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Stadtplanung: Berlin hebt ab

Die Traufhöhe wird Berlin auch künftig prägen, die Architektur der modernen City braucht aber auch Hochhäuser. 2012 markiert eine Zäsur in der Entwicklung des Verkehrsknotens Berlins: mit der Eröffnung des Großflughafens und der Frage der Nutzung von Tegel und Tempelhof.

Mit der Eröffnung des Großflughafens Berlin Brandenburg beginnt für Berlin eine neue Ära der Stadtentwicklung. Nach zwei Jahrzehnten Wiederaufbau als Bundeshauptstadt und Überwindung der Teilung erwarten die Stadt jetzt Jahre und Jahrzehnte wirtschaftlicher Entfaltung und städtebaulicher Neugestaltung, so dass Berlin seiner Bestimmung als Metropole gerecht werden kann. Auch mit Blick auf die IBA 2020, für die sich der neue Senator für Stadtentwicklung Michael Müller starkmacht.

Die „Bestimmung Berlins“ ist die einer „Kolonialstadt“, urteilte Karl Scheffler 1910 in seinem Buch „Berlin – ein Stadtschicksal“. Er fügte hinzu: „Trotz seiner Europäisierung und Amerikanisierung wird Berlin eine östliche Stadt auch ferner sein, abhängig im Wesentlichen von der Geschichte des Ostens.“ Der Osten Europas mit seinen weiten Perspektiven ist noch im Umbruch begriffen. Berlin, die Kolonialstadt mit Migrationshintergrund, muss sich erneut als Pionierstadt beweisen, als magnetischer Pol für Mittel- und Osteuropa. Der neue Großflughafen rechnet allein aus dem Nachbarland Polen mit 25 Prozent seiner Fluggäste. Durch die Insellage im Osten Deutschlands ist Berlin abhängiger von Luftbrücken und Fernverkehr als andere Großstädte wie München, Köln oder Hamburg, jene historischen Mittelpunkte ihrer bevölkerungsreichen Heimatregionen. Selbst die Architektur spricht dort Dialekt.

Berlin als die größte Stadt Deutschlands lebt hingegen nicht vom Umland, hat kein regionales Gesicht und Naturell. Dass sie von Geburt an Einwandererstadt ist, macht sie zur Allerweltsstadt. Mit historischen Abstürzen und Aufstiegen wechseln die Einwohner. Eingeborene sind in der Minderheit. So erfindet sich Berlin immer wieder neu.

Anlass für eine weitere Selbstfindung bietet das noch junge Jahr 2012, sei es im Ausblick auf die Eröffnung des Großflughafens, sei es mit den Rückblicken und Jubiläen, dem 300. Geburtstag von Friedrich dem Großen, dem 775-jährigen Stadtjubiläum oder dem beginnenden Wiederaufbau des Stadtschlosses. „Die komplexe Geschichte“ sei es, die ihn immer wieder nach Berlin ziehe, hat Hollywood-Star Harrison Ford bei einer Filmpremiere am Potsdamer Platz einmal erklärt. Besucher aus aller Welt bestätigen das, bei aller Neugier auf das hippe, junge Berlin, die sie ja ebenfalls mitbringen. Vor dem Roten Rathaus hat der U-Bahnbau Gewölbe des ältesten Berliner Rathauses freigelegt und ist auf verschollene Skulpturen „entarteter Kunst“ gestoßen. Es lohnt, unter dem verbliebenen Freizeitpark der DDR-Staatsachse nach dem Ursprung der Stadt zu graben. Jedes exhumierte Haus birgt Geschichten aus dem christlich-jüdischen Altstadtgebiet. Ein Städtebauwettbewerb muss die Frage nach der Wiederbelebung des Stadtgrundrisses und dem Ob und Wie von Bauten, Plätzen und Grün beantworten. Berlin erwartet eine neue, aufregende Rekonstruktionsdebatte.

Zurück in die Zukunft: Ein ehrgeiziges Projekt ist die Metropolenbibliothek in Tempelhof. Das volksnahe Bildungs- und Kommunikationszentrum wird Berlin als Bildungsmetropole in ein neues Licht rücken, als Ort wegweisender Bibliotheksarchitektur. Als Nachbar des leerstehenden Zentralflughafen-Gebäudes wird die Bibliothek auch die Debatte um die „Mother of all Airports“ neu anfachen.

Der Umzug des Aliiertenmuseums nach Tempelhof in den Hangar 7 wäre der erste Schritt, mit der Erinnerung an die Luftbrücke und an Berlins große Luftfahrtgeschichte, den Mythos Tempelhof und seine im Speziellen „komplexe Geschichte“ lebendig zu halten. Als authentischer Ort und als eins der größten historischen Gebäude der Welt ist der Flughafen ein einzigartiger Ort, um Europas Beitrag zur internationalen Geschichte der Luft- und Raumfahrt zu präsentieren.

