Politisierung der Musikszene : Britische Hip-Hopper reimen gegen Brexit an

Harte Beats in harten Zeiten: Stormzy, Slowthai und Kate Tempest kritisieren die Politik und den Rassismus in Großbritannien.

Lautsprecher. Michael Omari alias Stormzy, 25, während seines umjubelten Auftritts beim Glastonbury-Festival.
Lautsprecher. Michael Omari alias Stormzy, 25, während seines umjubelten Auftritts beim Glastonbury-Festival.Foto: Henry Nicholls/Reuters

Die Zeiten sind hart, das Klima verändert sich, die Politik spielt ihr finsteres Spiel. Kate Tempest fasst es in zwei beiläufigen Zeilen zusammen: „The weather is doing unusual things / And our leaders aren’t even pretending not to be demons“. Dass die Londoner Rapperin und Dichterin mit den Dämonen vor allem die britischen Politikerinnen und Politiker meint, zeigt das Cover ihres kürzlich erschienenen dritten Albums, auf dem sich der Song befindet. Es ähnelt dem alten, britischen Pass, zu dem einige Brexit-Befürworter nach dem Austritt Großbritanniens aus der EU zurückkehren wollen. Doch statt des Wappens des Vereinigten Königreichs sind die Umrisse der britischen Inseln abgebildet. Darunter der Albumtitel „The Book of Traps and Lessons“.

Der neue, alte britische Pass als Symbol von Verfehlungen, nationaler Isolation und, immerhin, hart gelernter Lektionen. Auch in den restlichen Songs klagt Tempest vor allem an: die Politik, ihre Generation, in der sich alle nur ignorieren, auf der Suche nach schnellem Sex sind, um Intimität und echte menschliche Interaktion zu vermeiden. Sie erzählt von Rassisten im Bus und der Flucht in den Alkohol. Von Gewalt und natürlich vom Brexit. Kate Tempest ist so etwas wie die Greta Thunberg der britischen Musikszene. Ihr von Rick Rubin extrem reduziert produziertes Album, das auch einige sehr persönliche Tracks enthält, reiht sich ein in eine Entwicklung, die sich im UK-Hip-Hop seit einigen Jahren abzeichnet.

Grime-Künstler Slowthai inszeniert sich als Thronfolger

Denn so, wie der Klimawandel immer mehr junge Menschen auf die Straße treibt, hat der anstehende Brexit für eine Politisierung der britischen Musikszene gesorgt. Die zeichnet sich nicht nur, aber besonders deutlich im Hip-Hop ab – einem Genre, das sein politisches Potenzial seit seinen Anfangstagen in den marginalisierten Vierteln von New York immer wieder bewiesen hat. Trotzdem entwickelte sich gerade der alles überschattende US-Rap in den letzten Jahren stetig in eine Richtung, in der es nur noch um hedonistische Ideale und die Zurschaustellung des eigenen Erfolgs geht – sei es durch protzige Autos, Drogenexzesse oder leicht bekleidete Frauen.

Klartext. Kate Tempest rappt über die Probleme ihrer Generation.
Klartext. Kate Tempest rappt über die Probleme ihrer Generation.Foto: Thilo Rückeis/TSP

Umso interessanter ist die gegensätzliche Entwicklung, die gerade in England stattfindet – insbesondere im Grime, ein Anfang der Nullerjahre in der East Londoner Unterschicht entstandenes Genre mit schnellen, harten Beats und ebenso harten Lyrics. Einer der spannendsten Grime-Künstler ist der 24-jährige Slowthai aus Northampton. Der Titel seines Debütalbums „Nothing Great About Britain“ sagt eigentlich schon alles über die derzeit bei jungen Menschen vorherrschende Stimmung. Im Musikvideo zum gleichnamigen Song inszeniert Slowthai sich als Thronfolger, schwenkt den Union Jack im Wind und trägt dabei ein T-Shirt, auf dem sich Theresa Mays aufgedrucktes Gesicht zu einer Fratze verzieht. Und er nennt Queen Elisabeth „Cunt“.

Fans von Stormzy beschimpfen Boris Johnson

Auch, wenn Slowthai es mit seinem Album bisher nicht in die UK-Charts geschafft hat (dafür auf sämtliche Magazincover) – Grime ist längst nicht mehr nur Underground. Zwei der bekanntesten Grime-Rapper, die im Mainstream angekommen sind, sind Stormzy und Skepta. Letzterer hat bei einem Track auf Slowthais Album mitgemacht und gerade selbst eine Platte veröffentlicht, die Platz 2 der UK-Charts erreichte. Darauf hält er sich zwar mit politischen Statements weitestgehend zurück. Der Titel „Ignorance is Bliss“ kann aber durchaus als zynische Anspielung auf die aktuelle politische Lage Englands verstanden werden.

