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Einige Titelbilder von Favoriten der Tagesspiegel-Leser*innen.

© Promo

Update

Tagesspiegel-Umfrage: Die besten Comics 2020 - was Fans empfehlen

Wie jedes Jahr fragt die Tagesspiegel-Comicredaktion auch 2020: Welches waren die besten Comics des Jahres? Hier die Antworten unser Leserinnen und Leser.

Das Jahr neigt sich dem Ende zu - neben der Kür der besten Comics des Jahres 2020 durch eine Fachjury fragen wir auch diesmal wieder unsere Leserinnen und Leser: Welches waren für Sie die besten Comics des vergangenen Jahres? Und warum?

Die damit verbundene Buchverlosung ist beendet, die Gewinnerinnen und Gewinner werden per Post benachrichtigt.

Hier gibt es eine aktualisierte Auswahl von Lesetipps:

Welcome back, Wohnwagen: Eine Szene aus „Rocky Beach - Eine Interpretation“.

© Kosmos

Meine beiden Favoriten 2020:
"Rocky Beach- eine Interpretation". In meiner Kindheit habe ich ständig die ???- Hörspiele gehört. Die alten Sachen finde ich nach wie vor super, aber für die Hörspiele neueren Datums und die Live-Lesungen kann ich mich nicht begeistern. Der aktuelle Kram wird für mittelalte Typen gemacht, die ihrer Jugend nachtrauern. Ich bin jetzt über 40 und Nostalgiekitsch nervt mich. Dementsprechend gering waren meine Erwartungen an den Comic. Und dann das: Der Comic ist wundervoll! Justus, Peter und Bob sind erwachsen geworden. Im Küstenstädtchen Rocky Beach liegt vieles im Argen: Es gibt Rassismus, Polizeigewalt und Drogenkriminalität. Justus, der Intelligenzbolzen, von dem alle dachten, er macht Karriere, ist als einziger im Ort geblieben. Bob und Peter haben Karriere gemacht, aber ob sie glücklich sind, steht auf einem anderen Blatt. Man merkt auf jeder Seite den Respekt, den Christopher Tauber und Hanna Wenzel den Geschichten von anno dazumal entgegenbringen. Bei diesem Comic stimmt alles: Die traurig-schöne Story; die präzisen Zeichnungen; die traurigen Augen von Justus; der Witz, der trotz allem aufblitzt… Rocky Beach ist kein billiger Nostalgie-cash grab, sondern ein richtig toller Comic mit Seele.

"Fante Bukowski- Ein amerikanischer Traum". Vor ein paar Monaten fragte ich meinen Comicdealer, ob er mir etwas empfehlen könne. Mit einem fiesen Lächeln drückte er mir dieses Buch in die Hand. Spätestens da hätten alle Alarmglocken läuten sollen… Fante Bukowski (der vermutlich schlechteste Künstlername der Welt) hält sich für ein literarisches Genie, doch das genaue Gegenteil ist der Fall. Der junge Mann ist extrem untalentiert, komplett beratungsresistent und faul. Man hätte so gerne Mitleid mit ihm, aber Charakterschwein Fante macht es einem nicht leicht: Er ist neidisch, wehleidig und ein ganz schlimmer Schnorrer. Bei der Lektüre gab es Momente, da wollte ich vor lauter Fremdscham in den Comic beißen. Doch genau deshalb ist Fante ein so tolles Buch: Noah Van Sciver hat seinen Protagonisten dermaßen akkurat aus dem Leben abgepaust, das es beim Lesen wehtut, wenn Fante einen auf die Nase kriegt. Jeder von uns kennt jemanden wie Fante. Schlimmer noch: Etwas Fante steckt in jedem von uns. Ein tolles Buch über eine anstrengende Type. Das Happy End hat man sich dann auch verdient.
Eduard Monostori Erreth

Meine Top-5-Graphic-Novels des Jahres (die Reihenfolge stellt keine Wertung dar):
„Jein“ von Büke Schwarz. Gute Story, schön gezeichnet, abwechslungsreiche Panels. Die Aquarellzeichnungen vor jedem Kapitel bieten stilistisch eine schöne Abwechslung zum sonstigen schwarz/weiß. Rundherum gelungen!
„Goldjunge“ von Mikael Ross. Ein Beitrag zum Beethovenjahr mit einem originellen Ausschnitt aus der Künstlerbiografie. Wunderbar das Spiel mit der Kolorierung, das seinen Höhepunkt in der Umsetzung der Töne in ein üppiges Farbenspiel erreicht.
„Basquiat“ von Soren Mosdal (Szenario: Julian Voloj). Ein exzentrisches Leben festgehalten in exzentrischen Bildern. Ein kurzes Künstlerleben voller Intensität und Energie adäquat wiedergegeben.
„Abteilung für irre Theorien“ von Tom Gauld. Keine wirkliche Graphic Novel, vielmehr eine Sammlung wundervoller Cartoons aus der Welt der Wissenschaft. Jede Seite lässt einen erst schmunzeln, dann nachdenken.
„Ulysses“ von Nicolas Mahler. Wo James Joyce mit sprachlichen Stilmitteln spielt, gelingt das Nicolas Mahler mit grafischen Variationen. Seine minimalistischen und dennoch unvergleichlich ausdrucksstarken Strichmännchen ziehen sich trotzdem unbeirrt durch das komplette Werk.
Michael Schell

Die Cover der ersten drei Bände der Don Rosa Library.