Städtebau ist gesellschaftlicher Ausdruck seiner Zeit

Weltkulturerbe ist das Gesamtensemble aus Gebäude und Flugfeld ohnehin, auch ohne Unesco-Status. Mitten in der Stadt, einmalig in der Welt der Metropolen, bietet das grüne Flugfeld mit seinen Betonpisten heute eine fantastische Spielwiese, ein Übungsfeld multikultureller Integration und eine neue Form friedlichanarchischer Aneignung eines großstädtischen Raums. Die Berliner, die in einem revolutionären Akt vom Flugfeld Besitz ergriffen haben, werden sich die Tempelhofer Freiheit nicht wieder nehmen lassen.

Mit dem Airport-Express werden die City Ost am Alexanderplatz, die City West am Bahnhof Zoo, der Potsdamer Platz und die Europa City am Hauptbahnhof zu Eingangstoren in die Metropole. Schon jetzt zieht es Investoren mehr in diese Lagen als ,wie bislang, an den Potsdamer Platz: Der Drang von Handel und Dienstleistungen zu den zentralen Verkehrsknoten wird unaufhaltsam zunehmen und zu Verdichtung und Höhenwachstum führen. Nach und nach werden Hochhäuser die Berliner Traufhöhe sprengen und eine neue Silhouette der Stadt zeichnen.

Städtebau ist gesellschaftlicher Ausdruck seiner Zeit. Traufhöhe und Fluchtlinie der traditionellen europäischen Stadt werden Berlin auch künftig prägen, die Architektur der modernen City-Marktplätze wird aber auch in ihrer Höhe den Wettbewerb globaler Marktwirtschaft widerspiegeln. Deutsche-BankChef Ackermann hat in seiner Hauptstadtrede die Ansiedlung von Konzernzentralen empfohlen. Der Zeigefinger der Deutschland-Zentrale des französischen Energiekonzerns Total hinter dem Hauptbahnhof weist die Richtung. Rund um das größte europäische Eisenbahn-Drehkreuz mitten im Parlaments- und Regierungsviertel wird sich die Europacity zum Central Business District entwickeln.

Zudem wird der in Brandenburg liegende Großflughafen mit seinem Einzugsgebiet bis Dresden, Halle und Leipzig zum gemeinsamen Entwicklungsschwerpunkt von Stadtstaat und Flächenstaat. Er wird die Hauptachsen der Stadtentwicklung nach Süden und Osten verschieben, umso wichtiger wird zum Ausgleich der eines Tages ungenutzte Flughafen Tegel im Nordwesten Berlins.

Dem historisch durch Borsig und Siemens industriell geprägten Stadtraum bietet sich die große Chance einer Reindustrialisierung durch das Zusammenspiel innovativer Industrie und Forschung mit der traditionsreichen TU in Charlottenburg und der jungen Beuth-Hochschule im Wedding. Der jetzt vorgestellte Bebauungsplan beschränkt sich aber leider auf die Bau- und Verkehrsflächen rund um das Hexagon des Terminals als Nukleus für Forschung und Lehre.

Es versteht sich, dass zunächst die bestehenden Bestandsbauten saniert und genutzt werden. Kopfschütteln verursacht jedoch der Flächennutzungsplan. Geht es um Reindustrialisierung oder Renaturierung? Der größte Teil des Flugfelds soll Grünfläche werden, als sei das Gebiet rundum nicht mit Wald-, Wiesen- und Wasserflächen und großen Volksparks gesegnet. Trotzdem wollen die Planer die „regional bedeutsame Wald- und Erholungslandschaft“ auch noch „um das bisherige Flughafengelände erweitern“. Kein Wunder, dass Siemens mit seiner neuen Sparte „Urban Technologies“ statt an seinen Ursprungsort nach London geht.

Durch die Verstädterung der Welt bis hin zu Megacities wächst der Markt für Produkte und Systeme einer umwelt- und ressourcenschonenden Stadttechnologie, auch deshalb bietet das Thema der Reindustrialisierung Berlins und Tegels Perspektive. Statt das Flugfeld mit Grün zu überwuchern, gilt es, das wertvolle Gelände aus seiner Isolierung zu befreien und mit dem Umfeld zu vernetzen. Und statt den größten Grundeigentümer mit Schafswiesen abzuspeisen, sollte das Land Berlin die Zusammenarbeit mit dem Bund und seinem Umwelt-, Forschungs- und Verkehrsministerium suchen. Mit Wirtschaft und Wissenschaft, Versorgungs- und Verkehrsunternehmen kann die Metropolregion zum Experimentierfeld wegweisender Stadttechnologie werden und Tegel zur Modellstadt.

Die Stadt von morgen zu entwerfen in der Tradition großer Berliner Stadtentwicklung, das wäre das Programm der IBA 2020. Die Brüder Wilhelm und Alexander von Humboldt haben im Schloss Tegel ihren Ursprung und in einem von Schinkel gestalteten Grab ihr Ende gefunden. Ihnen zu Ehren sollte ein internationaler Städtebauwettbewerb das Zukunftsbild zur Diskussion stellen, mit Entwürfen für eine „Humboldtstadt Tegel“.

Der Autor ist Stadtplaner und war von 1995 bis 2009 Präsident des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung.

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