zum Hauptinhalt
Aus Japans Norden. Fukiko Goukon vom Ensemble Ainu spielt auf einer Bambusmaultrommel.
© Archiv Fukiko Goukon

Gipfeltreffen der Maultrommel-Maniacs: Mit Doing-Doing ins Universum

Jakuten tun’s, Japaner tun’s und Österreicher auch: Eindrücke vom Internationalen Maultrommelfestival in der Berliner Ufa-Fabrik.

Das Trommeln für die Maultrommler hat Gerd Conradt besorgt. Mit feurigen Mails. „So etwas hat Berlin noch nicht erlebt, 100 Maultrommelspieler:innen aus 30 Ländern, ein Instrument mit schamanischem Kern und philharmonischer Seite“ – so ging das wochenlang. Conradt ist eigentlich Filmemacher. Dokumentarfilme wie „Starbuck Holger Meins“ und „Spree – Sinfonie eines Flusses“ stehen auf seiner jahrzehntelangen Filmografie.

Auch der Maultrommel hat er einen Dokumentarfilm gewidmet. „Dyngyldai“ lief 1997 im Berlinale-Forum. Kurz davor gründeten Conradt und Sören Birke, Kulturwissenschaftler und Musiker, den Berliner Maultrommelstammtisch. Und jetzt haben Birke, der als Betreiber des Kesselhauses in der Kulturbrauerei auch Veranstalter ist, die International Jew's Harp Society und die Berliner Ufa-Fabrik das Welttreffen der Maultrommlerszene erstmals nach Berlin geholt. Seit 1984 findet das Internationale Maultrommelfestival unregelmäßig statt, von den USA über Österreich bis nach Jakutien.

Die Musiktradition ist 4000 Jahre alt

Am Mittwoch markiert die von Conradt und dem Maultrommelstammtisch mit „Freude, schöner Götterfunken“ zum Willkommen eingeleitete Eröffnung in der Ufa-Fabrik den ersten Höhepunkt der hiesigen Maultrommel-Mania. Die ging allerdings an den meisten Menschen, die das schlichte Ding mit seinem charakteristischen Doing-Doing-Sound für einen Kinderspaß halten, bislang schnöde vorbei.

Dabei hat das aus Metall oder Holz gefertigte Oberton-Instrument nicht nur eine rund 4000 Jahre alte Musiktradition vorzuweisen, sondern auch eine erstaunliche Wirkung. „Das Instrument ist ein Mittler zwischen Kosmos und Sein, ein Verstärker“, schwärmt Gerd Conradt im Sommergarten der Ufa-Fabrik, wo sich eine stattliche Anzahl von Anhängern versammelt hat und schon vor Konzertbeginn auf der Terrasse gejammt wird.

Viele weisen der umgehängte Festivalpass und die am Hals baumelnde Maultrommel als Familienmitglieder aus. Denn nichts anderes als eine Familie von Eingeweihten scheint die hippieske Mehrgenerationen-Mischung zu sein.

[Wenn Sie aktuelle Nachrichten aus Berlin, Deutschland und der Welt live auf Ihr Handy haben wollen, empfehlen wir Ihnen unsere App, die Sie hier für Apple- und Android-Geräte herunterladen können.]

Der Maultrommel-Virtuose Spiridon Schischigin etwa, der mit seiner Formation den Konzertauftakt spielt und das Publikum nach Call-and-Response-Manier zum Mitmachen auffordert, hat aus Jakutien drei Tage nach Berlin gebraucht. Ohne Reisegeld oder Gage, die keiner der Festivalkünstler erhält. Die Region hoch im Norden Russlands gilt als Mekka der Maultrommel, verfügt über tausende Spieler und einen eigenen staatlichen Verband zur Förderung und Erforschung des Instruments.

Kranken heilen, hüpfen machen

Die elektronisch vibrierenden, rhythmischen Phrasen, die die Jakuten mit dem vor die Zähne gespannten Instrument, dessen mittlere Zunge sich frei schlagen lässt, fabrizieren, haben tatsächlich nichts mit Laien-Maultrommeln zu tun. Schischigin heile mit seinen trancehaften Frequenzen sogar psychisch Kranke, erzählt Conradt.