© Egmont

Dieses Jahr ist mit "Das Leben ist kein Ponyhof 4, das Internet schlägt zurück" der leider letzte Band des Ponyhofs von Sarah Burrini erschienen, der wie die Bände zuvor pointiert über alberne und ernstere Themen aus dem täglichen Leben berichtet.
Von dem großartigen Shigeru Mizuki ist dieses Jahr der erste Band seiner Autobiografie erschienen "Kindheit und Jugend". Der Kontrast aus detailliertem, realistisch gezeichnetem Hintergrund und den simpel aussehenden Menschen fasziniert mich jedes Mal und passt perfekt zu dieser immer wieder lakonischen und ironischen Erzählung aus schwierigen Zeiten.
Daneben sind endlich die ersten Bände der "Don Rosa Library" erschienen. Für mich der beste Zeichner von Entenhausencomics, der hier absolut angemessen gewürdigt wird. Wirklich lesenswert sind auch seine Einschübe zu den einzelnen Geschichten und die Autobiografie am Ende jedes Bandes.
Manuel Wilke

Für mich war der beste Comic 2020 "Lisa und Lio" von Daniela Schreiter (Fuchskind), weil es das Buch ist, dass ich als Kind gebraucht hätte (und auch als Erwachsene tut es gut, es zu lesen, wenn es auch leider kinderbuchtypisch kurz ist).
Elisa Braune

Meine Comics des Jahres 2020:
Erstaunlicherweise ist der Eisner-Award-Träger 2020 (Best Limited Series) "Little Bird" (Cross Cult) von Darcy van Poelgeest, Ian Bertram und Matt Hollingsworth hier noch kaum zur Kenntnis genommen worden, dabei ist die Science-Fiction-Welt im Moebius-Stil herrlich anzusehen und anspruchsvoll erzählt. Das ist mit erheblichem Abstand mein Comic des Jahres. Wesentlich mehr Aufmerksamkeit als "Little Bird" hat "Daidalos" (Reprodukt) von Charles Burns erhalten, und zu Recht. Burns' Comic über zwei Jugendliche erinnert stark an seinen Klassiker "Black Hole", und Burns selbst gibt zu: "Ich bin ein Gefangener meiner Obsessionen. Das Bild vom Autor, der immer wieder dieselbe Geschichte erzählt – das trifft wohl auf mich zu." Macht nichts, das kann er noch hundertmal variieren und macht immer noch Spaß. Mit "Freaks" hat Frank Schmolke (Edition Moderne) seinen Erfolg im vergangenen Jahr ("Nachts im Paradies") wiederholt. Zeitgleich zu der Netflix-Verfilmung hat Schmolke das Drehbuch von Marc O. Seng umgesetzt, und seine Geschichte über Superhelden bzw. Menschen, die sich für solche halten, sogar besser umgesetzt als der Film.
Gerrit Lungershausen

Das Titelbild des ersten Bandes von "Harleen".

© DC/Panini

Meine persönliche Hitlist 2020:
Die "Harleen"-Reihe (3 Bände) von Stjepan Šejić - geile Story und grenzgenialer Zeichenstil.
Lucky Luke: "Fackeln im Baumwollfeld" - tolle, mutige Aufarbeitung des Themas Rassismus.
"Lisa und Lio - Das Mädchen und der Alien-Fuchs" von Daniela Schreiter - ein wundervoller Comic für alle Schulanfänger:innen. Daniela Schreiter hat bereits mit ihrer Schattenspringer Reihe und unzähligen Fuchskind-Comics (online) einen riesen Beitrag zur Vermittlung zwischen Autisten und "Normalos" geleistet und ich liebe jede einzelne ihrer wunderbar liebevollen Geschichten und Zeichnungen.
Sabrina Teifel

Meine drei Lieblingscomics sind eher aus der Ecke der etwas "leichteren Lektüre" und alles Bände von mehrbändigen Comic-Serien.

1) "Die drei alten Knacker - Der Guyana-Fetisch", erschienen im Splitter-Verlag. Es ist der sechste Band der Serie und es wird nicht langweilig. Hier gefällt mir besonders die Agilität der Alten, die mit ihren Ideen für manches Chaos sorgen. Ach die eingeflochtene Geschichte der Tochter von einem der Alten passt wunderbar in den Gesamtkontext.

2) "Ekhö - Abidjan-Nairobi Express", ebenfalls erschienen im Splitter-Verlag. Hier handelt es sich um den neunten Band der Serie und ich bin immer wieder erstaunt, auf was für Ideen Autor und Zeichner noch so kommen. Dieser Comic macht einfach nur Spaß, es ist halt ein typischer Arleston (der ja auch noch viele andere tolle Serien kreiert hat, wie z.B. "Lanfeust" und "Die Schiffbrüchigen von Ythaq", um nur zwei zu nennen).

3) "Wild West - Calamity Jane" von Lamontagne und Gloris, ebenfalls erschienen bei Splitter. Ich liebe Western und ich liebe die Zeichnungen von Lamontagne (die ich zu Beginn meiner Comiczeit bei "Die Druiden" kennen und lieben gelernt habe), was will man mehr?

Thorsten Lang

"Gideon Falls 2 - 4" (Splitter) da die Serie mit jedem Band die Reise durch die Realitäten/Ebenen mit Hilfe des besten visuellen Erzählens im Medium Comic erweitert, ohne sich zu verzetteln.
"Daidalos" von Charles Burns (Reprodukt), da jeder Comic dieses Autoren-Comic Künstlers makellos ist.
Michael Lauterbach

Muttertier: Eine Szene aus „Drei Väter“.

© Edition Moderne

Ich habe zwei Lieblingscomics von 2020 ausgewählt. Als Kinder- und Jugendpsychiaterin beschäftigt mich das Thema Vater und verlorene Väter (leider) sehr.

1) "Vatermilch". Hier schließe ich mich sehr gerne den Zeilen im Tagesspiegel an. Herr Oesterle schafft es mit seinen genialen Zeichnungen, Verderben, Unheil und Lebensenergien (die Vatersuche als Heilung?) aufleben zu lassen. Ohne Reflexion gibt es kein Fortkommen, keine Entwicklung, so mein Credo.

