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Ungeschützt. Rushdie 2016 bei einer Preisverleihung in Boston.
© Reuters/B. Snyder

Wie England das Attentat auf Rushdie diskutiert: So einen Roman traut sich niemand mehr zu schreiben

Die Politiker:innen reagieren kämpferisch, die Schriftsteller:innen sehen vor allem die Einschränkung der Meinungsfreiheit.

Nach dem Attentat auf Salman Rushdie diskutiert Großbritannien intensiv, wie es derzeit um die Meinungs- und Publikationsfreiheit im Land bestellt ist. Und wie groß sich die Bedrohung durch den islamistischen Terrorismus darstellt, nicht zuletzt unter dem Eindruck des Mordes an dem Unterhausabgeordneten David Amess, der 2021 von einem Extremisten erstochen wurde. Medien und Politiker sind sich einig, dass man vor Extremisten keinen Zentimeter zurückweichen dürfe. Intellektuelle dagegen sind skeptisch.

Die Nachricht vom Messerangriff in Chautauqua war erst wenige Stunden alt, da meldete sich der zuletzt kaum noch in der Öffentlichkeit präsente Noch-Regierungschef aus dem Urlaub zu Wort. Der 75-Jährige Rushdie habe stets „ein Recht ausgeübt, das zu verteidigen wir nicht aufhören dürfen“, so Boris Johnson. Labour-Oppositionsführer Keir Starmer verurteilte einen Tag später den „feigen Anschlag auf jemanden, der den Kampf um die Freiheit verkörpert“.

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Einer der Bewerber um Johnsons Nachfolge, Ex-Finanzminister Rishi Sunak, nutzte die Gelegenheit für ein außenpolitisches Signal: Da das iranische Regime die Todesdrohungen gegen Rushie und alle an der Veröffentlichung seines Buches Beteiligten bis heute nicht zurückgenommen habe, müsse man Teherans Revolutionsgarden mit Sanktionen belegen. In den USA gelten sie als terroristische Vereinigung.

Die konservative „Sunday Times“ wies auf das weitverbreitete Gefühl in der Literaturszene hin, demnach Autoren und Verlage schon in vorauseilendem Gehorsam vor Kontroversen zurückscheuen oder allzu schnell selbsternannten Sittenwächtern nachgeben. Der in Japan geborene britische Literaturnobelpreisträger Kazuo Ishiguro beklagt ein „Klima der Furcht“, das junge Autoren aus Angst vor einem „anonymen Lynchmob“ Selbstzensur üben lasse.

Die Stimmung in der literarischen Welt ist pessimistisch

Ähnlich schätzt Rushdies Freund Hanif Kureishi die Stimmung auf der Insel ein: Ein Roman wie „Satanische Verse“ würde heute gar nicht mehr geschrieben, so das bittere Fazit des Pakistan-stämmigen Engländers. Und wenn doch jemand ein ähnliches Buch schriebe, führt die frühere Präsidentin des britischen PEN-Clubs, Lisa Appignanesi, das Argument weiter, „würde es nicht veröffentlicht“. Pessimistisch beurteilt auch der Autor Kenan Malik die Stimmung in der literarischen Welt. Rushdies Kritiker hätten die Schlacht verloren, aber den Krieg gewonnen: „Die Meinungsfreiheit hat heute viel engere Grenzen, teilweise als Antwort auf die Rushdie-Affäre.“

Kontroversen um Rushdie und seinen Roman hatte es seit 1989 immer wieder gegeben, so auch 2007 nach dem Ritterschlag für Rushdie durch die Queen. Boris Johnson, damals kulturpolitischer Sprecher seiner konservativen Fraktion, sprach dem Roman den „literarischen Wert“ ab. Das Mullah-Regime protestierte gegen das „beleidigende, verdächtige und ungehörige Handeln“ und bestellte gar den Botschafter ein.

England erlebt immer wieder islamistische Mordanschläge

Doch dem immer wieder von islamistischen Mordanschlägen heimgesuchten Land steht mittlerweile deutlich vor Augen: Das Vorgehen der Fanatiker gegen Rushdie, seine Übersetzer und Verleger – der Japaner Hitoshi Igarashi wurde erstochen, der Italiener Ettore Capriolo schwer verletzt, in Norwegen entging Verlagschef William Nygaard nur knapp einem Mordanschlag – war vergleichbar mit der ersten Krähe in dem Hitchcock-Film „Die Vögel“, also das erste Anzeichen jenes Fundamentalismus-Sturmes, der die Welt bis heute in Atem hält.

Man könne, sagte Rushdie stets, „eine direkte Linie“ ziehen von den Attacken gegen ihn zu 9/11 und dem Terror in London am 7. Juli 2005. Nun reicht die Linie bis nach Chautauqua – 34 Jahre nach Erscheinen der „Satanischen Verse“.

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