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Isabelle Geffroy alias Zaz war Straßenmusikerin, bis sie mit Anfang 30 den Durchbruch schaffte.
© LUCAS BARIOULET / AFP

Sängerin Zaz: „Manchmal heule ich wie ein Werwolf“

Die französische Sängerin Zaz über Mietschulden, unverhofften Reichtum, den Protest der Gelbwesten und eine Berliner Libelle. Ein Interview.

Madame Geffroy, wie ist es, in 4810 Metern Höhe zu singen?

Miserable Akustik bei toller Aussicht.

2012 sind Sie mit Musikern, Bergführern und einem Filmteam auf den Mont Blanc gestiegen. Ganz oben haben Sie Ihren Hit „Je veux“ gesungen. Ihr bislang schwierigster Auftritt?

Das war völlig irre, ein großes Abenteuer. Drei Tage haben wir gebraucht, und ich war schon nach der Hälfte völlig erschöpft. Es war verrückt, zu sehen, wie sich der Körper selbst übertrumpft. Irgendwo holt man diese Energie her, um weiterzumachen.

Sie hatten den Atem zum Singen, als Sie ankamen?

Als ich oben war, habe ich mir diese Frage nicht mehr gestellt. Beim Anstieg siehst du den Gipfel und denkst: Gleich sind wir da. Doch du kommst nie an, niemals! Wenn du oben bist, drehst du völlig durch. Wir sind uns in die Arme gefallen, mein Gitarrist hat seine Mutter angerufen. Wir haben die Instrumente ausgepackt ...

... ein Bergführer schleppte den Kontrabass ...

Dann haben wir losgelegt, die Guides haben eingestimmt. Woran ich nicht gedacht hatte: Man muss auch wieder runter! Allüren darf man da oben auch nicht haben. Auf dem Weg gibt es ja keine Toiletten, wir haben einfach in den Schnee gemacht und in den Schutzhütten auf engstem Raum geschlafen.

Vor Ihrem Durchbruch im Jahr 2010 waren Sie Straßenmusikerin. Das Album „Zaz“ hat sich in Frankreich rund eine Million Mal verkauft. Haben Sie sich inzwischen an Luxus gewöhnt?

Mit Oberflächlichkeiten kann ich bis heute nichts anfangen. In „Je veux“ singe ich „Was soll ich mit einer Suite im Ritz?“ und wurde kritisiert, es sei verlogen, damit im Fernsehen aufzutreten. Ich meine das aber ernst: Mit 20 zwang ich mich dazu, in einer runtergekommenen Bude zu wohnen. Ein Jahr habe ich mich nicht geschminkt, weil mir klar wurde, dass ich es oft nur mache, um anderen zu gefallen. Ich wollte unabhängig sein davon, wie mich andere sehen.

Sie waren acht Monate mit der Miete im Rückstand, haben Ihre Wohnung verloren.

Ich wollte von meiner Musik leben, mich allein durchboxen. Ich hatte Glück. Als ich aus meiner Wohnung raus musste und zwischen meiner Mutter und mir gerade Funkstille war, habe ich einen Typen getroffen, den ich überhaupt nicht kannte, der hat mich in der Wohnung einer Freundin wohnen lassen. So etwas passiert mir dauernd.

Können Sie das Gefühl des Mangels heute noch abrufen?

Es war ja nicht so, dass ich gar nichts hatte. Und damals wusste ich ohnehin nicht, was ich wollte, wozu also brauchte ich viel Geld? Heute habe ich es, mein Haus ist trotzdem in einem chaotischen Zustand, es gibt nicht mal ein Sofa. Das ist mir nicht wichtig.

Wofür geben Sie Ihr Geld aus?

Ich reise viel und lade Freunde mit weniger Geld ein, damit die mitkommen können. Natürlich, Geld zu haben ist super, ich kann Leute bezahlen, um mit mir zusammenzuarbeiten, das kostet ja alles. Wenn du deine Miete nicht überweisen kannst, ist das die Hölle. Es gab Momente, in denen ich nicht wusste, wie ich mir etwas zu essen kaufen sollte. Ich bin froh, dass das heute anders ist. Aber Geld macht nicht unbedingt frei.