2) "Drei Väter" von Nando von Arb. Er hat 2020 den Schweizer Jugendbuchpreis damit gewonnen. Hier sind es gleich drei Väter, die eine Biografie ausmachen. Kraftvoll und auch ohne viel Worte oder Pathetik sehr gut auf den Punkt gebracht.
Dr. med Hege Maria Verweyen

Ich muss gestehen: Obwohl begeisterter Comicleser, habe ich Mangas lang nicht ernsthaft zur Kenntnis genommen. Durch den vergleichsweise neuen Schwerpunkt des Reprodukt-Verlags habe ich mich seit letztem Jahr langsam an entsprechende Bände und Autor*innen herangewagt. Mit großer Begeisterung habe ich dann dieses Jahr den Auftakt der dreibändigen Biographie von Shigeru Mizuki ("Kindheit und Jugend") und den Band "Der nutzlose Mann" von Yoshiharu Tsuge gelesen. Beide schaffen es jeweils auf beeindruckende Weise einen Eindruck vom Alltag in Japan ihrer Zeit zu transportieren.
Daneben war Bürke Schwarz' "Jein" eine große Entdeckung für mich.
Felix Gräfenberg

Meine besten Comics 2020: Ganz vorne war "Dämmerung" dabei. Das Artwork und die Geschichte haben mich sehr beeindruckt. "Eine Studie in Smaragdgrün" ist eine grandiose Kombination aus Lovecraft und Arthur Canon Doyle. "They Called Us Enemy" gibt einen persönlichen Eindruck in ein gerne verschwiegenes Thema. 
Ariane Bellmer

Ganz klar: "Die Bombe". Der erste Comic, von dem ich nachts geträumt habe - eine Wucht!
Alexander Schaal

 

Das Titelbild von "Lisa und Lio".

© Panini

1. "Lisa und Lio" von Daniela Schreiter: Ein sehr schön gezeichnetes Comicbuch, nicht nur für Kinder.

2. "Das Leben ist kein Ponyhof, Band 4 – Das Internet schlägt zurück" von Sarah Burrini: Der vierte und vorerst letzte Band der Reihe. Die Story, die als Webcomic angefangen hat, ist im Buch um sehr schöne und detailreiche Inhalte ergänzt worden.

3. "Spirou und Fantasio Spezial - Spirou in Berlin" von Flix: Der Comic zeichnet sich aus durch Detailverliebtheit und eine spannende und unterhaltsame Story.
Gerolf Schmitt

Für mich sind die besten Comics 2020 die hier:
Anke Kuhl: "Manno!" Ein tolles, lebendiges Buch für und über Kinder, im dem Alltagsabenteuer bestanden werden müssen und den Heldinnen auch manchmal langweilig ist - Leserinnen und Lesern nie!

Igort: "5 ist die perfekte Zahl". Was für ein großartiger, lakonischer Blick auf das Verbrechen. Perfekt in Bild und Storytelling.

Kathrin Klingner: "Über Spanien lacht die Sonne". Ungewöhnliche Ästhetik, aber auch ein ungewöhnlicher Blick auf neue Formen und Inhalte der Büroarbeit.

Lukas Jüliger: "Unfollow". Spannende, etwas rätselhafte Geschichte nicht nur für Digital Natives.

Mein Favorit, aber außer Konkurrenz, weil in Italien Ende 2019 erschienen: Gipi: "Momenti straordinari con applausi finti". Starke Bilder, toller Umgang mit Subjektivität: Die Geschichte eines Stand-Up-Comedians, der seine Kunst immer surrealer erlebt, während er sich mit dem Sterben seiner Mutter auseinandersetzt.
Christof Baumann

Das Titelbild von "Spirou bei den Sowjets".

© Carlsen

Spirou Spezial Nr.30 "Spirou bei den Sowjets". Für mich als Fan frankobelgischer Comics ist dieses Album voller Nostalgie, wird aber trotzdem modern und flott erzählt.
Johannes Mates

Meine liebsten Comics im Jahre 2020:

"Lucky Luke - Fackeln im Baumwollfeld". Weil ich seit Jahren keinen Lucky Luke gelesen hatte und mir dieser wieder richtig Spaß gemacht hat. Sehr schön wie die aktuellen Ereignisse in den USA (BLM oder die Trump-Jahre) mit einer Leichtigkeit verarbeitet und der Problematik dennoch gerecht werden.

"Die Rückkehr aufs Land, 3. Band". Weil Manuel Larcenet zu meinen liebsten Zeichnern gehört und diese Reihe einfach wunderbar ist.

"Die alten Knacker - der Guyana-Fetisch". Weil ich bei den alten Knackern immer mit großem Vergnügen an meinen Vater und seine Freunde denken muss.
Christoph Blanc

Mikael Ross: "Goldjunge". Wunderbar imaginierte Kinder-, Jugend- und junge Erwachsenenzeit Beethovens. Einfühlsame Darstellung von Beethovens Dilemmata (ärmliche Verhältnisse, beginnende Krankheiten.). Zeichnungen überaus malerisch dem Kontext gerecht werdend.
Rainer Schumacher

"Lisa und Lio" von Daniela Schreiter - weil es unserem Sohn und auch uns hilft, die Besonderheiten zu verstehen.
Andreas Baaske

Dunkle Welt. Eine Szene aus „Bezimena“.

© Avant

Meine liebsten und besten Comics des Jahres 2020 waren (gleichwertig, ohne Reihenfolge):

"Jein" von Büke Schwarz (Jaja) ist so schön lockerleicht und lebhaft erzählt, dass wir der Heldin gespannt von Seite zu Seite folgen und uns auf mehr freuen.

"George Orwell" von Christin/Verdier (Knesebeck) ist genial schwarzweiß getuscht. Das Zeitkolorit ist sehr sorgfältig umgesetzt, da stimmt jede Anzugfalte und jeder Lampenfuß aus dem 20. Jahrhundert. Und auch die Idee, sechs andere Comickünstler wie Bilal um eine Hommage an Orwell zu bitten und diese in die Story zu integrieren, ist eine wirklich noble Idee.

"Bezimena" von Nina Bunjevac (Avant) ist wieder in halluzinierendem Schwarzweiß und mit traumhaft bis ins Feinste ausgearbeiteten Strukturen von Oberflächen in Szene gesetzt, die Traumatisches verdecken.

"Manno!" von Anke Kuhl (Klett Kinderbuch) ist ein schöner nostalgischer Blick zurück in die Kindheit mit ihren großen und kleinen Sorgen und kleinen und großen Lachanfällen, flockig farbig gezeichnet.

"Vatermilch" von Uli Oesterle (Carlsen) zeigt berührend eine ver-rückte und zerstörte Familie, wie sie doch durchaus öfter vorkommen kann. Die schönen Bilder in den klar aufgeräumten Seiten sind durch wenige zarte Farben stimmungsvoll unterlegt.

"Ein tugendhafter Vater" von Ludovic Debeurme (Edition Moderne) ist wunderschön leicht in Buntstiftmanier gezeichnet, jede Seite ein Kunstwerk. Wenn einem der Genuss nicht im Halse stecken bliebe - so grausig sind die Erlebnisse, die hier berichtet werden. Alptraumhaft.

