zum Hauptinhalt
Kinderriegel. Roksana Temiz und ihre Kinder Zeynep, Esma, Ahmed, Malik-Musa, Meryem, Adem, Rana, Zehra (von links). Weiteren Nachwuchs wollen sie und ihr Mann jetzt nicht mehr, sagt Temiz.

© Kitty Kleist-Heinrich

Ein Leben mit Sechslingen: Wie eine vielfache Mutter ihren Alltag meistert

Das gab es noch nie in Deutschland: Im Jahr 2008 brachte Roksana Temiz in Berlin Sechslinge zur Welt. Seitdem ist die Familie weiter gewachsen. Über ein Leben zwischen Trubel, geteilter Liebe, und Vorurteilen.

Und dann, lange bevor man sie sieht, sind sie da. Sie rufen einander zu, „komm!“, sie rufen übereinander hinweg, „he!“ Manchmal rufen sie, weil sie etwas zu sagen haben – „ich auch!“ – und manchmal, weil Rufen und Rennen einfach zusammengehören, „jaaa!“ Und die Frau im Garten, die zuletzt immer wieder auf ihre Uhr gesehen hat, steht auf von der Bank, geht zur Tür. Die Stimmen werden wirbelnde Körper, die wirbelnden Körper bekommen Gesichter. Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs Kinder umtanzen die Frau und rufen nun alle dasselbe. Anne, anne, türkisch für Mama, anne, anne, anne.

16. Oktober 2008. In der Charité kommen Sechslinge zur Welt, vier Mädchen, zwei Jungen, lebendig, gesund, auch der Mutter geht es gut. So etwas gab es in Deutschland noch nie, die Ärzte sprechen von einem medizinischen Wunder. Doch werden die Eltern auch das menschliche Wunder vollbringen? Können sie ein Leben mit Sechslingen meistern?

Acht Zöpfe und sechs Brotdosen

Fünfeinhalb Jahre später in Berlin-Britz. Es ist sieben Uhr morgens, und Roksana Temiz hat acht Zöpfe geflochten, je einen rechts, einen links, und sechs Brotdosen gepackt. Als alle im Kindergarten sind, macht sie die Waschmaschine an, die täglich mindestens zwei Mal läuft, und fährt den Rechner hoch. Wieder einmal Post über Facebook. Eine Frau, ein Kind, so viel Stress, schreibt eine. Wie Roksana das schaffe. Und Roksana Temiz antwortet, was sie immer antwortet. Dass es ihr mit einem Kind genauso ging. Und sie erst durch ihre Sechslinge eine entspannte Mutter wurde.

Anne, wohnt gegenüber eine Hexe? – Nein, wie kommst du darauf?

Anne, kann ich noch einen Keks? – Du hast doch einen in der Hand!

Anne, im Kindergarten ist ein Mädchen in die Brennnesseln gefallen. – Au, das tat bestimmt weh.

Mit 20 bekommt sie ihr erstes Kind

Roksana Temiz, 30 Jahre alt, kommt aus einer kleinen Familie. Ihre Eltern trennen sich, da ist sie 13. Mit 20 bekommt sie ihr erstes Kind – mithilfe von Hormontabletten, weil sie keinen Eisprung hat – und findet schon das ganz schön anstrengend. Fürs zweite entscheiden sie und ihr Mann sich erst, als die dreijährige Tochter quengelt: „Ich will endlich Bruder oder Schwester!“ Wieder Hormone, vier Monate warten. Ultraschall. Auf den Bildern sind nicht ein Bruder, nicht eine Schwester, sondern vier Geschwister zu sehen. „Da habe ich vor Schreck geheult“, sagt Temiz. Ein paar Wochen später entdeckt die Ärztin noch zwei mehr. Sechslinge also. „Da habe ich richtig abgeheult. Vierlinge, davon hatte ich schon gehört, aber Sechslinge, da war ich mir gar nicht sicher: Gibt es das überhaupt?“

Rana hat eine Wasserflasche in der Hand und will erzählen, warum. Ahmed hat einen gemalten Schnurrbart im Gesicht und will nicht sagen, woher. Adem will ins Spielhaus hinein, und Zeynep soll deshalb raus, alle Kinder wollen die Katze streicheln, aber die Katze will weg. Mittendrin Roksana Temiz. Räumt sechs Rucksäcke, zwölf Jackentaschen aus.

