ZDF-Journalist Theo Koll : „Moderatoren tun gut daran, authentisch zu sein“

Theo Koll leitet künftig das ZDF-Hauptstadtstudio und moderiert „Berlin direkt“. Im Interview erklärt er die Rückkehr nach Berlin und seine Gesprächsstrategie.

Die Frisur sitzt, der Manschettenknopf blitzt. Theo Koll, 60, ist bereit, vom 1. März an das ZDF-Hauptstadtstudio zu leiten und bereits an diesem Sonntag „Berlin direkt“ um 19 Uhr 10 zu moderieren. Sein Gesprächspartner ist Kanzleramtsminister Helge Braun, mit dem der ZDF-Journalist über die deutschen IS-Kämpfer sprechen wird.
Die Frisur sitzt, der Manschettenknopf blitzt. Theo Koll, 60, ist bereit, vom 1. März an das ZDF-Hauptstadtstudio zu leiten und...Foto: ZDF und Claudius Pflug

Herr Koll, welches Deutschland-Bild bringen Sie aus Frankreich mit?
Wenn man junge Franzosen fragt, was Ihnen bei Deutschland in den Sinn kommt, dann liegt aktuell Berlin sogar noch vor deutschem Bier - aber mit weitem Abstand auf Platz eins wird Angela Merkel genannt. Das hat viel damit zu tun, dass sie aus französischer Sicht als Sinnbild politischer Stabilität gesehen wird. Man darf nicht vergessen, dass bei unserem Nachbarn in den vergangenen zwei Jahren die Volksparteien komplett zusammengebrochen sind, die Sozialisten, die zuletzt Präsident und Regierung gestellt haben, bekamen gerade mal sieben Prozent der Wählerstimmen. Das gesamte politische Koordinatensystem hängt momentan an einem einzigen, fehlerbehafteten jungen Mann namens Emmanuel Macron.


Und welches Frankreich-Bild?
Das eines Landes, das vielleicht wie kein anderes auf der Erde, Widersprüche in sich trägt und kultiviert. Die Franzosen wollen maximale Freiheit und zugleich einen übermächtigen Staat, der ordnend eingreift: Wenn die Landwirte mit ihrem Fleischpreis nicht mehr konkurrenzfähig sind, dann fahren sie nach Paris und verlangen, dass die Regierung gefälligst die Fleischpreise im Supermarkt erhöht. Der Staat soll es regeln – da hält sich eine alte jakobinische Tradition.

Oder ein anderes Beispiel: Frankreich erhält und pflegt Altes mehr als viele andere Nationen – Paris ist auch deshalb ein Symbol konservierter Schönheit. Und zugleich sind die Franzosen extrem innovativ. Das alte Paris ist längst ein Mekka der Startup-Szene. Diese vielen Widersprüche machen es schwieriger Frankreich schnell zu verstehen, aber sie machen es für einen Korrespondenten auch besonders spannend.


Sie haben schon einmal im ZDF-Hauptstadtstudio gearbeitet, Anfang der 2000er Jahre. Da haben Sie, unter anderem, das Magazin „Frontal 21“, moderiert und mit geleitet. Was führt Sie wieder nach Berlin? Paris ist doch auch schön.

Paris ist sogar besonders schön. Aber man muss ja nicht schön sein, um geliebt zu werden. Berlin ist auf andere Art wunderbar und vor allem geliebtes Zuhause. Zudem - wenn Sie mir diesen kurzen Exkurs erlauben - mit einer kulturellen Kraft, die ihresgleichen sucht und aus der Berlin leider nicht immer genug macht. Paris zaubert aus dem Bestand immer wieder große Blockbuster-Ausstellungen, die Touristen aus aller Welt anziehen. Und Berlin? Hier leben viele herausragende, internationale Künstler, die Museen haben Füllhörner voller großartiger Kunst – aber wann war die letzte wirklich große, auffällige Ausstellung? Nach meiner Paris-Erfahrung kann ich nur sagen: Berlin nutzt sein großes Potential noch zu wenig.

Vor allem aber führt mich das Interesse an den Veränderungen in Deutschland zurück nach Berlin. Wenn ich auf 35 Jahre politische Berichterstattung zurückschaue – noch nie hat sich das politische Koordinatensystem so komplex verändert und das in einer beschleunigten Nachrichtenwelt, in der wir alle damit kämpfen nur noch einen immer kürzeren Zeitraum überblicken zu können, Hermann Lübbe nennt es die „Gegenwartsschrumpfung“. Und zugleich wird von interessierter Seite versucht Journalismus als politischen Akteur zu verunglimpfen. Ich glaube, das ist – jenseits der alltäglichen Nachrichten-Berichterstattung – eine der großen Herausforderungen für uns Journalisten. Unsere inhaltliche Verantwortung ist proportional gestiegen zum Ausmaß der kritischen Wahrnehmung unserer Arbeit.


Sie hatten sich im April 2016 für die Intendanz beim Rundfunk Berlin-Brandenburg beworben und waren bei der Wahl Patricia Schlesinger knapp unterlegen. Abgehakt?

