnügen angewiesene Fachbuchhandlung in hohem Maße geschäftsschädigend. Um etwa 50 Prozent sei der Umsatz dadurch eingebrochen, berichtet die Schropp-Eignerin, wobei es durchaus Schwankungen gegeben habe.

Die traditionsreiche Reisebuchhandlung Schropp bietet den Kunden seit 1742 Orientierung in der Welt.
Die traditionsreiche Reisebuchhandlung Schropp bietet den Kunden seit 1742 Orientierung in der Welt.
© Schropp

Als die Grenzen für Touristen geschlossen wurden, praktisch nur noch Deutschland als Reiseziel blieb, habe sich die Nachfrage nach Reiseliteratur entsprechend verlagert. Selbst Gegenden, an denen die Touristenströme sonst eher vorüber gingen, waren plötzlich interessant. Auch Informationsmaterial über Wander-, Rad- oder Bootstouren, seien es Karten oder Bücher, wurden nun verstärkt verlangt, ein wetterabhängiger Boom, der sich mit den aktuellen winterlichen Temperaturen erledigt habe.

Regine Kiepert hat sieben Angestellte: sechs Fachkräfte fürs Geschäft, eine für die Raumpflege – alles Frauen. Durch den Umsatzeinbruch musste auch sie Kurzarbeit anmelden und die Öffnungszeiten reduzieren. Doch sie hat sich – allem geschäftlichem Bangen zum Trotz – eine Werbeaktion ausgedacht, die Spaß mache und durchaus Wirkung zeige.

[Schropp Land & Karte GmbH, Hardenbergstraße 9a: montags bis freitags 11 bis 19 Uhr, sonnabends 11 bis 18 Uhr, Heiligabend 11 bis 14 Uhr, Silvester 11 bis 14 Uhr.]

Als Fuhrpark steht ihr ein feuerroter Kleintransporter des Modells Ape Piaggio zu Verfügung, quasi eine Vespa auf drei Rädern mit Fahrerkabine und geschlossenem Laderaum. Die „Biene“ wird nicht nur für die gewohnten Auslieferungen benutzt, sondern auch schon mal für Touren den Kurfürstendamm und die Tauentzienstraße rauf und runter, vorbei auch am KaDeWe – quasi Posing-Fahrten, doch mit ganz wenigen PS und ohne Heizung, die schon mal durch eine Wärmflasche ersetzt werden muss, erzählt Regine Kiepert. Aber es schafft Aufmerksamkeit und auch Sympathie – besonders, wenn abends der auf der Fahrerkabine montierte Globus leuchtet.

Kunden können hier jedes im Handel verfügbare Buch bekommen

Einen Kunden, der seine Angestellten zu Weihnachten mit nicht unbedingt reisespezifischen Buchgutscheinen beschenken wollte, hat sie dadurch gewonnen. Bei Schropp könne man jedes Buch, das im Handel verfügbar ist, bekommen, versichert sie. Das sei noch zu wenig bekannt. Man erwartet es auch nicht unbedingt angesichts der im Schaufenster prangenden Globen, der Kästen voller Karten und der fast zimmerdeckenhohen Regale voller geografisch sortierter Reiseliteratur, die von Wegweisern durchs Unbekannte bis zu literarisch verarbeiteten Erfahrungsberichten und sogar Romanen reicht.

Gegen das pandemiebedingt grassierende, mittels Lesen nicht immer zu lindernde Fernweh, gibt es jedoch auch alternative Heilmittel: Artikel, die Regine Kiepert etwas respektlos als „Nippes“ bezeichnet, einen Duschvorhang mit Weltkarte beispielsweise oder ein Sortiment von Backformen für Plätzchen in Ländergestalt.

Das Bild zeigt mutmaßlich den Reisebuchladen in der Potsdamer Straße.
Das Bild zeigt mutmaßlich den Reisebuchladen in der Potsdamer Straße.
© Schropp

Aber auch, wenn sie damit den wechselnden Moden folgen, das Angebot dem variablen Kundengeschmack anpassen muss, bleibt ihre Fachbuchhandlung Schropp doch von der jahrhundertealten – trotz aller Besitzerwechsel erhaltenen – Tradition geprägt. Auch der Online-Shop vermag daran nichts zu ändern. So sehr prägt es den Laden, dass junges Publikum sich schon mal fürs Ambiente begeistert, weil es „total retro, wie im Museum“ sei, erzählt Regine Kiepert.

Auch wenn bei der jugendlichen Klientel klassische Reiseführer oder Karten nicht mehr so angesagt sind, findet doch auch sie kartografisch Attraktives, aber mehr zum Einsatz in der guten Stube: auf Leichtschaummatten aufgezogene, bei Bedarf gerahmte Weltkarten, auf denen die besuchten Reiseziele mit Stecknadeln angehakt werden können – sofern die Corona-Beschränkungen es wieder zulassen.

Eine friedvolle Alternative zu den Fähnchen, mit denen in der Frühzeit der Firma Schropp die oft militärische Kundschaft ihr jeweiliges Revier, das sich mit Sieg oder Niederlage wandelte, absteckte. Über einen mit Swarovski-Kristallen verzierten Globus – ja, den gibt es – staunten die alten Generäle wohl ähnlich wie der wackere Martin Behaim über einen Erdapfel mit ihm völlig unbekannten Kontinenten.

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