Zukunft der Mobilität : Unser Auto – kann das weg?

Luftverschmutzung, Dauerstau und Klimawandel: Noch nie war das Auto so umstritten wie heute. Perspektiven eines Fortbewegungsmittels in der Krise - ein Dossier.

Patrick Reichelt Felix Wadewitz
Kann das weg? Wohl noch nicht ganz - aber Alternativen zum eigenen Pkw werden längst entwickelt.
Kann das weg? Wohl noch nicht ganz - aber Alternativen zum eigenen Pkw werden längst entwickelt.Foto: Shutterstock

Vom Luxusobjekt zum Massenprodukt: Vor mehr als 100 Jahren wurde in Deutschland das Automobil entwickelt. Als Fortbewegungsmittel ist es für viele aus dem Alltag nicht wegzudenken.
Doch nun erzwingen Klimawandel, Luftverschmutzung und Dauerstau eine Verkehrswende. Debattiert wird über Fahrverbote und -beschränkungen,
innovative Techniken – und die Kosten des Autofahrens. Die Autoindustrie, Rückgrat der deutschen Wirtschaft, muss sich neu erfinden.

In der Stadt: Autos müssen draußen bleiben

So könnte es in Zukunft sein: Für den Weg zur Arbeit, ins Wochenende oder in den Urlaub buchen wir die Verkehrsmittel unserer Wahl per Smartphone-App. Die Jüngeren schalten sich (im Sommer) vor der Haustür einen elektrischen Tretroller oder ein E-Bike frei, mit dem sie bis zur nächsten S-Bahn-Haltestelle gelangen. Die Älteren ordern ein Ride-Sharing- Shuttle, das man früher Sammeltaxi nannte. Für die Weiterfahrt am Bahnhof steht ein ICE zur pünktlichen Abfahrt (und Ankunft) bereit. Ticket, Reservierung, Anschlussverbindungen und ein vorbestelltes Frühstück im Bord-Restaurant sind im Mobiltelefon gespeichert.

Der Paketdienst, der mit einem Elektro-Kleintransporter (inklusive Zustelldrohne) unterwegs ist, wird am Nachmittag eine Tüte online bestellter Lebensmittel in einem gekühlten Schließfach im Bahnhof zur Abholung deponieren. Für die Rückkehr vom Bahnhof nach Hause plant man am Abend eine Kurzstrecke mit dem elektrischen Carsharing-Fahrzeug oder -Scooter. Und nicht mehr lange, dann fahren Shuttle, S-Bahn und ICE autonom. Selbst hinters Steuer muss dann niemand mehr.

Auto am Ende? In der Stadt wird jedenfalls der eigene Pkw bald wohl zum Auslaufmodell.
Auto am Ende? In der Stadt wird jedenfalls der eigene Pkw bald wohl zum Auslaufmodell.Foto: Jörn Hasselmann

Ein eigenes Auto kaufen – warum?

In der Zukunftsvision des Stadtverkehrs kommt der Individualverkehr mit dem eigenen Pkw nur am Rande vor. Die Alternativen, so wird angenommen, sind attraktiv und komfortabel genug, um das eigene Auto überflüssig zu machen. An die Stelle des Eigentums von Fortbewegungsmitteln tritt die Nutzung von Mobilitätsdiensten – überall, rund um die Uhr und vernetzt. Stickoxid-Emissionen, Feinstaub und Lärm sollen dann der Vergangenheit angehören. Die Stadt, die jahrzehntelang entlang der Autostraßen geplant und gebaut wurde, wird als Lebensraum für Menschen zurückerobert.

So weit die Vision. Tatsächlich ist die Eroberung der Städte kein Zivilisationstraum, sondern in vielen Teilen der Welt eine Horrorvorstellung. Lebt heute gut die Hälfte der Weltbevölkerung (55 Prozent) in Städten, werden es im Jahr 2050 nach Prognosen der Vereinten Nationen (UN) mehr als zwei Drittel (68 Prozent) sein. Gemessen an der heutigen Zahl der Erdbewohner wären dies mehr als fünf Milliarden Menschen. Schon im Jahr 2030 wird es laut UN dann 43 Städte auf dem Globus mit mehr als zehn Millionen Einwohnern geben.

Die Vorstellung, die Mobilitätsbedürfnisse der Bewohner dieser Mega-Citys ließen sich vor allem mit Autos befriedigen, ist naiv. Eine Ahnung, wohin alle diese Städte steuern würden, vermitteln heute schon chinesische Metropolen. In der Volksrepublik hat sich die Zahl der Autos von 59 Millionen im Jahr 2007 auf heute mehr als 300 Millionen vervielfacht. China ist inzwischen der weltgrößte Absatzmarkt der Autoindustrie. Das hat fatale Folgen im Alltag: Zehn der 25 staureichsten Städte der Welt liegen in China. Auf den Straßen von Peking oder Schanghai bewegt sich im Dauerstau häufig nichts mehr.

Damit nicht immer mehr Städte am Verkehr kollabieren, denken Forscher und Stadtplaner über Lösungen nach. Sie entwerfen Modelle einer Smart City, deren Bewohner trotz des Wachstums mobil und gesund bleiben. Das Internet vernetzt öffentlichen und privaten Verkehr, optimiert die Lieferketten. Daten in Echtzeit füttern intelligente Leitsysteme, die den Verkehr flüssiger machen – oder vermeiden. Start-ups und Datenkonzerne drängen in den Markt mit neuen Geschäftsmodellen. Und die Automobilhersteller sehen plötzlich alt aus – ihr wichtigstes Produkt wird bald nicht mehr die Hauptrolle spielen. (Henrik Mortsiefer)

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