zum Hauptinhalt
Papst Franziskus.

© Andreas Solaro/AFP

Papst Franziskus: Die treibende Kraft

Franziskus braucht kein Gold. Auch Weihnachten trägt der Papst einfaches Weiß. Seit seiner Wahl predigt er gegen das „Stehenbleiben“. Will Kirche und Welt verändern. Doch es geht ihm alles viel zu langsam.

Die Freunde des Esperanto sind nicht mehr da. Jahrelang haben sie ihre grün-gelben Transparente hochgereckt, wenn ein Papst der Menge auf dem Petersplatz den großen Segen „Urbi et Orbi“ spendete und dazu seine Weihnachtswünsche in allen möglichen Sprachen. Auf insgesamt 65 war Benedikt XVI. bei seinem letzten „Urbi et Orbi“ vor zwei Jahren gekommen, Mongolisch war dabei und Samoanisch und Maori – und natürlich Esperanto. Franziskus, der hat all das gestrichen. Sprachen liegen ihm nicht, große Zeremonien – so mürrisch, wie er dabei immer aussieht – sind ihm zuwider. Und die Freunde des Esperanto haben eingepackt; da ist nichts mehr zu holen.

Bei seinem ersten Weihnachtsfest hatte Franziskus wenigstens noch einen eigenen Gruß für die Römer und die Italiener übrig. Diesmal lässt er sogar diesen ausfallen. Zu „Fröhlichen Weihnachten“ ist dem Papst dieses Jahr nicht zumute. Und auch sein Wunsch „Buon pranzo – Gutes Mittagessen!”, mit dem er sonst die Besucher seines allsonntäglichen Gebets entlässt, bleibt aus. Franziskus hat harte Worte gesprochen diesmal, und die will er offenbar nicht unter Zucker verschütten. Auch die gestanzten kurialen Formeln, die Vatikandiplomaten ihren Chefs früher in die weltpolitisch angelegten Reden schrieben – „Wie könnten wir nicht denken an das Leid der Menschen in …?“, „Wie könnten wir vergessen die Kriege auf …?“ –, lässt Franziskus hinter sich.

"Globalisierung der Gleichgültigkeit"

Als der Papst fast am Ende seines Manuskripts angekommen ist, zieht er einen eigenen Zettel hervor. Er spricht von den Kindern, „die getötet und misshandelt, missbraucht und ausgebeutet werden“. Und das, so sagt Franziskus ohne jede diplomatische Verbrämung, „unter unserem komplizenhaften Schweigen“. Aus dem einen König Herodes, der in der Bibel einen Massenmord an Kindern begeht, um mögliche Rivalen auszulöschen, seien „heute viele Herodes“ geworden. Und allzu viele, sagt Franziskus, schauten dem Treiben zu in dieser „Globalisierung der Gleichgültigkeit“ von heute.

Franziskus macht einen ungeduldigen Eindruck in diesen Tagen; ihm, der von Anfang an als Papst gegen das „Stehenbleiben“ gepredigt hat, geht alles noch immer nicht schnell genug. Den versammelten Exzellenzen und Eminenzen der Kurie unter ihren violetten oder scharlachroten Scheitelkäppchen hat er den Spiegel in einer Weise vorgehalten, wie es noch kein Papst beim traditionellen „Austausch der Weihnachtswünsche“ getan hat. „Die fünfzehn Krankheiten der Kurie“ hat Franziskus da vor Weihnachten angeprangert – vom „geistlichen Alzheimer”, von der Raffgier, der Eitelkeit, der Speichelleckerei und dem Konkurrenzdenken bis hin zur Humorlosigkeit, jener „Krankheit des Begräbnisgesichts“.

Franziskus ist kein Populist

Aber Franziskus ist kein Populist. Der wohlfeilen Versuchung, seine einfachen Schäfchen gegen „die“ in der Kurie aufzuhetzen, gibt er nicht nach. Für ihn, sagt er ausdrücklich, ist die „Kurie ein kleines Modell von Kirche“. Und schon wieder sind alle gemeint beim Aufruf zur großen Gewissenserforschung.

Er nimmt sich da nicht aus. Als bei der Christmette am Heiligabend in der scheinwerfergleißenden Helle des Petersdoms das rituelle Schuldbekenntnis dran ist, beugt Franziskus den Kopf so tief nach vorne, dass sein Gesicht nicht mehr zu sehen ist und nur das weiße Käppchen leuchtet. Die Kardinäle im Halbkreis vor ihm tragen golddurchwirkte Messgewänder und von Goldfäden durchzogene, elegante, schlank geschnittene Mitren. Franziskus braucht kein Gold. Will er auch nicht. Er trägt einfaches Weiß, wie immer.

Womöglich wäre er jetzt lieber ganz woanders. In Buenos Aires beispielsweise, wo er damals als Erzbischof – so erzählte er in einem Interview – den Hinterbliebenen mehrerer Flugzeug- oder Eisenbahnunglücke direkte menschliche Nähe zeigen konnte. In den vergangenen Monaten hat Franziskus mehrfach bekundet, dass er auch gerne zu den Vertriebenen fahren würde, in die Lager von Kurdistan, der Türkei, des Irak.