"5 ist die perfekte Zahl" von Igort (Avant) ist eine tolle Luxusausgabe dieses Licht- und Schattenkünstlers und ein Muss für jeden Graphic-Novel-Fan.

Bianca Schaalburg

Das Cover des aktuellen sechsten Bandes von "Deadly Class".

© Cross Cult

Der für mich beste Comic des Jahres 2020 führt zurück in die 1980er Jahre: „Deadly Class“ von Rick Remender und Wes Craig ist beste Unterhaltung mit starken Charakteren und überwältigenden Zeichnungen: Einsame Teenager lernen zu töten und wollen überleben. Wie hier in Wort und vielfach ausgefallenen Bildern und Farben Figuren und deren Schicksale erschaffen und präsentiert werden, gehört zu den Highlights nicht nur dieses Jahres. Natürlich muss man die ganze Reihe lesen; in diesem Jahr sind die Bände 4, 5 und 6 erschienen, die allesamt das Niveau der Vorgänger halten oder sogar noch ausbauen. Ein Dankeschön an Cross Cult, der die von Panini aus dem Programm genommene Serie übernommen hat.
Und im stilistisch scharfen Kontrast dazu, der inhaltlich von „Deadly Class“ gar nicht so weit weg sein mag: Martin Panchauds „Die Farbe der Dinge“ lohnt die Lektüre nicht weniger. Ausschließlich in sachlichen Infografiken erzählt, erleben wir eine eigentlich absurde und doch mitreißende und bewegende Geschichte eines geborenen Verlierers, der den Sieg doch so verdient hat.
Thomas Kleinebrink

Mein Favorit für den Comic des Jahres 2020 ist "Isadora" von Julie Birmant und Clément Oubrerie (Reprodukt). Gekauft für meine Frau, habe ich den Comic selbst verschlungen. Die sparsame Kolorierung der weichen Zeichnungen erzeugt eine Stimmung, die perfekt zur tragischen Lebensgeschichte der Tänzerin passt. Ich kannte weder ihr Werk noch ihr Biografie und habe beides beim Lesen des Comics kennengelernt.
Lukas Bothe

Mein Lieblingscomic 2020 ist "Apfel der Barbar" von Michael Wild. Gut gezeichnet und witzig. Kann ich nur weiter empfehlen!
Jan Nowak

Schuss und Gegenschuss. Eine Szene aus „Mechanica Caelestium“.

© Schreiber & Leser

Meine Liste der besten Comics 2020:
Mechanica Caelestium: Das erste, was mir bei "Mechanica Caelestium" ins Auge gefallen ist, sind die Zeichnungen von Merwan Chabane. Die wunderschönen Aquarellfarben passen sehr gut zu der Umgebung und der Welt, die der Zeichner und Autor geschaffen hat. Mit seinen Bildern schafft er es, die Welt, in der "Mechanica Caelestium" spielt, ohne viele Worte vorzustellen. Man erkennt sofort, was passiert sein könnte, sodass Paris und Umland zu einer postapokalyptischen Landschaft geworden sind. Vielleicht sogar besser als die Bilder ist die wahnwitzige Idee hinter der Geschichte. Wer hätte gedacht, das Völkerball nicht nur zu einer Volkssportart werden, sondern gar Kriege entscheiden könnte?!

Die Farbe der Dinge: Noch ein Comic, deren Grundlage eigentlich niemals hätte funktionieren können. Wie kann man eine Geschichte von einem Jungen erzählen können, der von einer Wahrsagerin den siegreichen Tipp auf ein Pferderennen bekommt und mit seinem Millionengewinn sich auf die Suche nach seinem biologischen Vater macht - nur mit Infografiken?! Das kriegt der Autor und Zeichner Martin Panchaud wider aller Logik hin. Da werden die Figuren zu kleinen farbigen Punkten gemacht und die Story wird anhand grafischer Elemente, wie zum Beispiel Schallwellen aus dem Radio oder die Zusammensetzung chemischer Verbindungen in einem toten Wal.

BL Metamorphosen - Geheimnis einer Freundschaft Band 1: Der Manga macht etwas, das ich zuvor noch nie in dieser - oder vergleichbarer - Form gesehen habe. Nämlich eine intergenerationale Freundschaft zwischen zwei Frauen zu zeigen. Die Protagonistinnen lernen sich durch ihre Leidenschaft für BL (Boys Love) Mangas kennen und entwickeln eine sehr schöne Beziehung zueinander. Dabei lernt man sie Stück für Stück kennen, ohne Hetze. Und genauso sind die Bilder auch, entspannt und ohne viel Hektik fließen die Panels ineinander über.
Nina Lechthoff

Alles fließt: Eine Szene aus „Goldjunge - Beethovens Jugendjahre“ von Mikael Ross.

© avant

Ich setze meinen Schwerpunkt mal auf Comics für Kinder:

* "Q-R-T" von Ferdinand Lutz: Das Schule in diesem komischen Corona-Jahr noch mal eine neue Bedeutung bekommen wird, fast schon ein Sehnsuchtsort wurde - das konnte der sympathische Außerirdische Q-R-T nicht ahnen.
Der dritte Band zeigt Lutz auf der Höhe seiner Beobachtungsfähigkeit, aus der er wunderbar getimte und gezeichnete Geschichten entwickelt.

* "Toni will ans Meer" von Philip Waechter: Was machen, wenn Sommerferien sind und man nicht in den Urlaub fahren kann? Die Frage hat der nie aufgebende Toni schon vor Corona beantwortet. Und man sieht, worauf es ankommt - ohne jeden Zeigefinger.

* "Willkommen in Oddleigh" von Tor Freeman: So müssen Comics für Kinder sein: spannend, mit sympathischen Figuren und einer kaum zu bremsenden Lust am Fabulieren. Wenn dazu britische Humor und ein großartiger, markanter Stil kommt, dann bleibt fast nur noch die Freude auf noch mehr Geschichten aus Oddleigh.

* "Goldjunge" von Mikael Ross: Kein Kindercomic, aber auch für Kinder. Genie-Sein ist nicht leicht, vor allem, wenn der eigene Körper und das eigene Temperament einem dabei im Weg stehen. Mikael Ross ist als Zeichner noch besser geworden, kaum zu glauben, die Geschichte randvoll mit präzisen Phantasien über den jungen Beethoven.