Aus Berlin. Der Filmemacher Gerd Conradt hat vor 25 Jahren eine Maultrommelstammtisch in Berlin gegründet.
Aus Berlin. Der Filmemacher Gerd Conradt hat vor 25 Jahren eine Maultrommelstammtisch in Berlin gegründet.
© Hedwig Korte

Wie die Maultrommel überhaupt fester Bestandteil schamanischer Rituale indigener Völker der Nordhalbkugel ist. Dazu gehört auch das Ainu-Ensemble aus Japan. Die Frauentruppe in reich verzierten Gewändern entfacht auf der Bühne erstmal ein würzig duftendes Feuerchen in einer Schale.

Das gehört sich so beim Ritual, das die Einheit von Natur und Mensch beschwört. Die warmen, voluminösen, fast melodischen Klänge auf der Bambusmaultrommel unterscheiden sich stark von denen der jakutischen Khomus, wie das Metallinstrument dort heißt.

[Ufa-Fabrik, Viktoriastr. 10-18, Tempelhof, bis Sa 30. 7., Workshops und Kongress ab 10 Uhr, Konzerte und Open Stage ab 19.30 Uhr]

Dass die Maultrommel nicht nur im Alpenraum als Bestandteil traditioneller Volksmusik beliebt ist, sondern unter den Turk-Völkern der ehemaligen Sowjetunion noch viel populärer, hat den Österreicher Franz Kumpl vor Jahren stark überrascht. Der Slawist ist Präsident der International Jew’s Harp Society und kam erstmals als Mitarbeiter einer europäischen Hilfsorganisation nach Jakutien, wie er zwischen den Auftritten erzählt.

Aus Österreich. Manfred Rußmann und die Mollner Maultrommler praktizieren "Alpines Wechselspiel".
Aus Österreich. Manfred Rußmann und die Mollner Maultrommler praktizieren "Alpines Wechselspiel".
© Alexander Schwarzl

Gerade stand ein Protagonist des „Alpinen Wechselspiels“ mit mehreren Maultrommeln gleichzeitig auf der Bühne, der Österreicher Manfred Rußmann. Mit den Mollner Maultrommlern intoniert er schwerblütige mittelalterliche Kreistänze, Jodler und lustig hüpfende Gstanzln. Dass die Maultrommel als erotisches Instrument gilt, wie Rußmann sagt, leuchtet ungeübten Ohren aber keineswegs ein.

Ein Einwand, den der Maultrommlerpräsident, der 80 Länderabgesandten vorsteht, aber nicht gelten lässt. Das Ding trage in Österreich schließlich auch den Namen „Dirndllocker“ und sei von fensterlnden Burschen früher zur Balz eingesetzt worden. „Auch in Jakutien drücken die Frauen ihre intimen Gefühle mit der Maultrommel aus“, weiß Kumpl und erzählt unzählige interessante Schoten über das Instrument, dem Musikethnologen Abhandlungen widmen und das Menschen aus völlig unterschiedlichen Kulturen zusammenbringt.

Aus Estland. Cätlin Mägi pflegt die melodische Tradition ihres Landes.
Aus Estland. Cätlin Mägi pflegt die melodische Tradition ihres Landes.
© Archiv Cätlin Mägi

Dass es dabei nicht nur innig zugeht, unterstreicht auch der Vortrag über „Heavy Metal und Maultrommel“, der Teil des täglichen Kongress- und Workshopprogramms ist. Individualisten und schräge Künstlertypen hätten sich schon immer von der Maultrommel anziehen lassen, sagt Kumpl. „Auch Peter Handke ist Fan und hat in seinem Roman ,Die Morawische Nacht‘ Maultrommler verewigt.“

Der Körper als Resonanzraum, die Atemsäule, die die Vibrationen der geschlagenen Instrumentenzunge verstärkt – „das ist eine Dimension, die bis ins Universum geht", zitiert Kumpl unwissentlich Gerd Conradts Energetik.
Von der Bühne geht sie erstmal in die Beine, die Energie. Da legt die slowakische Band Varkocs gerade einen Ethnopop-Technofolk hin, der samt Schafsfellslook bei etwas mehr kommerziellem Schliff prima Chancen beim Eurovision Song Contest hätte.

Zur Startseite