Literatur und Corona : Wie queere Buchhandlungen durch die Krise kommen

Die Berliner Buchläden "Geistesblüten" und "Prinz Eisenherz" haben sich auf die neue Situation eingestellt. Mit erweitertem Service und Onlineangeboten.

Marc Iven vor der Buchhandlung "Geistesblüten", die er zusammen mit Christian Dunker leitet.
Marc Iven vor der Buchhandlung "Geistesblüten", die er zusammen mit Christian Dunker leitet.Foto: Julia Terjung

Auf Tischen, in Regalen und den Schaufenstern liegen Bücher queerer Autoren und Autorinnen – “Giovannis Zimmer” von James Baldwin, “Ein Apartment auf dem Uranus” von Paul B. Preciado und “Das Monster” von Madame Nielsen.

Was nach einer gewöhnlichen Buchhandlung klingt, wirkt eher wie eine kuratierte Ausstellung: nur ausgewählte Bücher schaffen es in den – im Vergleich zur Konkurrenz – minimalistisch gehaltenen Laden. Willkommen bei den “Geistesblüten” – ein Ort für Literatur, Kunst und Queerness.

Weil Veranstaltungen fehlen, kommen weniger Kund*innen

Christian Dunker und Marc Iven leiten die Buchhandlung und Veranstaltungsstätte am Walter-Benjamin-Platz 2 in Charlottenburg seit 2018 und bringen seit 2011 ein Literatur- und Kulturmagazin heraus.

Und nun ist da die Coronakrise, die die Existenz der “Geistesblüten” bedroht: Lesungen fallen aus, im Laden wird weniger gekauft. Wie kommen Dunker und Iven damit klar?

“Natürlich bedeutet das Verschieben oder der Wegfall von Veranstaltungen weniger Kunden”, erklären die Buchhändler, “Wir konnten die Verluste allerdings zu einem guten Prozentsatz durch Onlineumsätze auffangen. Wir setzen stärker auf unseren Außer-Haus-Service.”

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In ihrem Onlineshop bieten die “Geistesblüten” zum Beispiel Buchpakete für Erwachsene und Kinder an. Außerdem seien wechselnde Themen auf der Homepage wichtig, um die Kundschaft bei Laune zu halten.

Abgesagte Lesungen werden online nachgeholt, als sogenannte “Filmtalks”: “Wir drehen wöchentlich. Die Beiträge sind auf Instagram und unserem YouTube-Kanal zu finden”. Dadurch wurden die Titel, die durch Lesungen beworben werden sollten, trotzdem gekauft.

 Eingang als Durchreiche

Die größte Veränderung nehmen Christian Dunker und Marc Iven in ihrem alltäglichen Umgang mit Mitmenschen wahr. Es sind die kleinen Dinge, die momentan wichtig sind: Ein Lächeln, ein Zwinkern oder jemandem die Tür aufzuhalten. Die Krise habe dafür gesorgt, dass die Buchhändler ihr Leben überdenken mussten – natürlich auch im Geschäft.

“Wir haben in unserer Eingangstür eine Durchreiche improvisiert”. Konkret heißt das: Ein Tisch steht in der offenen Tür, über den sich Kunden über die Sicherheitsdistanz Bücher empfehlen lassen können. Die Kundschaft freue sich darüber, dass der Laden weiter geöffnet ist. “Wir sind dankbar für das Vertrauen und glücklich über leuchtende Augen, wenn wir über Zukunftspläne sprechen.”

Das Duo ist sich sicher, dass der Buchhandel die Krise überstehen werde. Anders sehe es mit Künstler*innen aus, die zum Beispiel am Theater oder anderen Kulturstätten wirken. Viele seien ganz unmittelbar von Pleite und Jobverlust bedroht. "Ihre Existenzängste gehen uns alle an”.

Die Buchhändler*innen von Prinz Eisenherz fahren jetzt auch Bestellungen aus.
Die Buchhändler*innen von Prinz Eisenherz fahren jetzt auch Bestellungen aus.Foto: Promo

Franz Brandmeier sieht die Situation ähnlich. Der Mitinhaber der queeren Buchhandlung “Prinz Eisenherz” in der Schöneberger Motzstraße sagt: “Ich glaube, dass es viele Initiativen, Bars, Clubs, Magazine, Verlage und Geschäfte nicht schaffen werden”.

Für Brandmeier ist das nicht nur als Verlust für die Gesellschaft, sondern besonders für LGBTQI*-Gemeinde: safe spaces mussten schließen, in denen man sich sonst untereinander austauschte und Menschen fand, mit denen man sich identifizieren kann.

Portofreie Lieferung mit dem Rad

Seit vierzig Jahren bieten Brandmeier und seine Kollegen*innen queere Literatur an. “Wir sind selber schwul oder lesbisch und erachten es immer noch für absolut notwendig, dass es Literatur zu diesem Thema gibt. Literatur kann hochgradig identitätsstiftend wirken.”

“Prinz Eisenherz” startete als Kollektiv im Jahr 1978, hatte Ladengeschäfte in der Bülow-, dann in der Bleibtreu- und nun in der Motzstraße. Momentan überlebt die Buchhandlung ebenfalls dank des Internets. “Wir haben unser Angebot beibehalten, aber den Service ausgebaut. Wir liefern zum Beispiel portofrei und persönlich mit dem Rad, wenn die Entfernung nicht zu groß ist.”

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Der Umsatz ist online gestiegen. Das mag daran liegen, dass die Präsenz in sozialen Medien ausgebaut wurde. Die Stammkundschaft bleibe ebenfalls treu, tätige solidarische Einkäufe.

Das zeigt sich auch an dieser Stelle: Zum ersten Mal musste Versandmaterial für Kundenkäufe im Onlineshop dazugekauft werden – sonst wurden die Verpackungen der eingekauften Bücher von den Verlagen und Händlern wiederverwendet.

Literatur als Fluchthelferin in einer schönere Welt 

Brandmeier sieht Literatur als eine Art der Krisenhilfe – eine kreative Stütze, die den Leser seine Sorgen für einen Moment vergessen lässt und zu sich selbst zurückführt.

“Die Literatur kann in Zeiten von Lockdown, was sie auch in anderen Zeiten kann: verzaubern, den Geist anregen und weiterentwickeln, unterhalten, Vorbilder schaffen, und im besten Fall helfen, sich in andere und schönere Welten zu träumen”.

Natürlich darf man in seiner Fantasie nicht verloren gehen. Die Realität wartet vor der Tür. Und so kann auch ein analoger Buchhandlungsbesuch dabei helfen, in der neuen Zeit an- und klarzukommen.

Queerspiegel - Der Tagesspiegel-Blog für Lesben, Schwule, Bisexuelle, trans- und intergeschlechtliche Menschen und für alle, für die die Welt bunt wie ein Regenbogen ist.