Widerstände bereiten ihm keine Sorgen

Man hat ihm abgeraten, ihn ferngehalten, ihn – „um die Sicherheitslage nicht weiter zu verschlimmern“ – geradezu angefleht, nicht zu fahren. Ist ja nicht, sagten sie ihm, wie Lampedusa, wo er einfach so hinfliegen konnte: Minimalprotokoll, aber starkes Zeugnis. So konnte Franziskus nur einen Brief in den Nahen Osten schicken. Aber er hat mit Flüchtlingen in einem irakischen Lager telefoniert, Heiligabend noch, kurz vor der Christmette. Wenigstens das: „Ich umarme euch, ich bin euch sehr nahe mit ganzem Herzen. Denkt daran: Ihr seid wie Jesus, der musste auch nach Ägypten fliehen, um sich zu retten.“

Als er dann zur Mette in den Petersdom einzieht, vorbei an den mehr als fünftausend Gottesdienstbesuchern und zahllosen unentwegt klickenden Fotoapparaten, Tablets und Handys, da fällt so manchem erst auf, wie klein Franziskus eigentlich ist. Ein Eindruck, von dem fast alle Leute berichten, die ihm persönlich die Hand schütteln oder ihn – wie mitten in diesem Heiligabend-Gottesdienst – umarmen durften. Nachdem sie von ihm zuvor nur die Aufnahmen im Fernsehen kannten, so viel Großes gehört, sich einen Papst dazu vorgestellt haben und ihn dann zum ersten Mal vor sich sehen, ohne Papamobil, zu Fuß …

Stämmig ist Franziskus, er geht – wenn auch sichtlich hüftgeschädigt – mit festem Schritt. Das Knien hält der 78-Jährige vor Schmerzen kaum aus, aber außer den „Beschwerden, die sich halt in meinem Alter so bemerkbar machen“, sagt er, „bin ich in der Hand Gottes und kann einen mehr oder weniger guten Arbeitsrhythmus aufrecht erhalten“.

"Ich tue einfach, was ich tun muss"

Aber wie lange noch? Als sie ihn im Sommer fragten – kein Papst hat so viele Interviews gegeben wie Franziskus, keiner so viele Hürden abgebaut zwischen Amt und Menschen –, als sie ihn also fragten, wie er damit umgehe: früher nur kleiner Bischof „am Ende der Welt“, heute von immenser Popularität, da sagte er: „Ich halte das aus, indem ich Gott dafür danke, dass sein Volk glücklich ist. Innerlich denke ich an meine Sünden und an meine Fehler, um nicht Illusionen zum Opfer zu fallen. Ich weiß ja auch, dass das alles nicht lange dauern wird: Zwei, drei Jahre, und dann heim ins Haus des Vaters.“

Bis dahin aber: voran ohne Verzug. Widerstände in der Kurie gegen seine Organisations- und Finanzreform? Widerstände unter den Bischöfen, die behaupten, Franziskus „zerstöre“ mit seiner offenen Diskussion über Ehe- und Familienmoral die geheiligte, „immer gültige“ katholische Lehre? Nein, das alles bereite ihm keine Sorgen. „Es wäre unnormal, wenn es keine Meinungsverschiedenheiten gäbe.“ Er glaube, dass Gott gut zu ihm sei und ihm deshalb „eine gesunde Dosis an Unbedarftheit“ gegeben habe. „Ich tue einfach, was ich tun muss.“

Am Weihnachtstag, zum „Urbi et Orbi“, hat Franziskus eigens den deutschen Kardinal Gerhard Ludwig Müller zu sich auf die Loggia des Petersdoms gebeten. Der Zweimetermann an der Spitze der römischen Glaubensbehörde hatte zu jenen fünf prominenten Theologen gehört, die vor der Familiensynode im Oktober mit einem extra herausgegebenen Buch gegen Franziskus‘ Öffnungskurs gewettert hatten. Zum Weihnachtsfest stand Müller nun da, mit recht verkniffenem Gesicht, an der Seite des Papstes. Ein Zeichen.

Pietro Parolin - Chefdiplomat des Papstes

Ein anderer, von dem man es eher erwartet hätte, stand da oben nicht. Aber dieser andere steht für Sachen, die Franziskus lieber im Stillen erledigt, wenn auch mit genauso starkem Engagement. Es fehlte Pietro Parolin, der Leiter des Staatssekretariats, erster Mann im Kurienapparat, vor allem aber: Chefdiplomat des Papstes in einer vor Krisen brennenden Zeit, die Franziskus schon als „Dritten Weltkrieg in einzelnen Folgen“ beschreibt.

Erst vor ein paar Tagen hat der ebenso unauffällige wie effiziente Kardinalstaatssekretär einen gewaltigen Erfolg für die Vatikandiplomatie eingefahren: Für die diskreten Vermittlungsdienste bei der Annäherung zwischen Kuba und den USA ist der Papst weltweit gelobt worden, nicht nur von Barack Obama persönlich. Aber an der Spitze des vatikanischen „Kompetenzzentrums“ stand Kardinal Parolin, der demnächst 60-Jährige aus dem Veneto, Sohn eines Eisenwarenhändlers und einer Grundschullehrerin.

