Dieter Bohlen in der Zitadelle Spandau : Mega-mega-megane Megahits

Nach 16 Jahren betrat Dieter Bohlen erstmals wieder eine Bühne. Die Fans folgen ihm, obwohl er gar nicht singen kann. Das hat er ja auch nie behauptet.

Abgehoben. Dieter Bohlen in der Zitadelle Spandau.
Abgehoben. Dieter Bohlen in der Zitadelle Spandau.Foto: DEAG Concerts

Nur die Harten kommen in den Garten? Er hätte das nicht machen müssen, nach 16 Jahren zum ersten Mal wieder auftreten, ein Rentner, mit 65. Natürlich gibt es Vorbilder, große Vorbilder. Leonard Cohen etwa kehrte nach 15 Jahren wieder auf die Bühne zurück, da war er schon über 70. Allerdings hatte er Gründe, Cohens Managerin hatte sein Vermögen veruntreut, während er in einem Zen-Kloster als Koch und Fahrer für seinen Meister arbeitete.

Leute, die Dieter Bohlen kennen, sagen, seine größte Angst sei die vor Verelendung. Das Vermögen des auch als „Poptitan“ titulierten Verarmungspanikers wird auf 250 Millionen geschätzt, die Lage ist also noch nicht ernst. Was also ist es dann?

[Richtigstellung: in einer früheren Fassung haben wir berichtet, dass die Eltern Dieter Bohlens als Bauunternehmer „dreimal pleite gemacht haben“. Das ist falsch. Wir haben den Satz deshalb gestrichen. Die Red.]

Samstagabend, Zitadelle Spandau. Wahrscheinlich wollte der Beinahe-Bundesverdienstkreuzträger eben das hier endlich einmal wieder mit eigenen Augen sehen und hören: Tausende - genauer: zehntausend - , die

„Dieter! Dieter!“ rufen. Zuletzt hörte er das nur noch in Moskau, da wurde sogar seine Modern-Talking-Nachfolge-Band „Blue System“ zum Erfolg.

Bohlen antwortet: „Hallo Schnuckelhasen!“ Dann legt er wie beiläufig die Hand ans Ohr, und die Hasen verstehen sofort: H-a-a-a-l-o-d-i-e-t-e-r-! Und dann kommt „You can win, if you want ...“. Fast alle singen mit, gleich beim allerersten Titel. Zum einen, weil sie das auch gern glauben würden, zum anderen, weil der lebende Beweis vor ihnen steht, und außerdem, weil sie Text und Melodie noch kennen, an diesem Über-30-Grad-Sommerabend nach so vielen Jahren. Das lässt sich, gerade bei Bohlen-Musik, gar nicht vermeiden, schon wegen des spezifischen Schwierigkeitsgrades.

Bohlens Acht-Mann-Band klingt härter als Modern Talking damals, das ist gut, sie rammen die Beats einzeln in den Boden, aber etwas ist merkwürdig. Singt da jemand? Dass Thomas Anders, die eigentliche Stimme von Modern Talking nicht neben seinem größten Feind auf der Bühne stehen würde, wusste jeder. Dass Dieter gar nicht singen kann, weiß auch fast jeder.

Bohlen hat nie behauptet, ein Sänger zu sein

Aber er kann Stimmen beurteilen, das macht er schon fast genauso lange, wie er nicht mehr auf einer inländischen Bühne stand, das Exekutionsfernsehen heißt Deutschland sucht den Superstar“. Bohlens Befunde lauteten etwa: „Vielleicht kannst du versuchen, mit der Stimme die Beine der Leute zu enthaaren.“ Oder: „Du klingst, wie wenn ein Schaf gegen einen Elektrozaun pinkelt.“

All diese Stimmlagen haben den Vorzug der Hörbarkeit, leider ist sie bei Bohlen nicht immer gegeben. Aber der Mann hat Mut. Er hat auch nie behauptet, ein Sänger zu sein, doch es sind seine Songs, er hat sie, nun ja, komponiert, und, ja doch, gedichtet. Also darf er sie auch singen. Das ist Authentizität. Und lieber ein Schaf, das mit selbstenthaarten Beinen gegen einen Elektrozaun pinkelt als die Anders'sche Softvokalglasur.

Anfangs schauen sich die Leute ab und zu fragend an, der Temperamentspegel ist etwas gedeckelt, trotz „Love me on the rocks“ von Blue System und „Don't believe“ (DSDS) oder der Schumacher-Hymne „We can win the race“. Aber es gibt eine Lösung: Alle singen zusammen. Spätestens bei Bohlens Schlagerblock - "Du kannst ja nicht mal richtig lügen", "Noch in 100 000 Jahren wirst Du meine Liebe spüren" ... - geht das ziemlich gut, so gut, dass Bohlen gleich den Bohlen-Chor vorschlägt.

