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Prüfender Blick. Casterin Anja Dihrberg auf ihrer Büro-Etage in der alten Königsstadt-Brauerei in Mitte.

© Thilo Rückeis

Casting-Expertin Anja Dihrberg: Die Menschenfischerin

Anja Dihrbergs Arbeit ist quasi unsichtbar – genau das ist die Kunst des Castings. Beim Deutschen Filmpreis am 9. Mai können Sie und ihre Kollegen nun erstmals mit abstimmen.

Mal überlegen. Paula Modersohn-Becker. Wer könnte die zu Lebzeiten im Schatten ihres Mannes Otto Modersohn ignorierte und inzwischen berühmtere expressionistische Malerin spielen? Wer trägt ein Gesicht, so hellsichtig und großflächig, wie das auf viele Selbstporträts gebannte Antlitz der Worpsweder Künstlerin?

Die Gedanken schweifen durch die aktuelle Damenriege des deutschen Kinos: Jessica Schwarz vielleicht? Oder Hannah Herzsprung? Anja Dihrberg lächelt sybillinisch. „Interessant“, sagt sie und lässt sich kein bisschen in die Karten schauen, welche Schauspielerinnen sie für die Hauptrolle in Christian Schwochows neuem Filmprojekt „Paula“ vorgesehen hat. In ein paar Tagen säßen fünf Schauspieler und der Regisseur hier bei ihr im Studio, sagt die Casterin, die schon mehrfach mit dem Regisseur gearbeitet hat. „So eine Auswahl ist ein sensibler Prozess. Die Schauspieler stehen dabei nackt und bloß da. Die brauchen eine Schutzzone.“ Und nicht etwa Riesencastings oder neugierige Zuschauer.

„Casting“ – der Begriff kommt aus dem Englischen von „to cast“ und meint eigentlich „beim Angeln die Leine auswerfen“, im Zeitalter der Castingshows dann wohl eher Menschenfischen. Wobei Anja Dihrberg nur Profis fischt und sich dafür im Kino, Fernsehen und Theater sowie unter Schauspielschulabsolventen alles anschaut, was geht. Diskretion ist ein wichtiges Pfund in ihrem Geschäft, das wichtigste aber ist Erfahrung. Mit Gesichtern, mit Mienen, mit Gesten, mit Stimmen, mit Menschendarstellern, die im Ensemble eines Films nicht nur als Solitäre, sondern auch als Gruppe Eindruck machen sollen.

„Der Beruf lässt mir viel Freiheit, Menschen zu beobachten“, sagt Anja Dihrberg. Dass Casting nicht nur eine Dienstleistung, sondern auch eine Kunst ist, hat inzwischen auch die Deutsche Filmakademie begriffen, die sich am kommenden Freitag zu ihrem glamourösen Jahrestreffen, der Verleihung der Lolas, der deutschen Filmpreise im Berliner Tempodrom versammelt.

Ein Dreivierteljahr, nachdem in Hollywood die Casting Directors in die für die Oscar-Verleihung zuständige Academy of Motion Pictures Arts and Sciences aufgenommen wurden, hat die hiesige Filmakademie im Februar eine Casting-Sektion eingerichtet. Besonders dahintergeklemmt hatten sich Akademie-Mitglieder wie die Regisseurin Sherry Hormann und die Schauspieler Petra Zieser und Ulrich Matthes. Anja Dihrberg, die vor mehr als zehn Jahren bereits den Bundesverband Casting mit ins Leben rief, ist nun eins der 14 Gründungsmitglieder, neben Simone Bär, An Dorthe Braker, Nina Haun oder Daniela Tolkien. Preise fürs beste Casting gibt’s bei den Lolas zwar nicht, aber bei der Wahl der Preisträger ist die neue Sektion jetzt dabei. Mindestens 15 Kinofilme muss verantwortlich besetzt haben, wer aufgenommen werden will, das heißt, alle Rollen einer Produktion, vom Hauptdarsteller bis zur Nebenfigur. „Das können bis zu 50 oder auch mehr Schauspieler sein“, sagt Dihrberg, nur die Komparsen sind ein Extra-Job.

Dass die Filmakademie den Castern den Ritterschlag eines künstlerischen Berufs erteilt hat, freut Anja Dihrberg, die vor kurzem 50 geworden ist. Bewusst war ihr die Bedeutung des Castings für den Prozess des Filmemachens natürlich ohnehin. Immerhin ist sie seit 1997 im Geschäft. Die Besetzung hat denselben kreativen Anteil wie Kostümbild, Szenenbild oder Kamera, die ja alle in Abhängigkeit von der Regie stehen, sagt sie. „Nur der Nachweis der originären künstlerischen Idee ist beim Casting verglichen mit den anderen Gewerken viel schwieriger.“ Deswegen sei es auch so unsexy, über den Beruf zu reden. „Meine Arbeit ist quasi unsichtbar.“ Wie eine gelungene Besetzung aussieht? Anja Dihrberg amüsiert sich. „Ganz selbstverständlich. So, dass man es sich gar nicht anders vorstellen kann.“ Das ist in der Tat eine leicht mit Filmbildern im Kopf zu füllende, aber schwer zu definierende Gütekategorie.

