RBB-Reportage über TXL : Adieu, Tegel

Ein erster TV-Nachruf: Der RBB lässt Ulli Zelle eine Reportage über den letzten Sommer des Berliner City-Airports drehen.

Während Ulli Zelles Dreharbeiten zu „Tegels letzter Sommer“ stand der Flughafen nahezu komplett still.
Während Ulli Zelles Dreharbeiten zu „Tegels letzter Sommer“ stand der Flughafen nahezu komplett still.Foto: rbb

Sich vom Flughafen Tegel auf französisch mit Adieu zu verabschieden, ist gar nicht so verkehrt. Zwischen Kriegsende und Wiedervereinigung waren die Franzosen der eigentliche Hausherr über den Flugbetrieb, da sich Tegel in ihrem Sektor befand.

Während dieser Zeit durften dort deutsche Fluggesellschaften weder landen noch starten. Nach der Wiedervereinigung galt dies dann bis zur Liberalisierung des Flugmarktes kurioserweise für ausländische Fluggesellschaften.

Es sind viele solche Geschichten, die RBB-Reporter Ulli Zelle in seinem einstündigen Film „Der letzte Sommer von Tegel – Geschichten vom Flughafen TXL“ zusammengetragen hat – und für die er sich mit vielen Menschen getroffen hat, die Tegel bewegt hat – als Fluggäste, als Mitarbeiter des Flughafens, als fliegendes Personal oder als mehr oder minder lärmgeplagte Anwohner.

In den Filmarchiven muss es eine eigene Abteilung für den Flughafen Tegel geben, diesen Eindruck hinterlässt jedenfalls der Film von Ulli Zelle und Silke Cölln. Sogar von Kaiser Wilhelm II. gibt es bewegte Bilder, wie er das Flugfeld Tegel bei einer Zeppelin-Landung besuchte. Wernher von Braun unternahm hier später erste Raketenversuche.

Die große Politik spielte immer eine entscheidende Rolle in Tegel, so 1948. Wegen der Berlin-Blockade wurde in einem gewaltigen Kraftakt in nur wenigen Monaten die für das Überleben von West-Berlin so wichtige Rollbahn gebaut. In den 70er Jahren war es Klaus Schütz, der als Regierender den Schlüssel für die Inbetriebnahme des City-Airports Tegel entgegennahm.

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Für prominente Berlin-Besucher war Tegel bereits zuvor eine wichtige Ankunftsadresse: Marlene Dietrich, Judy Garland, Jayne Mansfield, John F. Kennedy nach dem Mauerbau. Später dann weitere internationale Politprominenz – für Staatsgäste der Bundesrepublik war zu Mauerzeiten ein Besuch in der Frontstadt obligatorisch.

Aber auch danach wussten Gäste wie Barack Obama 2008 die Wirkung von Berlin zu schätzen, inklusive Ankunft in Tegel. Und natürlich war es Tegel, wo Philipp Lahm mit der Fußball-Nationalmannschaft 2014 den Weltmeisterpokal in die Luft streckte.

Der Unvollendete

Eigentlich könnte Tegel auch „Der Unvollendete“ heißen. Für seine Reportage traf Zelle unter anderem die Architekten Meinhard von Gerkan und Volkwin Marg. Sie erinnern daran, wie sie den Flughafen so geplant hatten, dass er ohne Weiteres um ein zweites Sechseck hätte erweitert werden können.

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Doch der rot-grüne Senat sprach sich in den 1980er Jahren dagegen aus – nach der Wiedervereinigung auch mit Verweis darauf, dass man ja nun in Brandenburg die dafür nötigen Flächen hätte, wie Walter Momper, der Ex-Regierende mit dem Roten Schal, Ulli Zelle nun sagte.

Noch ist der Flugbetrieb in Tegel nach der Corona-Unterbrechung zwar wieder angelaufen – wenn auch auf Sparflamme –, doch die RBB-Reportage hat bereits Nachrufcharakter.

Reportage mit Nachrufcharakter

Während der Dreharbeiten waren große Teile abgesperrt. Wo sonst Flugreisende aus dem Taxi Richtung Abfertigung „im Flughafen mit den kurzen Wegen“ eilen, sieht man in Zelles Reportage höchstens ein paar Flughafenangestellte. Immerhin: Das Gebäude steht unter Denkmalschutz, es wird auch nach dem Ende des Flugbetriebs weiter genutzt, in welcher Form auch immer.

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Die Berliner, vor allem die aus dem Westen, haben Tegel geschätzt, viele werden den Flughafen vermissen, wenn der BER mit achtjähriger Verspätung dessen Aufgaben übernimmt. Zu wehmütigen Betrachtungen hat sich Ulli Zelle dennoch nicht hinreißen lassen. Dabei gibt es auch für den altgedienten RBB-Reporter einige Tegel-Begegnungen, an die er sich ganz besonders erinnert: Placido Domingo, die Bee Gees und Frank Zappa mit kurzen Haaren.

Ein Satz von Berlins ehemaligem CDU-Regierendem Eberhard Diepgen, kommt beinahe einem Schlusswort gleich: „Wir haben mehr gelernt, Flughäfen zu schließen als zu bauen.“

Die Reportage „Tegels letzter Sommer – Geschichten vom Flughafen TXL“ läuft am Dienstag um 20.15 Uhr im RBB.

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