Britischer Held in der Coronakrise : 99-Jähriger sammelt rund 36 Millionen Euro Spenden

Die Briten feiern Captain Tom: Der 99-jährige hilft mit einer ungewöhnlichen Aktion dem Gesundheitswesen – und inspiriert eine 90-Jährige.

Tom Moore schaffte 100 mühsame Runden mit seinem Rollator.
Tom Moore schaffte 100 mühsame Runden mit seinem Rollator.Foto: Peter Cziborra/Reuters

Die Totenzahlen folgen der italienischen Kurve, Bedienstete im Gesundheitswesen behelfen sich mit selbstgebastelten Masken und Schutzanzügen, die Regierung hat gerade erst den Lockdown um mindestens drei Wochen verlängert – verzweifelt halten die Briten dieser Tage Ausschau nach guten Nachrichten.

Da schlurft, wie auf Kommando, ein Weltkriegsveteran durch die Medien und direkt in die Herzen der Nation: Hauptmann Thomas („Captain Tom“) Moore wollte seinen 100. Geburtstag am Monatsende nicht einfach so verstreichen lassen.

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Mit Hilfe seiner Tochter richtete der 99-Jährige in der Karwoche einen Spendenaufruf an die Öffentlichkeit und bat um 1000 Pfund (1149 Euro) für das Nationale Gesundheitssystem NHS. Im Gegenzug werde er 100 Mal jeweils 25 Meter im Garten des Familienanwesens in der Grafschaft Bedfordshire auf- und abgehen.

Bald musste der alte Herr die tägliche Leibesübung unterbrechen, weil ihn zunächst lokale, dann nationale, schließlich auch internationale Radio- und Fernsehanstalten interviewen wollten. Und so exponentiell wie die Erkrankten-Kurven stieg die Summe, die Hunderttausende von Briten zu Ehren von Captain Tom spendeten.

Die ursprüngliche Summe war bereits am Karfreitag erreicht. Als Moore am Donnerstag morgen, fein gekleidet im blauen Blazer mit seinen Militärorden, zum 100. Mal mit seinem Gehwagen durch den Garten spazierte, waren mehr als zwölf Millionen Pfund auf der Just-Giving-Website eingegangen, „eine absolut fantastische Summe“, sagte der Ex-Soldat in seinem glasklaren Akzent, dem sogenannten Queen’s English mit einem Hauch seiner nordenglischen Heimat Yorkshire.

Tom Moore macht auch auf Twitter Furore

Nicht nur die Aussprache erinnert die Briten unwillkürlich an ihre Monarchin. Moore verkörpert auch jene Tugenden, auf die sich die Nation in der Krise zurückbesinnt: Tatkraft, Improvisationsvermögen, Zusammenhalt – und jener kühle Stoizismus, die berühmte „steife Oberlippe“.

Beide teilen die Weltkriegserfahrung. Während die damalige Prinzessin Elizabeth als Automechanikerin ihren Dienst leistete, kommandierte Moore Truppenteile in Indien und Burma, arbeitete später als Ausbilder motorisierter Einheiten.

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Die knapp 94-Jährige Königin hat ihren Untertanen kürzlich in einer kurzen TV-Ansprache Mut gemacht: „Wir können uns damit trösten, dass wir uns wiedersehen.“ Ganz ähnlich drückte es Captain Tom aus, als er gefragt wurde, wie man denn am Besten mit der derzeitigen Krise umgehen solle? „Ich denke einfach: ,Morgen wird ein guter Tag sein.’ So habe ich es immer gehalten.“ Einige Stunden später macht der Hashtag „Tomorrow will be a good day“ auf Twitter Furore.

70 Prozent der an Covid-19 Verstorbenen waren älter als 75

Zur Begeisterung über Moores Initiative trägt gewiss bei, dass die Ermutigung von einem Angehörigen jener Generation kommt, die genau wie anderswo besonders von Sars-CoV-2 betroffen ist. Einer Aufstellung der Statistikbehörde ONS zufolge waren im März 70 Prozent der an Covid-19 Verstorbenen im Alter über 75 Jahren.

Erst in den vergangenen Tagen haben die Briten gelernt, dass die Regierung bisher jene Tote gar nicht gezählt hatte, die in Alten- und Pflegeheimen verstorben waren, ohne noch ins Krankenhaus eingeliefert zu werden. Zunehmend rücken, neben den NHS-Bediensteten, auch jene Hunderttausende von Pflegekräften ins Blickfeld der Öffentlichkeit, die sich um die immer älter werdende Bevölkerung kümmern.