20.000 Schauspieler stehen ihr in ihrer Datenbank zur Verfügung

Prüfender Blick. Casterin Anja Dihrberg auf ihrer Büro-Etage in der alten Königsstadt-Brauerei in Mitte.

© Thilo Rückeis

Sichtlich beglückt erzählt Anja Dihrberg in dem mit Scheinwerfern, Tisch, Stuhl und einer Besetzungscouch ausgestatteten Studio in einem der Backsteingebäude der alten Königstadt-Brauerei in Prenzlauer Berg von ihrem jüngsten Coup. Seit 2002 existiert das Berliner Büro, ein weiteres gibt es in Köln, wo Dihrberg Fernsehproduktionen wie den Kölner und Münsteraner „Tatort“ besetzt. Für das Filmprojekt „Remember“ des Regisseurs Atom Egoyan sollte sie vor kurzem drei charismatische alte Männer finden: Bruno Ganz, Heinz Lieven und Günter Lamprecht sind es geworden. Besonders Letzterer hat es ihr angetan. Im Sommer beginnen die Dreharbeiten in Kanada.

Egoyan ist einer der Regisseure, die regelmäßig zu ihr kommen. So wie Sönke Wortmann, dessen im Herbst anlaufende Charlotte-Roche-Verfilmung „Schoßgebete“ Dihrberg mit Jürgen Vogel und Lavinia Wilson besetzt hat. Oder Marjane Satrapi („The Voices“), Cate Shortland („Lore“) und Olivier Assayas, dessen von ihr mit Lars Eidinger und Hanns Zischler besetztes Künstlerdrama „The Clouds of Sils Maria“ demnächst in Cannes in den Wettbewerb um die Goldene Palme geht, um nur einige aus Dihrbergs ellenlanger Filmliste zu nennen. Sie umfasst auch Namen wie Brian de Palma, Oskar Roehler oder die Geschwister Wachowski.

Assayas und Satrapi schätzen deutsche Schauspieler, erzählt Dihrberg, die seit ihrer Auszeichnung mit dem deutschen Casting-Preis im Jahr 2000 immer mehr internationale Produktionen besetzt. „Wegen des Theaterbackgrounds, der das beste Ausbildungsfundament für Schauspieler ist, und wegen der stark inhaltlichen Herangehensweise an ihre Rollen.“

In vier Besetzungsdatenbanken stehen ihr allein 20 000 deutsche Schauspieler zur Verfügung. Dazu kommen internationale Datenbanken. Mit wie vielen davon sie aktiv arbeitet, kann sie schwer schätzen. „Sicherlich mit einigen tausend.“

Das Gespür für deren individuelle Ausdruckskraft und Wandlungsfähigkeit ist der Kunstgeschichtlerin und Theaterwissenschaftlerin schon vor ihrem jetzigen Job zugewachsen. Anja Dihrberg hatte lange als Regieassistentin gearbeitet. In Wien bei Peter Zadek am Burgtheater und in Berlin am Schillertheater – bei Alexander Lang oder Katja Paryla. Trotz dieser Liebe zu Schauspielern will sie auf keinen Fall deren Agentin sein. „Ich vermittle keine Darsteller, ich entwickle Besetzungskonzepte – als Sparringspartner der Regisseurs.“ Das greift oft schon in der Finanzierungsphase. „Ich helfe, dem Film ein interessantes Gesicht zu geben, damit er überhaupt gemacht werden kann.“

Große Namen sind also für bestimmte Fördersummen gut? Klar, nickt Anja Dihrberg. Film ist eine Ware, die auf dem Markt bestehen muss, da gibt sich die mit ebenso viel Offenheit wie Diplomatie gesegnete Frau keinen Illusionen hin. Trotzdem möchte sie lieber frei von solchen Gedanken arbeiten. „Ich bin altmodisch, ich glaube an die Kraft der Geschichte, nicht an die von Namen.“ Ein Anspruch, den sie Freitagabend, wenn sie mit ihren Casting-Kollegen bei der Preisverleihung im Tempodrom sitzt, gleich an den Lola-Gewinnern messen kann. Als frisch gebackenes Akademie-Mitglied hat sie mit abgestimmt.

Die ARD überträgt die von Jan-Josef Liefers moderierte Lola-Gala am 9. Mai zeitversetzt ab 22.45 Uhr.

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