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Kritik an Berichterstattung : Notre-Dame brennt - und die ARD pennt

Der Brand hat das öffentlich-rechtliche TV nicht von Tier-Doku und Krimi abhalten können. ARD-Chefredakteur Becker twitterte: "Gaffer TV machen wir nicht"

Flammen und Rauch steigen am Montagabend aus der Pariser Kathedrale Notre-Dame auf. Der US-Nachrichtensender CNN war auf Dauersendung, ARD und ZDF beschränkten sich auf die Nachrichten.
Flammen und Rauch steigen am Montagabend aus der Pariser Kathedrale Notre-Dame auf. Der US-Nachrichtensender CNN war auf...Foto: dpa

Für das öffentlich-rechtliche Fernsehen war das verheerende Feuer am Montagabend in Paris Anlass zu Business as usual. "Tagesschau" und "Tagesthemen", "heute" und "heute-journal" machten den Brand zur Nachricht des Abends, das schon, aber was war dazwischen? Es brannte und brannte, und der Fernsehzuschauer wurde von der Verzweiflung beschlichen, dass die Feuerwehr mit ihren wenigen Wasserrohren keine echte Chance gegen den Feuerteufel hatte. Mit diesem Eindruck blieb er allein. Wo die ARD sonst nach drei Schneeflocken einen "Brennpunkt" ansetzt, war um 20 Uhr 15 Schluss. Eine Tier-Doku widmete sich dem Leben und Überleben der Tiger, das ZDF hatte sich nach alter Gewohnheit in den Krimi-Modus verabschiedet. Wo ist das öffentlich-rechtliche Livefernsehen, wenn man es braucht?

Was die internationalen Nachrichtensender, was n-tv bis Welt in solchen Momenten schaffen - Live-Berichterstattung eben -, das muss für die Nachrichtenzentralen von ARD und ZDF eine Herausforderung darstellen, die im ersten und im zweiten Programm nicht zu bewältigen zu sein scheint. Aber ist da nicht der Ereigniskanal Phoenix, ZDFinfo oder Tagesschau24? An Kanälen ist kein Mangel, offensichtlich aber fehlen Wille, Organisation und Kompetenz, diese adäquat - heißt in diesem Falle mit Live-Bildern aus Paris - zu füllen. Und wenn schon die Hauptprogramme mit Tier-Doku und Menschenkrimi bestritten werden müssen, dann braucht es in beiden Kanälen Laufbänder, die den Zuschauer permanent darüber informieren, wo er sich über den Stand der Brandbekämpfung in Frankreichs Hauptstadt informieren kann. Das ist das Mindeste. Wer das Geschehen andernorts live verfolgt hat, der wird sich spätestens beim Einsturz des Spitzturms der Kathedrale an 9/11 erinnert gefühlt haben.

Breite Kritik

Die Minderleistung des öffentlich-rechtlichen Fernsehens hat schnell Kritik gefunden. Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) hat die Berichterstattung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen über den Brand in der Pariser Kathedrale Notre-Dame als unzureichend bezeichnet. „Russia Today und Al Jazeera berichten, rechte Hetzer verbreiten erste Verschwörungstheorien und der öffentlich-rechtlich Rundfunk schläft“, schrieb Laschet am Montagabend auf Twitter. Millionen Menschen fieberten mit einem der bedeutendsten kulturellen Orte in Europa, und man müsse den US-Fernsehsender CNN einschalten, um die Geschehnisse zu verfolgen, während die ARD Tierfilme zeige.

Der frühere Leiter des ARD-Hauptstadtstudios, Ulrich Deppendorf, schrieb auf Twitter, Notre-Dame sei neben dem Eiffelturm das Symbol Frankreichs. Dass es dazu keinen ARD-„Brennpunkt“ gegeben habe, sei „schwer nachzuvollziehen“. Kritik kam auch von Sonia Seymour Mikich, frühere Fernseh-Chefredakteurin beim WDR. „Warum muss ich so lange bei CNN oder BBC einschalten?“, fragte sie auf Twitter. „Tagesschau24 ist doch genau dafür geeignet?“ Die ARD reagierte ebenfalls auf Twitter auf die Kritik und verwies auf Berichterstattungen in „Tagessschau“ und „Tagesthemen“. ARD-Chefredakteur Rainald Becker reagierte auf die Kritik nur noch sauer: "Rate zu etwas mehr Sachlichkeit. Das Erste ist kein 24h Nachrichtenkanal und Gaffer TV machen wir auch nicht", schrieb er auf Twitter.

Hohe Quoten für Nachrichten

Wie das Erste hatte sich auch das ZDF dagegen entschieden, das Programm für den Brand in der Pariser Kathedrale Notre-Dame zu ändern. Die „heute“-Nachrichten um 19 Uhr, die bereits über das Feuer berichteten, hatten 3,20 Millionen Zuschauer, das Nachrichtenmagazin „heute journal“ um 21 Uhr 45 erreichte 5,64 Millionen. Das waren überdurchschnittliche Wert - wenn auch schlechtere als für den Krimi mit 6,26 Millionen Zuschauern direkt davor. Das Erste zeigte wie vom Programm vorgesehen um 20 Uhr 15 die letzte Folge der fünfteiligen BBC-Naturdoku „Wilde Dynastien“ zum Thema „Duell der Tiger“. Durchschnittlich 3,37 Millionen Zuschauer schalteten ein - deutlich mehr als in der Woche davor (2,83 Millionen). Die „Tagesschau“ um 20 Uhr, die über den Brand in Paris berichtete, sahen allein im Ersten 5,15 Millionen, bei sämtlichen Sendern waren es sogar 10,22 Millionen. Der Nachrichtensender n-tv widmete sich am gesamten Abend ausführlich dem Brand in Paris und kam mit seiner Berichterstattung auf durchschnittlich 740 000 Zuschauer. (mit epd, dpa)