Alle gesund! Wie die Kinder auf die Welt kamen

Roksana Temiz überwindet den Sechslingsschock wie andere Schwierigkeiten auch. Mit Pragmatismus und Sturheit. Als die Eltern ihres türkischen Mannes sie, die Polin und Katholikin, anfangs ablehnen, liest sie den Koran, darunter Sure 112, „Gott zeugt nicht und wurde nicht gezeugt“, allein das gefällt ihr. „Dass Gott einen Sohn hat, fand ich nie logisch.“ Sie hört auch Predigten des Islamisten Pierre Vogel, „er ist umstritten, ich weiß, aber wer sonst erklärt auf Deutsch den Islam?“ Die Katholikin wird Muslimin, ihre Schwiegereltern sind erfreut, ihre Eltern eine Weile lang entsetzt. Als Roksana Temiz das mit den Sechslingen erfährt, liest sie im Internet nach. Gesunde Sechslinge, steht da, sind äußerst selten, aber es gibt zum Beispiel die sechs Walton-Töchter, 1983 in Liverpool geboren. Mehr will Temiz gar nicht wissen. „Wenn es bei anderen klappt, ist es doch logisch, dass ich es auch probiere.“

Die erste Ärztin rät ihr zur "Teilreduktion"

Die Ärztin in einem Neuköllner Krankenhaus ist dagegen. Je mehr Babys, desto früher kämen sie auf die Welt, entweder tot oder behindert, sie rate zur Teilreduktion. Zu Hause googelt Temiz das Wort. Erfährt, dass dabei einige Embryos mit einer Spritze ins Herz getötet werden, um das Überleben der anderen zu sichern. Das nächste Mal, sie ist in der 19. Woche, geht sie in die Charité, größtes Perinatalzentrum Deutschlands, spezialisiert auf Mehrlingsgeburten. Der Chefarzt Wolfgang Henrich empfängt sie. „Ich kann Ihnen nicht versprechen, dass es klappt, ich kann aber auch nicht sagen, dass es nicht klappt“, sagt er. „Aber Sie probieren es?“ fragt Temiz. Der Arzt nickt. Und Temiz bleibt gleich da.

Im vergangenen Jahr gab es in Henrichs Klinik 180 Mehrlingsgeburten, vor allem Zwillinge, aber auch zehn Drillinge und zwei Vierlinge. Viele von ihnen sind mithilfe der Reproduktionsmedizin entstanden, ansonsten sind Mehrlinge eher selten. „Schon Zwillinge sind eigentlich eine Laune der Natur“, sagt Henrich und zieht sein Handy hervor. Die Wahrscheinlichkeit, Sechslinge auf natürlichem Wege zu bekommen, liegt bei eins zu 44 Milliarden, rechnet er aus. Und die Wahrscheinlichkeit, dass sie gesund zur Welt kämen, sei so gering, dass die Ärztin, die zur Teilreduktion riet, gar nicht falsch gelegen habe. Hat er das Schicksal damals also herausgefordert? Wolfgang Henrich geht zu seinem Rechner. Die 158 Ultraschallbilder von Roksana Temiz’ Kindern sind immer noch drauf. Es waren die ersten Sechslinge, die Henrich in seinem Leben sah, ihre Organe waren alle einwandfrei. Und außerdem, sagt Henrich, gebe es eine Gemeinsamkeit zwischen Roksana Temiz und ihm. „Wir denken beide grundsätzlich positiv.“

Tränen. Nicht nur auf einem Kindergesicht, sondern auf dreien. Rana weint, weil Zehra ihr die Flasche weggenommen hat, Esma, weil sie auch eine haben will, und Zehra, weil sie sie zurückgeben soll. „Ist doch kein Drama“, sagt Roksana Temiz. Ihr Mann Hikmet Temiz, zehn Jahre älter als sie, tröstet. Dass sie Tränen weglacht und er sie wegstreichelt, dass sie streng ist und er sanft, so sind ihre Rollen. Manchmal, sagt Roksana Temiz, würde sie gern tauschen.

In der 27. Woche kamen die Kinder

Ab der 24. Schwangerschaftswoche kann ein Kind außerhalb des Bauchs überleben. Jeder weitere Tag, jede weitere Woche erhöhen seine Chancen. Roksana Temiz liegt zwei Monate in der Charité. In der 27. Schwangerschaftswoche dann Presswehen. Kaiserschnitt. Mit dabei: zwei Anästhesisten, zwei Anästhesie-Pfleger, drei Operateure, eine instrumentierende Schwester, sechs Hebammen, sechs Neonatologen, sechs neonatologische Schwestern. 26 Lebensretter. Um 11.04 Uhr holen sie das erste Kind, 822 Gramm, um 11.07 Uhr das letzte, 890 Gramm. Eine Schwester bringt den Eltern sechs Fotos, und sie schreiben hinten die Namen drauf. Adem, Esma und Rana sucht sie aus, Zeynep, Zehra und Ahmed er. Ahmed heißt: Ich danke Gott.