Über Kuba, wo Sie ein Video zu Ihrem neuen Album aufgenommen haben, sagen Sie, dass der Mangel die Leute kreativ mache. Sie wissen, das ist zynisch.

Dort fehlt vieles, was für uns in Europa völlig normal ist. Die Kubaner hätten wirklich jeden Grund, deprimiert zu sein. Doch die Leute sind offen, man schaut einander in die Augen. Wir hingegen stellen uns hier manchmal Fragen, die überhaupt nicht wichtig sind. Zu viel Bequemlichkeit kann einen daran hindern, neue Erfahrungen zu machen. Und das hilft der Kreativität nicht gerade.

Sie haben Konzerte auf fünf Kontinenten gegeben, seit 2010 durchschnittlich 50 pro Jahr. Auch privat sind Sie ständig auf Reisen.

Es geht mir darum etwas über andere Kulturen zu erfahren. Südamerika, Russland, die Türkei, Japan, ich will sehen, wie die Gesellschaften dort funktionieren. Die Japaner können nicht Nein sagen, da geraten die in Panik. Ich habe das ausprobiert, echt wahr: In einem Geschäft habe ich auf einen Verkäufer gewartet und immer wieder gefragt: Kommt der noch? Ja ja, sicher, hieß es. Das habe ich vier Stunden durchgezogen und mich wunderbar amüsiert. Ich hätte da eine Woche stehen können.

„Die Gelbwesten, die ich kenne, sind Pazifisten“

Eine Protestierende der Gelbwesten-Bewegung auf den Champs-Élysees in Paris (Dezember 2018).
Eine Protestierende der Gelbwesten-Bewegung auf den Champs-Élysees in Paris (Dezember 2018).
© imago/Future Image

Wofür bringen Sie nur schwer Verständnis auf?

Vielen Menschen mangelt es heute an Empathie. Sieht man doch daran, wie es läuft, wenn Menschen ihre Heimat verlassen, weil dort Krieg herrscht, und in sicheren Ländern begegnet man ihnen mit Ablehnung, fürchtet, sie würden einem das Land und die Arbeit wegnehmen. Wer selbst den Krieg erlebt hat, reagiert sicher anders.

Ihre Stiftung „Zazimut“ vernetzt kleine Initiativen miteinander, Sie spenden ihre Merchandise-Einnahmen für gemeinnützige Zwecke und veranstalten das Bürgerfest Crussol auf dem Land zwischen Lyon und Avignon.

Ich merke, dass viele Lust haben, aktiv zu werden, aber Sie sind nicht gut vernetzt. Nachbarn schweigen sich an, haben Vorurteile. So ein Festival bietet die Möglichkeit, sich bei Konzerten kennenzulernen und zu merken: Hey, der ist mir gar nicht so unähnlich. Auf einmal haben die Leute Ideen, knüpfen Kontakte. Durch die Stände und Workshops von Vereinen kommen sie mit verschiedenen Themen in Berührung, von gewaltfreier Kommunikation bis zu selbstgemachten Hausmitteln. Da können sie Dinge ausprobieren und sehen häufig: Ist ja gar nicht so schwierig und tut mir gut. Das Konzept funktioniert, vielleicht gibt es das bald auch in Moskau und St. Petersburg.

Klingt so, als sei das gut fürs Image.

Ich lerne aus dem Festival, mache Erfahrungen, entwickle Neues. Das kostet eine Menge Geld. Egal, was soll ich mit drei Häusern mehr?

Seit November gibt es in Frankreich die Protestbewegung der Gelbwesten. Viele von ihnen kommen aus ländlichen Regionen und kritisieren die Hauptstadt-Elite. Lässt sich der Riss in der Gesellschaft wirklich mit Konzerten und Workshops beheben?

