Fernsehen 2019 : Erregung kann das Ziel nicht sein

Programmqualität im öffentlich-rechtlichen Fernsehen bedeutet eine Haltung gegenüber dem Publikum / Von Norbert Schneider.

Norbert Schneider
Haltung kann auch sein, dass die ARD die „Lindenstraße“ am Sonntag einstellt, selbst auch wenn Fans für die Fortsetzung demonstrieren.
Haltung kann auch sein, dass die ARD die „Lindenstraße“ am Sonntag einstellt, selbst auch wenn Fans für die Fortsetzung...Foto: dpa

ARD und ZDF ein wenig nach oben, die Privaten ein klein wenig nach unten – viel hat sich nicht bewegt bei den Marktanteilen der Fernsehprogramme zwischen 2017 und 2018. Doch noch weniger haben sich die Sender selbst bewegt. Kühle Routine prägt ihre Programme. Es dominiert das Ordentliche. Langsam und breit fließt der Mainstream bei Déjà-vu ins Meer.

Kein „Halstuch“ und kein „Rhein-Main-Donau-Kanal“, keine „Heimat“ und kein „Liebling Kreuzberg“; und auch nicht eine Serie wie „Holocaust“. Das Farbfernsehen ist grau geworden. Aufmerksamkeit findet in erster Linie, was im Netz und was dem Netz passiert. Es sorgt reichlich für die Entstehung und Verbreitung von Erregung. Die Klickzähler belegen es mit den unvorstellbaren Quanten an Publikum, die man über YouTube, Twitter oder Facebook in wahnsinnig kurzer Zeit für allerdings oft unvorstellbar Unerhebliches erreicht. Das Netz und seine sozialen Medien fördern eine Kommunikation, der es primär um die Verbreitung und eher nebenbei um die Relevanz ihrer „Botschaft“ geht. Im Netz kann man es wie an Silvester krachen lassen. Den Dreck müssen dann, wie an Neujahr, andere wegräumen.

Die Mittel, um die hohe Zahl zu schaffen, sind die kurzen Takes, der wortkarge Tweet, der grenzenlose Podcast. Hashtags orientieren und halten das Tempo hoch. Shitstorms entladen sich mit Naturgewalt. Wenn sich bei Parship alle elf Minuten jemand verliebt – wer liebt schneller? Die Verfallszeit der meisten Events ist kurz.

Immer im Quotenmodus

Obwohl Fernsehen das alles weder leisten kann noch muss, befindet es sich noch immer im Quotenmodus. Die Quote, ein Quantum also, ist nach wie vor das Maß aller Dinge, ein Synonym für Erfolg. Zwar ist mit Händen zu greifen, dass „lokales“ Fernsehen in einer globalen PR-Welt, in der jeder dämliche Fake über Nacht Millionen Follower in Erregung versetzt, nicht mithalten kann. Ein Hashtag wie #MeToo bleibt jenseits des Möglichen. Doch noch immer gibt es die tägliche Jagd nach der Quote und die Feier des Tagessiegers am nächsten Morgen im Videotext. Das könnte man hinnehmen, wenn es nicht Folgen hätte. Doch wenn Quantität im Zweifel Qualität schlägt, verschwindet der Unterschied von Akzeptanz und Relevanz.

Aber was wären die Alternativen? Die Digitalisierung einfach zu ignorieren? Selbst global aufzutreten wäre angesichts einer strengen Regulierung durch die föderalen Parlamente eine Illusion. Doch wer in einen Wettbewerb geht, den er nicht gewinnen kann, kann sich nicht einmal auf Sisyphos berufen. Aber welche Option bleibt dann?

