Die Geschichte von Spidi : Ansichten über einen Clown

Immer behauptete er, es gehe ihm gut. Und beim Zirkus liebten sie Peter Wetzel ja. Sie nannten den Kleinwüchsigen „Spidi“. Depressiv war er bestimmt nicht, sagen sie.

Erwin Koch
Wer war Spidi? 24 Jahre arbeitete er beim Schweizer Zirkus Knie. Heute fragen sich seine Kollegen, ob sie ihn wirklich kannten.
Wer war Spidi? 24 Jahre arbeitete er beim Schweizer Zirkus Knie. Heute fragen sich seine Kollegen, ob sie ihn wirklich kannten.Illustration: Birgit Lang

24 Jahre – und ich sah ihn nie weinen. 24 Jahre, von März bis November, während 8000 Vorstellungen, stand er am Eingang des Zelts, nie zu spät, nie zu müde, und verkaufte Programme, verkaufte Ballons, scherzte achtsprachig und grinste und lachte, ließ sich fotografieren, wieder und wieder, sagt Fredy Knie junior, Verwaltungsratspräsident der Gebrüder Knie, Schweizer National-Circus AG, Spidi war unser Erkennungszeichen.

Wütend war ich auf ihn, bin es noch heute ab und zu, sagt Irene Hofer, Spidis Schwester. Macht sich der einfach aus dem Staub und hinterlässt kein Wort.

Aus jeder Jauchegrube hätte er dich geholt, sagt Thomas S., bester Freund von Peter Wetzel, genannt Spidi, Hausclown des berühmten Zirkus Knie, gestorben am Abend des 26. Juli 2018, seine letzte Hose hätte er dir geschenkt.

Mehr als zehn Millionen Menschen sahen sein Gesicht, die weiß geschminkte Unterlippe, weiße Lider, rote Tupfer auf Nase und Wangen, der Zirkus war ihm Glück und Los und Leben, sagt Fredy und schaut hinaus auf die Place Bellerive, Lausanne, noch eine halbe Stunde bis zur Vorstellung. Seither ist hier alles anders.

Depressiv war er nicht, sagt Irene, depressiv war Peter nicht.

Seltsam, im Nebel zu wandern!

Einsam ist jeder Busch und Stein,

Kein Baum sieht den andern,

Jeder ist allein – dieses Gedicht setzten wir in Peters Todesanzeige, Oltner Tagblatt, wir waren drei Kinder, Manuela, Jahrgang 1964, Peter, 1966, und ich, 1970. Mami arbeitete in einer Gärtnerei, unser Vater im Straßenbau, wir wuchsen, aufs Ganze gesehen, glücklich auf, saßen mit den Eltern oft im Wald, kochten Suppe über offenem Feuer, eine leichte Kindheit hatten wir. Peter und ich stritten häufig und liebevoll, einmal, aus Versehen, schlug ich ihn zwischen die Beine, Peter heulte auf, Vater eilte heran, Peter heulte lauter, bis Vater mich zur Strafe am Haar zog und auch ich zu heulen begann. Als er wieder gegangen war, sagte Peter, so heftig sei sein Schmerz nicht gewesen, dass ich deswegen jetzt zu heulen bräuchte.

Manchmal glaube ich, nun käme er gleich um die Ecke, manchmal höre ich seine kurzen schnellen Schritte, seine Stimme, Géraldine, ich habe dich sehr gern. Ich war elf, ein Mädchen, als er in mein Leben trat, dieser kleine frohe Sommermann, 132 Zentimeter groß, nie traurig, selten böse, ständig unterwegs, sagt Géraldine Knie, Tochter von Fredy, künstlerische Leiterin des Zirkus Knie, Tränen im Gesicht.

Dass er sich noch nicht gemeldet hat, auf welche Weise auch immer, sagt Thomas S., zeigt mir, dass es ihm dort, wo er nun ist, gut geht.

Wahrlich, keiner ist weise,

Der nicht das Dunkle kennt,

Das unentrinnbar und leise,

Von allem ihn trennt – ein schönes Gedicht, ich kannte es nicht, sagt Géraldine und schaut zu den Fotos der Ahnen, die im Salonwagen hängen, Friedrich Knie, Karl Knie, Ludwig Knie, Fredy senior, Rolf senior.

Die letzten zwei Jahre besaß er kein Handy mehr.

Wer kleinwüchsig geboren wird, kommt mit einem Problem zur Welt, das er lösen muss, sagt Fredy Knie. Und dafür, wie er es gelöst hat, habe ich Spidi bewundert. Er stand mitten im Leben, war alles andere als ein trauriger Clown.

Einmal, da war Peter vielleicht zehn, klaute ihm jemand sein Fahrrad. Die ganze Schule schwärmte aus, auf der Suche nach dem Rad. Wir litten nicht, sagt Irene, dass wir klein sind, Peter 132 Zentimeter, ich 124, genauso groß wie Mami, die uns früh beigebracht hatte, dass wir ein Leben lang klein sein würden, kleiner als Papa, 170, und unsere ältere Schwester, 171. Mami sagte, ihr seid klein, aber normal und kostbar wie jeder Mensch, das Leben gehört euch.

Peter, du wirst mal Clown

Nein, wir wurden nicht gehänselt im Dorf. Klar, ab und an, wenn ein Kind zu seiner Mutter sagt, Mama, schau, dort geht ein Zwerg, Mama, guck, wie alt dieses Kind bereits ist, dann tut das nicht gut. Man lernt, darüberzustehen. Es gibt viele Formen von Kleinwüchsigkeit. Die, die Peter und ich haben, zeichnet sich dadurch aus, dass unser Rumpf normal gewachsen ist, Arme und Beine aber verkürzt.

Mami hatte eine große ständige Sehnsucht – sie wollte zum Zirkus. 1977, Peter war elf, ich sieben, schlossen wir uns dem Zirkus Nock an, Mami kochte für 20 Marokkaner, Vater war Zeltmeister, drei Jahre lang waren wir unterwegs, zuerst mit Nock, dann mit Cesare Togni in Italien, bis Mami fand, es sei Zeit, in die Schweiz zurückzukehren und uns wieder in eine ordentliche Schule zu schicken. Also reisten wir zurück, fanden in Rothrist eine Wohnung, 1980. Mami sagte oft, Peter habe das Talent zum Clown, Peter, du wirst mal ein Clown.

15 Jahre alt, 1982, zog er in die Westschweiz und schloss sich einem Clown an, den meine Eltern kannten, Orlando – viel mehr weiß ich nicht über jene Zeit. Vater begann zu trinken und zu lärmen, hie und da floh ich mit Mami nach Olten in die Notschlafstelle. Schließlich die Scheidung.

Peter war dann in Deutschland beim Zirkus Siemoneit-Barum, ab und zu besuchten wir ihn, brachten ihm Schokolade, eine warme Decke, er sagte, was er immer sagte, es gehe ihm gut, es geht mir bestens, aber wir sahen, dass er log, man hatte ihm den Pass abgenommen, einmal rief er an, sie hätten ihm die Decke gestohlen, die wir gebracht hatten – und dann, sechs Jahre lang, war er verschollen, 1986 bis 1992.

Wir hörten nichts mehr von ihm, er rief nie an, niemand wusste, wo er war. Mit irgendwelchen Clowns zog er durch die Welt, Spanien, Australien, Neuseeland, und als wir lasen, in einem Zirkus in Verona trete ein Kleinwüchsiger auf, fuhren wir nach Verona, Mami und ich – es war nicht unser Peter, der die Leute dort zum Lachen brachte. Mutter weinte.