Wer zurückgezogen lebt, kann auf komische Ideen kommen. Egal, ob auf dem Land oder in der Stadt. Aber es gibt Gegenden, wo die Menschen noch nie einen Schwarzen gesehen haben. Da denkt man: Das kann nicht sein. Wenn man dann nur Fernsehen guckt, ist das fatal, weil oft einseitig berichtet wird. Über die Gelbwesten aber auch. Ich habe Freunde im Ausland, die haben die Bilder der Proteste gesehen und denken, wir seien in einem Bürgerkrieg!

Schockieren Sie die Bilder nicht?

Natürlich. Es ist erschreckend, diese Energie zu sehen, die manche nur nutzen, um etwas kaputtzuhauen. Generell finde ich es gut, wenn die Leute sagen: Bis hierhin und nicht weiter, wir haben genug. Sie treffen sich, diskutieren, wie der Alltag verbessert werden, wie man besser zusammenleben kann. Das zeigen die Medien nicht. Stattdessen brennende Autos, Polizisten, die von Demonstranten attackiert werden und andersrum.

Sind Ihnen die Gelbwesten sympathisch?

Man hat mich in Frankreich dafür beschimpft, dass ich keine Stellung beziehe. Das Ganze ist nicht eindeutig für mich. Die Gelbwesten, die ich persönlich kenne, sind Pazifisten. Ich glaube, die meisten wollen nicht mehr alles einfach so hinnehmen. Sie sind erschöpft, ihr Leben besteht aus Rechnungen, die sie bezahlen müssen, und Arbeit, die sie nicht glücklich macht. Die können nicht mehr, und daran ist nicht nur die Regierung schuld. Sie fragen sich: Warum arbeite ich eigentlich? Um mir irgendwelche Sachen zu kaufen? Ihnen dämmert, dass es noch andere Dinge im Leben gibt. Immer mehr Franzosen, die ihre Jobs verloren haben, ziehen auf alte Bauernhöfe, eignen sich das nötige Wissen an. Da muss man zuhören können, offen und geduldig sein. Tomaten wachsen nicht schneller, wenn man sie anbrüllt.

Sie haben vor einigen Jahren ein Haus außerhalb von Paris gekauft. Eine Flucht aus der Stadt?

Ich hätte mir auch ein Wohnmobil kaufen können, doch die Sache mit den Steinen erschien mir sicherer. Apartments im Pariser Zentrum sind außerdem so teuer, das kann nicht mal ich mir leisten, und alles sieht aus wie im Hotel. Mir war es wichtig, einen kleinen Garten zu haben. So etwas kannst du in Paris völlig vergessen.

Und, wächst und gedeiht alles?

Ich hatte wirklich vor, mich damit zu beschäftigen, aber weil ich nie Zeit habe, verwandelte sich der Garten langsam in einen Dschungel. Also habe ich einen Gärtner engagiert und kann nun in Ruhe die Artischocken angucken, wenn sie blühen, blauviolett. Merkwürdige Tiere gibt es auch.

Zum Beispiel?

Im Sommer habe ich mal um vier Uhr morgens eine Spinne entdeckt, groß wie eine Hand, mit einem Auge auf dem Kopf. Als ich näher kam, hat sie sich drohend aufgebaut und gefaucht, es war gruselig. Ich habe ein Foto an einen Freund geschickt, der schrieb zurück: In welchem Land bist du? Die ist vielleicht irgendwo ausgebrochen. Und ich ziehe Libellen an. Einmal saß ich vor einem Thai-Restaurant in Berlin, und plötzlich flog mir eine auf den Arm.

„Ich frage mich schon, warum ich rauche“

Immer auf der Suche nach Intensität. Zaz 2014 auf dem Paléo Festival in Nyon.
Immer auf der Suche nach Intensität. Zaz 2014 auf dem Paléo Festival in Nyon.
© EPA/JEAN-CHRISTOPHE BOTT

So was posten Sie auch auf Instagram. Da riskiert man wenigstens keinen Shitstorm.

