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Amour Fou. Sue (Gina Gershon) wird vom narzisstischen Starregiestar Philippe (Louis Garrel) umgarnt.
© The Media Pro Studio, Gravier Production

„Rifkin’s Festival“ von Woody Allen: Letzte Ausfahrt Hollywood

Woody Allen ist in der US-Filmbranche heute eine Persona non grata. Seine Komödie „Rifkin’s Festival“ kommt, ganz ohne Stars, mit zwei Jahren Verspätung ins Kino.

Von Andreas Busche

Vergangene Woche trafen sich auf Instagram zwei alte weiße Männer. Was sich wie der Anfang eines Witzes liest, wäre eigentlich nicht weiter der Rede wert – handelte es sich hierbei nicht um Woody Allen und Alec Baldwin, der den in Ungnade gefallenen Regisseur für ein „Interview“ eingeladen hatte. Das allerdings entpuppte sich schnell als lauwarmes Geplänkel, es ging im Wesentlichen um die guten alten Zeiten – von denen die beiden gerade nur träumen können.

Allen ist im Zuge der MeToo-Bewegung wegen der anhaltenden Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs seiner damals siebenjährigen Tochter Dylan von der US-Filmbranche zur Persona non grata erklärt worden. Baldwin sieht sich aktuell mit einem Gerichtsverfahren konfrontiert, nachdem er vor einem Jahr am Filmset die Kamerafrau Halyna Hutchins mit einer Requisitenwaffe erschoss. Die Kommentarfunktion war bei dem Gespräch ausgeschaltet; das Internet als safe space.

Für den Regisseur Allen scheint sich auch Europa als sicherer Hafen zu erweisen. Erst im Mai erklärte Thierry Frémaux, dass in Cannes für Woody Allen jederzeit ein Platz frei sei. Zwei Jahre zuvor hatte es das Filmfestival San Sebastián bereits vorgemacht, das mit „Rifkin’s Festival“ eröffnete.

In Europa zeigt man anscheinend weniger Berührungsängste mit dem viermaligen Oscar-Gewinner als in Hollywood, auch wenn sein Film hierzulande mit zweijähriger Verspätung in die Kinos kommt. Allen hat es San Sebastián allerdings auch leicht gemacht: Das Festival ist in der amerikanisch-italienisch-spanischen Koproduktion prominent vertreten. Mit „Rifkin’s Festival“ hat er sich gewissermaßen selbst eingeladen.

Verbitterte Witze und lustlos abgefilmte Dialoge

Die New Yorker Presseagentin Sue (Gina Gershon) reist mit ihrem Mann Mort (Wallace Shawn), einem frustrierten Filmkritiker, ins Baskenland, wo sie den neuen Film des französischen Star-Regisseurs Philippe (Louis Garrel) betreut.

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Den prätentiösen Hotshot hält die Kritiker-Koryphäe für ein prätentiöses Arschloch, wie er überhaupt jeden Film nach 1970 für Schrott befindet. Filmfestivals seien auch nicht mehr, was sie einmal waren, erzählt Mort seinem Therapeuten – aber San Sebastián ist natürlich was anderes.

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Aus Langeweile streift er durch die malerische Altstadt und landet in der Praxis der dreißig Jahre jüngeren Ärztin Jo (Elena Anaya), die sich eher aus Mitleid – und wegen eigenem Ehestress – des dauernörgelnden Vorruheständlers annimmt. Derweil verfällt Sue den Avancen des Narzissten Philippe, der abseits des Festivaltrubels auch schon mal in einem Club an den Bongos auftritt. Qualitativ stellt „Rifkin’s Festival“ die Schwundstufe des Allen-Werks dar, ein Pastiche aus verbitterten Witzen und lustlos abgefilmten Dialogen und Sehenswürdigkeiten.

(In den Berliner Kinos Delphi Lux, fsk, Passage, alle OmU)

Interessant ist an einem neuen Allen-Film eigentlich nur die Frage, wer heute überhaupt noch freiwillig mit ihm arbeitet. Vor 15 Jahren, als diese Sorte europäischer „Tourismusporno“ mit „Match Point“ und „Vicky Cristina Barcelona“ Woody Allens dritten Karriere-Frühling einleitete, hätte wohl Penélope Cruz die Rolle von Anaya übernommen. Christoph Waltz hat in „Rifkin’s Festival“ ein Cameo als der Tod, Wallace Shawn ist ein langjähriger Weggefährte – und Louis Garrel drehte zuletzt sogar noch mit Roman Polanski. Hinter der Kamera steht zum vierten Mal der große Vittorio Storaro. Amerikanische Stars aber machen sich rar. Gerade hat der 84-Jährige seinen allerletzten Film angekündigt. Drehort Paris.

Mit „Rifkin’s Festival“ lebt Allen seine Trotzphase aus. Eine Figur heißt Weinstein, Mort gesteht einmal, dass er seine Schwägerin sexuell begehrt. Woody, unverbesserlich. Die traurige Schlussnote eines einst Großen, der sich heute nur noch als Opfer geriert.

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