Nicht für Kinder:
* "Über Spanien lacht die Sonne" von Kathrin Klingner: Die Hamburger Zeichnerin und Autorin hat Ihr Genre gefunden, das prekäre Bohemia. Das verschafft einem Jobs, von denen man nicht zu träumen vermag, zum Beispiel als Bearbeiterin von Hassmails und -kommentaren im Internet. Lakonisch, präzise und sehr aktuell.
Jakob Hoffmann

Wildwest-Freunde: Eine Szene aus „Fackeln im Baumwollfeld“.

© 2020 Lucky Comics/Egmont Ehapa Media

Für 2020 sehe ich folgende Perlen ganz vorne:
1. Lucky Luke "Fackeln im Bauwollfeld", Achdé / Jul: Es imponiert mir sehr, dass ein so großer Titel wie Lucky Luke ein so brisantes und hartes Thema wie Rassismus angeht. Sie gehen damit nicht den bequemen Weg der einfachen Unterhaltung, sondern gehen dahin wo es weh tut. Zwar steht Lucky Luke sowieso für Gerechtigkeit, diese könnte aber auch wesentlich harmloser dargestellt werden. Sie positionieren sich! Das gefällt mir sehr gut. Die Geschichte ist zudem wirklich lustig gehalten und es gibt ein grandioses Wiedersehen mit den Daltons. Ich erinnere mich nicht, die jemals so klasse in Szene erlebt zu haben. Die Sumpfszenen! Die Charaktere sind schön divers gemischt, Frauen bekommen vernünftige Rollen und mit Bass Reeves wird eine höchst interessante Persönlichkeit der Wild-West-Geschichte aufs Spielfeld geschickt. Dieser Band hat mich voll und ganz überzeugt.

2. Die alten Knacker "Der Guyana-Fetisch" (Band 6), Lupano / Cauuet: Die erste Hälfte des Albums erzeugt(e) (bei mir) immer wieder laute Lacher. Das hatte ich in der Art lange nicht mehr. Bei der zweiten Hälfte sind die Macher sich nicht zu schade, ein hartes Thema in die Geschichte zu integrieren und Gerechtigkeit und Aufklärung vor Lachern Platz zu bieten. Die Revoluzzer sind zur Stelle, wenn es drauf ankommt. Auch hier wieder eine gelungene Rolle einer Frau, die was kann, die nicht nur Beiwerk (zum Verlieben *gähn*) ist. Es stimmt einfach alles.

3. "Infidel" von Pichetshote / Campbell: Beeindruckend, fesselnd und das Thema Rassismus sehr geschickt platziert, ohne belehrend zu sein, sondern hinterfragend, anregend. Die Geschichte ist von Beginn an packend und kann das Level bis zum Ende hoch halten.

4. Die Rückkehr aufs Land, Band 3 , Manu Larcenet: Weil es Liebe ist!

5. "Gideon Falls", Jeff Lemire: Die Serie läuft auch in diesem Jahr und zählt für mich zu den Highlights, will sie aber nicht den anderen vorziehen, da das letztes Jahr schon der Fall war :-)
Marc Schmidt

Vogelperspektive: Eine Seite aus „Die Farbe der Dinge“.

© Edition Moderne

Meine beiden Favoriten, gleichberechtigt auf Platz 1: „Das lange ungelernte Leben des Roland Gethers“ von Shane Simmons (Avant) und „Die Farbe der Dinge“ von Martin Panchaud (Edition Moderne). Weil beide Bücher bravourös zeigen, wie man auch anders Geschichten erzählen kann. Im Falle von Simmons reichen Punkt, Strich und Text aus, um den Protagonisten ein „Gesicht“ zu geben. Panchaud macht das Gleiche, aber gestalterisch noch ein bisschen spannender. Und beide erinnern an die Schweizer Grafikerin und Illustratorin Warja Lavater, die ebendiese Technik in den 1960er-Jahren für Kinderbücher wie „Tell“ oder „Rotkäppchen“ eingesetzt hat.

Platz 2: Lukas Kummers „Prinz Gigahertz“ (Zwerchfell Verlag). Weil von Lukas Kummer und weil’s so schön Sci-Fi-Fantasy-Trash ist und das Buch alles reinpackt, was mich als Kind der 1980er-Jahre interessiert hat. Eine Art „Stranger Things“, aber lustiger.
Giovanni Peduto

Das Titelbild von "Eine Studie in Smaragdgrün".

© Dantes-Verlag

Meine Lieblinge:
„Eine Studie in Smaragdgrün“ (Autoren: Neil Gaiman, Rafael Albuquerque und Rafael Scavone; Zeichner: Rafael Albuquerque und Dave Stewart, Verlag: Dantes Verlag): Eine sehr atmosphärisch gezeichnete Kurzgeschichte, in der die Welt von Sherlock Holmes auf die aus Lovecrafts Cthulhu-Mythos trifft. Zum Schluss gibt es zudem noch einen tollen Twist. Der einzige Nachteil an dem Werk ist nur, dass man nach der Lektüre direkt eine längere Geschichte aus dieser Welt lesen möchte. ;-)
„Die Geschichte des Marvel-Universums“ (Autor: Mark Waid, Zeichner: Javier Rodriguez, Verlag: Panini): Keine klassische Comic-Geschichte, sondern eine gezeichnete Aneinanderreihung aller wichtigen Ereignisse der gesamten Verlagshistorie in chronologischer Reihenfolge. Was hier an Recherchearbeit geleistet wurde, lässt der ebenfalls enthaltene, noch einmal mindestens genauso umfangreiche Bonusteil in Textform erahnen. Das Buch hat meiner Meinung nach das Potential dazu, zu einer Art "Standardwerk" für Marvel-Leser zu werden.
"Die Legende von Kronos Rocco" (Autor und Zeichner: Bela Sobottke, Verlag: Gringo Comics): Dieser Comic ist einfach nur verrückt im absolut positiven Sinne, denn was hier miteinander "verrührt" wird, passt eigentlich gar nicht zusammen: Ein Western(anti-)held trifft per Raumzeitreisekapsel (!) unter anderem auf endzeitliche Mutanten, Nazi-Werwölfe und ein sprechendes Frettchen... Und doch liest sich der mit derbem Humor gewürzte Comic quasi wie von selbst und sieht dabei noch fantastisch aus! Auch wenn sehr viele Anspielungen und Referenzen verbaut wurden, ist das Gesamtwerk mit keinem anderen mir bekanntem Comic vergleichbar.
Peter Stratmann

Zep: "The End" (Schreiber & Leser) - sehr stimmungsvoll, regt zum Nachdenken an.
Michael Hekel

Das Titelbild von "They called us enemy".