Na klar. Würde ich sonst nach Berlin zurückkommen? Eine der kleinen goldenen Regeln in meiner Familie lautet: "Es ist alles im Leben für irgendetwas gut". Natürlich hätte ich den RBB gerne umstrukturiert in die Zukunft geführt, aber das ist als Aufgabe ein ordentliches Stück entfernt vom eigentlichen Beruf des Journalisten. Die Hauptstadtberichterstattung erlaubt es mir in diesen politisch bewegten Zeiten weiter intensiv journalistisch zu arbeiten – und das ist bei allem Reiz, einen Sender zu reformieren, meine eigentliche Leidenschaft.


Zu Ihren Aufgaben im ZDF-Hauptstadtstudio gehört auch „Berlin direkt“, das Sie am Sonntag zum ersten Mal moderieren. Wird sich am Format etwas ändern?

Mögliche Veränderungen werden meine Stellvertreterin, Shakuntala Banerjee, und ich mit der Redaktion gemeinsam erarbeiten. Eine der Herausforderungen wird dabei sicher sein, wie wir uns noch besser, noch sichtbarer im Netz, auf den verschiedenen Plattformen, aufstellen können.


Zur Sendung gehört immer auch ein Interview mit einer Politikerin/einem Politiker. Welchen Umgang werden Sie pflegen?
Wie es meinem Naturell entspricht: kritisch, aber verbindlich. Mir geht es nicht darum, den anderen vorzuführen. Ich möchte, dass der Zuschauer idealerweise nach dem Gespräch mehr weiß als vorher. Aber das kann natürlich auch bedeuten eine Frage fünfmal zu stellen, wenn die Antwort verweigert wird. Am Ende wird dann auch die Verweigerung für den Zuschauer eine Information.

Moderatoren tun gut daran, authentisch zu sein. Vor meiner ersten „Frontal 21“-Sendung hatte mich eine Moderationsberaterin völlig umgestylt, eine andere Brille, Kleidung, die ich sonst nicht trage – aber am Tag der ersten Sendung habe ich einfach alles ignoriert. Das betraf zwar nur die Oberfläche, aber für authentische Präsentation von Inhalten gilt es erst recht.


2019 gibt es Landtagswahlen in Thüringen, Sachsen und Brandenburg. Die AfD wird in allen drei Parlamenten kräftig wachsen. Wie viel AfD gibt es dann in „Berlin direkt“?

„Berlin direkt“ versucht in seinen redaktionellen Entscheidungen, stets das Wähler-Wichtige mit dem Wähler-Interessanten zu verbinden. Die AfD erfüllt oft beide Kriterien und ist damit immer wieder Thema in der Sendung – das dürfte auch nach den Landtagswahlen so bleiben.


Twittern Sie, sind Sie bei Facebook oder Instagram?
Ich beteilige mit am Gezwitscher bei Twitter, wenn auch derzeit nicht sehr lautstark. Die Intensität der Beteiligung dürfte sich hier in Berlin aber deutlich steigern.


Nicole Diekmann, Mitarbeiterin des ZDF-Hauptstadtstudios, hat mit ihrem "Nazis raus"-Tweet viel Aufsehen erregt. Sollen ZDF-Mitarbeiter überhaupt twittern und/oder facebooken?

Unbedingt. Es sind wichtige zusätzliche Medien, die die eigene Berichterstattung, beziehungsweise auch die Recherche ergänzen können. Aber dabei muss immer die journalistische Objektivität gewahrt bleiben. Neutralität, Ausgewogenheit und Fairness müssen natürlich auch in den sozialen Netzwerken beachtet werden. Sonst gerät man in Gefahr, zu einer stark kommentierenden Netz-Persönlichkeit zu werden, die damit den eigenen TV-Standards nicht mehr entspricht. Das meine ich aber ausdrücklich als allgemeine Messlatte und nicht auf die Kollegin bezogen.


In Deutschland, wie auch in Frankreich, ist die öffentliche Stimmung aufgeheizt. Es geht deutlich rauer zu, Journalisten werden, gerade aus der rechtspopulistischen Ecke, bedrängt und beschimpft. Wie muss der Journalismus reagieren?
Selbstbewusst und glaubwürdig.


Interessiert Sie die Moderation des nächsten „Kanzlerduells“? Es sollen ja nicht mehr nur Talkshow-Moderatoren fragen dürfen. Überhaupt: Wie viele Duelle in wie vielen Sendern erwarten Sie?

Dank Hape Kerkelings "Isch kandidiere" habe ich die Moderation eines Kanzlerduells ja schon hinter mir…


Sie als Britannien-Versteher: Welcher Brexit kommt?
Ganz offensichtlich ja einer, der Stanley Baldwins alte Weisheit belegen möchte: „The Englishman is made for a time of crisis“. In jedem Fall kommt ein Brexit, der belegt, dass unser hergebrachtes Konzept vom pragmatischen Briten im Koma liegt. Ich tröste mich gelegentlich damit, dass auf einem langen historischen Zeitstrahl der Brexit zumindest dafür sorgen könnte, dass die isolierteren Briten einige Ihrer geliebten Eigenschaften in unserer ansonsten vernetzten Welt länger konservieren können. Wir sollten in Europa aber auf jeden Fall die Konsequenz ziehen und Referenden zu solch elementaren Fragen zwingend an hohe Hürden knüpfen. Es darf nicht sein, dass nur 37,4 Prozent (51,9 Prozent bei 72,2 Prozent Wahlbeteiligung) der britischen Wähler über das Schicksal ganzer Generationen entscheiden können.


Autor

11 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben