
© Cannes Filmfestival
Oscar-Favorit Jafar Panahi: Selbstjustiz ist nicht der iranische Weg
Nach fast 20 Jahren Berufsverbot gewann Regisseur Panahi mit „Ein einfacher Unfall“ in Cannes. Sein Film ist eine wütende Abrechnung mit dem Regime seines Heimatlandes. Eine Begegnung in Berlin.
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Dass im Gespräch mit Jafar Panahi irgendwann der Name Gandhi fällt, sollte nicht überraschen. Der indische Anwalt und Pazifist wurde durch seinen gewaltfreien Widerstand zum Gesicht der indischen Unabhängigkeitsbewegung.
Der iranische Regisseur Panahi hat in den vergangenen 15 Jahren, trotz Berufsverbot und Gefängnisstrafen, immer weiter Filme gedreht – stets mit sich selbst vor der Kamera, weil das Kino für ihn eine persönliche Angelegenheit ist. Und eine gefährliche dazu. Seine Darstellerinnen und Darsteller versuchte er stets so gut wie möglich vor den Repressalien des Regimes zu schützen.
„Gandhi wurde einmal gefragt“, erzählt Panahi beim Treffen in Berlin, „was er tun würde, wenn sein Sohn bedroht werden würde. Würde er weiter Gewaltlosigkeit predigen? Natürlich, habe Gandhi geantwortet, würde er einschreiten, weil er sonst seine eigene Mutlosigkeit eingestehen müsste. An diesen Vorsatz halte ich mich“, erklärt Panahi seinen Widerstand gegen das Mullah-Regime. „Den Einsatz von Gewalt zu missbilligen, bedeutet nicht, dass man in gefährlichen Situationen tatenlos bleibt.“
Im Dezember wurde Panahi zu einem Jahr Gefängnis verurteilt
Seit Anfang Dezember ist das Leben von Jafar Panahi wieder komplizierter. Vor einem Monat wurde der 65 Jahre alte Regisseur in seinem Heimatland Iran (in Abwesenheit) zum dritten Mal zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, wegen „Propaganda gegen den Staat“. Er kennt das Prozedere. Die iranische Justiz ist unberechenbar, sie verhängt Urteile, lässt sich dann aber mit der Vollstreckung oft Jahre Zeit und wiegt die Beschuldigten so in Unsicherheit.
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Im Februar 2023 war Panahi nach sieben Monaten und einem 48-stündigen Hungerstreik vorzeitig aus dem Gefängnis entlassen worden. Als im vergangenen Mai sein neuer Film „Ein einfacher Unfall“ auf dem Filmfestival Cannes seine Weltpremiere feierte, schien es, als wäre der Regisseur nach einem fast 15-jährigen Ausreiseverbot auf die Bühne des Weltkinos zurückgekehrt.
Keine seiner letzten Auszeichnungen hatte er persönlich entgegennehmen können, weder in Berlin (ein Silberner Bär 2013 für „Pardé“, ein Goldener 2015 für „Taxi Teheran“) noch 2019 in Venedig. Schleichend war Panahi zum großen Abwesenden des internationalen Kinos geworden, präsent allein mit seinen Filmen, die für ihn sprechen mussten.
Dass er am Ende seine Goldene Palme für „Ein einfacher Unfall“, eine Mischung aus absurdem Roadmovie und einer furiosen Abrechnung mit dem Regime, selbst in den Händen halten konnte, wog da fast schwerer als die Auszeichnung selbst. Anfang Dezember kam Jafar Panahi, nur wenige Tage nach dem erneuten Urteil des Islamischen Revolutionsgerichts, nach Berlin, auf verschlungenen Wegen.
Seit Wochen befindet er sich auf Promotionstour für „Ein einfacher Unfall“, den das Co-Produktionsland Frankreich als Kandidaten ins Oscar-Rennen schickt. Mit guten Aussichten. In Frankreich wird er bis auf Weiteres wohl auch bleiben, Panahi hat dort eine Residency. Über seinen genauen Aufenthaltsort wird Stillschweigen bewahrt.
Aber Jafar Panahi lässt keinen Zweifel daran, dass er in den Iran zurückkehren und seine Strafe akzeptieren wird. Er ist der vielleicht iranischste aller iranischen Filmemacher – und wohl gerade deswegen auf dem Radar der Justiz. Nach der US-Premiere im November sagte er, dass er sich nicht vorstellen könne, außerhalb des Iran Filme zu drehen. Dies sei seine Kultur, seine Sprache. Auch das Berufsverbot, das 2023 aufgehoben worden war, hat ihn nie vom Arbeiten abgehalten.

© dpa/Britta Pedersen
Klingt wie eine Heldengeschichte. Panahi schließlich gegenüberzusitzen, lässt diesen Mythos augenblicklich in sich zusammenfallen. Er ist kein Mann großer Worte, er versprüht auch kein außergewöhnliches Charisma, vielmehr strahlt er durch seine Undurchdringlichkeit Autorität aus.
Panahi spricht langsam und mit leiser Stimme, allerdings nur ungern über sich selbst. Lieber zollt er der „Frau, Leben, Freiheit“-Bewegung Respekt, die er 2022 nur aus dem Gefängnis mitbekam. Seine Sonnenbrille nimmt er erst gegen Ende des Interviews ab.
15 Jahre konnte Panahi seine Filme nicht vor Publikum sehen
Zu seiner Gefängnisstrafe möchte Jafar Panahi nichts sagen, juristisch zu heikel. Doch viel interessanter ist ohnehin die Frage, was es für einen Filmemacher bedeutet, 15 Jahre für ein Publikum zu drehen, das er nicht sieht und hört.
„Als Filmemacher möchte man natürlich die Reaktionen erleben“, antwortet Panahi, „schon weil man schwer einschätzen kann, wo die Stärken und Schwächen liegen. Es ist allerdings ein größeres Problem, wenn man den Film nie im eigenen Land zeigen kann, wo die Menschen dieselbe Sprache sprechen. Das war in Cannes nicht der Fall, trotzdem war es wichtig, nach einer so langen Zeit wieder einen Film mit dem Publikum zu schauen.“
„Ein einfacher Unfall“ ist eine unmittelbare Replik auf seinen Gefängnisaufenthalt. Die Idee hatten er und sein Freund und Kollege Mohammad Rasoulof schon vor 15 Jahren während ihrer gemeinsamen Haft. Der titelgebende Unfall ist der Auslöser für eine Kette von Ereignissen, die für seine Protagonisten Erinnerungen an das Foltergefängnis von Evin wachrufen.

© Les Films Pelleas
Der Automechaniker Vahid (Vahid Mobasseri) glaubt eines Nachts, in einem Kunden seinen sadistischen Gefängniswärter wiedererkannt zu haben. Der Klang seiner Beinprothese verrät ihn. Vahid folgt und überwältigt den Familienvater Eghbal (Ebrahim Azizi), doch als er den vermeintlichen Regime-Handlanger töten will, kommen ihm Zweifel.
Also sammelt er in seinem klapprigen Bus, Eghbal gefesselt und geknebelt in einer Kiste verstaut, auf einer komischen Odyssee durch Teheran ehemalige Mitgefangene ein, darunter eine junge Braut (Hadis Pakbaten), die die Identität ihres ehemaligen Peinigers bestätigen können.
Und je länger ihre Fahrt dauert, desto vehementer werden die Widersprüche ausgefochten, wie das Tribunal wider Willen mit dem Mann umgehen sollte. Ist Selbstjustiz vertretbar? Das Grab ist immerhin schon ausgehoben.
Für Panahis Verhältnisse ist „Ein einfacher Unfall“, nicht nur wegen seiner bedrohlichen Schlusseinstellung, wenig versöhnlich. Sein verschmitzter Humor, der für seine Filme so charakteristisch ist, bekommt einen sehr bestimmten, harten Unterton, aus der Ratlosigkeit seiner Figuren erwächst immer wieder Wut.
Im Gespräch stellt er klar, dass dies nicht seine Geschichte ist, sondern die Geschichten der Menschen, denen er im Gefängnis begegnete. Auch darum steht er erstmals seit 14 Jahren nicht vor der Kamera.
„Die Wut des Films entspringt den Charakteren. Er handelt von Menschen, die fünf, zehn Jahre lang in Haft waren. Selbstverständlich haben sie radikalere oder idealistischere Ansichten als Menschen, die das nie erlebt haben. Einige von ihnen reden, als würden sie Manifeste aufsagen. Ich habe lediglich versucht darzustellen, was ich im Gefängnis gehört habe, ohne Vorurteile. Ich sage nicht, diese Menschen sind gut oder böse.“
Es ist meine Hoffnung, dass die Gewalt ein Ende nimmt. So sehe ich die ideale Zukunft für mein Land.
Jafar Panahi, iranischer Regisseur
Auf die Frage, ob er selbst nach seiner Zeit im Gefängnis den Wunsch verspürt habe, Rache zu nehmen, antwortet Panahi ausweichend. „Ich würde lügen, wenn ich sage, dass ich nicht daran gedacht habe. Natürlich habe auch ich Schwächen. Entscheidender aber war, dass ich keinen Einfluss auf die Ideenbildung im Film nehme.“
Die Absurdität der Situation, die aus der Konfrontation von Menschen mit sehr unterschiedlichen Temperamenten auf engstem Raum entsteht, erhält immer wieder scharfe Konturen durch die Erfahrungen, von denen Vahids Mitstreiter aus ihrer Zeit im Gefängnis berichten.
Die Fotografin Shiva (Mariam Afshari) möchte einfach nur vergessen, der Heißsporn Hamid (Mohamad Ali Elyasmehr) ist nur mit körperlicher Gewalt davon abzubringen, den Gefangenen zu töten.

© Les Films Pelleas
Der Regisseur versteht „Ein einfacher Unfall“ als Parabel auf eine zukünftige iranische Gesellschaft: „Gibt es den Moment, in dem man sagt: ,Okay, jetzt muss diese Gewaltspirale durchbrochen werden’?,“ fragt Panahi. „So konkret möchte ich das zwar nicht formulieren, die Antwort überlasse ich dem Publikum. Aber natürlich ist meine Hoffnung, dass die Gewalt ein Ende nimmt. So sehe ich die ideale Zukunft für mein Land.“
Mit dem Label des politischen Regisseurs kann Panahi wenig anfangen, er hat sich stets als sozialer Filmemacher bezeichnet. Der Kontakt zu den Menschen aus der Gesellschaft ist für seine Arbeitsweise essenziell, auch darum dreht er häufig mit Laien oder Menschen, die sich selbst spielen, wie die Menschenrechtsanwältin Nasrin Sotoudeh in „Taxi Teheran“.
Dass er in seinen letzten Filmen selbst vor der Kamera stand, war eher den Umständen geschuldet. Seine Präsenz hat aber dazu beigetragen, dass der Regisseur zu einer Persona wurde, die mit ihrem unerschütterlichen Humanismus für all die Menschen spricht, denen das Regime die Stimme genommen hat.
„Diese Figur hat nur bedingt mit mir zu tun“, erzählt er. „Ich bin ein introvertierter Mensch, der die meiste Zeit im Stillen verbringen möchte. Aber wenn ich vor der Kamera stehe, dann muss ich gewisse Prinzipien eines Kinos mit einem sozialen Ansatz einhalten; Humor zum Beispiel. Auch wenn man im Privatleben vielleicht kein so lustiger Mensch ist, akzeptiere ich diese Rolle.“
In „Ein einfacher Unfall“ tritt der Humor, je heftiger in dem engen Bus gestritten wird, in den Hintergrund. Hinter der Absurdität tritt der Schrecken hervor, den die Figuren noch einmal durchleben. „Ich setze den Humor diesmal ganz gezielt ein“, erklärt Panahi. „Humor kann Impulse zum Nachdenken setzen, aber mir war wichtig, dieses Element allmählich auszublenden, sodass in den letzten 20 Minuten im Kino Stille herrscht.“
Nach der Goldenen Palme in Cannes war Panahi nach Teheran zurückgekehrt, diesmal wird er bis zur Oscar-Verleihung im Ausland verweilen. Und vielleicht reist er dann erneut mit einer Auszeichnung in die Heimat, um sein Urteil anzunehmen. Der Prozess beginnt offiziell am Montag.
Momentan ist Jafar Panahi gewissermaßen staatenlos. Auch seine Berlin-Reise wäre beinah an Visa-Problemen gescheitert. Er hat sich an dieses Leben gewöhnt. „Das Berufsverbot vor 15 Jahren war ein Schock“, erinnert er sich. „Was hätte ich machen sollen, wenn ich dann keine Filme mehr drehen kann?“ Diese Frage berührt das Selbstverständnis von Jafar Panahi. Im Westen ist die Kunst – im weitesten Sinne – von demokratischen Grundpfeilern geschützt. Im Iran ist sie der Inbegriff der Freiheit.
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