© Cross Cult

Dieses Jahr haben mich so einige Comics beeindruckt, ich beschränke mich hier mal auf fünf:
- "They Called Us Enemy: Eine Kindheit im Internierungslager", weil es auf eindringliche Weise ein Thema behandelt, das in Vergessenheit gerät und heute doch aktueller denn je ist.
- "Eine Studie in Smaragdgrün", weil darin Sherlock Holmes und der Cthulhu-Mythos auf einzigartige Weise verbunden und zu einer spannenden Geschichte verflochten werden.
- "Das Geheimnis des unfehlbaren Gedächtnisses", weil es Sachbuchthemen auf humorvolle und lehrreiche Weise in Comicform verpackt.
- "Lucky Luke – Fackeln im Baumwollfeld", weil darin das Thema "Black Lives Matter" auf großartige und mühelose Weise umgesetzt wird.
- "Fangs", weil ich mit dieser witzig erzählten Liebesgeschichte zwischen einer Vampirin und einem Werwolf großen Spaß hatte.
Kerstin Fricke

Für mich ist der 6. Band der Gesamtausgabe von "Unterwegs" des Schweizer Zeichners und Autors Daniel Ceppi der Comic des Jahres. Schon die alten Carlsen-Hefte aus den Achtzigern hatten die Spannung der frankobelgischen Abenteuercomics, waren darüber hinaus aber viel näher an der Realität. Nach einer Unterbrechung hat Comicplus+ die Reihe mit sehr schöner Druck und Papierqualität weitergeführt, die sowohl zeichnerisch als auch inhaltlich immer weiterentwickelt wird und seinen Protagonisten Stephan Clement am Schluss wieder in seine Heimat Genf zurückkehren lässt und in die zweite Ceppi-Reihe "Causa Helvetica" einfließen lässt.

Erwähnen möchte ich noch Blutch und Robber mit "Wo ist Kiki?". Vielleicht hat das nicht die Tiefe älterer Blotch-Alben, aber die Modernisierung dieser alten Reihe ist ihm gut gelungen und bereitet viel Lesespaß.

Sehr lesenswert fand ich auch den zweiten Teil von "Das Tal der Unsterblichen" (der tausendste Arm des Mekong) aus der Reihe "Die Abenteuer von Blake und Mortimer". Auch wenn ich mir für die Reihe manchmal mehr politisch relevante Bezüge als das Abgleiten in SF und Fantasy wünschen würde, aber das gehört zur Identität der Serie und man muss dankbar sein, dass sie auf hohem Niveau weitergeführt wird, diesmal von Yves Sente, Teun Berserik und Peter van Dongen.
Ulrich Fallen

Das Titelbild von "Horror Schocker # 56".

© Weissblech

Die beste Geschichte des Jahres hieß "Ich war Zeugin der Reptiloiden-Konferenz!“ und erschien in Weissblech Comics Horrorschocker #56. Einfach grandios und leide rauch sehr aktuell. Und am Ende so schrecklich schön hoffnungslos. So müssen gute Horror-Comics sein.

Der Preis für das Comeback des Jahres geht an die beiden neuen Donjon-Comics des Reprodukt-Verlages. Gut, dass es da endlich weitergeht.

Und ganz toll finde ich, wie mit welcher Regelmäßigkeit der kleine und unabhängige PlemPlem-Verlag neue Tracht-Man Ausgaben veröffentlicht. Möge man von den Comics halt was man will, aber da steckt so viel Herzblut und Leidenschaft drin, da könnte sich manch großer Verlag mal eine dicke Scheibe von abschneiden.
Holger Schiffmann

Hier meine beiden Top Titel dieses Jahr: "Something Is Killing the Children" von James Tynion IV (Autor), Werther Dell'Edera (Künstler), Giovanna Niro (Cover), Miquel Muerto (Farben). Gute Serie aus dem Horror-Genre. Nominiert als beste neue Serie für den Eisner Award. Vielfalt in den Charakteren. Wahnsinnig spannend. Und Mirka Andolfos "Mercy" - Gothic Horror vom feinsten. Eine Geschichte über Zugehörigkeit und Familie (aus der Sicht des Monsters).
F.Scherl

Weird Western: Eine Szene aus „Die Legende von Kronos Rocco“.

© Gringo Comics

Dieses Jahr war es für mich Sobottkes "Legende vom Kronos Rocco". Eine herrlich abgedrehte Story im Stil eines Italo-Western - gemixt mit einer Zeitreise. Ein abgef.... Western-Held kämpft sich durch diverse Settings - vom Fichtelgebirge in den 70ern, über Berlin 1918 mit Rosa Luxemburg bis in die Steinzeit! Voller liebevoller Details (welches Buch hat schon einen ISBN-Barcode in Form eines Unterhemds?!) und Anspielungen an Comic und Film.
Daniel Liebchen

Einer der besten Comics dieses Jahres war der vierte Band der Reihe "Holmes" von Cècil & Brunschwig. "Der ältere Bruder" führt die Serie kunstvoll und spannend fort und hinterlässt den Leser in der Hoffnung auf das nächste Kunstwerk nicht so lange warten zu müssen.
Michael Stersinski

Im Retro-Geist der 80er Jahre: Eine Seite aus „Wo ist Kiki?“.

