Drogenthriller "Sicario 2" im Kino : Mauer im Kopf

Die Grenze zwischen den USA und Mexiko ist politisch umkämpft. In Stefano Sollimas Drogenthriller „Sicario 2“ müssen Soldaten für Ordnung sorgen.

Der Killer (Benicio del Toro) und die Tochter des Drogenbosses (Isabela Moner) marschieren zu Fuß durch die Wüste.
Der Killer (Benicio del Toro) und die Tochter des Drogenbosses (Isabela Moner) marschieren zu Fuß durch die Wüste.Foto: Studiocanal

Das Grenzland zwischen den USA und Mexiko hat nicht erst seit Donald Trumps Auslassungen über den südlichen Nachbarn und seinen geplanten „wunderschönen Schutzwall“ jede mythische Unschuld verloren. Es ist heute ein Ort knallharter Realpolitik, die Manifestation rechter „America First“-Phantasmen. Das no country for old men hat sich – die Coen-Brüder haben das in ihrem Grenzfilm sehr klug antizipiert – in einen Kriegsschauplatz verwandelt. Auch Hollywood hat die mexikanischen Drogenkartelle längst als neue Lieblingsbösewichte entdeckt, nach den Russen (von den sechziger bis in die achtziger Jahre) und islamistischen Fundamentalisten (die neunziger und die nuller Jahre). Der heroische Militarismus ist im Kino ähnlich drastisch wie zur Zeit von Reagans „Drogenkrieg“.

Eines der denkwürdigsten Kinobilder der vergangenen Jahre stammt aus Denis Villeneuves Kartellthriller „Sicario“ von 2015: Eine Drone filmt aus großer Höhe eine Kavallerie von schwarzen SUVs, die auf einen mexikanischen Grenzübergang zurast – und die Warteschlange mit Mexiko-Ausflüglern passiert, ohne dabei das Tempo zu drosseln. Mitten hinein ins Feindesland, wie zur Zeit des guten alten Western. Das dröhnende Wummern, mit dem die Bilder unterlegt sind, evoziert jedoch eher eine Endzeitstimmung.

Villeneuves Actionfilm war gewissermaßen das Präludium zu Trump, jede Menge bad hombres bevölkerten „Sicario“: Auf der andere Seite der Grenze werden die US-Soldaten erst mal von einem Spalier geköpfter und gehängter Mexikaner empfangen. Aber auch „die Guten“ unterschieden sich in ihren Methoden kaum noch von den Feinden Amerikas.

Terrorismus - eine Frage der Definition

Eine Fortsetzung des Überraschungserfolgs war daher nicht nur in kommerzieller Hinsicht folgerichtig. „Sicario 2“ ist im Grunde der Film zur Zeit. Und tatsächlich legt der italienische Regisseur Stefano Sollima – sein Vorgänger Villeneuve ist längst in höhere Sphären entschwebt, „Sicario“ war seine Visitenkarte für „Blade Runner 2049“ – gleich zu Beginn eine falsche Fährte, die brisanter nicht sein könnte. Ein islamischer Selbstmordattentäter sprengt sich bei einem illegalen Grenzübertritt mit einer Gruppe mexikanischer Familien in die Luft. Kurz darauf verüben vier Männer in Atlanta einen Anschlag auf einen Supermarkt.

In der CIA herrscht Alarmbereitschaft: Der IS soll neuerdings Attentäter über die mexikanische Grenze in die USA einschmuggeln. Man kennt Trumps Sprüche, Amerika hole sich den Terror über Mexiko ins Land. Matt Graver, wieder gespielt von Josh Brolin, der diesen Blockbustersommer – nach den "Avengers" und "Deadpool 2" – scheinbar im Alleingang zu bewältigen scheint, bemerkt auf die Frage des Außenministers (Matthew Modine), was er unter Terrorismus verstehe, entsprechend süffisant: „Was Terrorismus heißt, definieren doch Sie.“

Der Machismo ist ein Erbe des Western

Die moralische Ambivalenz, die schon die letztlich reaktionäre Politik des ersten Films perforierte, ist auch das markanteste Merkmal von „Sicario 2“, der sich sichtlich schwertut, das latente Unbehagen gegenüber dem amerikanischen Vorgehen jenseits der Grenze zum Ausdruck zu bringen. Der Western und der Kriegsfilm finden immer wieder Nachhall im unverhohlenen Machismo zwischen Brolin und dem von Benicio del Toro gespielten Anwalt/Auftragskiller Alejandro, der die Doppelmoral in „Sicario 2“ am eindeutigsten verkörpert. Der sicario – Spanisch für Killer – soll im Auftrag der CIA die Teenager-Tochter (Isabela Moner) eines Drogenbosses entführen, um einen Krieg zwischen den Kartellen anzuzetteln. Graver lässt seinen schärfsten Schießhund von der Leine („Krieg gegen alle“ lautet der Marschbefehl), alles im Dienst des Heimatschutzes.

Aber der Job geht schief: Nach einem furiosen Schusswechsel zwischen korrupten mexikanischen Grenzpolizisten und den Elitesoldaten, wird Graver zum Rapport bei seiner Vorgesetzten (die großartige Catherine Keener) bestellt, während sich Alejandro mit der aufsässigen Tochter des Drogenbosses, des Mörders seiner Frau und Kinder, zu Fuß über die Grenze in die USA durchschlagen muss. Im Nacken sitzen ihnen das Kartell, die mexikanischen Polizei und die CIA, die sich aller Zeugen des Fiaskos entledigen will.

Das mexikanische Kind erfährt Amerikas Gewalt

Dumm nur, dass Sollima, ein durchaus talentierter Regisseur, mit dieser politischen Gemengelage wenig anzufangen weiß. Schlüsselszenen des Vorgängers werden eins zu eins wiederholt, der Score imitiert das spektakuläre Sounddesign des kürzlich verstorbenen Jóhann Jóhannsson. In dem Testosterongewitter fehlt eine vermittelnde Instanz wie die schmerzlich vermisste Emily Blunt. Isabela Moner ist dieser Rolle noch nicht gewachsen, obwohl sie sich trotzig zwischen den Männern behauptet. „Sicario 2“ erweist sich auch hier als der Politik einen Schritt voraus. Das von ihren Eltern getrennte mexikanische Mädchen erfährt Amerikas Gewalt am eigenen Leib. Doch am Ende weckt es in den sicarios der Regierung einen letzten Funken Menschlichkeit.

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