Deutlicher positioniert sich Stormzy, der am vergangenen Wochenende einen umjubelten Auftritt in Glastonbury hatte. Es war der erste eines schwarzen UK-Solo-Künstlers als Headliner des renommierten Festivals, und der 25-Jährige nutzte die Gelegenheit für eine fulminante politisch aufgeladene Show, bei er eine von Banksy designte Schutzweste mit Union-Jack-Streifen trug. Zwischendurch spielte er die Rede eines Labour-Abgeordneten ein, in der es darum ging, dass Minderheiten von der Strafjustiz überproportional oft verfolgt werden und brachte Tausende Fans dazu Boris Johnson zu beschimpfen.

Mit seiner aktuellen Single „Vossi Bop“ hat Stormzy derzeit einen Hit. Darin rappt er: „Rule number two, don’t make the promise / If you can’t keep the deal then just be honest / I could never die, I’m Chuck Norris / Fuck the government and fuck Boris“. Diese Zeilen sind umso bemerkenswerter, als sie sich mitten in einem Song wiederfinden, in dem es ansonsten um einen viral gegangenen Tanz, den Vossi Bop, und ums Partymachen geht.

Der Song zeigt damit ziemlich gut wie stark Grime derzeit von Politik durchdrungen ist. Schon 2017 riefen Künstler unter dem Hashtag #Grime4Corbyn dazu auf, bei den Parlamentswahlen Labour-Chef Jeremy Corbyn zu wählen. Die Bewegung machte ihn zwar nicht zum Premierminister, verdeutlichte aber den Willen der Musiker, politische Einflussnahme zu üben. Ein Auftritt Stormzys bei den Brit Awards 2018 sorgte zumindest für ein öffentliches Statement aus Downing Street: Statt den normalen Text seines Songs zu rappen, richtete er seine Worte direkt an Theresa May und erinnerte an den Einsturz des Grenfell-Turms, bei dem 71 Menschen ums Leben kamen. „Like yo Theresa May where’s the money for Grenfell?“, fragte er, und weiter: „You criminals, and you got the cheek to call us savages/ You should do some jail time/ You should pay some damages ... we should burn your house down and see if you can manage this.“ Ein Sprecher Mays ließ daraufhin ausrichten, dass sie äußert bemüht sei, den Opfern zu helfen und zu verhindern, dass sich ähnliches wiederhole.

Noch drastischer drücken sich Rapper des Drill-Subgenres aus. In ihren Texten geht es hauptsächlich um rohe Gewalt und Kriminalität, um Gangs und Messerstechereien. Viele der Songs wurden zensiert, Videos von Youtube gelöscht, Auftritte verboten. Die britische Politik ist der Meinung ist, dass die Musik die Jugendlichen zu Gewalttaten animiere. Der maskierte Rapper Drillminister, der wohl auch als Londoner Bürgermeister kandidieren will, zeigt die Absurdität der Zensur in seinem Song „Political Drilling“. Dort hat er Zitate von Politikern eingebaut, die klingen, wie Drill-Lines, zum Beispiel: „I will not rest until she’s chopped up in bags in the freezer“ – ein Zitat vom ehemaligen Tory-Schatzkanzler George Osborne über Theresa May. Gerade war Drillminister an einer Ausstellung in der Saatchi Gallery in London beteiligt, in der es um Kunst- und Meinungsfreiheit ging.

Als politische Stimme ihrer Generation wird auch Farai gefeiert, die in dem Song „This Is England“ ein finsteres Bild ihrer Heimat zeichnet oder Little Simz, die mit „Grey Area“ ein herausragendes Album veröffentlicht hat. Oder der gerade mal 21-jährige Rapper Dave, der mit seinem Album „Psychodrama“ einer der meistgestreamten britischen Rapper ist. Seine Songs handeln von Rassismus, Kolonialismus, vom Brexit und dem Krieg in Syrien.

Sie alle werden den Brexit zwar nicht mehr verhindern können. Aber sie sorgen zumindest dafür, dass sich junge Menschen wieder für Politik interessieren.

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