© Salleck

"Harry und Platte Sonderband: Wo ist Kiki" von Robber und Blutch. Eine Hommage jagt die nächste im franko-belgischen Raum. (Die reguläre Spirou-und-Fantasio-Reihe scheint kaum noch eine Bedeutung zu haben, schaut man sich im Vergleich den Fokus auf die Spezialbände an, die gefühlt jede Woche erscheinen.) Umso erfreulicher zu sehen, dass unter dieser Flut auch einige echte Perlen zu finden sind. Was in diesem Sonderband erzählt wird, funktioniert nicht bloß als Verneigung vor der Harry-und-Platte-Reihe sondern ist für sich genommen ein einzigartiges Kriminal-Meisterstück! Da wünscht man sich das Team würde die Reihe einfach direkt übernehmen.
Matthias Cingöz

"Schwarze Seerosen" von Duval & Cassegrain geht ja leider nicht mehr. Der war Ende 2019 erschienen. Unangefochtenes Highlight 2020 ist daher das jüngst erschienene "Little Bird" von Darcy van Poelgeest, Ian Bertram und Matt Hollingsworth, erschienen bei CrossCult. Der 200 Seiten Band kommt wie ein Hammerschlag daher und brilliert mit feinstem Strich von Ian Bertram, als wäre er von Moebius & Druillet gleichzeitig protegiert worden. Die Geschichte erzählt den Überlebenskampf der jungen Little Bird in einem finsteren Amerika kommender Zeiten. Meist blutig und immer spannend. Selten so viele WoW!-Momente in einem Comic gehabt.
Marvin Sadrinna

Corona-Tagebuch: Ralf König lässt seine bekannten Figuren die Krise erleben.

© Ralf König

Für mich eindeutig die Corona-Comics von Ralf König! Auf seiner Facebookseite hat er von März bis Oktober nahezu täglich einen Comic rausgehauen, die dieses blöde Jahr wirklich erträglicher gemacht haben; es lief quasi in Echtzeit und man hatte manchmal das Gefühl, er guckt einem über die Schulter/ins Wohnzimmer! Im Februar sollen sie gesammelt als Buch erscheinen; freue mich schon!
Sandra Messerschmidt

Für mich ist die Comicreihe "The Fall" von Jared Muralt und insbesondere der zweite Teil der Comic des Jahres 2020. Die Story hat mich vom ersten Blatt an abgeholt und fasziniert, und aktuell durch die Pandemie ist es allemal.
Ollie Ortmann

Parallelen zur Gegernwart: Eine Seite aus dem ersten Band von „The Fall“.

© Illustration: Jared Muralt

Der für mich beste Comic dieses Jahr ist "They Called us Enemy - Eine Kindheit im Internierungslager". In diesem Buch verarbeitet George Takei, bekannt vor allem als Sulu aus "Star Trek", seine Kindheit, als nach dem Angriff der Japaner auf Pearl Harbor japanischstämmige Amerikaner von der eigenen Regierung in Lager abgeschoben wurden. Zusammen mit Harmony Becker, Justin Eisinger und Steven Scott gelingt der Comic einen Blick auf ein Unrecht aus der Sicht eines kleinen Kindes. Sehr bewegend.

Aber man will ja nicht nur deprimiert durch das Jahr laufen, insofern habe ich ein paar Comics herausgesucht, die mir einfach sehr viel Spaß gemacht haben, auch wenn die nicht unbedingt innovativ waren. Dazu gehört "Once & Future" von Kieron Gillen und Dan Mora, eine Geschichte über Duncan, der ausgerechnet von seiner Großmutter, einer alten Monsterjägerin, rekrutiert wird, nachdem englische Nationalisten mit einem alten magischen Artefakt aus der Zeit von König Artus gefunden haben, um das Land von ausländischen Einflüssen zu befreien. Die Geschichte des Monsterjägers ist jetzt eben, wie schon gesagt, nicht besonders neu, aber Gillen und Mora erzählen das mit hohem Tempo und ordentlich Action, so dass einfach keine Langeweile aufkommt und das einen guten Fluss hat.

In eine ähnliche Kerbe schlägt "Fire Power" von Robert Kirkman und Chris Samnee. Der Comic lässt sich am einfachsten als ziemlich offensichtliches Remake von Marvels "Iron Fist" hinstellen, mit einer Prise "Avatar The Last Airbender", wenn der weiße Hauptcharakter in einem abgelegen Kloster in Asien magische Kampfkünste erlernt. Aber trotzdem bekommt Kirkman auch hier einen guten Erzählfluss hin, so dass der Comic, mit den Zeichnungen von Chris Samnee, einfach nicht langweilig wird.

Und bei "Superman - Jenseits der Erde" von Tom King und Andy Kubert hat man auch schon wieder ein Remake vor Augen. Ein Mädchen wird von der Erde entführt. Der einzige, der sie retten kann ist Superman und so macht er sich auf in die Tiefen des Alls, um der Spur des Mädchens zu folgen und muss dabei Prüfungen bestehen. King erzählt das in zwölf Kapiteln die rein zufällig an die zwölf Arbeiten des Herakles erinnern und damit eigentlich dieselbe Idee abarbeiten, wie es Grant Morrison vor Jahren schon bei "All-Star Superman" gemacht hat. Und trotzdem, lange hat für mich keiner Superman so gut eingefangen wie Tom King in dieser zwölfteiligen Miniserie.

Vier Jahre nach dem letzten Band gab es dieses Jahr endlich Band 14 von "Yotsuba&!", einer großartigen Comedyserie über ein kleines Mädchen in Tokyo. Wer das nicht liest und den Manga nicht liebt hat wohl kein Herz. Kiyohiko Azuma schreibt und zeichnet einfach großartige kleine Geschichten um Yotsuba, die die Welt für sich entdeckt und die Nachbarn für sich einnimmt.

Und dann war da noch eine Farb-Neuauflage von "Runners Bad Goods", einer Space-Opera mit vielen Star-Wars Einflüssen von Sean Wang. Die Erstauflage war von 2005, damals noch in Schwarz-Weiß. Jetzt hat Wang mittlerweile mit dem dritten Band von "Runners" begonnen und den ersten noch einmal neu aufgelegt, eben in Farbe und trotz der 15 Jahre, die der schon auf dem Buckel hat, kann man den Comic allen empfehlen, die Star Wars oder Firefly mögen und Englisch können.
Lars Sudmann

Auf meiner Liste von Lieblingscomics aus diesem Jahr steht auf jeden Fall "Ich fühl's nicht" von Liv Strömquist. Und was das Buch so gut macht, gilt eigentlich für alle Bücher von Liv Strömquist: Es ist sehr, sehr intelligent. Philosophie, bei der man gar nicht anders kann, als über sich und die eigenen Beziehungen und die Umwelt nachzudenken. Und weil die Welt eben schlecht und ungerecht ist, müsste das eigentlich auf die Laune schlagen - nicht bei Liv Strömquist. Dafür ist sie einfach viel zu witzig!