Die Primär-Ermutigung zu diesem Konzert fand er wohl auf Instagram. Da ist er noch nicht lange, hat aber schon über eine Million Follower. Er nennt seine Instagram-Gemeinde die Meganer: "Nein, nicht Veganer! Mmmeganer!" So wie seine Tour, die mit diesem Open Air beginnt, auch die Mega-Tour heißt und das Liedgut "mega-mega-megane Megahits".

Seltsamerweise schafft es der Vortragende, dass dieser leicht infantile Größenwahn eines 65-Jährigen nie peinlich wird. "D-Dur!", ruft Bohlen und singt vor, was gleich alle 10 000 mitsingen: "Wir sind alles Meganer, wir sind einfach der Hammer, und wir sind schon mehr als eine Million!"

Kondition hat der Mann. Trägt von Anfang an bei mehr als 30 Grad im Scheinwerfer-Licht eine schwarze bauschige Kapuzenjacke überm weißen Hemd, scheut keine Bühnenakrobatik, moderiert jeden Song einzeln an, erzählt kleine Geschichten, manchmal viel zu leise, fragt wie ein ungläubiges Kind: "Seid Ihr wirklich alle wegen mir gekommen?" Keine Pause.

Der frühere Kölner Erzbischof und Musik-Kritiker Kardinal Meisner hat Bohlens Lebenswerk einmal so interpretiert: "Dieter Bohlen ist eine verwundete Seele, die nach Absolution schreit." Aber gilt das denn nicht tendenziell für alle?

Im Publikum: normale, sympathische Leute

Als Bohlen "Midnight Lady" singt, das er für Chris Norman schrieb - ursprünglich für Rod Stewart, der damit aber nichts anfangen konnte -, fühlt man sich kurz an Bohlens DSDS-Auskunft erinnert: "Der Gesang war so wie eine Fischvergiftung". Doch das Entscheidende ist, wie immer im Leben: Er kommt durch!

Nach fast 90 Minuten folgen dann die größten Modern-Talking-Hits von "Atlantis is calling" bis "Cheri Cheri Lady". Es war schon immer unglaublich schwer, jemanden kennenzulernen, der sagte: Ich liebe die Musik von Dieter Bohlen! Aber es musste solche Leute geben, das war klar, nachdem 1984 dieses Vollsynthetik-Liedgut die deutschen und internationalen Hitparaden enterte, zu dem man nur zwei Fragen hatte: Wer hört das? Wann hört das wieder auf? Die Antwort lautete: Vorerst gar nicht mehr. 

Man hat vermutet, das Bohlen-Publikum bestünde typischerweise aus Mantafahrern und anderen Tiefergelegten. Aber das ist falsch: Das sind ganz normale, sympathische Leute, die meisten dürften inzwischen ein halbes Jahrhundert zählen, gewissermaßen die Mitte der Gesellschaft.

Der Faszinationskern? Man liebt die, in denen man sich wiedererkennt. Er heißt Dieter. Er kann nicht wirklich Gitarre spielen, er kann nicht wirklich singen, aber er hat eine große Klappe. Und wird damit reich, berühmt und bekommt alle Frauen. Er schlägt sich selbst für das Bundesverdienstkreuz vor, mit der Begründung, dass er in Deutschland Steuern zahle. Und bekommt es sogar beinahe. Von der SPD natürlich!

Sage niemand, das hat keine Größe. Der Bohlenweg: Planieren statt sanieren! So hat er selbst das formuliert. Also radikale Vereinfachung in komplizierten Zeiten. Und noch einmal: You can win, if you want!

Doch am Ende folgt etwas Bohlenuntypisches: Demut. Dank an das Publikum: "Ohne Euch wäre ich im Arsch gewesen!" Es war die letzte Chance, die das Berliner Hansa-Studio seinem Flop-Komponisten Dieter noch gewährt hatte, seine Frau schlug ihm schon vor, ins väterliche Baugeschäft einzutreten. Und dann kam 1984 "You're my heart, you're my soul."

Die Musik besaß die Kraft, Anarchie, die Verwegenheit des Textes, aber fast die ganze Welt wollte das hören. Der erste große Titel, hier ist er der letzte, vor Feuerwerk und Playback-Zugabe. Was ist Glück für Dieter Bohlen? Dass Millionen Menschen auf der Erde das noch immer singen können, auch gegen ihren Willen. "Spätestens in 16 Jahren sehen wir uns wieder!", ruft Bohlen ins Publikum.

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