Drei Monate bleiben die Kinder in der Charité, davon vier Wochen auf der Intensivstation, verteilt auf verschiedene Zimmer. Es gibt einen Film, da steht Meryem, die große Tochter, an Ahmeds Bett und ruft immer wieder seinen Namen. Er ist so zart, dass sie ihn nicht mal streicheln darf. Roksana Temiz muss anfangs auf die Namensschilder schauen, um zu wissen, in wessen Zimmer sie steht. „Wie viele es sind, habe ich erst richtig begriffen, als sie das erste Mal alle in einem Raum waren.“

Im Garten hüpft Zeynep nun auf dem rechten Bein.

Anne, guck, wie ich hüpfen kann!

Ich auch, anne, guck!

Und Roksana Temiz guckt, bittet um einen Beinwechsel, jetzt mal links. Von der Schule wurden die sechs zurückgestellt. Alles in Ordnung, sagte die Ärztin, sie bräuchten nur noch ein wenig Zeit.

Die ersten Wochen? Fließbandarbeit

Die ersten Wochen zu Hause sind Fließbandarbeit. Fläschchen machen, Fläschchen geben, Fläschchen sterilisieren. Wieder von vorn. Dazwischen wickeln. Es werden Fortbewegungsmittel in Übergrößen angeschafft, zwei Drillingskinderwagen, ein neuntüriges Auto, bezahlt von „Ein Herz für Kinder“, genau wie die Krankenschwester, die anfangs in den Nächten kommt. Wichtigste Fertigkeit: zwei Babys gleichzeitig die Flasche geben. Am anstrengendsten: die Krankheiten, zum Beispiel sechsfache Bronchitis, sechsfache Lungenentzündung. So oft, dass Hikmet Temiz sich ein Stethoskop kauft. Heute klingeln die Nachbarn bei ihm, wenn ihre Kinder Husten haben, er hört sie ab und entscheidet, ob sie zum Arzt müssen. Und die erstaunlichste Erkenntnis: Manches ist mit Mehrlingen auch einfacher. Während die große Tochter beim Einschlafen immer das Ohr ihrer Mutter hielt, schlafen die Sechslinge problemlos alleine ein. So als wüssten sie, dass ihre Mutter nicht sechs Ohren hat, an denen sie sich festhalten können.

Kann alles wirklich so einfach sein?

Klingt alles so einfach. Aber kann das denn sein? Wo ist die Anspannung, die Verzweiflung, die anderswo mit Kindern kommt? Müsste Roksana Temiz all diese negativen Gefühle nicht sechsfach potenziert empfinden? Will sie nicht ab und zu alles hinschmeißen? Roksana Temiz überlegt. Sie überlegt lang. Man merkt ihr an, wie gern sie eine Antwort geben würde, sie ist höflich, sie will ihr Gegenüber nicht enttäuschen. Aber was soll sie machen? Klar, manchmal würde sie gern ausschlafen, und manchmal wünscht sie sich Hilfe, ihre Mutter lebt in Polen, die Schwiegereltern in der Türkei. Aber die schwierigste Zeit, das war die Schwangerschaft, der Gedanke: Vielleicht sterben die Kinder, vielleicht sind sie alle behindert. Ist das, was sie jetzt erlebt, da nicht sechsfaches Glück? Und außerdem: Ihre Kinder gehören nicht zu denen, die sich morgens nicht anziehen oder sich wütend auf den Boden schmeißen, wenn sie etwas nicht bekommen. „Meine sechs sind irgendwie sehr lieb“, sagt Roksana Temiz und klingt dabei fast entschuldigend. Und da begreift man, dass man dieser Familie mit Kleinfamilienlogik nicht beikommen kann. Und dass ein Kind, um das alles kreist, unter Umständen anstrengender ist als viele, die alle umeinanderkreisen. Anderthalb Jahre nach den Sechslingen kam übrigens noch ein Kind. Das letzte, sagt Roksana Temiz, und ein Geschenk. Bei Nummer eins hatte sie all diese Ängste, bei Nummer zwei bis sieben so viel Arbeit, Nummer acht kann sie nun richtig genießen.