Der Chefdiplomat hält den Papst als Vermittler im Spiel

Parolins Vorgänger, Kardinal Tarcisio Bertone, kam aus Ratzingers Glaubenskongregation, Parolin kommt aus der vatikanischen Diplomatenschule. Das ändert den Blick auf und den Zugang zur Welt. Bertone war in Genua und in Rom, Parolin in Nigeria, Mexiko, Venezuela. Und 17 Jahre im „Außenministerium“ an der Kurie, wo ihn seine Mitarbeiter als Chef sehr mögen.

Als Franziskus im August, auf dem Heimweg von seiner Koreareise, aus Peking die Erlaubnis bekam, als erster Papst chinesischen Luftraum zu überfliegen, überschlugen sich die Medien: Gibt’s endlich Fortschritte in der vatikanisch-chinesischen Diplomatie? Annäherungen im Streit um die verfolgte Untergrund- und die dort politisch anerkannte Kirche, nach Jahrzehnten fruchtloser Verhandlungen?

Als der Dalai Lama vor ein paar Tagen überraschend in Rom zu Gast war und nicht beim Papst vorgelassen wurde – „ich weiß, mancherorts verursacht mein Auftauchen Probleme“ – da kamen die Medien wieder: Stehen Vatikan und Peking vielleicht vor dem entscheidenden Durchbruch? Na ja, antwortete Parolin: „positive Phase, aussichtsreiche Perspektiven“. War das viel? War das wenig?

Der Papst als neutraler Vermittler

Syrien, Irak, Kurdistan. Der Vatikan hat – wie auf Kuba – dort keine politischen Interessen außer dem Schutz der christlichen und anderen religiösen Minderheiten in jener – so Franziskus – „Ökumene des Blutes“, die alle Opfer des sogenannten Islamischen Staates dort verbindet. Parolin versucht, den Papst als neutralen Vermittler im Spiel zu halten. Aber mit wem reden? Die Al-Azhar-Universität in Kairo, die höchste Instanz des sunnitischen Islam, hat jetzt auf langen Druck des Vatikans hin alle religiös motivierte Gewalt gegen Nicht-Muslime verurteilt. Ist das viel? Ist das wenig?

Und dann der Konflikt um die Ukraine, um die Krim, in dem der Vatikan selbst mit drinhängt, beschuldigt – von Seiten des putin-freundlichen orthodoxen Patriarchats in diesem Fall – durch Abwerbung ukrainischer Gläubiger den westlichen Nationalismus in das „geheiligte Vaterland“ des russisch-orthodoxen Glaubens zu tragen.

Da spaltete sich auch Parolins Staatssekretariat und wurde sehr leise. Vielen im Hause Parolin hatte Wladimir Putin bis dahin als starker Garant christlich-moralischer Werte gegolten, und erst jetzt wieder, vor einer Woche, hat der „Osservatore Romano“ als offizielle Zeitung des Vatikans in genau diesem Sinne einen heftigen Angriff des Moskauer Patriarchen Kyrill abgedruckt: „Es liegt klar vor Augen, dass die westliche Zivilisation, die zeitgenössische westliche Kultur jede Verbindung zur Religion verloren haben und man den Westen nicht mehr als christliche Welt bezeichnen kann.“

Die Welt möge sich "streicheln lassen"

Im Vatikan, der die westliche Gesellschaft im Sinne von Johannes Paul II. und Benedikt XVI. als „Kultur des Todes“ zu betrachten gelernt hat, und der erst unter Franziskus angehalten wird, nur das Nötigste zu verdammen – „diese Wirtschaft tötet!“ –, und bei anderen Dingen genauer auf die Lebenswirklichkeit zu schauen, denken nicht wenige wie der Moskauer Patriarch. Aber was hat das für politische Folgen im „Kapitel Europa“ des Dritten Weltkriegs?

Parolin, der Chefdiplomat des Vatikans, hat sich Weihnachten nicht gezeigt. Dafür hat die Welt Heiligabend, diesmal sogar übers 3-D-Fernsehen, im Petersdom einen Papst gesehen, der so gar nicht zu seinen scharfen Tönen davor und danach passte. Die Welt möge sich „streicheln lassen“, hatte er gepredigt, von der „Zärtlichkeit“ eines Gottes, der Menschen-Kind geworden sei. Und am Ende der Christmette nahm Franziskus das hölzerne Jesuskind aus der Krippe in seine Arme und trug es wie einen Säugling durch den Petersdom. Das tat er ohne Worte, dafür aber in der einzigen Sprache, die weltweit ohne Übersetzung verstanden wird: in der Sprache der Gestik. In ihr ist Franziskus zu Hause.

Dieser Text erschien auf der Dritten Seite.

Zur Startseite

showPaywall:
false
isSubscriber:
true
isPaid:
showPaywallPiano:
false