So ein Shitstorm kann ja auch entstehen, wenn man gar nichts Schlimmes macht. Manchmal sage ich Sachen, die völlig falsch ankommen. Als ich 2014 ein Album mit alten Paris-Songs veröffentlicht habe, sagte ich in einem Interview: „Auch im besetzten Paris gab es eine Form von Leichtigkeit.“ Ich wollte ausdrücken, dass die Menschen in Kriegszeiten ebenso versuchen, ihr Leben zu leben. Es gab Konzerte und Shows, die Leute sind ausgegangen, wollten den Krieg ein wenig vergessen. Man hat mir vorgeworfen, ich würde die Zeit verharmlosen, es kursierten Fotos von mir mit Hakenkreuz auf der Stirn. Das hat mich umgehauen. Dabei sprang mir sogar ein Historiker zur Seite, der meinte: Sie hat recht, hört auf, sie so scharf zu attackieren. Also vielleicht doch lieber Fotos von meinem Hintern.

Ziemlich intim wird es auf Ihrer neuen Platte. Die Ballade „Demain, c’est toi“ richten Sie an das Kind, das Sie sich wünschen. Haben Sie gezögert, so etwas öffentlich zu machen?

Nein, das Lied habe ich zunächst nur für mich gemacht. Wenn ich ehrlich mit mir selbst bin, wenn mich ein Thema wirklich berührt, dann berührt es vielleicht andere genauso. Ich habe keine Angst mehr davor, mich verletzlich zu zeigen.

Sie werden im Mai 39. Spüren Sie einen Druck, die Nachwuchsfrage bald zu klären?

Mir ist das völlig egal, ich werde 650 Jahre alt. Im Ernst, ich habe Zeit – und vertraue darauf, dass es klappen wird, im richtigen Moment.

Momentan sind Sie Single. Könnten Sie sich vorstellen, das allein durchzuziehen?

Klar ist das möglich, aber das fände ich traurig. Der männliche Part in einer Familie ist wichtig, und es wäre doch schön, wenn ein Kind aus einer Liebe heraus entsteht.

Ihre Eltern haben sich getrennt, als Sie neun Jahre alt waren. Wie war das?

Da musste jeder für sich durch. Wir haben uns nicht erzählt, wie es uns geht, eine schwierige Zeit. Es gab da eine emotionale Blockade, viel Unausgesprochenes. Das hat mich total geprägt. Seither muss ich alles, was mich unglücklich macht, gleich ansprechen und ändern.

Sie sind die Patentante des Kindes Ihres Ex-Mannes. Ziemlich ungewöhnlich.

Ich habe ihn 2006 in Kolumbien geheiratet, das hat vier Jahre gehalten, aber wir mögen uns noch. Dann haben er und seine jetzige Frau mich irgendwann gefragt, ob ich nicht Patentante ihrer Tochter sein möchte, voilà, keine besondere Geschichte. Neulich habe ich Pizza für die Kleine gemacht, sie hat nichts angerührt. Wenigstens habe ich es versucht.

Ein weiterer misslungener Versuch: mit dem Rauchen aufhören. Sie haben wieder angefangen.

Dabei weiß ich, dass es mir besser geht, wenn ich nicht rauche. Ich bin fröhlicher, fitter, selbstbewusster, präsenter, wacher. Da frage ich mich schon, warum ich es mache.

Ja, warum eigentlich?

Ich glaube, es ist ein Mangel an Selbstbewusstsein, eine Form der Flucht, ein Filter. Das ist paradox, eigentlich bin ich doch jemand, der immer auf der Suche nach Intensität ist.

Ihre Stimme ist stets ein wenig rau und brüchig. Kommt das von den Zigaretten?

Vor allem vom vielen Singen. Ich neige dazu, meine Stimme aus mir rauszupressen. Gerade habe ich bei Proben täglich sechs Stunden gesungen. Wenn ich mich vergesse, heule ich wie ein Werwolf. Nach allem, was ich meiner Stimme antue, muss ich sagen: Schön, dass sie noch da ist.

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