Nur einmal war sie bei einer Psychologin

Einmal ging Roksana Temiz trotzdem zu einer Kinderpsychologin: Wie kann ich allen genug Aufmerksamkeit geben? Wichtiger ist etwas anderes, antwortete die Psychologin. Seien Sie gerecht. Deshalb ist Roksana Temiz die letzten zwei Wochen die Karl-Marx-Straße rauf- und runtergelaufen und hat die Schuhläden durchsucht. Wo gibt es Sandalen, vier Mal Größe 28, zwei Mal Größe 29, alle reduziert, aber das gleiche Modell? „Einmal ,Hello Kitty’ drauf und einmal nicht, das geht nicht.“ Die Suche ist noch nicht zu Ende, Temiz träumt von einem Laden mit Mehrlingsrabatt. Und gerade neulich ging es wieder um Gerechtigkeit. Meryem hat als Einzige ein eigenes Zimmer, das sollte ein Privileg sein, doch das Mädchen empfand es als Strafe. „Anne, warum muss ich alleine schlafen?“ Nun rotieren die Geschwister nachts zu ihr.

Roksana Temiz fühlt Meryems Gesicht. Hat sie zu viel Sonne abbekommen? Sie streicht über Ranas Wange. Ist der Fleck vom Schokoladeneis, oder ist es ein Kratzer? Später wird sie Adem und Esma über den Kopf wuscheln. Auch das eine Liebkosung, die einen Zweck erfüllt: Sind die Haare noch sandig vom Spielplatz?

Kopftuchträgerin! Sozialschmarozerin! Temiz kennt alle Vorwürfe

Ordnung, schreibt Temiz den Frauen, die Rat bei ihr suchen, Ordnung sei das Wichtigste. Dazu gehört: dass die Kinder Struktur haben, jeden Tag im Kindergarten sind. Dass die Wohnung sauber ist, alles seinen Platz hat. Das Zuckerdöschen auf dem blanken Tisch. Die Stehlampe neben dem Sofa, die Hikmet Temiz von einem Entrümpelungsjob mitbrachte. Die Hocker in der Küche, die man stapeln kann. 115 Quadratmeter hat die Wohnung, 15 Quadratmeter der Garten. Neulich hat Roksana Temiz in Rudow ein Reihenhaus mit richtigem Garten besichtigt und sich vorgestellt, wie sie da im Sommer ein Planschbecken aufstellen würde. Doch daraus wurde nichts. Sie habe ja nichts gegen Kinder, aber ..., sagte die Vermieterin.

Roksana Temiz kennt solche Sätze, sie kennt die Vorurteile. Kopftuchträgerin, Sozialschmarotzerin. So viele Kinder, wie asozial. Und ja, die Familie lebt vom Staat, 1633 Euro Kindergeld und um die 2000 Euro vom Jobcenter bekommen sie monatlich, aber für zehn Leute reicht das nicht. Im Sommer nicht fürs Schwimmbad, im Winter nicht fürs Kino, gerade ist der Trockner kaputt gegangen. Einmal hat Roksana Temiz dem Bürgermeister geschrieben. Weil Klaus Wowereit doch Pate der Sechslinge ist und ihnen damals so einen netten Brief ins Krankenhaus schickte. Sie bekam auch Antwort. Leider, so hieß es, beschränke sich die Patenschaft auf die jährliche Nikolausfeier.

Die Kinder gießen das Wasser um, von der Flasche in Becher und zurück. „He!“, ruft Roksana Temiz. „Nicht spielen damit.“ Es folgen einige komplizierte Erklärungen, wer wann wie begonnen hat, aber: Die Kinder hören auf. Sofort.

Eltern machen sich zu viele Sorgen, sagt sie.

Eltern, hat Roksana Temiz festgestellt, machen sich so viele Sorgen. Wie sie ihre Kinder prägen, was sie bei ihnen auslösen. Entspannt euch, sagt Roksana Temiz den Frauen, die sich an sie wenden. Kinder bringen so viel an Charakter mit.

Rana war die Erste, die keine Atemhilfe mehr brauchte. Heute ist sie die Anführerin. Esma ist schüchtern, Zeynep wild. Den Ball hat sie immer dabei.

Zehra kreischt gern lang und laut. Adem hat die meisten Platzwunden, klettert auf jeden Baum.

Ahmed überlegt genau, was er tut. Und bleibt im Zweifel unten.

Zu ändern, sagt die Mutter, sei an diesen Eigenschaften kaum etwas. „Das ist doch irgendwie beruhigend, oder?“

Der Text erschien auf der Dritten Seite des gedruckten Tagesspiegels.

Zur Startseite

showPaywall:
false
isSubscriber:
true
isPaid:
showPaywallPiano:
false