Männer haben's schwer, nehmen's leicht. Eine Szene aus „Ich fühl’s nicht“.

© avant

Und auch auf der Liste steht "Sie wollen uns erzählen", die Tocotronic-Songcomics. Wer Fan ist und sowieso alles mitsingen kann, bekommt neue Perspektiven, kann eigene Jugenderinnerungen mit den Jugenderinnerungen von anderen abgleichen und lernt, wie die Bandmitglieder sich zum ersten Mal getroffen haben. Hier als Vögel. Alle anderen sehen wunderbar illustrierte Gedichte und einen kleinen Überblick, über das, was deutsche Comiczeichner:innen so können.
Ramona Westhof

"Lucky Luke Nr. 99 - Fackeln im Baumwollfeld". Für mich der beste Comic im Jahr 2020, weil er ein aktuelles Thema wie "Black Lives Matter" in die Zeit des Wilden Westen versetzt und es dabei noch schafft, das Ganze in eine witzige Geschichte zu verpacken. Allein die Episode, in der Luke Tom Sawyer und Huck Finn begegnet, ist eine Auszeichnung wert.
Kristian Holler

Vogelperspektive: Eine Seite aus „Die Farbe der Dinge“.

© Edition Moderne

2020 war ein erfolgreiches Jahr für Comics. Wenigstens etwas!

1. "Die Farbe der Dinge" von Martin Panchaud: So einen tollen Titel habe ich schon lange nicht mehr gelesen. Minimalistisch, modern und zeitweise auch etwas anstrengend. Aber hat man sich erstmal an die Vogelperspektive und die durchgehende Darstellung aller Charaktere als bunte Kreise gewöhnt, erwartet einen eine spannende Geschichte. Der Band lässt sich nicht nebenbei lesen. Konzentration und Vorstellungsvermögen hier sind Grundvoraussetzungen.

2. "Ein tugendhafter Vater" von Ludovic Debeurme: Auf der einen Seite ist diese Geschichte sehr verstörend und brutal, auf der anderen Seite ist sie aber auch ebenso spannend und ungewöhnlich. Die Darstellung ist meiner Meinung nach extrem ansprechend. Fans von Filme wie "Mother!" (Darren Aronofsky, 2017) werden auch diesen Band mögen.

3. "Infidel" von Pornsak Pichetshote: Zunächst hatte ich die Befürchtung, dass es sich bei diesem Titel um eine durchschnittliche 0815-Spukhaus-Geschichte handeln würde. Aber die neue Perspektive, aus der die Horror-Story erzählt wird, ist erfrischend, neu und ebenso erschreckend wie der übernatürliche Faktor selbst.
Sophia Paplowski

Öko-Influencer. „Unfollow“ handelt von einem jungen Mann namens Earthboi.

© Reprodukt

Dieses Jahr haben mich drei Comics besonders beeindruckt, dank der Qualität vieler Neuerscheinungen fällt die Auswahl schwer:

"Unfollow" von Lukas Jüliger ist ein Comic zur Zeit über das Idol einer Generation. Man wünscht der hoffnungsvoll beginnenden Story über den Öko-Influencer, die sich zum Drama entwickelt, möglichst viele junge Leser.

Uli Oesterles Erzeuger- und Selbstfindungstrip "Vatermilch" überzeugt durch dichtes Erzählen und die stimmungsvolle grafische Gestaltung.

Autor Pornsak Pichetshote und Zeichner Aaron Campbell schaffen mit "Infidel" eine moderne Gruselgeschichte, die Horror und Gesellschaftskritik perfekt vereint. Auch hier gilt: Black Lives Matter!
Martin Militsch

Mein Lieblingscomic 2020: "Jein" von Büke Schwarz. Mein absoluter Lieblingscomic in diesem Jahr, weil mich fasziniert, wie die Autorin es schafft die ganz großen Themen mit einer Leichtigkeit zu beschreiben (und die Zeichnungen sind wirklich wirklich toll :) ).
Leyla Dewitz

Aus Jein wird Nein: Eine Szene aus Büke Schwarz' Buch.

© Illustration: Büke Schwarz / Jaja

"Sie wollen uns erzählen – Zehn TOCOTRONIC Songcomics" vom Ventil Verlag ist mein Lieblingscomic 2020, weil der in Bilder darstellt, alles was ich mir damals noch nicht vorstellen könnte, als ich die deutsche Sprache mit und durch Tocotronic gelernt habe.
Jordi Tost

Der beste Comic des Jahres war für mich Ralf Königs in Fortsetzung veröffentlichte, brandaktuelle "Konrad & Paul"-Geschichte "Vervirte Zeiten". Als Printausgabe erscheint sie wohl erst im Februar 2021 erstmals als Gesamtfassung bei Rowohlt, aber tatsächlich wurde sie vom Zeichner auf seiner eigenen Facebook-Seite 2020 via fast täglichen Posts direkt an den Mann (bzw. die Frau) gebracht. Für mich war es eine Premiere, dass mich ein Comic online über Wochen fesselte, ganz traditionell nach dem Prinzip "Fortsetzung folgt" und mit tollen Cliffhangern. Ralf König verdiente zu diesem Zeitpunkt nichts daran und ließ sich storytechnisch von Tag zu Tag treiben, wobei er den Auswirkungen der Corona-Pandemie auf den deutschen (schwulen) Alltag immer mit Selbstironie begegnete und mit der Erwartungshaltung der Kommentierenden spielen konnte. Mir persönlich halfen die Anekdoten, die Absurditäten dieser Zeit zu verarbeiten und mich noch mit der kleinsten coronabedingten Marotte nicht allein zu fühlen. Dass es zu einer Veröffentlichung als Sammelband kommt, ist sicher dem Umstand zu verdanken, dass die Resonanz enorm war. Wie gut, dass sich Ralf König frühzeitig Rowohlts Segen einholte.
Christian Schloßer

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