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Zugverkehr in Berlin : Bahn ruft Polizei zur Hilfe in überfüllten ICE

Der Ausfall eines Zugteils führte am Freitag zu chaotischen Szenen in Berlin. Die Grünen-Politikerin Monika Herrmann war an Bord und schildert die Geschehnisse.

Claudia Kleine
Aus zwei mach eins. Immer wieder gibt es in Berlin Ausfälle beim ICE, hier ein Archivbild.
Aus zwei mach eins. Immer wieder gibt es in Berlin Ausfälle beim ICE, hier ein Archivbild.Foto: Christoph Soeder/dpa

Bei der Fahrt des ICE 1511 ist es am Freitag in Berlin zu ungewöhnlichen Szenen gekommen. Wie ein Bahnsprecher am Abend bestätigte, traf der Zug zwar planmäßig am Hauptbahnhof ein, von wo aus er um 12.30 Uhr in Richtung München weiterfahren sollte. Statt zweier Zugteile hatte jedoch nur einer die Hauptstadt erreicht – mit der Folge, dass sieben Waggons fehlten. Wieso der zweite Zugteil fehlte, konnte der Sprecher am Abend nicht sagen.

Die wartenden Fahrgäste drängten in den nur halb so langen Zug, der jedoch nach kurzer Zeit hoffnungslos überfüllt war. Die Bahn bat daraufhin per Durchsage alle Fahrgäste ohne Reservierung für den angekommenen Zugteil, wieder auszusteigen, wie der Bahnsprecher sagte. Damit bestätigte er Berichte von Monika Herrmann. Die Bezirksbürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg war an Bord des Zuges und hat die Situation per Twitter dokumentiert.

Auch sie hatte eine Reservierung für einen Sitzplatz in einem nicht vorhandenen Wagen. "Als geübte Reichsbahnfahrerin bin ich dann gleich in den Speisewagen rein, da waren zum Glück noch zwei Plätze frei", erzählt sie am Samstagmorgen dem Tagesspiegel. So konnte sie im Zug verbleiben. "Es gab dann auch keinen Verzehrzwang im Speisewagen", sagt sie. Die Situation sei zunächst aber sehr angespannt gewesen.

Die Bahn bot nach Auskunft ihres Sprechers Fahrgästen, die den Zug freiwillig wieder verlassen, so genannte "Sorry-Gutscheine" an: Reisegutscheine im Wert von 30 Euro. "Es hieß dann, der nächste Zug fahre in einer Stunde, aber das glaubt nach so einer Situation ja keiner", sagt Herrmann. Kaum einer habe daher den Zug verlassen wollen. Was danach passierte, fasst Monika Herrmann auf Twitter so zusammen: "Wenn nicht genügend freiwillig aussteigen, kommt Bundespolizei und räumt den Zug! Meinen Kommentar lass ich lieber, wäre nicht jugendfrei."

Bahnsprecher: Fahrgäste haben keinen Anspruch auf Mitfahrt

Die Bundespolizei stieg dann am Südkreuz tatsächlich zu. "Vorher haben sie aber erstmal noch mehr neue Leute einsteigen lassen, die dann wieder aussteigen sollten, das habe ich überhaupt nicht verstanden", erzählt Herrmann. Ein Bahnsprecher sowie ein Sprecher der Bundespolizei bestätigen am Abend, dass man "wegen Sicherheitsbedenken" die Bundespolizei zur Hilfe gerufen habe. "Der Zug war stark überfüllt, selbst in den Gängen standen viele Reisende", sagte ein Bundespolizeisprecher. "Die Zugbegleiterin hat die Bundespolizei gerufen, um Flucht- und Rettungswege freizuhalten."

Laut Bundespolizei ließen sich die meisten Reisenden, die keinen Sitzplatz ergattert haben, aber durch gutes Zureden durch die Zugbegleiter zum Verlassen des Zuges bewegen: "Die Bahn redete mit den Reisenden, viele verließen den Zug", sagt der Sprecher der Bundespolizei. Auf Monika Herrmann wirkte die Situation allerdings nicht ganz so freiwillig: "Die Schaffnerin kam mit drei Polizisten durch den Zug. Sie war freundlich, aber sehr bestimmt. Es war eindeutig: Das ist kein Spaß mehr", schildert sie.

Laut Bundespolizei sind die Beamten lediglich zur Sicherheit zusammen mit den Zugbegleitern durch den Zug gelaufen. "Es mussten aber keine polizeilichen Maßnahmen getroffen werden." Auch Monika Herrmann hat keine Maßnahmen mitbekommen. Per Durchsage sei allerdings jemand mit Doppelkinderwagen aufgefordert worden, wieder auszusteigen. Auch andere, zum Teil Alleinerziehende, hätten mit mehreren Kindern um den Verbleib im Zug gebangt. "Ich finde, das kann einfach nicht sein", sagte sie.

Fahrgäste haben in derartigen Fällen keinen Anspruch auf Mitfahrt, sagt der Bahnsprecher – auch nicht mit einer Reservierung, wenn der Waggon ausfällt, in dem sich die reservierten Sitze befunden hätten. In solchen Fällen mache die Bahn von ihrem Hausrecht gebrauch. Hermann sagt, sie wolle sich nicht über die Situation beschweren, nur weil ihr das einmal passiert sei. "Aber ich weiß ja, dass die Berufspendler das dauernd haben", sagt sie. So kriege man die Leute jedenfalls ganz schlecht vom Auto in den Zug.

Anmerkung der Redaktion: Eine frühere Version des Textes legte den Schluss nahe, dass die Bundespolizei am Berliner Hauptbahnhof hinzugezogen wurde, Bundespolizisten zeigten aber erst am Berliner Südkreuz Präsenz.

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