Er selbst habe Behandlungen gegen Hautkrebs sowie vor zwei Jahren eine Hüftoperation hinter sich, berichtete Moore der BBC und schwärmte von seinen „wunderbaren“ Erfahrungen: „Ich wurde von allen Beteiligten geduldig und freundlich behandelt, das war wirklich erstaunlich.“ Insgesamt kamen 33 Millionen Pfund (rund 36 Millionen Euro) zusammen.

Prinz Harry nennt Aktionvon Moore „absolut beeindruckend“

Auch Prinz William (37) gab Geld – die Summe nannte der Kensington-Palast allerdings nicht. Ärzte, Pfleger, Sportler und Politiker gratulierten dem Briten. Was Captain Tom Moore geschafft habe, sei „absolut beeindruckend“, sagte Harry am Sonntag.

„Es ist nicht nur das, was er getan hat, sondern auch, wie die Menschen darauf reagiert haben“, sagte der 35-Jährige in dem Podcast „Declassified“ für Militärangehörige. Harry setzt sich unter anderem für Kriegsversehrte ein. Der Prinz bedankte sich auch bei den Hunderttausenden Freiwilligen, die sich während der Coronavirus-Pandemie um die Risikogruppen kümmern wollten.

Gesundheitsminister Matt Hancock sprach davon, dass der Senior inspirierend sei. Und in der Tat: Die 90-jährige Margaret Payne will es dem Kriegsveteranen gleich tun und eine große Spende für das britische Gesundheitswesen sammeln.

Die Seniorin hat sich zum Ziel gesetzt, 282 Mal ihre Treppe hochzugehen. Das entspricht insgesamt der Höhe eines Berges in Schottland, den sie zum ersten Mal als Jugendliche erklommen hat. Dabei hat Payne seit ihrer Kindheit schon Probleme mit den Knien.

Auch die 90-jährige Margaret Payne sammelt nun Spenden

Rentnerin Payne hatte sich 10.000 Pfund als Ziel gesetzt – bis Freitagabend kamen aber schon mehr als 13 Mal so viel zusammen. Sie startete ihre Spendenaktion Ostersonntag und hofft, sie in knapp zwei Monaten beendet zu haben.

Die NHS-Mitarbeiter seien wundervoll. „Jeden Tag riskieren sie ihr Leben“, sagte die 90-jährige Payne, die nun auf ihre Weise helfen will und sich die Treppe immer wieder hoch quält. Das Bergsteigen habe sie, auch wegen ihrer Knieprobleme, nie besonders gemocht, wohl aber das Angeln, sagte die Seniorin aus Ardvar im Norden Schottlands. Noch heute gehe sie gern bei gutem Wetter im Garten spazieren - aber nicht bei starkem Wind, da ihr Haus ziemlich hoch liege. „Ich habe dann Angst, umgeweht zu werden.“

Margaret Payne will 282 Mal ihre Treppe hochgehen.
Margaret Payne will 282 Mal ihre Treppe hochgehen.Foto: Margaret Payne/Press Association/dpa

Die Gelder kommen einem Zusammenschluss großer und kleiner Wohltätigkeitsorganisationen zugute, die sich um die Angestellten und Patienten von NHS-Einrichtungen kümmern. Dazu zählen Gesprächstherapien für Krankenschwestern auf der Intensivstation ebenso wie Spielzeug für Krebserkrankte Kinder.

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Ausgeschlossen von der Finanzierung sind sogenannte Kernaufgaben wie die Gehälter der rund 1,2 Millionen NHS-Bediensteten oder die Beschaffung von Schutzkleidung, die in der Coronavirus-Pandemie allerorten knapp zu werden droht – dafür soll die Regierung selbst zuständig sein.
Traditionell erhalten alle 100-Jährigen an ihrem Jubeltag eine Grußkarte der Queen. Diesmal könnte zur Gratulation der Monarchin für Captain Tom Moore eine weitere Würde hinzukommen. Eine Petition mit dem Aufruf, Moore zum Ritter zu schlagen, erhielt binnen weniger Stunden mehr als eine halbe Million Unterschriften.

Prompt versicherte Downing Street, Boris Johnson werde nach seiner Genesung von der Covid-19-Erkrankung „natürlich Wege prüfen, Captain Tom für seinen heldenhaften Einsatz zu danken“. Was er selbst denn von einem möglichen Ritterschlag halte, fragten die TV-Reporter. „Naja, Sir Thomas Moore klingt doch recht gut“, lautete die verschmitzte Antwort.

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