Es lohnt sich in scheinbar ausweglosen Situationen immer, auf Anfang zu gehen. Dann zeigt sich: Ein Medium wie der öffentlich-rechtliche Rundfunk muss hier gar nichts gewinnen. Er wurde nicht etabliert, um möglichst viele Menschen möglichst oft in Erregung zu versetzen, sondern um ein Programm anzubieten, dessen oberstes Kriterium Qualität ist. Nicht etwa, um die Quantität zu verachten, sondern um der Quantität qualitative Grenzen zu setzen. Und deshalb ist ein Verzicht auf das Programmziel der großen Zahl nicht das Ende eines Mediums, sondern die Rückkehr auf den rechten Weg. Es gibt keinen vernünftigen Grund, Konkurrenten, die das bei näherem Hinsehen gar nicht sind, nachzueifern. Der Schuster sollte bei seinem Leisten bleiben. Man muss ihn an das erinnern, was man von ihm erwarten darf: Mach’, was du am besten kannst, die allerbesten Schuhe und nicht die allermeisten!

Wein kann man auch aus Trauben machen

Wenn die Straßenfeger von gestern das Fernsehen nicht mehr im Gespräch halten, wenn es neue Anbieter von „Botschaften“ gibt, die für sich nur Rechte und keine Pflichten sehen, dann ist es umso mehr die Qualität, die den Unterschied macht, ganz im Sinne jener Weisheit des sterbenden Winzers, der seinen Söhnen verrät, dass man Wein auch aus Trauben machen kann.

Auch Qualität wächst wie der Weinstock langsam. Deshalb ist Qualität nicht teuer. Man muss nicht nur warten, man muss sie sich auch leisten können. Aber acht Milliarden Euro sollten dafür reichen. Mit so viel Geld kann man Reporter(innen) die Zeit bezahlen, die sie für ihre Recherchen brauchen; dass sie so etwas wie eine Handschrift entwickeln können; dass sie ihr Objekt von allen Seiten ausleuchten können. Sogar, dass man ihr Resultat nicht sendet, weil es den Ansprüchen nicht gerecht geworden wäre. Acht Milliarden erlauben es, dass Produzenten von TV-Movies erst dann zu drehen anfangen, wenn die Bücher wirklich drehreif sind. Mit acht Milliarden könnte man eine unabhängige Qualitätsprüfung für Programme einrichten, eine Stiftung Medientest, die Qualität testieren kann. Qualität entsteht, wenn nicht der Sitz eines Senders, sondern der Sitz im Leben über den Zuschlag für einen Stoff bestimmt. Qualität wird sichtbar, wenn für die Vielfalt der Genres Sorge getragen wird. Sie leidet, wenn ein einziges Genre wie der Krimi die anderen Genres erstickt und irgendwann niemand mehr weiß, wie eine Komödie geht. Oder ein Melodram.

Wer Qualität will, muss sich gerade auch im Bildermedium Fernsehen um die Sprache kümmern. Das betrifft die Hörbarkeit der Dialoge von TV-Movies – ohne Hörhilfen! Es betrifft den fantasielosen Reporter-Slang bei Live-Reportagen, die ewig gleiche Metaphorik von Sportreportern. Es stimmt: Kein Spiel sei wie das andere. Aber dann die immer gleiche Sprache? Wer entsorgt die ausgekochten Worthülsenfrüchte? Auch talentierte Redner müssen üben. Gibt es dafür Räume? Gibt es dafür Experten?

Ein lineares Medium lebt von festen Zeiten. Es muss eine begründbare Ausnahme sein, wenn man eine News-Show in die Nacht verdrängt, nur weil eine zweitklassige Show wieder mal kein Ende findet. Aber wenn die News-Show dann kommt, sollte sie darauf verzichten, wichtige Informationen über den Gang der Dinge mit peinlichem Selbstlob für die Folgesendung zu ergänzen. In einem Quotenmedium mag das durchgehen, in einem Qualitätsmedium hat Eigenwerbung in dieser Form nichts verloren.

Ein wesentlicher Ausweis von Qualität ist die angemessene Distanz des Mediums zu seinen „Objekten“. Der Vorwurf, man habe es mit Regierungs- oder Staatsfunk zu tun, übertreibt zwar gewaltig. Doch die Agenda der Politik und die Agenda der sie „begleitenden“ Informationssendungen sind sich tatsächlich unangemessen ähnlich geworden. Es mag ja alles viel einfacher machen, wenn man im selben Flugzeug fliegt (vorausgesetzt, es fliegt noch). Doch auch das ist ein unschönes Bild für Symbiose. Es ist was faul im Staat, wenn Journalisten und die politische Prominenz in derselben Blase leben und sich dort, für das Publikum auch noch gut sichtbar, auf jede Schulter klopfen, die gerade frei ist. So, wie es auch den publizistischen Wärmetod fördert, wenn die immer gleichen Prominenten, die ihre Prominenz einer Sendung verdanken, in anderen Sendungen auftauchen. Das dient ihrem Mehrwert, aber nicht der Vielfalt.

Zur Symbiose von Publizistik und Politik gehört es auch, wenn politische Ereignisse von „Experten“ erklärt werden, die in Stiftungen arbeiten, die von der Regierung finanziert werden. Wären eigene wirklich zu teuer? Überlässt man es tatsächlich den Parteien, wen sie in Talkshows schicken? Wetten Politiker parteiübergreifend womöglich darauf, wer am meisten in Talkshows sitzt? Führt wirklich kein Weg an den immergleichen Gesichtern vorbei? Was jeder Fußballclub inzwischen hat, Scouts, die nach Talenten suchen – kann sie das Fernsehen nicht bezahlen? Dient es der Qualität, wenn Sendungen früher nur einen Namen hatten, doch heute Namen eine Sendung?

Überflüssige Trailerfülle

Programmqualität zeigt sich auch in der Beachtung von Kleinigkeiten. Muss ein Wetterbericht in einem Tempo gesprochen werden, als gehe es um irgendeine Wurst? Wer befreit uns von der Trailerfülle zwischen einzelnen Sendungen und ihren vorbeihuschenden Abspännen, unverständlichen Bilderrätseln, die einen verwirrt zurücklassen und eine Atemlosigkeit erzeugen, als werde das Programm von seinen eigenen Kommissaren gejagt? Sie sind ein typisches Instrument für Quotenfernsehen und daher entbehrlich in einem Fernsehprogramm, das sich der Qualität verschreibt.

Das öffentlich-rechtliche Fernsehen könnte sich übrigens auch selbst zu einer Referenzgröße für Qualität machen. Zum Beispiel durch intelligente Wiederholungen. Etwa von Fernsehspielen, die über die Jahre hin einen Grimme-Preis bekamen, anstelle von zwei „Tatorten“ an einem Abend. Die stilbildenden Reportagen der großen Reporter – von Peter von Zahn über Peter Scholl-Latour bis Gerd Ruge – könnte man ein ganzes Jahr lang zeigen, wenn der Tag lang ist.Oder eine Typologie der Kommissare aus fünfzig Jahren: von Richter und Tappert über George bis zu Berkel und Brandt?

Programmqualität ist nicht das Stichwort für bekenntnisfreudige Hierarchen oder medienpolitische Sonntagsreden. Sie ist vor allem nicht, was öffentlich-rechtliche Zählmeister gerne behaupten: eine verblasene Größe, mit der sich diejenigen rausreden, die keine Quote schaffen. Sie ist so real, so hörbar und sichtbar wie es am Ende auch Zahlen nur sein können. Qualität steht für eine Haltung gegenüber dem Publikum. Nicht das erregungsfixierte Netz mit seiner Gier nach der großen Zahl ist das Referenzmodell für das öffentliche Kommunizieren. Es ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk, der diese Rolle spielen sollte. Qualität bringt nicht der Anblick einer Zitrone, sondern ihr Saft.

PS: Das ZDF macht einen Schritt in die richtige Richtung. Das „heute-journal“ am Sonntag wird Ende März auf 30 Minuten verlängert.

Der Autor war Fernsehdirektor des Senders Freies Berlin und Direktor der Landesanstalt für Medien NRW.